Insel der Eroberer von Nelson Bond

Buchvorstellungund Rezension

Insel der Eroberer von Nelson Bond

Originalausgabe erschienen 1954unter dem Titel „No Time Like the Future“,deutsche Ausgabe erstmals 1964, 160 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Susi-Maria Roediger.

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In Kürze:

Sechs Science-Fiction-Storys aus der Frühzeit des Genres. Die ‚Unschuld‘ der Jahre vor dem II. Weltkrieg ist schon verschwunden, doch der Glaube an die Segnungen der Zukunft blieb erhalten. Ohne Furcht vor der Logik und den Naturgesetzen aber mit einer gehörigen Dosis schnurrigen Humors spinnt ein wahrer Altmeister der SF sein Garn: eine Zeitreise in die Vergangenheit der Zukunft.

Inhalt:

  • (1946) Insel der Eroberer
    Conqueror’s Isle
  • (1949) Jona und das U-Boot
    Uncommon Castaway
  • (1942) Die Bestien von Kios
    The Cunning of the Beast / Another Worlds Begins
  • (1949) Außenposten Venus
    The Last Outpost
  • (1950) Der Vogel von den Sternen
    And lo! the Bird
  • (1951) Nur eine Handvoll Asche
    The World of William Gresham

Das meint phantastik-couch.de: „Sechs Reisen in anachronistische Zukunftswelten“70

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Insel der Eroberer („;Conqueror´s Isle“, 1946), S. 7-24: Über der südchinesischen See gerät ein Bomber der US-Luftflotte in einen Sturm und stürzt ab. Glücklicherweise ist eine Insel nahe, doch dort stolpern die wackeren Flieger in die geheime Zentrale der neuen Supermenschen, die sich zur Eroberung der Welt anschicken …

Jona und das U-Boot („;Uncommon Castaway“, 1949), S. 25-46: Im Mittelmeer gerät das marode US-Unterseeboot „;Grampus“ in einen seltsamen Sturm, der es in einer merkwürdig primitiv wirkenden Welt wieder auftauchen lässt. Dort lernt die Besatzung einen Mann kennen, der nicht ohne Grund wirkt, als sei er dem Alten Testament entsprungen …

Die Bestien von Kios („;The Cunning of the Beast“/„;Another World Begins“, 1942), S. 46-68: Die Bewohner eines weit entfernten Planeten sind zwar technisch hoch entwickelt, aber körperlich hinfällig. Ein ehrgeiziger Wissenschaftler züchtet ein Paar widerstandsfähiger Gastkörper, die jedoch einen ganz eigenen Willen entwickeln und ihren Schöpfer zwingen, sie aus dem Paradies zu vertreiben …

Außenposten Venus („;The Last Outpost“, 1948), S. 69-123: Auf einer militärdiktatorisch regierten Erde der nahen Zukunft (1985!) bricht zwischen den Machthabern und ihren militanten Gegnern ein Atomkrieg aus. Glücklicherweise hat ein offensichtlich vielseitig begabter Wissenschaftler in seinem Garten ein Raumschiff gebaut, das wenigstens einige Überlebende zur allem irdischen Hader enthobenen Planeten Venus trägt …

Der Vogel von den Sternen („;And Lo! The Bird“, 1950), S. 124-139: Den Großen Vogel der Galaxis gibt es wirklich! Größer als alle Planeten unseres Sonnensystems zusammen, nähert er sich aus den Tiefen des Alls, um nachzuschauen, ob seine vor Äonen abgelegten Eier – die Planeten – vor dem Schlüpfen stehen, was unter jenen Wesen, die sich auf der Schale des AErde@ genannten Eis angesiedelt haben, verständlicherweise für große Aufregung sorgt …

Nur eine Handvoll Asche („The World of William Gresham“, 1951), S. 140-160: Er ist ein kluger Kopf, dieser Dr. Gresham, aber offensichtlich völlig verrückt, denn er ist dem Wahn verfallen, auf einer Erde zu leben, die nach einem außer Kontrolle geratenen Atomkrieg von einem unlöschbaren atomaren Feuer verzehrt wird. Sein bemerkenswertes Ende lässt anklingen, dass dies zumindest in seinem Fall tatsächlich irgendwie oder irgendwann zutrifft …

Altmodisch aber unterhaltsam

Nelson Slade Bond (1908-2006) gehört zu den Autoren des „;Goldenen Zeitalters“ der Science Fiction, das gegen Ende der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begann und dem Genre in einem schöpferischem Urknall eine Unzahl unsterblicher Klassiker bescherte. 1937 konnte Bond seine erste Story veröffentlichen, der er in rascher Folge viele, viele weitere folgen ließ: Er wurde ein Profi, der von den nicht gerade üppigen Honoraren leben musste, die von den Magazinen seiner Epoche gezahlt wurden, und folglich fleißig produzierte, was gerade gewünscht wurde.

„;Insel der Eroberer“ belegt, dass es Bond, trotz dieser Beschränkungen gelang eine eigene Stimme zu finden. Während er in seinen frühen Schriftsteller-Jahren thematisch praktisch jedes Thema der klassischen Science Fiction (Invasion, Zeitreise, Raumflug, Apokalypse usw.) aufgriff, prägte er (wenn ihm die Zeit blieb) seinen Geschichten bald seinen trockenen, aus heutiger Sicht liebenswert verstaubten Sinn für Humor auf, den besonders seine Stories um den verschrobenen Anti-Raumhelden Lancelot Biggs unsterblich machten. Die „;Grampus“ aus „;Jona und das U-Boot“ wirkt wie ein erster Entwurf der legendären „;Saturn“, und der bärbeißige, aber herzensgute Kommandant erinnert in Wort und Tat schon an den knarzigen, viel geplagten Captain Hanson. Da passt es gut ins Bild, dass wir endlich erfahren, wie der leibhaftige Jonas aus der Bibel nicht von einem Wal, sondern von einem Unterseeboot aus dem II. Weltkrieg verschluckt wurde …

Auch „;Die Bestien von Kios“ ist eine gelungene und witzige, für manchen fundamentalistischen Holzkopf vielleicht schon respektlose Interpretation der biblischen Schöpfungssage. Bemerkenswert erscheint heute Bonds Charakterisierung der Eva, die in kurzen Worten das Frauenbild seiner Zeit zusammenfasst: „;Sie ist ihm ein Rätsel, sie verwirrt ihn …aber sie bringt ihn in Trab. Sie befiehlt, und er gehorcht; sie bittet, und er erfüllt ihre Wünsche. Mit einer Handbewegung bringt sie ihm zum Arbeiten. Ich fürchte, sie ist eine Last für ihn, eine Quelle von Aufregungen und Ärger – aber für ihre seltsamen Worte des Lobes hat er mehr Arbeit getan als jemals zuvor, seit ich ihn in diesen Garten gesetzt habe.“ (S. 58) Ob auch der Gott der Genesis so mit seinen Engeln über Adam und vor allem Eva gesprochen hat, wenn gerade sein Chronist nicht im Raum war ...?

„;Insel der Eroberer“ ist SF-Dutzendware. Die Geschichte vom einsamen Warner vor der Invasion, dessen geduldiger Zuhörer sich als getarnter Feind entpuppt, dürfte damals schon einen recht langen Bart gehabt haben. Auch Bond schlägt keine neuen Funken aus dem Stoff, dessen Finale selbst der schläfrigste Leser allzu früh voraussagen kann. Dasselbe gilt für „;Außenposten Venus“, einer langen, lahmen, mit einer zunächst seltsam überflüssig anmutenden Vorgeschichte überfrachteten (Post-) Doomsday-Moritat, in der Bond den mahnenden Zeigefinger gar zu hoch hält. Ein wenig zu lange muss der Leser auf die Pointe warten, die der Verfasser dann doch so meisterhaft wie üblich zu setzen weiß, aber bis dahin spult Bond sein Garn vom Ende der Welt und der neuen Arche Noah bierernst und vor allem ohne Überraschungen ab.

Allerdings gelingen ihm trotzdem starke Bilder; selten wurde ein möglicher atomarer Weltkrieg so knapp und präzise in Worte gefasst: „;Die gesamte Zivilisation geriet ins Schwanken, während zwei blinde und brutale Giganten auf der Oberfläche des Erdballes hin und her stampften und vernichtende Schläge austauschten.“ (S. 104) Es ist klar, dass Bond hier auch die beiden 1948 bereits im Kalten Krieg stehenden Supermächte USA und UdSSR meint.

„;Der Vogel von den Sternen“ und „;Nur eine Handvoll Asche“ sind Ideen-SF reinsten Wassers: charmante Spielereien, die auf einer interessanten, witzigen, ruhig absurden Idee basieren. Sie fallen in eine Zeit, als Bond sich von der ‚reinen‘ Science Fiction mehr und mehr ab- und der Fantasy zuwendet. (Er beschreibt dies selbst im Prolog zu „;Außenposten Venus“, in dem er höchstpersönlich auftritt.) Während „;Nur eine Handvoll Asche“ überaus geschickt das Rationale mit dem Übernatürlichen mischt, ist „;Der Vogel von den Sternen“ eine total verrückte Story, die der Verfasser mit sicherer Hand vor der Lächerlichkeit zu bewahren weiß.

Der Originaltitel „;And Lo! The Bird“ macht deutlich, dass Bond hier zugleich Charles Fort (1874-1932), dem lebenslangen, legendären Sammler unerklärlicher Anomalien (Froschregen, wandernde Steine, UFOs usw.), ein kleines Denkmal setzt. Wie Fort weigert sich auch Nelson Bond (zumindest der Schriftsteller), zwischen dem Realen und dem Irrealen eine dogmatische Grenze zu ziehen. Alles ist grundsätzlich möglich, auch wenn es (noch) nicht erklärt werden kann: eine Geisteshaltung, der viele wunderbare (und wunderbar schräge) Bond-Stories entsprangen.

Im Würgegriff des normierten Umfangs

Wieder einmal für dumm verkauft wurden die deutschen Science Fiction-Leser: Damit „;Insel der Eroberer“ das Normmaß von 160 Seiten nicht überschritt – ein dickeres Buch wäre ein bisschen teurer geworden, und das glaubte der Heyne-Verlag seiner Kundschaft nicht zumuten zu können -, wurden einfach sechs Stories des Originals gestrichen: alltägliches Gebaren in einer Zeit, die den Freund der phantastischen Literatur einfach nicht ernst nehmen wollte. Ansonsten gibt die deutsche Ausgabe zu keinen Klagen Anlass. Die Übersetzung ist solide, die Aufmachung hübsch nostalgisch. Da „;Insel der Eroberer“ allerdings zu den frühen Bänden der Heyne-SF-Reihe gehört, dürfte zumindest die Erstauflage hässlich teuer geworden sein. Es gab allerdings bis 1970 mindestens zwei Nachauflagen, die günstiger für den sein müssten, der diese sechs unterhaltsamen Geschichten primär lesen und nicht sammeln möchte.

Ihre Meinung zu »Nelson Bond: Insel der Eroberer«

Tom Orgel zu »Nelson Bond: Insel der Eroberer«16.08.2011
Immerhin gehört "Der Vogel von den Sternen" zu den Science-fiction-Geschichten, die ich mit 14 gelesen habe - und die mir bis heute, rund 25 Jahre später, noch völlig im Gedächtnis geblieben sind. Und das gilt bei der Masse lange nicht für alle.
Muss mich also damals tief beeindruckt haben, was vermutlich für sie spricht.

Auch wenn ich mir sicher bin, die anderen nie gelesen zu haben. Möglich, dass diese Geschichte noch in einer anderen Sammlung existiert.
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