Nonnen von Michael Siefener

Buchvorstellungund Rezension

Nonnen von Michael Siefener

Originalausgabe erschienen 2000, 188 Seiten.ISBN 3-453-16240-4.

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In Kürze:

Auf der Suche nach Inspiration entdeckt der junge Autor das Grab von vier Ordensschwestern, das von einem düsteren Geheimnis umgeben ist. Er schreibt eine Erzählung über ihren Tod und weckt damit ein Wesen, das aus dem Unwirklichen nach ihm greift und ihn in einen tödlichen Strudel zieht.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein phantastisches Kabinettstück“90

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Nun war das Rätsel formuliert; die Jagd konnte beginnen. Benno freute sich auf sie. Genau so war es gewesen, oder etwa so, er war am Grab der Schwestern vorbeigekommen, und die Daten hatten ihm gewundert. Sie waren ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Diese Verquickung von Realität und Fiktion liebte er.“

Benno Durst, ein kleiner Versicherungsangestellter, schreibt in seiner Freizeit phantastische Geschichten. Sein neuester Text handelt von einem Skulpturenrestauator, der zusammen mit einem Kollegen einen Auftrag auf dem örtlichen Friehof bearbeitet. Das nahegelegene Grabmal von vier Nonnen, die am selben Tag gestorben sind, fesselt die Aufmerksamkeit des Restaurators. Sein Kollege scheint darüber mehr zu wissen und dieser beginnt, sein Wissen mit ihm zu teilen. Doch im selben Maße, wie sich Benno Dursts Geschichte entwickelt, scheint sie auch in seinem Alltag Gestalt anzunehmen.

Verquickung von Realität und Fiktion

Mit „Nonnen“ ist Michael Siefener ein literarisches Kabinettstückchen gelungen, dass eine ganz besondere Faszination auf die Leser ausübt, die sich darauf einlassen können. Zugegeben ist der einzelgängerische Benno Durst nicht gerade ein Jedermann, mit dem sich der Gelegenheitsleser leicht identifizieren kann, doch melancholisch veranlagte Zeitgenossen werden sich zweifellos in Grundzügen in der Person Durst wiederfinden.

Siefener baut verschiedene Handlungsebenen auf: Benno Durst, der für seine Geschichte recherchiert, der Restaurator, der über das befremdliche Verhalten seines Kollegen erstaunt ist und schließlich der Kollege, der von seinem Weg auf der Spur der vier Nonnen erzählt. Die Wechsel zwischen den Ebenen sind abgesetzt, aber nicht besonders gekennzeichnet, so dass sich der Leser in den ersten Zeilen eines neuen Absatzes erst wieder orientieren muss. Später verwischen die Ebenen auch inhaltlich und Durst scheint sich in seiner eigenen Geschichte zu verlieren.

Das Geheimnis, das die vier Nonnen umgibt, wirkt lediglich als Katalystor. Es werden ketzerische Handlungen angedeutet, doch die letztendliche Auflösung dieses Rätsels bleibt im Dunkel. Das Ende von „Nonnen“ kommt unerwartet daher und liefert keine Auflösung um das unheilige Treiben der vier Schwestern, sondern reist plötzlich zurück in die Vergangenheit der Hauptfigur Durst. Die Identifikation des Lesers mit Durst wird genutzt, um die Novelle mit einem Paukenschlag zu beenden. Man könnte das als Verlegenheitslösung auslegen, da Siefener möglicherweise kein befriedigendes Ende der Nonnen-Geschichte eingefallen ist. Doch da der gesamte Roman einen Großteil seiner Stimmung aus einer gewissen Unvorhersehbarkeit und Unschärfe bezieht, hat mich das Ende nicht enttäuscht.

Michael Siefener legt die Karten auf den Tisch

Der menschenscheue Jurist Benno Durst, der, wie einst Kafka, einem unbefriedigenden Tagewerk nachgeht und in seiner Freizeit phantastische Novellen schreibt, ist das literarische Alter Ego des Autoren Siefener. Indem Siefener Dursts Geschichte mit einer doppelten Rahmenhandlung versieht, macht Siefener daraus sogar eine dreifache. Da Siefener die Handlungsstränge parallel entwickelt und unvermittelt zwischen diesen hin und her springt, fordert das dem Leser eine gewisse Konzentration ab.

In „Nonnen“ lässt uns der Autor auch in seine Karten schauen. Indem wir Benno Durst bei der Entstehung seines Werkes begleiten, begleiten wir Siefener selbst bei der Geburt einer Geschichte.

„Nonnen“ ist zwar nicht Michael Siefeners erste Geschichte, aber doch diejenige, die ein großes Verlagshaus auf den Autor aufmerksam machte und „Nonnen“ in sein Programm nahm. „Nonnen“ war seither auch Michael Siefeners einziger Ausflug in einen Verlag dieser Größenordnung. Zu wenig allgemeingültig sind seine Figuren, zu speziell in ihrer Menschenscheu, ihrer Fixierung auf geistige Zeitvertreibe und ihrer fast schon militanten Hingabe an das geschriebene Wort, um für die Mehrheit der Leser genügend Identifikationspotenzial zu bieten. Und doch herrscht in Siefeners Geschichten eine ganz eigene Stimmung, die die inneren Saiten des geneigten Lesers zum Klingen bringt. Man fühlt sich verbunden, mit diesen seltsamen Zeitgenossen und erlebt mit ihnen diese traumartigen Abenteuer.

Mir liegt die zuvor erschienene Ausgabe aus Jörg Kleudgens Goblin-Press vor, wo „Nonnen“ (nach einer ersten Auflage von 25 Stück bei Hubert Katzmarz) mit 100 Exemplaren erschien.

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