Anansi Boys von Neil Gaiman

Buchvorstellungund Rezension

Anansi Boys von Neil Gaiman

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „Anansi Boys“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 448 Seiten.ISBN 3-453-26530-0.Übersetzung ins Deutsche von Karsten Singelmann.

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In Kürze:

In der Fortsetzung von Neil Gaimans großem Epos „American Gods“ wird die Welt der Mythen und Götter zunächst wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Doch dann entpuppt sich Fat Charlies Vater als Spinnengott und aus dem Nichts taucht ein Bruder auf, der sich so gar nicht brüderlich benimmt. Und schon ist man in einem herrlich unterhaltsamen magischen „Horror-Thriller-Geister-Romantik-Comedy-Familien-Epos“ gefangen, mit dem Gaiman seinen Ruf als einzigartiges Genie der Literatur untermauert. Ausgezeichnet als bester Fantasy-Roman des Jahres bei den British Fantasy Awards 2006

Das meint phantastik-couch.de: „Von Göttern und Menschen“92

Fantasy-Rezension von Frank A. Dudley

Seinen bislang größten Erfolg im deutschsprachigen Raum hatte der britische Autor Neil Gaiman mit seinem Roman „American Gods“. In ihm sind mit den Immigranten aus allen Teilen der Welt auch ihre Götter nach Amerika eingewandert, schlagen sich genau wie sie durch, wobei sie ihre alten Eigenschaften nicht ganz ablegen können. Einer dieser Götter, Anansi, hatte in der Geschichte einen kurzen Auftritt als „Mr. Nancy“. Jetzt spinnt Gaiman sein Göttergarn weiter und dichtet in „Anansi Boys“ dem trickreichen Spinnengott aus Westafrika zwei sehr unterschiedliche Söhne an.

„Es beginnt, wie es ja meistens der Fall ist, mit einem Lied…Lieder sind dauerhaft, sie währen ewig.“ Mit diesen Worten beginnt die Geschichte von Fat Charlie, der feststellen muss, dass man sich mit Liedern auch in höchst peinliche Situationen begeben kann: Sein Vater, Lebemann durch und durch, ist jüngst in einer Karaokebar tot zusammengebrochen, als er für eine Gruppe englische Touristinnen „What’s new, Pussycat“ zum Besten geben wollte. Charlie, der in London als Computerfachmann arbeitet, fliegt als pflichtbewusster Sohn über den Atlantik, um dem Begräbnis seines alten Herrn beizuwohnen, der so sehr Wein, Weib und Gesang zugetan war.

Was Charlie bei seiner Ankunft in Florida erfährt, bringt in der Folge sein komplettes Lebenskonzept völlig durcheinander: Sein Vater Mr. Nancy war der trickreiche westafrikanische Spinnengott Anansi. Und er hat noch einen Bruder namens Spider, der die göttlichen Eigenschaften geerbt hat. Um ihn kennen zu lernen, so sagt man Charlie, müsse er es nur einer Spinne mitteilen. Schon klar, denkt er sich, und fliegt wieder zurück nach London, um seine Hochzeit vorzubereiten. Als er sich vor Ort kräftig betrinkt, flüstert er allerdings doch einer Hausspinne zu, dass ihn bitte sein Bruder besuchen möge. Prompt steht der äußerst elegant gekleidete Mr Spider am nächsten vor der Tür – und nicht nur Charlie, sondern auch dessen Verlobte gehen ihm ins Netz.

Während Charlie wieder nach Florida geflogen ist, um sich Rat zu holen, wie er seinen Bruder wieder los werden kann, entdeckt Spider, dass Charlies Arbeitgeber Coats den Kunden das Geld nur so aus der Tasche zieht. Coats will seine Betrügereien vertuschen und beschuldigt Charlie, der wiederum gerade im Anfang der Welt weilt und mit den ursprünglichen Tiergöttern darüber verhandelt, Spider abzuservieren. Und was danach folgt, ist eine irrwitzige und makabre Familien-Story, so rasant erzählt, dass auch eine Spinne mit ihren acht Beinen aufpassen muss, nicht aus der Erzählkurve getragen zu werden.

Herrlich versponnen

Neil Gaiman entzündet in „Anansi Boys“ ein regelrechtes Ideenfeuerwerk, die Geschichte sprüht nur so vor Witz, sie knistert vor Spannung und funkelt vor Magie. Aus seinem Götterpanoptikum in „American Gods“ hat er sich mit Anansi den durchtriebensten Gott ausgesucht und erzählt mit meisterlicher sowie einfühlsamer Hand eine Familiengeschichte der besonderen bis absonderlichen Art. Dabei greift er auf Krimielemente ebenso zurück wie auf mythische Erzählungen, was in der Kombination anfangs für einen verschlungenen Plot sorgt. Doch Gaiman verliert den (Spinnen-) Faden nicht, sondern sorgt mit ausgesprochen lebensechten Details – wie Loriot-artigen Servicekatastrophen während transatlantischer Flüge – dafür, dass die Handlung bei aller Magie wie aus dem scheinbar normalen Alltag gegriffen wirkt. Ein herrlich-abstruser Gegensatz.

Für prächtige Unterhaltung mit reichlich schwarzem Humor ist also gesorgt, doch die gedankliche und emotionale Tiefe des eigentlichen Themas sind die starken Fäden, an denen Gaiman das feingesponnene Netz seiner Geschichte aufhängt: Familie. Familiengeheimnisse (Charlie lernt, dass sein Vater ein Gott war), Geschwisterkonkurrenz (Spider spannt Charlie die Verlobte aus), Familienbande (Verwandte kann man sich nicht aussuchen). Charlie lüpft den Vorhang seines Lebens und entdeckt die wilde Welt dahinter, er hadert mit seiner bislang unbekannten Vergangenheit, bis er sich schließlich auf gelassene Weise mit ihr arrangiert. Nur so, das ist die Botschaft Gaimans, kann man mit dem verrückten Leben zurechtkommen, ohne selbst verrückt zu werden.

Am Ende singt Charlie mit seinem Sohn „ein Lied ohne Worte, das in der Luft noch nachschwang.“ Und genau das tut auch dieser Roman.

Ihre Meinung zu »Neil Gaiman: Anansi Boys«

K.-G.Beck-Ewe zu »Neil Gaiman: Anansi Boys«30.04.2007
Charles Nancy wird seit seiner Kindheit nur Fat Charlie genannt – und dies ist nur eine der Sachen, die er seinem Vater vorhält. Für ihn war dieser Mann, den man nie arbeiten sah, dafür immer trinken, tanzen, singen und angeln, Zeit seines Lebens eine Peinlichkeit sondergleichen. Darum war er gar nicht unglücklich, als seine Mutter sich scheiden ließ und mit ihm nach England umzog, wo er auch erwachsen wurde. Nur einmal hatte er den Vater seitdem noch gesehen und dass war bei einem wiederum sehr aufsehenserregenden Auftritt in der Krebsstation auf der die Mutter auf den Tod wartete. Seitdem herrscht Funkstille und Charles ist gar nicht glücklich darüber, dass seine Verlobte von ihm verlangt, diesen Mann zu ihrer Hochzeit einzuladen.

Da er keine Nummer für seinen Vater hat, muss er eine Nachbarin anrufen – nur um zu erfahren, dass sein Vater gerade in dieser Woche das Zeitliche gesegnet hat und er am Besten sofort nach Florida kommt um an der Bestattung teilzunehmen. Und auch dies gerät zu einer gewissen Peinlichkeit. Bei der Raue hinterher erfährt er dann, dass sein Vater der Spinnengott Anansi gewesen sein soll. Auf den Einwand, dass er sich selbst gar nicht göttlich fühle muss er dann auch noch erfahren, dass die entsprechenden Fähigkeiten wohl auf seinen Zwillingsbruder übergegangen sind, der unter dem Namen Spider bekannt ist.

Wieder in England zurück versucht er zum Spaß über einen Arachniden Kontakt mit dem verschollenen Bruder aufzunehmen und dieser taucht auch tatsächlich kurz darauf auf und beginnt Charlies Leben auf den Kopf zu stellen. Er spannt ihm die Verlobte aus, macht seinen Chef nervös und bringt Charlie in ganz neue Umgebungen, so dass dieser gar nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Bis sich das Blatt kurz nach Charlies erstem Gefängnisaufenthalt zu wenden beginnt und Spider erkennen muss, dass auch er noch etwas von seinem Bruder lernen kann. Und dies wird zunehmend von Bedeutung um ihrer beider Leben vor dem Zugriff anderer mystischer Gestalten und sehr realer Bösewichte zu schützen.

Neben einer bedenkenswerten Geschichte liefert uns Neil Gaiman auch allerlei Zusatzmaterial zu dem Buch, wie eine „Deleted Scene“, Manuskriptabdrücke, ein Interview und einige Fragen zur Diskussion in Leserunden oder in Unterrichtszusammenhängen. Alles in allem ein durchaus lesenswertes Buch, dass den Leserinnen und Lesern eine der schlitzohrigsten mytho-logischen Figuren – auf einem Level mit Kojote und Loki – vorstellt und sich dabei in der besten Tradition von „American Gods“ bewegt.
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