Träume von Pallahaxi von Michael Coney

Buchvorstellungund Rezension

Träume von Pallahaxi von Michael Coney

Originalausgabe erschienen 1975unter dem Titel „Hello Summer, Goodbye + I Remember Pallahaxi“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 608 Seiten.ISBN 3-453-52543-4.Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Kempen.

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In Kürze:

Dies ist die Geschichte eines Planeten, der unserem ähnelt – und doch ganz anders ist: Kurze intensive Sommer gibt es hier, die in scheinbar endlose Winter übergehen, in denen sich die Tier- und Pflanzenwelt grundlegend verändert und die menschlichen Siedler um ihr Überleben kämpfen müssen. Und es ist die Geschichte des jungen Drove, der einem Geheimnis auf die Spur kommt, das für dieses Überleben von entscheidender Bedeutung ist. Aber Drove hat nicht viel Zeit, das Geheimnis zu lüften. Denn der Winter naht …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Mensch bleibt sich treu – auch auf fremden Welten“70

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Erstes Buch: „Der Sommer geht“ (S. 9-258): Der Planet der Stilk umkreist die Sonne Phu und beschert seinen menschenähnlichen Bewohnern ein mildes Klima. Den Umgang mit der Kälte beherrschen die Stilk nicht; sie ist zu einem gefürchteten Phänomen geworden.

Seit Jahren führen Erto und Asta, die beiden Großmächte des Planeten, erbittert Krieg. Noch wissen nur die Regierungen vom bevorstehenden Verhängnis: Phu bildet mit ihrem Riesenplaneten Rax ein komplexes Binärsystem. Kommen die beiden sich zu nahe, kann es geschehen, dass Rax der Sonne den Planeten der Stilk quasi entreißt und mit sich nimmt. Die Umlaufbahn von Rax ist überwiegend sonnenfern, sodass dieses Ereignis, dass nun wieder einmal bevorsteht, dem unfreiwilligen Begleiter einen vierzigjährigen Winter beschert.

Der hohe Regierungsbeamte Burt tritt mit seiner Familie den jährlichen Sommerurlaub in der Hafenstadt Pallahaxi an. Sohn Druv steckt tief in der Pubertät und rebelliert permanent gegen die konservativen und auf ihre gesellschaftliche Stellung pochenden Eltern. In Pallahaxi erneuert Druv die Freundschaft zur schönen Gastwirtstochter Braunauge und gerät zwischen die Fronten einer Rebellion empörter Bürger, die sich von ihrer Regierung verraten & verkauft fühlen …

Zweites Buch: „Erinnerungen an Pallahaxi“ (S. 259-607): Der lange Winter ist nur noch sagenhafte Vergangenheit. Vor acht Generationen haben Besucher von der Erde den Planeten der Stilk entdeckt. 600 Menschen ließen sich in Devon-Station nieder. Als ihr Vertreter fungiert Mr. McNeil, der außerdem versucht, zwischen den beiden nur mühsam Frieden haltenden Städten Yam und Noss zu vermitteln.

Hardy ist der Neffe des Yam-Hauptmanns Borst, den aktuell große Ernteausfälle beunruhigen. Sogar in Noss, musste man vorstellig werden, um Fisch zu kaufen; eine Aufgabe, die Borst klugerweise seinem diplomatisch deutlich begabteren Bruder Bruno überließ. Hardy begleitet ihn und verliebt sich in Noss prompt in Talis, die Tochter der Hauptfrau.

Als Bruno einem Mord zum Opfer fällt und Hardy schwere Vorwürfe erhebt, muss er Noss und Talis verlassen. In Yam werden mehrere Anschläge auf Hardy verübt. Nur knapp kommt er mit dem Leben davon. Er entkommt nach Noss, wo man ihm Asyl gewährt. Hardy beginnt in eigener Sache zu ermitteln. Er kommt einer uralten Intrige auf die Spur und löst außerdem das Rätsel der mysteriösen Lorin, die mit den Stilk den Planeten bewohnen …

Fremde Welt mit vertrauten Fehlern

„Träume von Pallahaxi“ vereint zwei Romane des britischen Schriftstellers Michael G. Coney. Sie ranken sich um ein exotisches Sonnensystem, dessen intelligente Bewohner vom Verfasser nach menschlichem Vorbild geformt wurden. Die Stilk haben sich ´ihren´ Planeten untertan gemacht und könnten ein geruhsames Leben führen. Stattdessen pflegt man interne Querelen. Obwohl der Grund nur den jeweiligen Führungsspitzen bekannt ist, liegen im ersten Band die beiden Machtblöcke Erto und Asta, in der Fortsetzung die Städte Noss und Yam im Streit. Die Gesellschaft des Planeten ist streng hierarchisch strukturiert. Die ´höheren´ Klassen achten auf ihre Privilegien, während der sprichwörtliche ´kleine Mann´ zu spuren hat, wobei kriegsbedingt vorgeschobene Zwangsmaßnahmen hilfreich sind.

In diese mit sich selbst beschäftigte Welt platzt die Bombe einer seltenen Naturerscheinung. Die Stilk könnten sich anpassen, aber die Mächtigen sorgen sich stattdessen ängstlich um ihre Vorrechte. Nur die Jugend ist, sofern noch nicht im Räderwerk des Establishments gefangen, willens und in der Lage, den radikalen Weg zu gehen, der ein Überleben des 40-jährigen Winters ermöglicht.

Stilk am Scheideweg

„Der Sommer geht“ beschreibt einen Kampf zwischen Widerstand und Anpassung. Michael Coney gibt ihm Gesichter; auf der einen Seite sind die Konservativen wie Burt und Fayer, Druvs Eltern, aber auch Wolff, als Repräsentant einer schon indoktrinierten Folgegeneration. Ihnen stehen Druv und Braunauge gegenüber, die das System zunehmend kritisch betrachten, seine Schwachstellen erkennen und notwendigen Veränderungen gegenüber aufgeschlossen sind.

Vor allem Druv muss sich entscheiden und seinen eigenen Weg finden, was „Der Sommer geht“ zu einem Science-Fiction-Entwicklungsroman macht. Als prominentester Schriftsteller dieses Subgenres galt lange Robert A. Heinlein (1908-1988), der zahlreiche SF-Romane schrieb, in denen Jugendliche das Abenteuer Leben zu meistern begannen und in mindestens eine dramaturgisch geschickt arrangierte Krise gerieten, in der sie anwenden mussten, was sie gelernt hatten.

Heinlein (aber nicht nur er) schilderte diesen Prozess als Fluss von Erfahrungen, der von den Älteren auf die Jüngeren überging. Diese Jugend war – den zeitgenössischen Systemstrukturen der 1940er und 50er Jahre entsprechend – formbar bis unkritisch unterwürfig, diszipliniert und bienenfleißig bzw. in allen Details das gespiegelte Idealbild der (konservativen) Elterngeneration. Widerspruch war möglich, stellte sich jedoch stets als Fehler heraus, da die Alten tatsächlich alles besser wussten.

Nach rechts oder nach links?

Coney steht für jenen Aufbruch, der in den späten 1960er und 70er Jahren diese Vormacht sowie ihre Vertreter in Frage stellte. Auch oder gerade der junge Bürger ließ sich nicht mehr alles als Notwendigkeit diktieren, sondern hinterfragte Entscheidungen und leistete ihnen notfalls keine Folge. Die alten Methoden griffen ohnehin nicht mehr, aber Gewalt und Willkür sollten sie trotzdem konservieren. Das misslang, und für eine Weile schien ein Neuanfang möglich. Zwar ging die Geschichte über diese ´Tauperiode´ hinweg, doch konnten ´Real-Politiker´ und Global-Konzerne (bisher) nicht alle Errungenschaften dieser Ära wieder abschaffen.

In diesem Zeitfenster entstand „Der Sommer geht“. Der Umbruch auf dem Planeten der Stilk orientiert sich an den realen Unruhen der 1970er Jahre. Coney transponierte die irdischen Parteien und ihre Argumente in eine SF-Handlung. Obwohl er dabei keine Seite von Kritik aussparte, ist doch klar, für wen sein Herz schlägt.

Die Charakterisierung gerät klar aber simpel – zu simpel womöglich, denn Figuren wie Druvs Vater Burt oder vor allem Mutter Fayer sind Karikaturen. Sie stehen für das starre bzw. dumme und insgesamt ungerechte Establishment. Umgekehrt sind auch die ´Guten´ auf ihre Weise überzeichnet. Ausgerechnet hier tradiert Coney das Konzept des Jugendromans, der ´einfach´ strukturiert sein soll, weil seine Leser die Subtilität einer nicht schwarzweißen, sondern grauen Welt angeblich noch nicht begreifen.

Für besonderes Augenverdrehen sorgt dabei das scheue Aufkeimen der ersten Liebe; was im (wie üblich mit Vorsicht zu genießenden) Covertext als „bezaubernde Liebesgeschichte“ hochgejubelt wird, ist albern mit einschlägigen Klischees durchsetzt, bevor Coney zumindest in „Der Sommer geht“ mit einem unerwarteten Finale zwischen bittersüßer Tragödie und beißender Ironie überrascht.

Vom Abenteuer zur Routine

Mehr als drei Jahrzehnte nach „Der Sommer geht“ wirkt Coney in „Erinnerungen an Pallahaxi“ müde. Die Sozialkritik schimmert zwar noch durch, aber die Rückkehr auf die Welt der Stilk ist vor allem ein farbenfrohes Planetenabenteuer, das die grundsätzliche Plot-Konstellation des Vorgängerbandes aufgreift bzw. ein wenig zu offensichtlich imitiert. Wie nicht nur in der Science Fiction heute üblich, geht der Verfasser vor allem in die Breite. Coney lässt sich Zeit, seinen Lesern den Planeten der Stilk vorzustellen – noch einmal. Dessen Gesellschaftsstruktur hat sich nur scheinbar verändert. Die bekannten Konfliktherde prasseln munter weiter. Erneut haben jene, die es eigentlich nicht verdienen, das Sagen. Sie werden als Widerlinge, Feiglinge und Dummköpfe inszeniert, doch der warnende Unterton ist verschwunden. Der grobe Borst ist beispielsweise ebenso eine Witzfigur wie die zänkischen Hauptfrauen (oder besser Weiber) Lonessa oder Wanda.

Zwischen allen Stühlen stehen wieder junge Menschen. Hardy und Talis sind recht profilarme Inkarnationen von Druv und Braunauge sowie mit vergleichbar holzköpfigen Eltern und anderen Autoritätspersonen geschlagen. Einzig Yams Vater Bruno gibt den gealterten Idealisten, der sich wider besseres Wissen in den Dienst der Tradition stellt und (dafür) ein schlimmes Ende nimmt.

Eine neue Partei im Planetenspiel

Als quasi übergeordnete Instanz haben sich inzwischen die Menschen auf Stilks Planet etabliert. In Coneys Entwurf einer möglichen Zukunft sind sie Repräsentanten einer Art Föderation, deren (auch nichtmenschliche) Mitglieder auf der Suche nach Wissen und Bodenschätzen durch das All reisen. Treffen sie dabei auf intelligente aber technisch ´unterentwickelte´ Planetenbewohner, nehmen die Menschen zwar Kontakt mit ihnen auf, halten sich dabei jedoch an eine Nichteinmischungs-Klausel, die eine Weitergabe von Hightech aber auch Nothilfe verbietet.

Die Menschen sind freilich keineswegs aus Erfahrung klug geworden. Zwar enthalten sie ihren ´Gastgebern´ jene Supertechnik, die ohne das Wissen um eventuell mit dem Einsatz verbundene Nachteile zum Einsatz kommend die Stilk ins Verderben stürzen könnte, umsichtig vor. Doch als die ´kanalisierte´ Ausbeutung ins Stocken gerät, soll das Problem mit Gewalt gelöst werden.

Dieser Subplot gehört zu den Hauptschwächen der ohnehin recht orientierungslos zwischen Abenteuer, Liebesgeschichte und Krimi mäandrierenden Story. Die düsteren Beweggründe der Menschen sind aufgesetzt und können nicht überzeugen. Später lösen sie sich in Luft auf bzw. werden vom Verfasser mit einem Nebensatz abgetan. Offensichtlich möchte Coney unbedingt für Tempo und Dramatik sorgen, als das Finale naht. Man kann ihn verstehen, denn die bisher aufgeworfenen und gelösten Rätsel konnten den Leser nicht in atemloses Staunen versetzen. Obwohl viel gereist, verfolgt und intrigiert wird, fehlt dem Geschehen echte Spannung.

Letztlich bringt vor allem die Neuauflage von „Der Sommer geht“ dem Leser Freude. „Erinnerungen an Pallahaxi“ zeigt den ´späten´ Coney, der den Biss früherer Werke vermissen lässt. Dafür mag sein Gesundheitszustand mitverantwortlich sein. „I Remember Pallahaxi“ gehört zu den letzten, im Buch zu Coneys Lebzeiten nicht mehr veröffentlichten Romanen; der sterbenskranke Autor stellte sie im Wissen um den nahen Tod auf seine Website. Coney hat noch immer sein Talent zur Schilderung fremdartiger Ökosysteme, die er mit erstaunlichen Kreaturen bevölkert. Das nützt jedoch wenig, wenn in diesen Kulissen nichts wirklich Spannendes geschieht. Deshalb überwiegt die Enttäuschung über diesen Doppelband, der in seinem zweiten Teil nur aufwärmt, was im Auftakt noch heiß war.

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