Der Fels der schwarzen Götter von Petra Hartmann

Buchvorstellungund Rezension

Der Fels der schwarzen Götter von Petra Hartmann

Originalausgabe erschienen 2010, 240 Seiten.ISBN 3938065648.

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In Kürze:

Hochaufragende Felswände, darin eingemeißelt weit über tausend furchteinflößende Fratzen, die drohend nach Norden blicken: Einer Legende zufolge sind die schwarzen Klippen das letzte Bollwerk Movennas gegen die Eisdämonen aus dem Gletscherreich. Doch dann begeht der junge Ask bei einer Mutprobe einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat. Und die Völker des Berglandes wissen bald nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine schwarze Perle“92

Fantasy-Rezension von Anja Helmers

Einen faustgroßen Felsbrocken hält Ask als Beweis dem Anführer der jungen Dachse unter die Nase, einen schwarzen Stein aus den Dämonenklippen. Damit hat er die auferlegte Mutprobe bestanden und wird in den Kreis der jungen Jäger aufgenommen. Aber Toxaris, der Vater von Ask und Anführer der Jaran-Dem, beurteilt das Ergebnis anders, denn er erkennt, dass sein Sohn einem der Götter die Nase abgeschlagen hat. Die Abgesandten der Sippen halten Gericht über den Frevler und der Schamane hält Zwiesprache mit den Göttern. Um die erzürnten Götter zu versöhnen, soll Ask einen Bären erlegen und das Fell und die Zähne den schwarzen Dämonen als Opfer überbringen.

Roc, ein junger Mann der Haran-Dem, ist zum Nachfolger des Heiligen Mannes bestimmt. Am Ende des Nachtpfads erwartet ihn im Heiligtum seines Volkes, in den schwarzen Felsen mit den tausend brennenden Augen der Götter, eine Überraschung. Die letzte Lektion, die er von seinem Vorgänger lernen muss, fällt anders aus als erwartet.

Prinzessin Ziris, Tochter des Steppenkönigs der Nearith, hat ihren Liebsten verloren und will ihm ein Grabmal bauen lassen, das seinesgleichen sucht. Deswegen macht sie sich mit ihren Kriegern auf ins Bergland, um zu den sagenhaften schwarzen Klippen zu gelangen. Nur diese Steine sind ein angemessenes Baumaterial in ihren Augen. Einer der schlimmsten Kriege in der Geschichte des Landes Movenna beginnt.

Die Jaran-Dem gehören keinem König

Auf der Website der Autorin Petra Hartmann erfährt man, dass sieben Könige einst das Land Movenna gegründet hatten. Deren Nachfolger regierten, bis ein heruntergekommener Stammesfürst aus dem benachbarten Mogàl den letzten movennischen König besiegte und dessen Sohn Jurtak war Regent des Landes, als dieser furchtbare Krieg entbrannte. Außerdem erfährt der geneigte Leser, dass die Bewohner Movennas große Geschichtenerzähler waren. Einige davon sind nachzulesen in den Bänden „Geschichten aus Movenna“ (2004) und „Ein Prinz für Movenna“ (2007). Der vorliegende eigenständige Roman spielt ebenfalls in der Welt Movennas und erzählt die traurige Geschichte von der Zerstörung eines Heiligtums und dem anschließenden Untergang der Wald- und Bergvölker dieses Landes.

Prägnant und straff erzählt, aufgelockert durch gekonnt in die Handlung eingeflochtene Mythen und stimmungsvolle Szenen. Die Jaran-Dem, die Sippen der Waldwohner und die Haran-Dem, die Sippen der Bergwohner, sind archaische Jäger und Sammler, ohne Metallwaffen oder Metallwerkzeuge. Sie sehen sich nicht als Untertanen König Jurtaks und haben nur wenige Berührungspunkte mit den anderen Völkern des Reiches.

Die Erzählperspektive beschränkt sich bis auf den Epilog auf zwei Protagonisten: Auf Ask, Jaran-Dem und Roc, Haran-Dem. Beide sind jung und ungestüm, beide, wenn auch auf unterschiedliche Art sympathisch, aber vor allem sind sie wenig pathetische Helden. Sie werden so lebendig und glaubhaft geschildert, dass man beim Lesen als mitfühlender Mensch die Ohnmacht, den Unglauben und die Wut über das Geschehen förmlich im eigenen Bauch spürt. Meine Sympathien waren von Anfang an stark an die primitiven Bewohner der Wälder und Berge gebunden. Friedliche Menschen, die im Einklang mit der Natur leben und bisher einzig gegen harte Winter ums Überleben kämpfen mussten. Die fremden Eindringlinge dagegen sind klassische Eroberer. Stolze Steppenkrieger mit einem starken Ehrenkodex und ihrer Anführerin, Prinzessin Ziri, bedingungslos ergeben.

König Jurtak, der Herrscher über Movenna, prunksüchtig, aber nicht gewissenlos, lässt sich verblendet durch seine unerwiderte Liebe zu Ziris auf schäbige Methoden ein, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Ziris selber, verhärtet in ihrem Verlust und nicht mehr fähig, Mitgefühl zu empfinden, verfolgt ihr Ziel mit rücksichtsloser Arroganz. So nimmt die Tragödie ihren Lauf. Als die Berg- und Waldwohner schließlich den Kampf aufnehmen, um ihre Welt und ihr Heiligtum zu verteidigen, werden sie gnadenlos abgeschlachtet. Am Ende stehen die eigentlichen Opfer als barbarische und grausame Ungeheuer in den Augen der bäuerischen Bevölkerung Movennas und in den Augen der movennischen Geschichte da.

Ich habe im Bereich Fantasy selten eine so gelungene Darstellung eines so komplexen Themas in so knapper und erzähltechnisch gleichzeitig so ansprechender Form gelesen.

„Was scherte ihn der Rappe? Er war hier in Angelegenheiten der Götter.“ Zitat Roc

Nach Beendigung des Epilogs, der dem Leser wenigstens ein kleines Gefühl von Gerechtigkeit gönnt, musste ich das Gelesene erst einmal sacken lassen.

Dann kamen Fragen auf: Wieso hat Roc so gehandelt, wie er gehandelt hat? Er erkennt die Brisanz eines belauschten Gesprächs und handelt für einen modernen, aufgeklärten Menschen völlig unverständlich. Wieso hat die Sippe Asks sich so stur verhalten, als er von seinem Auftrag zurückkam? Da möchte man aufschreien als heutiger Mensch: „Seht ihr nicht, was auf euch zukommt.“ Sich in die animistische Weltsicht einer archaischen Sippe einzudenken und sie authentisch darzustellen, ist schwierig. Und ich kenne einige Beispiele, wo dieser Versuch kläglich daneben gegangen ist. Aber in Petra Hartmanns „Fels der schwarzen Götter“ fühlt sich das Verhalten der Jaran-Dem und der Haran-Dem echt an und das macht einen Teil des Lesevergnügens dieser wundervollen, düsteren Geschichte aus.

Eine kleine Kritik meinerseits gibt es aber doch: Die Geschichte vom Waldalten und der Sonnentochter enthält Elemente, die schlecht zu einem Jäger- und Sammlervolk passen. Ernte und Aussaat spielen für die Waldwohner keine Rolle, ebenso wenig Gold und Silber. Deswegen halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass in einem ihrer wichtigsten Mythen, im Entstehungsmythos des Waldes, typisch bäuerliche Motive Eingang finden würden.

Fantasy? Phantastik?

Interessanter aber erscheint mir die Frage, was ist daran Fantasy? Es gibt keine eindeutigen Fantasy-Elemente wie Zauberer oder Magie, keine Zwerge, Elben, Orks, keine Vampire, keine Zombies, keine Drachen oder Einhörner. Es geschieht nichts Übernatürliches. „Der Fels der schwarzen Götter“ ist ein Paradebeispiel für die Schwierigkeit der Einordnung. Es gibt zwei Ansätze bezüglich der Ursache des Untergangs der Wald- und Bergvölker. Erstens, die logisch rationale Erklärung, dass eine Spirale aus Rache, Neid und Gier, verkannter Liebe und Verblendung, und dem wahnsinnigen Verlangen eines in seinem Kummer zutiefst getroffenen Menschen zu dem Völkermord führte.

Zweitens, den spirituellen Ansatz, dass die Narretei eines Jungen und die gekränkte Rache eines unbedeutenden, aber hinterlisten Gottes der Auslöser für die Katastrophe war. Das Motiv des gemeinen Bimms, dem die Nase abgeschlagen wurde, zieht sich durch die gesamte Handlung. Der alte Heilige Mann warnt Roc nicht umsonst, niemals die kleinen Geister zu erzürnen, denn der rachsüchtige Bimms hat mehr vom Volk getötet als die drei Namenlosen zusammen. Ein kleiner Stein bringt eine Lawine ins Rollen.

Aber ist der spirituelle Ansatz Fantasy? Ein Angehöriger der San im südlichen Afrika würde manches sicher völlig anders bewerten als ein Mensch aus Europa oder den USA. Auf jeden Fall ist Völkermord und die Schändung und Vernichtung Heiliger Stätten eines sogenannten primitiven Volkes durch überlegene Eroberer ein Gemeingut der menschlichen Geschichte und gehört auch heute noch zu unserer Realität. Jedoch kann man „Der Fels der schwarzen Götter“ nicht zusammenhanglos betrachten, denn die Geschichte ist schließlich eingebunden in die fiktive Welt der bereits genannten „Movenna“-Erzählungen. Und dort gibt es definitiv phantastische Wesen, Hexen, Magie und unsterbliche Menschen.

Nennen wir es so:

Petra Hartmann gelingt mit „Der Fels der schwarzen Götter“ ein Roman, der fantastisch ist im Sinne von hervorragend. Ein Buch deutlich abseits von ´gehypter’ massentauglicher und seichter Fantasy-Lesekost. Realistisch anmutend im gnadenlos bitter verlaufenden Geschehen und mit einem schonungslosen Ende, weit entfernt von simpler Schwarz-Weiß-Malerei. Eine erbarmungslose Tragödie, wie sie sich immer wieder in ähnlicher Form abgespielt hat und noch heute abspielt. Eine wundervolle Geschichte für die dunkle Jahreszeit, die nachhaltig wirkt und für die man sich Zeit nehmen sollte.

 

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