Die Ernten des Schreckens von Markus K. Korb

Buchvorstellungund Rezension

Die Ernten des Schreckens von Markus K. Korb

Originalausgabe erschienen 2009, 200 Seiten.ISBN 3941258192.

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In Kürze:

Die Leuchtkugel schwebte an ihrem winzigen Gleitschirm herab, spendete minutenlanges Suchlicht für die Grabenmannschaften.
Wir spielten »Toter Mann«.
Links von mir sah ich den erhöhten Rand eines Trichters. Ein zerstörtes Wagenrad lag darauf, umgeben von Uniformfetzen. Die halb nackte Leiche etwas unterhalb wurde zum größten Teil vom Kraterrand verdeckt. Eine dunkle Schattenwolke floss dicht über die dumpf riechende Erde. Es waren Ratten, die an den Überresten reichlich Atzung fanden.
Zwei Meter weiter dampften die Überreste eines Pferdes. Dessen Hinterbeine zuckten noch. Ich war froh, dass es nicht schrie, denn die Schreie der sterbenden Pferde waren fürchterlich. Sie verfolgten mich bis in meine Träume.
Als die Leuchtkugel verlöschte, hielt ich den Atem an. Nun würde sich erweisen, ob man uns gesehen hatte …

Elf Erzählungen aus dem Umfeld des Krieges, gesehen mit den Augen eines Phantasten.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Aschwolken wirbelten über den Himmel ...“75

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Damals hatte ich Glück, wurde nur verwundet, als eine Granate explodierte und mich ein Schrapnell in die Schulter traf. Bestürzt hatte ich an mir herunter gesehen und verwundert festgestellt, dass es sich bei den Schrapnellgeschoss in Wirklichkeit um ein Unterkieferfragment handelte, das sich mir ins Fleisch gebohrt hatte.“
(Menschenmaterial)

Fallhöhe

An einem Kirchturm im Niemandsland hängt ein amerikanischer Fallschirmspringer. („Lange hat er dort gehangen und geschrien. Dann war er auf einmal still.“) Die Bergung des Toten und die friedliche Übergabe an seine Kameraden soll ein Zeichen der noch vorhandenen Menschlichkeit inmitten dieses unmenschlichen Schlachtfeldes sein. Doch Feldwebel Dahm wird ein gänzlich unerwartetes Zeichen der Brüderlichkeit zuteil.

Die Rettung

Nach tagelanger Ungewissheit in der Enge des Rettungsboots schält sich plötzlich ein riesiger Schatten aus dem Nebel. Die Schiffbrüchigen sind gerettet, doch wie lange?

Menschenmaterial

Von ihrer tödlichen Mission in den feindlichen Schützengräben bringen die Soldaten einen der Gegner mit in ihr Lager. Die gemeinen Soldaten wissen, dass auf beiden Seiten nur Menschen kämpfen, die in diesem sinnlosen Krieg zerschlissen werden. Doch in den Zeiten des Krieges greift Wahnsinn und Blutdurst um sich und einige Entscheidungen enthüllen ihre Tragweite erst sehr viel später.

Die ultimative Waffe

Das 22. Jahrhundert. Waffen, Gewalt und Kriege gehören der Vergangenheit an. Doch in den Köpfen einiger Menschen ist immer noch eine unerklärliche Wut vorhanden, die ein Ventil der Entladung sucht .

Eisenfresser

Shaheen und Mohammad gehen Tag für Tag ihrer unmenschlichen und zermürbenden Arbeit nach. Als Schweißer zerlegen sie unter sengender Sonne Ozeanriesen in ihre Einzelteile. Auf der Suche nach wertvollen Gegenständen entdecken die beiden im Inneren des neu angekommenen Eisbrechers einen verschlossenen Stahlkubus. In dessen Innerem machen die Schweißer eine seltsame Entdeckung.

Das Dünenhaus

Eine Frau wartet auf die ungewisse Heimkehr ihres Mannes, dessen Handelsschiff ständig der Gefahr durch die spanische Armada ausgesetzt ist. Ein Mann kehrt heim und macht eine schreckliche Entdeckung. Ein Mannschaft auf der Suche nach ihrem Kapitän wird Zeuge merkwürdiger Dinge.

Meister Wieland

Die Rote Geißel regiert mit mächtiger Hand. Doch wo immer mehr Menschen einen grausamen Tod finden, geht es dem Müller Wieland immer besser. Nach wie vor mahlt er tagein, tagaus sein Mehl und verschenkt seine Backwaren sogar wohltätig unter den Hungerleidenden.

Der Knochenturm

Die Goldgier treibt Thomas und Hannes zum Bergfried der alten Burgruine. Weder Dunkelheit noch die Legenden, die man sich über Burg Leuchtenberg erzählt, können die Schatzsucher von ihrem Vorhaben abhalten. Doch die Sünden der Vergangenheit strecken ihre Finger in die Gegenwart und ein seltsamer Zufall bedeutet das Verderben der Glücksritter.

Im Namen der Dreifaltigkeit

Mit allen Tricks und einer gehörigen Portion Kaltblütigkeit konnte Fred nach dem Bankraub die Bullen abschütteln. Ein einsames, verlassenes Haus in der Wüste soll ihm Schutz bieten für die nächsten paar Stunden. Doch die vermeintliche Sicherheit ist nur von kurzer Dauer.

Tunnelratten

Als die Luke endlich gesichert ist, ist für die amerikanischen Soldaten der Abstieg in das Tunnelsystem des Vietcong möglich. („Das ist nur der Eingang zu einem wahren Labyrinth aus Gängen, Tunneln, Vorratslagern Schlafräumen. Sie betreiben dort unten Küchen mit einem ausgefuchsten Rauchabzugssystem ...“). Doch in den Tunneln warten nicht nur grausam zerfetzen Leichen vietnamesischer Soldaten sondern auch etwas, das für diese Gräuel verantwortlich ist.

Ins dunkle Herz

Im Auftrag ihres Kaisers sind die beiden Zenturionen Valerius und Titus unterwegs zu den Quellen des Nils, die angeblich noch nie ein Mensch erreicht haben soll. Immer mehr weicht die anfängliche Euphorie und Überlegenheit auf der Reise flussaufwärts einer bedrückten und gewaltbereiten Stimmung.

„Es war wie Gift, das in die Herzen und Gehirne der Menschen geträufelt wurde.“

Ganz richtig stellt Markus K. Korb im Vorwort selbst die Frage, ob es denn sein muss, den realen Schrecken des sinnlosen Abschlachtens mit dem phantastischen Schrecken – der zur reinen Unterhaltung dient – zu mischen. Folgerichtig verlässt der Autor in „Die Ernten des Schreckens“ auch mal das Feld des Phantastischen und zelebriert äußert realen Horror. Überhaupt weist „Die Ernten des Schreckens“ erstaunlich wenige tatsächlich phantastische Geschichten – im Sinne von „hier passiert etwas Übernatürliches“ – auf.

Ein äußerst gelungenes Beispiel für den realen Horror ist das meisterhaft aufgebaute „Menschenmaterial“. Ganz langsam sickert hier während der Lektüre eine Erkenntnis in den Kopf des Lesers, die dort einen Schrecken erzeugt, den jede phantastische Geschichte nicht zu erreichen vermag. Dieser Anspruch wird nicht vollständig durchgehalten. Bei einigen Geschichten handelt es sich doch „nur“ um altmodische Gruselgeschichten ohne Moral, die eben im Umfeld des Krieges spielen („Fallhöhe“, „Eisenfresser“, „Tunnelratten“). Doch selbst das steht bei einem Autor wie Markus K. Korb für gelungene Unterhaltung.

Doch nicht nur die Bestie Krieg ist hier als Ernte des Schreckens Thema, sondern auch moderne Sklavenarbeit („Eisenfresser“), die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen („Im Namen der Dreifaltigkeit“) und die Macht die dem Einzelnen von einer Waffe verliehen wird („Die ultimative Waffe“).

Bei einigen Beschreibungen hat Markus K. Korb gewiss die Freiheit des Autors genutzt, nicht zu sehr auf Kleinigkeiten einzugehen und so irgendwelche Lücken zu offenbaren. Bei der Schilderung der Schlachtfelder hingegen, wo diese Beschreibungen einen guten Teil der Stimmung ausmachen („Wenn man Glück hatte, stand das Wasser [in den Granattrichtern] lediglich hüfthoch. Wenn man aber Pech hatte, schwappten Leichenteile an die Oberfläche und es trieben noch die giftigen Schwaden des gestrigen Gasangriffs über dem Wasserspiegel, was den Trichter zu einer Todesfalle machte.“) zeugen diese Stellen von eingehenden Recherchen zu dem Thema. Auch die Danksagung zeigt, dass der Autor hier möglichst authentisch sein wollte.

„Und der Sensenmann hält reiche Ernte.“

So ganz lässt sein großes Vorbild Edgar Allan Poe den Autor auch hier nicht los. „Der Knochenturm“ dürfte inspiriert sein von Poes „Die Maske des roten Todes“. Doch wie immer gehen diese Teile vollständig in Markus Korbs eigener Schöpfung auf. Mit dem experimentellen Beitrag „Das Dünenhaus“ enthält die Sammlung auch wieder ein Musterbeispiel an Atmosphäre, wie sie öfter bei Markus Korb zu finden sind. Auch die Affinität zu filmischen Stilmitteln bleibt dem Autor erhalten. Der Autor manipuliert sein Publikum damit wie ein guter Regisseur. Er füttert das geistige Auge mit bestimmten Kameraeinstellungen, die die Wirkung einzelner Szenen noch verstärken. Besonders deutlich wird das am Anfang von „Im Namen der Dreifaltigkeit“, der ein Wort gewordener Sam-Peckinpah-Streifen zu sein scheint.

Leider ganz im Gegensatz zur enthaltenen Novelle „Ins dunkle Herz“: Hat der Autor in „Grausame Städte 2“ noch in der Disziplin „Novelle“ überzeugt und mit „Der Widergänger“ eine seiner stärksten Geschichten überhaupt verfasst, scheint er sich hier nicht entscheiden zu können, was er in „Ins dunkle Herz“ erzählen möchte. Markus K. Korb macht keinen Hehl daraus, Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ als Inspirationsquelle verwendet zu haben. Die Idee klingt zunächst gut. Schließlich hat Francis Ford Coppola mit seiner Filmversion „Apocalypse Now“ bereits 1979 den noch immer ultimativen Film über den Wahnsinn des Krieges gedreht. Wie Conrads Kapitän Marlowe reisen auch die Zenturionen Valerius und Titus mit einem Auftrag einen Fluss entlang. An den Quellen des Nils soll sich ein sagenhafter Schatz verbergen, den es im Auftrag Roms zu bergen gilt. Zwar gelingt es dem Autor, seinen Personen Leben einzuhauchen und dem Ziel der Reise das Stigma des Geheimnisvollen aufzubrennen („Das haben schon so viele vor euch versucht – vergeblich.“), doch wirkt das Ganze unkonzentriert und unrund.

Am Ende verschenkt er die Möglichkeit, den unbegreiflichen Wahnsinn des Krieges unerklärt und damit um so erschreckender stehen zu lassen und opfert seine doch sorgsam aufgebaute Geschichte einer profanen Auflösung, indem er ein Objekt aus dem Hut zaubert, das die Quelle jedes kriegerischen Wahnsinns auf der Welt sein soll.

Das andeutungsschwangere Covermotiv von Mark Freier übt (im Zusammenspiel mit Timo Kümmels Layout) in seiner monochromen Einfachheit eine ganz besondere Faszination aus (und sieht in natura um Welten besser aus, als auf jeder Abbildung im www). Eindringlich trotz ihrer Schlichtheit sind auch die eigens angefertigten Zeichnungen von Björn Ian Craig im Innenteil, die Markus K. Korbs Schrecken illustrieren.

Parallel zur Taschenbuchausgabe ist in der „Edition Atlantis“ auch eine gebundene Version ohne ISBN erschienen, die lediglich über den Verlag zu beziehen ist (www.atlantis-verlag.de).

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