Terra Infernalis von Michel Bernanos

Buchvorstellung und Rezension

  • Fantasy
  • Science-Fiction
  • Horror
  • Mystery

Originalausgabe erschienen 1967 unter dem Titel La montagne morte de la vie, deutsche Ausgabe erstmals 2009 , 144 Seiten. ISBN 303740387X. Übersetzung ins Deutsche von Erik Hauser.

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In Kürze:

Leseprobe: «Wie in einem schlechten Traum sah ich, wie sich die Seeleute um mich herum schweigend zusammenscharten. Das böse Grinsen auf ihren rauen Gesichtern machte mir keinerlei Hoffnung, dass ich von ihnen Gnade zu erwarten hätte. Ein junger Matrose erschien, ein langes Seil in Händen, an dessen Ende ein Gewicht hing. «Na los, bind ihn schon fest», bedeutete ihm der Maat mit einem Kopfnicken in meine Richtung. Der Matrose sah mich an, zögerte einen Moment, dann widersprach er halbherzig: «Der is’ ja noch 'n Kind. Meint Ihr, der hält das aus?». Eine endlose Flaute hält einen Frachtensegler auf dem Ozean gefangen. Die von Hunger, Sonne und Alkohol geschwächte Mannschaft verroht zusehends. Bis ein gewaltiger Sturm dem Treiben ein Ende macht, müssen der Schiffskoch und der achtzehnjährige Schiffsjunge – der Erzähler dieser Geschichte – von ihrem Versteck in der Kombüse aus unmenschliche Szenen, ja Kannibalismus beobachten. Koch und Schiffsjunge gelingt es, sich beim Untergang der Galeone auf eine Planke zu retten. Tagelang treiben sie umher, erreichen immer seltsamere Regionen voll von beängstigendem Meeresgetier und werden schließlich, halb wahnsinnig vor Durst, an einer Küste angetrieben, die noch weitaus erschreckendere Dinge beheimatet, als ihnen bis dahin begegnet sind. Die Insel scheint von ihren Bewohnern verlassen, alles wirkt fremd und bedrohlich, insbesondere die Farben und die Pflanzenwelt. Taumelnd machen sich die beiden Schiffbrüchigen daran, diesen Vorort zur Hölle, diese terra infernalis zu erkunden.

«La montagne morte de la vie» entstand in nur 19 Tagen im Mai 1963, Erstveröffentlichung post mortem 1967.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Alles hier ist zum Verrecken grün“ 95

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Es tut mir wirklich leid für dich, Kleiner, dass wir bei wachem Verstand durch diesen Albtraum hindurchmüssen. Trotzdem ist es wichtig, dass du verstehst: Wenn wir anfangen durchzudrehen, schneiden wir uns ins eigene Fleisch! Hier ist alles unerklärlich. Und dass dir ein Ausweg einfällt, darauf würd’ ich mich nicht verlassen. Wie überall liegen Tod und Leben hier dicht beieinander, vielleicht ein bisschen dichter als anderswo, das ist alles.“

Als ihr Schiff untergeht, können sich nur der achtzehnjährige Schiffsjunge und der Schiffskoch Toine retten. Nach mehreren Tagen auf freiem Meer werden beide mehr tot als lebendig an den Strand einer fremdartigen Insel gespült. Ein roter Himmel und eine gänzlich unbekannte Flora erwartet sie dort. Tierisches oder menschliches Leben dagegen ist keines zu entdecken. Dennoch gelangen die Schiffbrüchigen in eine Siedlung, die von Menschen geschaffen worden sein muss; auch einige Statuen stellen auf vollkommene Art menschliche Körper dar.

Die einzige Hoffnung, so scheint es, liegt im Erreichen eines Berges, der in der Ferne sichtbar ist, doch dazu müssen die beiden Schiffbrüchigen einen Wald aus lebenden Pflanzen durchqueren.

„Siehst du, ein Ort wie dieser, mit so einem Licht, solchen Sternen, ganz anders als alle anderen, wirklich, in meinem ganzen vermaledeiten Leben hab’ ich noch nie von so was gehört.“

Obwohl erst 1963 entstanden, könnte es sich bei „Terra Infernalis“ um eine Erzählung der Dekadenzzeit, zum Ende des 19. Jahrhunderts handeln. Die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die den (phantastischen) Erzählungen des Fin de Siecle zu eigen ist, wohnt auch diesem Kurzroman inne. Auch thematisch lässt sich eine gewisse Verwandtschaft erkennen: menschliche Verrohung im Angesicht des nahenden Todes (bis hin zum Kannibalismus), eine fremdartige und bedrohliche Umgebung und die Aussichtslosigkeit der Bemühungen der Protagonisten lassen „Terra Infernalis“ besonders in der zweiten Hälfte unrettbar hoffnungslos erscheinen. Dieser inhaltlichen Verzweiflung zum Trotz ist der Roman süffig und lebendig geschrieben und verzichtet auf die erdrückende Schwermut vieler Dekadenzerzählungen. Unsere Protagonisten haben ein Ziel vor Augen, das zwar willkürlich gewählt scheint, jedoch auch vor Resignation bewahrt.

Die zweigeteilte Handlung von „Terra Infernalis“ mutet an wie eine Mischung aus Edgar Allan Poes „Arthur Gordon Pym“ und H. P. Lovecrafts „Dagon“, garniert mit weiteren Versatzstücken verschiedener Mythologien.

„Terra Infernalis“ liefert keine Antworten darauf, ob Toine und der Schiffsjunge tatsächlich auf einer Insel mit „lebenden“ Pflanzen gestrandet sind oder ob die Gefährten tot sind und alle geschilderten Erlebnisse in einer Art Vor-Jenseits oder Fegefeuer stattfinden. All das bleibt der Interpretation des Lesers überlassen.

Das Nachwort von Übersetzer Dr. Erik Hauser – u.a. Mitherausgeber der „Meisterwerke der dunklen Phantastik“ im Blitz-Verlag – über Michel Bernanos im Allgemeinen und „Terra Infernalis“ im Speziellen macht noch einmal alle Motive und Deutungsmöglichkeiten des Textes deutlich.

Die erste deutschsprachige Veröffentlichung von „Terra Infernalis“ im schweizer Waldgut-Verlag ist äußerst gelungen. Das Taschenbuch macht mit seinem matten Cover und dem Umschlagmotiv mit der „lebenden Pflanze“, eingebettet ins „Zwielicht“-Reihenlayout, einen edlen Eindruck. Passend zur Reihenfarbe grün ist ein grünes Vorsatzblatt eingefügt. Kurzbiografien von Michel Bernanos und Erik Hauser komplettieren den Band.

(Elmar Huber, Oktober 2011)

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