Haus der blinden Fenster von Peter Straub

Buchvorstellungund Rezension

Haus der blinden Fenster von Peter Straub

Originalausgabe erschienen 2003unter dem Titel „Lost Boy Lost Girl“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 378 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Uschi Gnade.

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In Kürze:

Schriftsteller Tim Underhill kehrt in seine Heimatstadt zurück, wo kurz nach dem Selbstmord der Schwägerin sein Neffe spurlos verschwunden ist. Da ein Serienmörder sein Unwesen im Ort treibt, macht man diesen dafür verantwortlich. Doch tatsächlich ist der junge Mann in den Bann eines mysteriösen Mordhauses geraten, in dem es spuken soll … Ein typischer Peter-Straub-Roman, d. h. eine Studie über menschliche Schuld & Sühne, verpackt in eine spannende, atmosphärisch äußerst dichte, Elemente des Thrillers und der Geistergeschichte mischende Story, die gespickt ist mit Rätseln und Andeutungen, welche sich der Leser selbst erschließen muss. „;Haus der blinden Fenster“; ist eine durchaus anspruchsvolle Lektüre mit Zeitsprüngen, Parallelhandlungen, Perspektivenwechseln – sicher nicht der übliche Bestsellerlisten-Instant-Reißer zum faulen Feierabend, sondern ein Buch, das zum Mitdenken anregt und dafür mit einer fesselnden Story belohnt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Killer aus dem Zwischenreich“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Schon zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit kehrt Tim Underhill, Erfolgsschriftsteller aus Manhattan, in seine Heimatstadt Millhaven zurück, der er vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hat. Dort hat sich Nancy, die Gattin seines ungeliebten Bruders Philip, auf grausame Weise umgebracht. Wenig später verschwindet Mark, ihr Sohn, Tims Neffe, mit dem er sich gut verstand. Er ist nicht der erste Jugendliche, der vermisst wird. In Millhaven treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der offenbar die Kontrolle über sich zu verlieren beginnt und die Taktfrequenz seiner Attacken stetig steigert.

Marks tatsächliches Schicksal ist wesentlich bizarrer. Vor kurzem erregte ein verlassenes Haus auf einem Nachbargrundstück seine Aufmerksamkeit. Es zieht ihn wie ein Magnet an und stößt ihn gleichzeitig ab: Hier ist spürbar Furchtbares geschehen, das die Wände des Gebäudes wie eine Batterie aufgeladen hat. Michigan Street 3323 – dies war vor vielen Jahren die Adresse von Joseph Kalendar, der als einer der schlimmsten Psychopathen und Serienmörder aller Zeiten in die amerikanische Kriminalgeschichte einging. Man hatte ihn erst nach Jahren des Foltern und Mordens erwischt. In einer Anstalt für geistesgestörte Verbrecher wurde er 1985 von einem Mithäftling umgebracht.

Was Mark zunächst nicht weiß: Kalendar war ein Cousin seiner Mutter. Es gibt eine seltsame Verbindung zwischen ihr und dem toten Mörder. Dies war der Grund für den Selbstmord Nancys, die ihre alte Schuld nicht länger ertragen konnte: Sie hätte einst dem üblen Treiben ihres Cousins vorzeitig ein Ende machen können, war aber furchtsam zurückgewichen. Mark ist stärker, er will es mit Kalendar aufnehmen, zumal er bald entdeckt, dass dieser seine ebenfalls ermordete Tochter noch immer in den Folterhöhlen des Hauses Nr. 3323 gefangen hält und quält. Während Tim Underhill und die Polizei einen sehr realen Unhold jagen, dringt Mark immer tiefer in die schrecklichen Geheimnisse des alten Hauses ein. Aber nicht Kalendar ist es, der ihn schließlich vor jene Entscheidung stellt, die zu seinem Verschwinden führt …

Das Böse – eine schwer fassbare Größe

„;Haus der blinden Fenster“; (der Originaltitel „;Lost Boy Lost Girl“; wird der Geschichte wesentlich gerechter) ist eine bemerkenswert gelungene Mischung aus Thriller und Gruselgeschichte. Wo man die Grenze zieht, bleibt dem Leser überlassen. Die phantastischen Elemente sind eindeutig, sie lassen sich nicht rational auflösen. Auf der anderen Seite spielt sich vieles von dem, was sich scheinbar ereignet, wohl nur in den Köpfen der Figuren ab. „;Haus der blinden Fenster“; ist wie so oft bei Peter Straub ein Roman, der um die Themen Schuld, Sühne & das Böse an sich kreist und dabei auf Genregrenzen keine Rücksicht nimmt. Darin gleicht er dem Schriftsteller Henry James (1843-1916), mit dem Straub – auch was die literarische Qualität angeht – oft verglichen wird. „;The Turn of the Screw“; (1898; dt. „;Die Drehung der Schraube“;) weist in der Tat dieselbe unwirkliche Atmosphäre realer und übernatürlicher Bedrohung auf wie „;Haus der blinden Fenster”.

Viele, viele Fragen wirft Straub auf. Manche beantwortet er, andere können wir uns selbst zusammenreimen. Nicht wenige bleiben jedoch offen. Ist der Sherman-Park-Killer der wiedergeborene Joseph Kalendar? Ist er ein Mensch, der von dessen Geist besessen ist? Wird Nancy Underhill wirklich vom Geist der Kalendar-Tochter, die sie einst feige im Stich ließ, in den Tod getrieben? Bildet sie sich das in ihrer inneren Angst nur ein? Wird auf dem privaten Friedhof des Sherman-Park-Killers doch die Leiche Marks zum Vorschein kommen, den sein Onkel in der “;anderen Welt„; wähnt? Worum handelt es sich bei dieser “;anderen Welt” eigentlich genau? Ist sie das Jenseits, eine fremde Dimension, eine parallele Erde?

Der Leser in stetiger Ungewissheit

Straubs komplexer Schreibstil verstärkt geschickt die Unsicherheit, die der Leser mit den Figuren teilt. Wir erleben Zeitsprünge in Vergangenheit und Zukunft. Die Perspektive wechselt; manchmal erzählt Tim Underhill, dann wird er vom (unsichtbaren) Verfasser beobachtet, der vor allem im Mittelteil die Handlung fast gänzlich Mark Underhill überlässt. Manche Ereignisse werden parallel geschildert, wobei die Interpretation sehr unterschiedlich ausfallen kann: Tim und Mark sehen die Welt nicht mit denselben Augen.

Das verwunschene Haus, in dem es aufgrund eines lange in der Vergangenheit liegenden Unrechts umgeht, ist in gewisser Weise längst ein Klischee der Phantastik. Auf jeden Fall ist es schwierig, ihm heutzutage neues Leben einzuhauchen. Auch hier leistet Straub gute Arbeit. Auf dem Grundstück Nr. 3323 lastet wahrlich ein Haus gewordener Alptraum. Wiederum wurzelt das Grauen ausschließlich in der menschlichen Seele; für Außerirdische, Trolle, Vampire und andere Ausgeburten des klassischen und halbwegs gemütlichen Horrors ist kein Platz in Straubs Welt/en. Auch das Paradies, in dem Mark und seine Lucy sich wiederfinden, entpuppt sich als Stätte zwar ungewöhnlicher aber deshalb nicht weniger bedrohlicher Gefahren.

Überforderte Menschen im Sog des Unfassbaren

Da ist er wieder – Timothy Underhill, Peter Straubs anderes Ich, sein fiktiver Stellvertreter, den er gegen allerlei eingebildete und echte Dämonen kämpfen lässt, seit er ihn 1988 zum ersten Mal gegen den „;Blue Rose“;-Mörder antreten ließ (in „;Koko“;), dessen Geheimnis erst 1993 in „;The Goat“; (dt. „;Der Schlund“;) gelüftet werden konnte. Seither hielt sich Underhill verständlicherweise Millhaven (das Spiegelbild Milwaukees im US-Staat Wisconsin, der realen Heimatstadt Straubs) fern, an das sich für ihn viele unerfreuliche Erinnerungen knüpfen. Zu schaffen macht ihm auch die provinzielle Enge der kleinen Stadt, die vortrefflich verkörpert wird durch seinen Bruder Philip. Der hat sich scheinbar im biederen Establishment etabliert und ist doch die personifizierte Unzufriedenheit. Seiner Familie bereitet Philip wenig Freude, er ist gefühlskalt, egoistisch, unsensibel, untauglich als Ehemann und als Vater.

Mark, sein Sohn, ist eher nach Onkel Tim geraten. Mit seinen fünfzehn Jahren steckt er tief in der Pubertät, was seinen Alltag nicht einfacher macht. Seine Gefühle sind außer Kontrolle, seine Hormone laufen Amok. So wird er zum idealen Opfer für das Haus an der Madison Street. Zunächst voller Furcht über das, was er dort entdeckt, wird Mark zum jungen Ritter, der seine Prinzessin Lucy vor dem Drachen Kalendar retten will. Dafür zahlt er einen hohen Preis. Andererseits ist sein Schicksal angesichts der trüben Zukunft, die ihm sein reales Leben bietet, womöglich eine Verbesserung. Wie schon gesagt muss Mark jedoch feststellen, dass auch die „;andere Seite“; keineswegs frei von Bedrohungen ist.

Stets bleibt unklar, ob es wirklich Joseph Kalendar ist, dessen Geist noch immer nicht ablassen will von seiner krankhaften Menschenquälerei. Womöglich ist es der reale Sherman-Park-Killer, der sich mit dem berühmten „;Kollegen“; identifiziert und in dessen Haut schlüpft. Weil er uns niemals direkt unter die Augen tritt, ist Kalendar eine Gestalt, die für Angst und Schrecken sorgt – ein Schreckgespenst, das viel von dem verkörpert, was man sich unter einem Serienmörder vorstellt: eine schattenhafte Gestalt, die wie ein Mensch aussieht, aber eigentlich keiner mehr ist, sondern etwas Atavistisches, Düsteres, ein Wolf unter Schafen, aber ein gut getarnter, der Jagd auf seine ahnungs- und hilflosen Mitbürger macht.

Atmosphäre und interessante, eindringliche gezeichnete Figuren – Diese beiden Aspekte sind Straub deutlich ebenso wichtig wie die Handlung. Das Ergebnis mag den notorischen Koontz-, Hohlbein- oder Lumley-Fan irritieren, womöglich abschrecken, aber wer sich auf ";Haus der blinden Fenster” einlässt, erlebt Peter Straub in einer Form, die er seit Jahren schmerzlich vermissen ließ.

Ihre Meinung zu »Peter Straub: Haus der blinden Fenster«

MickyWinter zu »Peter Straub: Haus der blinden Fenster«14.04.2013
Ein weiterer großartiger Tim-Underhill-Roman, der zwar nicht ganz an die Klassiker heranreicht, aber deshalb nicht weniger an Psychologie auffährt wie diese. Überhaupt ist Straubs Stärke ein ganz besonderer Stil, der dem deutschen Publikum weniger zusagt als dem englischsprachigen. In Amerika kennt man Straub als einen Jazz-Stilisten moderner Phantastik. Das bedeutet, daß er wie diese Musiker in seinen Erzählungen häufig mit tief verwurzelten Traditionen arbeitet. Und wie diese Musiker arbeitet er unermüdlich daran, die Grenzen dieser Traditionen zu erweitern, treibt sie kühn in bisher unerforschtes Gebiet. Er verfügt über herausragende Kenntnisse der phantastischer Standarts und seine Fiktionen sind Reich an genialen Effekten, mit denen er ihre klassischen Themen variiert. Aber er ist auch ein Künstler, der originelle und sehr persönliche Kreationen synthetisiert. Wiederkehrenden Ideen nähert er sich nie auf die selbe Art ein weiteres Mal.
Zugegeben: wer den bloßen Schocker sucht und nicht das fein gesponnene Spirituelle, wird bei diesem Roman schnell die Segel strecken. Knalleffekte gibt es hier keine. Als alleinstehender Roman mag dieser hier recht langweilig erscheinen. Jene, die die Tim-Underhill-Reihe aber kennen, werden über diesen Baustein erfreut sein.
Peter Nathschläger zu »Peter Straub: Haus der blinden Fenster«28.01.2013
Interessant, dass keiner der Rezensenten bemerkt hat, dass alle Anspielungen auf Mystik und Unheimliches in diesem Roman immer aus der Perspektive Tim Underhills erfolgen und dass das eine ganz bestimmte, sehr realistische Sichtweise nahelegt: Mark wurde vom Serienkiller in der Kleinstadt entführt und ermordet, und Tim, der mit dem Schmerz nicht fertig wird, belügt sich in "seinen" Aufzeichnungen selbst, indem er Marks Verschwinden mystifiziert.

Straub benutzt schon sehr geschickt unterschiedliche Realitätsebenen und Perspektiven, tänzelt in der Erzähldistanz aus dem Erzählraum raus, geht wieder zurück, justiert Stile.

Auch wenns unbequem ist: Mark Underhill erlitt das gleiche Schicksal wie all die anderen Jungs, deren Schmerzensschreie der Killer zum persönlichen Vergnügen aufnahm. Der ganze Hokuspokus mit den Legenden vom verwünschten Haus ist eine einzige, emotionell geladene Nebelbombe!
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Resi :) zu »Peter Straub: Haus der blinden Fenster«14.04.2008
Wie ja oben schon von jemand Anderem erwähnt, ist das Buch anfangs sehr verwirrend und auch nicht sonderlich interessant...
ich finde auch nicht,dass das Buch im Laufe der Zeit intressanter wird...ich fands so stikelangweilig un das war eines der ersten Bücher, durch die ich mich richtig durchquälen musste..

Und grusekig wars ja auch überhaupt nicht!
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Stefanie N. zu »Peter Straub: Haus der blinden Fenster«31.03.2008
Ich fand das Buch etwas verwirrend am Anfang, man musste sich extrem auf den Inhalt konzentrieren. Dafür wurde aber der Mittelteil in dem Mark das Haus entdeckt, interessanter. Ich muss über dieses Buch eine Mappe als Ersatz einer Arbeit schreiben. Dazu kann ich gut die Beschreibungen der Hauptpersonen benutzen, die sehr gut ausgeführt worden sind. Ich hoffe ich werde mit dem Buch eine gute Note schreiben. (:
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Anja S. zu »Peter Straub: Haus der blinden Fenster«14.08.2006
Das Buch hat mir nun gar nicht gefallen. Ich fandt es ausgesprochen langweilig und droege zu lesen und kann die Begeisterung von Herrn Drewniok nicht teilen.
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