Snow Crash von Neal Stephenson

Buchvorstellungund Rezension

Snow Crash von Neal Stephenson

Originalausgabe erschienen 1992unter dem Titel „Snow Crash“,deutsche Ausgabe erstmals 1994, 534 Seiten.ISBN 3-442-45302-X.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Los Angeles, eines nicht zu fernen Tages: Hiro Protagonist, ein Starprogrammierer und Pizzakurier, kommt einer Verschwörung auf die Spur, die sowohl in der realen Welt als auch im virtuellen Raum immer mehr Todesopfer fordert. Hiro taucht als Schwertkämpfer in die Cyberwelt der Zukunft ein, um dort einen Schurken aus ferner Vergangenheit zu besiegen und die 'Infokalypse’ zu verhindern…

Das meint Phantastik-Couch.de: „Postmodernismus und Manga-Ästhetik“95

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

Neal Stephenson verrät in seinem Nachwort zu „Snow Crash“, dass der uns vorliegende Roman ursprünglich als computererzeugte graphic novel geplant war. Woran das Projekt schließlich scheiterte, darüber ist darin nichts zu lesen; die ursprüngliche Idee ist aber zumindest als ästhetisches Konzept fassbar. „Snow Crash“ ist weniger klassisches Erzählgarn, als ein postmodernes und interaktives Comic-Abenteuer. Sollte Quentin Tarantino jemals Lust verspüren, die Zukunft auf Celluloid zu bannen, dann müsste „Snow Crash“ seine Vorlage liefern. Sie verfügt über reichlich überzeichnete Figuren, zum Teil herrlich schräge Ideen und Dialoge und lässt dennoch nicht einen gewissen Tiefgang vermissen, der aus einem B-Movie eben erstklassiges (Kopf-)Kino werden lässt.

Hiro Protagonist ist Programmierer und Mitbegründer des Metaversums, wo die meisten Menschen, ob arm oder reich, einen Großteil ihres Lebens oder zumindest ihre Freizeit verbringen. Der Begriff Avatar für ein virtuelles alter ego geht nebenbei bemerkt auf Stephensons Prägung zurück. Die Story spielt meist in L. A., einem Amerika der immer noch unbegrenzten Möglichkeiten, allerdings mit einem Klassen-Problem. Der ehemalige Rechtsstaat ist auf seine Kernkompetenz zusammengeschrumpft (FBI), das Leben spielt sich fortan in privaten Franchise-Staaten, in sogenannten Burbklaves ab (eine Wortneuschöpfung aus Suburbs und Enklave). Sogar Gefängnisse funktionieren wie Motelketten nach diesem Prinzip. Und die Mafia empfängt jeden mit offenen Armen. Das Gesetz wurde abgeschafft und in jeder Burbklave gilt eigenes Recht für ihre Staatsbürger; im Gegenzug zu dieser realen Welt geht es in der Virtualität des Metaversums verhältnismäßig regelkonform zu und her. Dort ist Hiro längst eine Legende, ein Star, der auch mal mittels seiner beiden japanischen Schwerter für die Untermauerung seiner Standpunkte sorgt. Im richtigen Leben ist Hiro momentan – wegen schnöder Geldsorgen – Pizzalieferant. Ab dem Zeitpunkt, wo es ihm für einmal nicht gelingt, den belegten Teigfladen innerhalb von dreißig Minuten zuzustellen (wofür Firmenpatron Onkel Enzo persönlich bürgt) und Hiro dabei das Pizzamobil der Mafia in einen trockengelegten Pool manövriert, wird alles ein wenig komplizierter. Die skatende Kurierin W.T. hilft ihm vorerst aus der Klemme, doch schon bald wird Hiro mit einem echten Problem konfrontiert: Im Metaversum taucht ein Typ namens Raven auf, der Hiros Hacker-Kollegen reihenweise mit einem Virus schachmatt setzt.

Computerviren im alten Sumer?

Das Virus befindet sich in einem Datenpaket, das eine Bitmap erzeugt, die wiederum bei Ansicht einen Snow Crash, einen Totalabsturz herbeiführt. Aber nicht die Maschine ist davon betroffen, sondern der Mensch. Ein Virus, welches das menschliche Gehirn zu schädigen vermag? Hiro erkennt die Analogien von Gehirn/Sprache und Hardware/Software und verknüpft diese, mit Unterstützung seines interaktiven Bibliothekars, mit dem Wissen um das antike Reich der Sumerer. Ihren Recherchen zufolge hat das Informationszeitalter nämlich schon 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung begonnen. Den Beleg sieht Hiro in der einmaligen Form der Sumerischen Sprache, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist und die als Ursprache gilt, welche – zumindest im Roman – einst jeder Mensch beherrschte und zur Verständigung nutzte. Es waren die Götter, die den Menschen sogenannte me gaben, sprachliche ´Programme´, die die Menschen ohne Vorkenntnisse zu einer gewissen Tat befähigten. Etwa so wie ein Rezept zum Brotbacken. Doch der Gott Enki setzte darauf eine Art Sprachvirus, eine nam-shub, frei, was zur Folge hatte, dass die Menschen die Sumerische Sprache nicht mehr verstanden und somit auch nicht mehr die me anwenden konnten. Eine Tat, die auf den ersten Blick grausam anmutet, die aber den Menschen aus seiner Unmündigkeit und Abhängigkeit von den Göttern herausführte. Die Vertreibung aus dem Paradies? Die Geschichte vom Verlust der allen gemeinsamen Ursprache wird ebenfalls im Alten Testament, im Mythos vom Turmbau zu Babel, thematisiert.

Diese Schlüsse hat auch der schwerreiche Großindustrielle L. Bob Rife schon vor Hiro gezogen, ersterer hegt dabei die unlautere Absicht, die ganze Babel-Geschichte erneut in umgekehrter Reihenfolge abspielen zu lassen. Sein neues Virus soll bewirken, dass die Gehirne aller Hacker und Computerprogrammierer (die Elite des IT-Zeitalters) befallen werden um diese letztlich in willenlose Werkzeuge des Magnaten zu verwandeln. Von einem gigantischen Floß aus, das durch die Ozeane treibt, will Rife seine neue Weltreligion etablieren. Doch nicht nur Hiro hat da etwas dagegen, auch die Mafia und der ehemals menschliche Ng, den man sich etwa als vollautomatisierten Geländewagen mit Hirn vorstellen darf, sind Hiro dabei behilflich, die größenwahnsinnigen Pläne Rifes zu verhindern.

Postmodernes Meisterwerk

Ich frage mich immer wieder, weshalb es in der Literatur, speziell in der Phantastik, stets darum geht die ganze Weltordnung auf den Kopf zu stellen. Sei es, indem ein gesellschaftliches System gestürzt werden soll oder indem sonstwie eine Katastrophe droht, die natürlich nur ein einsamer Held zu verhindern weiß. Auch Snow Crash läuft auf dieser Schiene, wenngleich Stephenson es nicht nötig gehabt hätte, seine Geschichte überhaupt einem solchen dramatischen Alles-oder-Nichts-Konzept zu unterwerfen. Das wirklich Interessante an „Snow Crash“ ist der Weg, die ganzen Konstellationen, weniger das Ziel, die Geschichte dahinter. Das Beste ist Stephensons Weltentwurf an sich, all die Details und Absurditäten, denen die comichaften und dennoch einprägsamen Charaktere ausgeliefert sind, so wie etwa W.T.´s Mutter, die beim FBI arbeitet, einer Institution, die aufs Köstlichste als totalitäres Beamtenbiotop dargestellt wird.

„Snow Crash“ ist ansprechende postmoderne Literatur, eine Aneinanderreihung von Szenen und Ereignissen, die sich zuletzt zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügen. Das Buch hat allerdings auch seine Längen und die Figuren sind nicht immer die willigen Vermittler zwischen Leser und all den Geschehnissen.

Wieso man trotzdem das Gefühl hat, soeben ein Meisterwerk gelesen zu haben, ist eine berechtigte Frage. Vielleicht weil Stephenson gar keine Science Fiction schreibt? Für mich ist „Snow Crash“ ein Attest, dass die beste Literatur manchmal unkonventionelle Form besitzt und sich nicht immer um den Komfort des Lesers schert. Stephenson gehört zu den Autoren, die wenig am eigenen Personenkult zimmern, sondern deren Bücher uns meist überraschen, wenn wieder ein neues im Laden steht. Sein 1992 erschienener Roman ist Zukunftsliteratur, die über den Genrebegriff hinaus Werbung für diese Literaturgattung macht (welche bis heute trotz solcher Geniestreiche wie „Snow Crash“ als wenig ernsthaftig wahrgenommen wird). Man darf nur hoffen, dass sich die sogenannte ´ernsthafte´ Literaturkritik auch mal an einen solchen Roman heranwagt. Ich wette, die Damen und Herren wären angenehm überrascht!

(Thomas Nussbaumer, März 2013)

Ihre Meinung zu »Neal Stephenson: Snow Crash«

rm2099 zu »Neal Stephenson: Snow Crash«29.05.2009
"Snow Crash" ist ein bemerkenswertes Buch. Es hat viele Schwächen und verstößt gegen eine solche Vielzahl erzählerischer Konventionen, dass es eigentlich gar nicht gut sein kann - wie gesagt, eigentlich. Denn trotzdem ist es ein verdammt gutes Buch, auch wenn schwer zu erklären ist, warum.
Der Plot ist verwirrend und wird sehr sprunghaft voran gepeitscht. Die Protagonisten und die Welt sind teilweise derart übertrieben dargestellt, dass es nicht mehr ernst genommen werden kann. Das Buch stellt absurd rasante Actionszenen unvermittelt neben seitenlange akademische Exkursionen über antike Mythologie. Es ist ein Konvolut aus absurden Ideen, Action, glaubhafter Zukunftsvision und völlig übersteigerter Detailverliebtheit.
Doch trotz allem funktioniert "Snow Crash" als Roman, und das ist ein großes Verdienst von Neal Stephenson. Viele Entwicklungen des Internet und der virtuellen Realität (etwa Second Life) wurden von Stephenson hier vorhergesehen, das Wort "Avatar" für Online-Identitäten hat er sogar erfunden. Man merkt, dass hier jemand weiß, wovon er schreibt. Doch das ist nicht das Geheimnis, das "Snow Crash" so gut macht. Es liegt eher an der in jedem Satz aufblitzenden, großartigen Lust am Erzählen und Fabulieren, an der großen Wucht und Kraft, mit der das Buch geschrieben ist. Ein Phänomen.
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