Nicola Bardola: Utopien von Nicola Bardola

Buchvorstellungund Rezension

Nicola Bardola: Utopien von Nicola Bardola

Originalausgabe erschienen 2012, 256 Seiten.ISBN 3-596-90391-2.

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In Kürze:

Ferne Welten, neue Welten. Seit Thomas Morus Roman „Utopia“ 1516 erschien, haben Autoren durch alle Jahrhunderte Zukunftsvisionen und Konzepte für neue Gesellschaften entworfen. So lässt Daniel Defoe seinen Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel stranden, Jonathan Swifts Gulliver landet in Lilliput und George Orwells Winston Smith wird im „Ministerium der Liebe“ in Ozeanien einer Gehirnwäsche unterzogen. Die Verlagerung des Geschehens an einen „Nichtort“ ermöglicht es, Kritik an gesellschaftlichen Ordnungen zu üben, Ängste und Träume zu formulieren. Die hier versammelten Auszüge aus utopischen und dystopischen Romanen vergangener und jüngster Zeit führen uns bildhaft vor Augen, in was für einer Welt wir leben.

Der Herausgeber

Nicola Bardola, geboren 1959 in Zürich, studierte Germanistik, italienische Literatur und Philosophie und arbeitet nach Stationen als Redakteur und Verlagslektor seit 1999 als freier Journalist und Übersetzer. Seit 1985 verfolgt er engagiert die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchmarktes und setzt sich auch für die Leseförderung ein. Seine Kontakte innerhalb der Branche, sein Know-How und sein Überblick über den gesamten Kinder- und Jugendbuchmarkt sind einzigartig.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Alles könnte so schön sein“90

Science-Fiction-Rezension von Sanja Döttling

„Utopien“ ist eine Anthologie mit Textausschnitten aus bekannten und weniger bekannten utopischen Werken, die mit viel Fingerspitzengefühl zusammengestellt wurden.

Thomas Morus: Utopia, 1516

Der Autor entwirft eine fortschrittliche soziale Ordnung und eine perfekte Gesellschaft. Er begründet damit einen neuen Zweig der Science-Fiction-Literatur und Gesellschaftskritik, die bis heute den Titel seines Werkes tragen.

Francis Bacon: Neu-Atlantis, 1624

Diese Utopie wird beherrscht von den „Vätern des Hauses Salomon“; sie sind oberste Macht im Staat und haben sich ganz der Erforschung der Natur verschrieben, um so die Wissenschaft weiter und weiter voranzutreiben.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen, 1726

Im Staat Lilliput erfährt Gulliver ein neues Rechtssystem: Hier werden Bürger für die Befolgung der Gesetze belohnt, Betrug ist ein größeres Verbrechen als Diebstahl und Undankbarkeit ist illegal.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe, 1719

Der Protagonist wird aus seiner Gesellschaft gerissen und strandet auf einer einsamen Insel. Er wird zum Selbstversorger, und muss zu den Wurzeln der menschlichen Existenz zurückkehren.

Johann Gottfried Schnabel: Insel Felsenburg, 1731

Im ersten utopischen Roman aus Deutschland landet eine vierköpfige Gruppe auf einer Insel. Das Buch konzentriert sich vor allem auf die Probleme des Zusammenlebens, die sich nun auftuen.

Jules Verne: Geheimnisvolle Insel, 1874

Siedler und Entdecker erkunden eine unbekannte Insel. Die zeigt sich von ihrer besten Seite und die ersten Aufbau- und Überlebensarbeiten laufen ohne Schwierigkeiten ab.

Samuel Butler: Erewhon, 1872

Indem Butler die Gesellschaft ins Gegenteil verkehrt, kann er sie ironisch kritisieren: So wird in Erewohn die Krankheit vertuscht, während Verbrechen nur als kleine Unpässlichkeiten gehandelt werden.

Edward Bellamy: Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887, 1888

In der fernen Zukunft sind die Gehwege durchgehend überdacht, so dass niemand mehr private Regenschirme verwenden muss. Die Gesellschaft zeichnet sich außerdem durch die völlige Gleichstellung aller Bürger, und einem funktionierenden marxistischen Wirtschaftssystem aus.

H.G. Wells: Die Zeitmaschine, 1894

Der Zeitreisende ist in eine so ferne Zukunft gereist, dass die Menschheit ihren Zenit schon überschritten hat: Kleine, schwache und zurückgebliebene Wesen sind aus ihnen geworden; und sie alle leben in Abhängigkeit von einer deformierten, nachtaktiven Sklavenklasse, die unter der Erde haust.

Alfred Kubin: Die andere Seite, 1909

Ins Traumland kommen all die, die am Rande unserer Gesellschaft stehen. Menschen mit Ticks, Zwangsverhalten und anderen psychischen Abnormalitäten bilden die Bevölkerung.

Jewgenij Samjatin: Wir, 1920

In dieser dystopischen Zukunftsversion wird das Leben aller Bürger (in dieser Welt: Nummern) von einem genauen Zeitplan reguliert. Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit?

Alfred Döblin: Berge Meere und Giganten, 1924

Das Eis von Grönland gibt sein grausames Geheimnis preis, als die Menschen das Land zu Kolonisierungszwecken enteisen. Die riesigen Urzeitmonster bedrohen nicht nur das Leben der Menschen in Europa, sondern auch deren Geist.

Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 1932

Dem Weltaufsichtsrat ist durchaus bewusst, dass die schöne neue Welt ihre Fehler hat. Doch funktioniert sie überraschend gut: Leicht sind Kastengesellschaft, Begrenzung der Wissenschaft und Kunst, sowie die Abschaffung der Religion begründet.

Franz Werfel: Stern der Ungeborenen, 1946

Der Hochschwebende ist die Eminenz der Chronosophen; und diese Gestalt aus schwebendem Licht gewährt dem Protagonisten drei Fragen.

George Orwell: 1984, 1949

Winston ist Bürger im Überwachungsstaat und startet seine eigene, individuelle Auflehnung: Er beginnt, ein Tagebuch zu führen.

Ernst Jünger: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt, 1949

Der Reisende Lucius beschreibt auf seinem interstellaren Flug einen Querschnitt der momentanen Gesellschaft; und protokolliert den heraufziehenden Krieg.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451, 1953

Montag verbrennt verbotene Bücher. Durch seine naiv-intelligente Freundin Clarisse wird ihm langsam klar, dass etwas mit seiner Gesellschaft nicht stimmt: Haben Feuerwehrmänner schon immer Feuer gelegt?

Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik, 1957

Der Journalist besucht die künstliche Insel der Künstler und Wissenschaftler; eine Insel, die in eine amerikanische und russische Hälfte geteilt ist und den Kalten Krieg literarisch aufgreift.

Ally Condie: Die Auswahl – Cassia & Ky, 2012

Cassia kann hinter die Fassade ihres Staates sehen und was sie dort entdeckt, gefällt ihr nicht. Die Oberen haben ihren besten Freund Ky entführt und Cassia ist die einzige, die ihn retten kann.

Ein Genre, ein Buch

Die Sammlung „Utopien – Ein Lesebuch“ vereint bekannte utopische Texte, wie die von Swift, Huxley und Orwell, mit weniger bekannten Texten, auch von deutschen Autoren. Die chronologische Zusammenstellung ist gut gewählt und gibt dem Leser die Möglichkeit, sich das Science-Fiction-Genre der Utopien und Dystopien selbst zu erschließen und zu erforschen. Dabei wird das Genre von seinem Beginn vor 500 Jahren bis heute verfolgt. Herausgeber Nicola Bardola trägt in diesem Buch 19 Textausschnitte zusammen, die ein neues und geschlossenes Bild des Genres zeichnen, auch wenn sie unterschiedliche Probleme behandeln.

Nun ist diese Auswahl einerseits der große Vorteil einer Textsammlung, weil so Genrestrukturen gegenübergestellt werden können. Doch dadurch, dass nur ein Ausschnitt der jeweiligen Werke vorhanden ist, fällt es manchmal schwer, sich in die Handlung und Charaktere einzulesen. Dennoch kann diesem Problem Abhilfe verschafft werden: Indem man die besten Werke, die in der Sammlung vertreten sind, einfach noch einmal – oder zum ersten Mal – liest.

Was nicht ist, kann noch werden

Hauptaugenmerk der ausgewählten Texte liegt auf der Sozialkritik, die in den utopischen Werken immer stark ausgeprägt ist. Die Gegenüberstellung der ausgewählten Textpassagen kann Strömungen der gesellschaftlichen Zukunftsversionen aufdecken und vergleichbar machen. Egal, ob Swift in ironischer Verkehrung über Diebstahl und Moral spricht, Huxley einen Überwachungsstaat schön redet oder ob in dystopischen Zukunftsversionen wie von Bradbury, Orwell oder Samjatin Individuen den Aufstand üben – die Geschichten erzählen immer von der Zeit, in der der Autor verankert ist.

Fazit

Die Sammlung umfasst das Genre der Utopien und gibt einen tiefgründigen Einblick in die verschiedenen Interpretationen des Themas. Die Zusammenstellung ist ein Appetizer, der Lust darauf macht, die angeschnittenen Werke in ihrer Gesamtheit noch einmal zu erkunden. Die Anthologie gibt also einen Überblick über ein Genre und vereint Texte aus einem halben Jahrtausend zu einem harmonischen Ganzen. Der Fokus auf sozialkritische Textausschnitte macht einen Vergleich einfacher und spiegelt gleichzeitig die Gesellschaftskritik eines halben Jahrtausends wieder.

(Sanja Döttling, November 2012)

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