Grausame Städte 2 von Markus K. Korb

Buchvorstellungund Rezension

Grausame Städte 2 von Markus K. Korb

Originalausgabe erschienen 2008, 256 Seiten.ISBN 3898409295.

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In Kürze:

Paris – Wenn die Sonne hinter den monumentalen Kuppeln der Kirche Sacre-Couer versinkt und die Nacht über das Viertel Monmatre herabsickert, erwacht das Leben auf den Straßen. Im Dunst der Kanalisation, der in Schwaden gleich Nebelgespenstern heraufkriecht, irren Künstler und Bohemiens über das Pflaster ihren geheimnisvollen Zielen zu. Mitten unter ihnen befindet sich ein Mann, der noch nicht weiß, daß die abendliche Soirée seine letzte sein wird.

Prag – Über die Karlsbrücke pfeift ein bissiger Westwind. In seinen Fängen torkelt ein Mann über die steinerne Moldaubrücke, die Kleider zerlumpt, einen Malerkasten unter dem Arm. Der Mann ist auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, einer der vielen alten Kirchen Prags, um dort ein Deckengemälde zu vollenden. Doch in der nachtdunklen Kirche erwartet ihn das namenlose Grauen.

„Grausame Städte 2“ vereint Erzählungen aus Paris und Prag zu einem geheimnisvollen Gewebe. Zusätzlich wird der Blick durch zwei Exkursionen erweitert, die in anderen Gegenden spielen. Unheimliche Phantastik am ausgefransten Rand der Wirklichkeit – und darüber hinaus …

Inhalt:

PARIS-ZYKLUS

  • Geliehene Zeit
  • Der Passant
  • Nachts im Observatorium

Exkurs: USA-Mond

  • Der dreizehnte Astronaut

PRAG-ZYKLUS

  • Gefangener des Auges
  • Der ultimative Sound
  • Neu-Gomorrha

Exkurs: Franken-Rom-Wien

  • Der Nachzehrer

Das meint Phantastik-Couch.de: „Bizarre Bilder entstehen im Kopf“90

Horror-Rezension von Elmar Huber

„;Das Umland der Bergkuppe verschwand im Dunst, und mir war, als ob die Landschaft ausfranste, die Welt jenseits des Sichtbaren verschwand und zu existieren aufhörte. Ob der Unwirklichkeit der Szenerie schauderte ich. Eine passende Umgebung für die Kontaktaufnahme zu den Toten, dachte ich mir.“
(Nachts im Observatorium)

Menschenüberfüllte Städte als Brutkästen bislang unbekannter Schrecken. Historisch vorbelastete Orte, an denen die Gräuel der Vergangenheit nie zur Ruhe gekommen sind. Vereinsamte Gebäude, in denen die Schritte eines unheimlichen Verfolgers widerhallen. Die Moloche der Metropolen, denen es im Angesicht der zunehmenden Anonymität ihrer Bewohner möglich ist, sich unbemerkt einige davon zu holen. Nachdem die Erinnerungen an das Phantom der Oper und den Golem schon fast verblasst sind, existieren in Paris und Prag noch immer Mächte, die Löcher in den schützenden Mantel der Zivilisation reissen können. Nach „;Grausame Städte – Venedig und Berlin“ lädt Markus K. Korb seine Leser erneut auf zwei unvergessliche Städtereisen ein.

„Geliehene Zeit“ beginnt wie ein unendlicher Traum, in dem ein Maler schlaftrunken und gedankenverloren durch die dunklen Gassen des ursprünglichen Paris schreitet. Beinahe unbeteiligt findet er sich am Ort seiner eigenen Ausstellung ein. Doch sobald die Vernissage beginnt wird Künstler und Handlung in das dort herrschende Neonlicht gezogen und immer greifbarer bis zur erschütternden Erkenntnis. Die entrückte Wanderung durch die Pariser Altstadt, der Blick auf den Friedhof Montmartre und schon ist der Leser wieder im düsteren Paris des Markus K. Korb. Leider weicht diese Stimmung, sobald die Vernissage beginnt, zugunsten einer etwas bemüht modern wirkenden Auflösung der Geschichte.

Im Angesicht des zunehmender Unvermögens, sich an Gesichter zu erinnern, geschieht es, dass der Erzähler einen äußerlich unscheinbaren Passanten bemerkt, der sich elegant wie ein Tänzer zwischen den anderen Menschen bewegt. Aufmerksam geworden verfolgt er den Passanten auf seinem Weg durch den Untergrund von Paris. Deutliche hervortretendes Thema in „Der Passant“ ist die zunehmende Anonymität in den Großstädten. Markus Korb erfindet hier eine Figur, die diese Anonymität verkörpert. Die Ausstattung der Geschichte ist wohl etwas willkürlich geraten, tut der Stimmung aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Durch die beliebig wirkende Aneinanderreihung der Geschehnisse erhält die Geschichte ihren Reiz.

Einige Elemente der Story mögen zunächst unpassend erscheinen und nichts zum Lauf der Geschichte beitragen. Möglicherweise schwingt aber hier eine kleine Botschaft mit, nämlich, dass es Kinder und Kindgebliebene sind, die noch vorurteils- und angstfrei miteinander umgehen können, während der Schutzmechanismus der Ignoranz und des Misstrauens anerzogen ist.

Professor Grisetoile lädt vier Personen an einem bestimmten Abend in sein Observatorium nahe Paris ein. Mit diesen Besuchern möchte er seine Entdeckung teilen, die aus einen Sphärenband im Sternbild Löwe besteht. Durch dieses Band soll es möglich sein mit Hilfe von Lichtcodes mit den Seelen Verstorbener zu kommunizieren.

Ein abgelegenes Observatorium, eine zusammengewürfelte Gruppe Menschen, ein idealistischer Wissenschaftler und ein Experiment, um mit den Toten zu kommunizieren. „Nachts im Observatorium“ hat gute Voraussetzungen für eine gelungene Gruselgeschichte. Die Erzählung entwickelt sich auch sehr vielversprechend, bis bei dem Experiment natürlich ein Unfall passiert und es den Seelen der Toten möglich ist, sich außerhalb des Observatoriums zu manifestieren. Ab dann wird es für meinen Geschmack zu wirr. Ersten Todesfällen seitens der Eingeschlossenen folgt der Versuch, die Taten und das Erscheinen der Geister rational zu erklären. Das kostet einige Seiten Wenns und Abers, bis man endlich zur nicht sehr erfolgreichen Gegenwehr übergeht. Auch das Finale ist für meinen Geschmack zu willkürlich und entbehrt jeder Logik. Der Auftritt von Marie Curie als Frau der Wissenschaft ist leider nur Makulatur.

Regelmäßig treffen sich die zwölf verbliebenen Mitglieder der Apollo-Mission, um einen Teil der alten Zeiten in die Gegenwart zu retten. Bis zu einem Treffen Alan B. Shepards Tochter auftaucht, die behauptet, einen Anruf von ihrem toten Vater, dem dreizehnten Apollo-Astronauten, erhalten zu haben. Neil Armstrongs Neffe versucht, dem Geheimnis des Anrufs im verlassenen Ferienhaus der Shepards auf die Spur zu kommen. Und tatsächlich erwartet ihn dort etwas, das Alan Shepard unwissentlich vom Mond mitgebracht hat.

Wieder einmal hat sich Markus Korb eine unnachahmliche Location erdacht, die hier leider etwas zu kurz kommt. Das verwahrloste Ferienhaus der Familie Shepard („;Zwar war es überaus lang und ragte nahezu füf Meter empor, doch der Beton des Bungalows war von der Kraft des Frostes pockennarbig aufgesprengt, die Glasfenster durch den Wind fast blind geschliffen.“), das von unserem Helden nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder betreten wird. Die Kombination von Geistergeschichte (im weiteren Sinne) und der Raumfahrerthematik funktioniert in „Der dreizehnte Astronaut“ erstaunlich gut. Markus Korb nimmt wieder einmal die Zutaten einer klassichen Geistergeschichte inklusive der finalen Erlösung des „;Geistes“ und versetzt diese in ein modernes Umfeld. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Das Fremde wird hier einmal nicht als Schreckensbringer gezeigt, sondern vielmehr als Geschöpf mit menschlichen Empfindungen und auch mit dem Bewusstsein für das unvermeidliche Ende. Ein kleiner Fehler hat sich übrigens eingeschlichen. Es gibt keinen Hitchcock-Film namens „;Der einzige Zeuge. Gemeint ist hier “;Der unsichtbare Dritte„.

Gänsehaut in Prag

Unter den starren Blicken der in Stein gemeißelten Heiligen eilt der Freskenmaler Giovanni Baptistas in die Prager St. Niklas-Kirche um dort das begonnene Deckenbild zu vollenden. In der nächtlichen Einsamkeit der Kirche gesellt sich unerwünschter Besuch zu ihm. So muß eine grausame Städtegeschichte sein. “Der Gefangene des Auges„ bietet einen typischen Prager Handlungsort, der im Lauf der Handlung noch mit der tschechischen Geschichte verbunden wird. Überdies erzählt Markus Korb auch noch eine wirklich gruselige Geschichte, in der sich die Spannung beständig steigert. Absolut gänsehauterzeugend die Szene, in der der Deckenmaler von seinem Gerüst hinab die lautlos im Kirchgang wandelnde, weißbekleidete Gestalt beobachtet. Die Geschichte wird rund, indem Markus Korb auch eine Erklärung für die Geistererscheinung anbietet, nämlich, dass diese im Sinne des hingerichteten Jan Hus und der Hussiten handelt, die die ausufernde Bereicherung des Klerus unter dem Deckmantel der Religion verurteilt und bekämpft haben.

Ohne Perspektive leben die beiden verbliebenen Mitglieder einer ehemaligen Band in den Tag. Der “;Tüftler„ der beiden hängt immer noch dem Ziel nach, den ultimativen Sound zu erschaffen, mit dem sie in vergangenen Tagen die Musikwelt revolutionieren wollten. Ganz in der Nähe seines Studios entdeckt er eine Quelle, die diesen Klang liefern könnte.

Der Leser befindet sich in “Der ultimative Sound„ mit den Protagonisten in einem lethargischen und hoffnunglosen Prag, in dem die idealistischen Träume der Vergangenheit schon fast vergessen sind. Leider lässt Markus Korb das vermeintlich zentrale Thema des ultmativen Sounds einfach fallen, um die beiden Musiker eine kleine unterirdische Exkursion unternehmen zu lassen. Schade, dass die beiden Teile der Geschichte nicht verbunden wurden. Relativ leicht hätte doch die unbekannte Präsenz im Untergrund durch die beschriebene miasmische Klangcollage angelockt werden können.

Wie der vielzitierte “;Last Man on Earth„ bewegt sich der Erzähler mit seinem Gewehrkoffer durch das verlassene und zerfallende Prag. Längst selbst zu einem Spielball der unüberschaubren Ereignisse geworden, klammert er sich an die vermeintliche Sicherheit seiner Waffe, die ihm im finalen Angesicht der Bedrohung nichts nützen wird. Inspiriert von Mark Freiers Titelbild für “;Grausame Städte 2„ hat Markus Korb in diesem Stimmungsbild Prag in ein “Neu-Gomorrha„ verwandelt. Trotz des Ich-Erzählers weißt die Geschichte keine richtige Handlung auf sondern wirkt durch die Bilder und Atmosphäre, die der Autor erschafft. Auch eine Erklärung für die apokalytischen Ereignisse bleibt aus, doch das ist bei diesem absolut gelungenen Quickie zweitrangig.

Gemeinsam mit seinem Bruder beschließt der Dichter Friedrich Rückert seiner dahingesichten Geliebten im Tode einen letzten Dienst zu erweisen und ihrer Seele den Weg ins Jenseits zu erleichtern. Im Mausoleum der Familie spricht er ein persisches Gebet, worauf Lebenszeichen aus dem Sarg der Geliebten dringen. Ein Befreiungsversuch seitens der Brüder wird vereitelt und Friedrich kehrt der Stadt seines Verlustes den Rücken. Unstet durch Europa ziehend wird ihm bald bewußt, dass er verfolgt wird.

Friedrich Rückerts von Unruhe geprägte Reiselust und das mehrmalige Zusammentreffen mit seinem Verfolger erinnern an E.T.A. Hoffmanns “;Elixiere des Teufels„. Wie bei Hoffmann schweift auch Korbs Schilderung zugunsten eines (teilweise fiktiven) Porträts des Dichters Friedrich Rückert eher vom phantastischen Thema ab. Durch diese Unvorhersehbarkeit gewinnt das Übersinnliche allerdings eher an Bedrohung, als dass es diese einbüßt. Zum finalen Zusammentreffen von Rückert und dem Nachzehrer zieht Markus Korb nochmals die Spannungsschraube an und läßt Erinnerungen an Mary Shelleys “;Frankenstein„ wach werden.
Für Markus Korb überrascht “Der Nachzehrer„ durch die Vielzahl an Schauplätzen, womit auch ihre Länge gerechtfertigt ist. Ich möchte für diese Verquickung von Fakt und Fiktion Markus Korb ein ganz großes Kompliment aussprechen und rate ihm, seine längeren Geschichten – wie hier – offener zu gestalten, statt sich auf einen Handlungsort zu beschränken. “Der Nachzehrer„ ist für mich die Kür in “;Grausame Städte 2„.

Inspiriert von Poes Werken

Markus Korb bleibt sich mit “;Grausame Städte 2„ thematisch treu und beweist einmal mehr, dass er als absoluter Könner in Sachen gruselige Stimmung bezeichnet werden darf. Er versteht es, durch seine effektiven Formulierungen, bizarre Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Gleichzeitig vermeidet er es, in die Geschwätzigkeit abzudriften. Absolut unnachahmlich in der Wirkung ist z.B. die Schilderung des grotesken “;Tanzes„, den der Passant in der gleichnamigen Geschichte aufführt (“; …niemand hätte jemals die Chance, mit ihm zusammenzustoßen, da die Gabe des Passanten, jede Bewegung vorauszuahnen, dies durch ein Hinken, Taumeln oder Wegdrehen verhinderte.„).

Wie immer bei Korb gibt es einige Stellen, die von Poes Werk inspiriert sind. z.B. der Geist, der am Kronleuchter schaukelt oder die Kratzgeräusche aus dem Inneren des Sarges, ja die ganze Thematik des lebendig begrabenseins.

Es ist fast unvorstellbar, aber es zeigen sich nach einer überaus fruchtbaren Phase des Autors (fünf eigene Buchveröffentlichungen, zwei Gemeinschaftsarbeiten und mehrere Anthologiebeiträge in 4 Jahren und der zeitweisen Herausgeberschaft von “;Edgar Allan Poes phantastischer Bibliothek„ im Blitz-Verlag) keine Ermüdungserscheinungen. Die Geschichten sind äußerst abwechslungsreich, da sich der Autor keiner thematischen Klammer verschrieben hat, die es einzuhalten galt.

Als äußerst kundenfreundlich ist es auch zu bewerten, dass sich der BLITZ-Verlag und der Autor nicht entschlossen haben, sich hier ausschließlich auf Städtegeschichten festzulegen und ein dünnbrüstiges Bändchen herauszubringen, sondern dass einfach das Konzept durchbrochen wurde und man mit “Der dreizehnte Astronaut„ und “Der Nachzehrer„ zwei “;Exkurse„ aufgenommen hat, die zwar keine Städegeschichten sind, denen aber in nichts nachstehen.

Die Covergestaltung von Mark Freier erinnert an Grausame Städte 1. Auch hier ist das knochenartige Gespinst zu erkennen, das diesmal über die Gesamtansicht einer albtraumhaften Stadt gelegt ist, über die das jüngste Gericht zu kommen scheint.

Für alle Fans düsterer Phantastik ein Muß und auch für alle Klassikerbegeisterten, die den “;jungen wilden" Autoren eher skpetisch gegenüberstehen, eine Empfehlung. Besser als die meisten amerikanischen Autoren sowieso.

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