Das Serum des Doctor Nikola von Petra Hartmann

Buchvorstellungund Rezension

Das Serum des Doctor Nikola von Petra Hartmann

Originalausgabe erschienen 2013, 189 Seiten.ISBN 3938065923.

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In Kürze:

Berlin, 1927. Arbeitslos, pleite und mit der Miete im Rückstand: Bankierssohn Felix Pechstein ist nach dem „Schwarzen Freitag“ der Berliner Börse ganz unten angekommen. Da erscheint das Angebot, in die Dienste eines fremden Geschäftsmannes zu treten, eigentlich als Geschenk des Himmels. Doch dieser Doctor Nikola ist ihm mehr als unheimlich. Vor allem, als Felix den Auftrag erhält, Nikola zu bestehlen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Bankier, die Katze, Dr. Nikola & die Mumie“80

Fantasy-Rezension von Michael Drewniok

Am 13. Mai 1927 stürzt ein bodenloser Kurssturz die Berliner Börse in eine Krise, die bald das gesamte Finanzwesen an den Rand des Untergangs bringt. Zu den zahllosen Opfern gehört auch der Jungbankier Felix Secundus Pechstein. Als die Privatbank der Familie zusammenbrach, hat sich der Vater eine Kugel in den Kopf geschossen. Pechstein Junior steht hungrig auf der Straße. Für einen Mann mit seinen Kenntnissen hat derzeit niemand Verwendung – mit einer Ausnahme: Doctor Nikola, der unsterblich gewordene Super-Verbrecher, ist trotz seiner beinahe magischen Kräften in den Krisenstrudel geraten. Um seines deutschen Aktienvermögens nicht gänzlich verlustig zu gehen, will er Pechstein anheuern.

Dieser sträubt sich zunächst, denn er findet Nikola unheimlich. Allerdings ist Pechstein auch verliebt, seit er unter die „Kinder des Lichts“ geriet, eine Sekte, die großen Zulauf findet. Unter dem strengen Regiment von Meister Rainhart wird auf die Wiederkehr der antikägyptischen Pharaonenzeit hingearbeitet. Dazu gehören aufwendige Zeremonien, für die Rainhart gern seine bezaubernde Tochter Mathilde als Resonanzverstärker einsetzt.

Pechstein entflammt umgehend für die junge Schönheit, die er der Sekte entführt. Damit beschwört er nicht nur Rainharts Zorn herauf: Sein meist im Vorborgenen bleibender Herr Ra-em-heb, der wohl nicht nur vorgibt, ein Überlebender aus der Zeit der Pharaonen zu sein, giert sowohl Mathilde als auch jenem Serum hinterher, dem Doctor Nikola seine ewige Jugend verdankt. Ras Methode ist weitaus weniger ausgereift, weshalb er unschön einer Mumie ähnelt.

Mathilde und Pechstein werden gefangen. Rettung winkt nur, wenn Felix sich bereiterklärt, Nikolas ebenfalls unsterbliche Katze Apollyon zu stehlen, aus deren Blut Ra Nikolas Serum destillieren will – ein gefährlicher Unterfangen, denn Nikola hasst Verräter, und seine Katze liebt er beinahe so sehr wie sich selbst …

Abwesend aber hier nicht vermisst

Ein unsterblicher Held ist von unterhaltsamem Nutzen. Er darf sich nicht nur überall auf diesem Globus in gefährliche Abenteuer stürzen, sondern kann außerdem auf Episoden der Weltgeschichte warten, die seinen Taten weiteren Glanz verleihen. Solche Ereignisse sind zwar recht zahlreich, doch es kann nicht schaden, wenn ein Autor quasi die freie Wahl hat.

Nachdem die Doctor-Nikola-Serie 2012 ausgerechnet in Deutschland fortgesetzt wurde, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das von Guy Newell Boothby 1895 auf die Welt losgelassene Forscher- und Verbrechergenie auch dieses Land heimsuchen würde. Zeitlich war die Nikola-Chronologie bereits ein gutes Stück ins 20. Jahrhundert vorgestoßen. Die naheliegende Wahl wäre es nunmehr gewesen, ihn in den Aufstieg des „Dritten Reiches“ zu verwickeln.

Tatsächlich spielt die Handlung 1927. Die Nazis rührten im Untergrund bereits mächtig Schmutz auf, durch die Haut des „Schlangeneis“ ließ sich bereits der böse Drache erkennen, wie Ingmar Bergman es 1977 in seinem gleichnamigen Film eindrucksvoll umschrieb. Petra Hartmann klammert diesen Aspekt völlig aus und bewahrt damit anders als Michael Böhnhardt („Das Luftschiff des Doctor Nicola“) den naiven Geist der Boothby-Vorlage.

Die nur beschränkt Goldenen Zwanziger

im Berlin des Jahres 1927 wäre auf einer Liste aktueller Schicksalsschläge die Finanzkrise ohnehin weit vor den Nazis gelandet. Banken manipulieren und kollabieren, Sparer verlieren ihre Einlagen, die Arbeitslosigkeit erreicht Rekordwerte: Womöglich hat sich die Situation nicht einmal gravierend geändert. Hartmann greift ein Stück Geschichte Hintergrund auf, das wieder beunruhigend aktuell klingt. Nicht einmal ein Genie wie Doctor Nikola bleibt von den Bebenwellen eines bereits global gewordenen Finanzmarktes verschont, der durch skrupellose Spekulationen entartet ist.

Sehr modern mutet allerdings des Doctors Lösungsweg an: Er heuert einen zwar schlauer aber nicht klüger, d. h. durch begangene Fehler geläuterten Bankier an. Wenig heldenhaft verhält sich Felix Pechstein, als er, die Krise fachmännisch nutzend, für seinen Auftraggeber faule Papiere losschlägt und dabei in Kauf nimmt, dass es einen Unglücksraben, der auf sein Spiel hereinfällt, das Leben kostet. Was Pechstein 1927 gelernt hat, wendet er – ein hübscher Gag der Autorin – auch zukünftig an und wird dadurch zum Mit-Auslöser der Weltwirtschaftskrise von 1929: In der modernen Welt kann auch ein Bankier einen Weltenbrand legen. Wir glauben es der Autorin ungern aber sofort.

Das Reich der Rattenfänger

Immerhin teilt Pechstein eine Weile das Schicksal der ruinierten Spekulanten und Sparer und landet auf der Straße. Dort lässt ihn die Autorin ein zwar aus den Fugen geratenes aber weiterhin funktionierendes Berliner Alltagsleben kennenlernen. Das Elend wirkt unmittelbarer als in der Gegenwart, denn das soziale Netz ist deutlich grobmaschiger. Dies ist die Stunde der Scharlatane, die sich als Heilsbringer aufspielen. Statt wie üblich und verdient mit Fußtritten davongejagt zu werden, finden und scharen sie nun die Verzweifelten um sich, die einfach jemandem folgen wollen, der verspricht, ihnen einen Weg aus der Misere zu weisen.

Wieder lässt Hartmann die Nazis außen vor und ersetzt sie durch eine der zahlreichen okkulten bzw. okkultistischen Geheimgesellschaften, die in den 1920er Jahren aus dem Boden schossen. Hier sind es die fiktiven „Kinder des Lichts“, die mit den angeblichen Weisheiten des alten Ägyptens locken. Hinter der imposanten Fassade lässt Hartmann erwartungsgemäß recht banale und sehr menschliche Interessen wuchern. Zumindest Meister Rainhart geht es um Macht, die er durch eine Mischung aus Gehirnwäsche und strenger Unterwerfung zu erhalten gedenkt. Dabei schreckt er nicht einmal davor zurück, die eigene Tochter zu instrumentalisieren.

Die staubige Eminenz im Hintergrund stellt Ra-em-heb dar. Obwohl Hartmann es niemals anspricht, mag er mit Pharos, dem Ägypter, identisch sein, den Guy Nevell Boothby 1899 in einem eigenen Roman tücken ließ. Die „Kinder des Lichts“ dienen Ra als unfreiwilliger Rohstoff, denn das eigene Unsterblichkeitsserum muss er buchstäblich aus den Leibern seiner Opfer pressen. Dennoch ist es nicht so wirksam wie das Qualitätsprodukt des Doctor Nikola, weshalb Ra umdisponiert und zur Katzenjagd bläst.

Ein Jedermann muss wachsen

Das allmähliche Durchschauen der Verschwörung bringt endlich die ritterliche Seite des Felix Pechstein zu Tage. Über sie verfügt jeder jugendliche Kolportage-Held. Ebenfalls genretypisch verliebt er sich auf den ersten Blick in eine schöne Maid, deren Reize noch steigen, weil sie aus Lebensgefahr gerettet werden muss. Selbstverständlich gibt es auch eine Mission zu erfüllen, die hier darin besteht, Ra einerseits zu täuschen und andererseits das Handwerk zu legen.

Das führt in der zweiten Handlungshälfte zu einem wahren Wirbel aufregender Geschehnisse, die unser Helden auch außerhalb Berlins überstehen muss. Selbstverständlich ist Pechstein anfangs alles andere als ein Abenteurer. In der Regel bringt er sich in Schwierigkeiten, aus denen ihn lange der wundersam am Ort der Krise auftauchende Larkin – eine missratene, weil gar zu übertriebene Figurenschöpfung der Autorin – retten muss. Recht schnell mausert sich Pechstein zum Fassadenkletterer oder Rennfahrer und lässt notfalls die Fäuste kreisen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, da er nach dem Willen der Autorin zwischen Hammer und Amboss – Nikola und Ra – gerät.

Wie es seiner Natur entspricht, ist Nikola einmal mehr vor allem Katalysator für eine Kette von Ereignissen, die dem eigentlichen Handlungsträger – Felix Pechstein – die aufregendste Zeit seines Lebens bescheren. Um seinen Nimbus zu wahren, beschränkt sich Nikola auf wenige aber dann effektvolle Auftritte. Natürlich führt er dabei die üblichen magischen Kunststücke vor, denn Nikola ist eitel, auch wenn er dies abstreiten würde.

Ihn zum fliegenden Rächer zu ernennen, der zornig mit seinem Luftschiff über Berlin kreist, weil seine geliebte Katze gekidnappt wurde, weist wiederum eine gewisse unfreiwillige Komik auf, es sei denn, man geht davon aus, dass Apollyon für Nikola ein „Schutzgeist“ ist, wie ihn die Hexen des Mittelalters angeblich an ihren Seiten führten. Auf jeden Fall ist Apollyon als Figur feiner gezeichnet als die schöne Mathilde, die gänzlich auf ihre Passiv-Rolle als „Frau in Gefahr“ beschränkt bleibt. Was Pechstein an dieser faden, lethargischen Person fasziniert, erschließt sich zumindest dem Leser nicht. Ein gebührend furioses Finale tröstet über solche kleinen Mängel hinweg.

Quo vadis, Nicola?

Dem sechsten Nikola-Band fehlt die inhaltliche und formale Intensität, die den Vorgängerband auszeichnete. „Das Serum des Doctor Nikola“ bietet ´nur´ buntes Abenteuer. So hatte es Guy Nevell Boothby vor mehr als einem Jahrhundert gehalten, und so funktioniert Nikola weiterhin problemlos.

Leider hat es den Anschein, als ginge Nikola schon wieder in den Ruhestand, denn es sind keine weiteren Fortsetzungen angekündigt. Umso mehr sollte der Leser sich über dieses wieder schön gestaltete, sauber gebundene und mit einer Klappenbroschur ausgestattete Paperback freuen!

(Dr. Michael Drewniok, März 2013)

Ihre Meinung zu »Petra Hartmann: Das Serum des Doctor Nikola«

tassieteufel zu »Petra Hartmann: Das Serum des Doctor Nikola«19.04.2013
Bankierssohn Felix Pechstein ist nach dem schwarzen Freitag der Berliner Börse arbeitslos, pleite und völlig am Ende. Nach dem Bankrott der Familienbank schoß sich der Vater eine Kugel in den Kopf, sein Bruder tauchte unter und Felix hält sich mit kaum zu findenden Gelegenheitsjobs über Wasser. So wie ihm geht es vielen im Berlin von 1927, für etwas zu essen oder ein paar Groschen würde er alles tun. Auch Doktor Nikola, der unsterbliche Superverbrecher ist von dieser Krise nicht verschont geblieben. Viele seiner einst so sicheren Aktien, die ihm einen angenehmen Lebensstil ermöglichten, sind nichts mehr wert, da kommt ihm der junge Pechstein, der ein Genie an der Börse war, gerade recht. Für ein fürstliches Salär will Nikola ihn beauftragen, seine maroden Aktien zu sanieren. Doch Felix sträubt sich zunächst, er findet Nikola unheimlich und empfindet dessen Gegenwart als schauderhaft. Doch dann überredet ihn sein leicht zwielichtiger Nachbar Larkin ihn zu den „Kindern des Lichts“ zu begleiten. Die Sekte, die auf die Wiederkehr der altägyptischen Pharaonenzeit hinarbeitet, wird von Meister Rainhart geleitet, der für die Zeremonien seine bezaubernde Tochter Mathilde einsetzt. Gleich bei seinem ersten Besuch entflammt Felix für die zarte Schönheit und als diese ihn bittet, sie aus den Klauen der Sekte zu retten, schreitet Felix mit Hilfe von Larkin zur Tat. Das Unterfangen kann natürlich nicht gelingen und wenn Felix seine Mathilde retten will, gib es nur einen Ausweg, er muß Doktor Nikola bestehlen.

Das sechste Abenteuer für den unsterblichen Schurken Doktor Nikola, diesmal von Petra Hartmann geschrieben, war für mich wieder ein spannendes Lesevergnügen, zwar nicht ganz so gelungen wie der Vorgänger „das Luftschiff des Doctor Nikola“ von Michael Böhnhardt, aber trotzdem eine sehr unterhaltsame Lektüre, die sich sehr gut in die Reihe einfügt und den genialen Forscher und Oberschurken Nikola nach Deutschland führt.
Die Atmosphäre im krisengeschüttelten Berlin ist sehr glaubhaft geschildert und erzeugt für den Leser ein eindringliches Bild. Alle sind betroffen, auch die Reichen und für etwas zu essen oder einen Gelegenheitsjob würden viele alles tun. Genau die typische Atmosphäre für Sekten, diverse Heilsbringer und Halsabschneider, die in dieser schweren Zeit großen Zulauf haben und mit ihren Betrügereien den Leuten noch den letzten Pfennig aus der Tasche ziehen. Hier bietet sich dem Leser ein detailreiches Bild einer Zeit, die für den schurkischen Nikola geradezu prädestiniert ist. Als Felix dann doch für Nikola tätig wird, zeichnet er sich auch nicht gerade durch faires Geschäftsgebaren aus, denn er saniert auf recht rücksichtslose Weise Nikolas wertlose Aktien. Erst als er zur Rettung seiner Angebeteten eilt, wächst er förmlich über sich hinaus, da er ja genau weiß, wie fürchterlich Nikolas Zorn sein wird und trotzdem läßt er sich auf den Handel ein. Hier macht die anfangs noch etwas blasse Figur eine rasante Wandlung durch. Wenn Pechstein sich plötzlich als Einbrecher und Schläger betätigt, wirkt das ein wenig überzogen, doch bei der Kürze der Seitenzahl muß die Hauptfigur eben schnell über sich hinaus wachsen. Insgesamt ist die Figurenzeichnung aber gut gelungen. Mathilde bleibt typisch für den viktorianischen Roman zwar eine eher blasse Randfigur, die aus der Not errettet werden muß und reine Staffage ist, aber das tut der spannenden Geschichte keinen Abbruch. Wirklich gelungen ist aber diesmal die Darstellung von des Doktors Katze Apollyon. Sie ist der eigentliche Held der Geschichte, sogar Nikola beugt sich ihrem Willen und das unheimliche Tier erscheint diesmal in ganz anderem Licht.
Insgesamt eine flott zu lesende, unterhaltsame und spannende Geschichte, wer die anderen Bücher um Doktor Nikola mochte, wird auch hier seine Freude haben. Vom Verlag wurde das Buch wieder sehr nett gestaltet und paßt mit Cover und Ausstattung zum Rest der Reihe, so etwas ist ja auch nicht selbstverständlich!

FaziT: ein spannendes, kurzweiliges Abenteuer, das den Spuren des klassischen Schauerromans folgt und Nikola, auch wenn er wie üblich nur am Rande agiert, wieder gelungen in Szene setzt und so Guy Nevell Boothbys Vorlage gekonnt weiter führt. Bleibt zu hoffen, dass der Wurdack Verlag noch weitere Abenteuer des unsterblichen Doktors hervor bringt, Potenzial hat die Figur dazu allemal!
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