Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick

Buchvorstellungund Rezension

Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick

Originalausgabe erschienen 1962unter dem Titel „The Man in the High Castle“,deutsche Ausgabe erstmals 1973, 347 Seiten.ISBN 3-453-52272-9.Übersetzung ins Deutsche von Heinz Nagel.

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In Kürze:

Was wäre, wenn Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt hätten …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Weit mehr als eine beliebige historische Spekulation. Ein Meisterwerk – wenn auch nicht für jedermann“95

Science-Fiction-Rezension von Guido Billstein

Philip K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ aus dem Jahre 1962 ist neben Ward Moores „Der große Süden“ (Bring The Jubilee, 1953) der bekannteste und sicher auch bedeutendste amerikanische Alternate History Roman der Science Fiction.

Wir befinden uns in Nordamerika Anfang der 1960er Jahre, genauer gesagt in San Francisco. Fast beiläufig erfahren wir, dass dieses Nordamerika irgendwie anders ist als wir es zu kennen glauben. Dass hier – an der Westküste – das japanische Kaiserreich das Sagen hat, während der Osten sich unter der Herrschaft des Deutschen Reiches befindet. Mit anderen Worten: Die Achsenmächte, und nicht die Alliierten, haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen.

Ebenso beiläufig erfahren wir auch, wie es dazu gekommen ist. 1933 fällt der gerade zum US-Präsidenten gewählte Franklin D. Roosevelt noch vor seinem Amtsantritt einem Attentat zum Opfer. Dieser Attentatsversuch ist historisch belegt; in unserer Geschichte scheiterte er jedoch. In Dicks Roman verfolgt der Präsident, der anstelle des ermordeten Roosevelts antritt, eine andere, nämlich isolationistische US-Außenpolitik mit stark reduzierten Rüstungsmaßnahmen. Folge: Die USA haben dem japanischen Kaiserreich militärisch nicht viel entgegenzusetzen: Beim Angriff auf Pearl Harbour wird die gesamte US-Pazifikflotte vernichtet (und nicht nur Teile, wie in unserer Geschichte) – die Vorentscheidung im Pazifikkrieg.

Die deutsche Luftwaffe entdeckt die getarnten Radaranlagen der Briten an der Kanalküste und zerstört sie. In unserer Geschichte übersieht sie diese Frühwarnsysteme. Folge: Das Deutsche Reich siegt in der Schlacht um England. Und so weiter und so weiter, der Rest ist – wie man so schön sagt – Geschichte. Keine Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Kapitulation der Alliierten 1947. In Europa werden Juden, Slawen und andere Völker gemäß der nationalsozialistischen Ideologie ausgerottet. Und die USA werden praktisch aufgeteilt.

Wie gesagt, Dick schildert all dies eher beiläufig, der Roman handelt in der Hauptsache von einer Gruppe von eher unspektakulären Menschen in Kalifornien und in den Rocky Mountains, von ihrem täglichen Leben und dem beginnenden Zweifel darüber, ob dieses Amerika wirklich real ist. Oder vielleicht eine – sagen wir mal – Fälschung? Diese Idee jedenfalls suggeriert ein geheimnisvolles Buch mit dem merkwürdigen Titel „The Grasshopper Lies Heavy“. Von den Nazis verboten, von denen Japanern bestenfalls toleriert, macht dieses Buch unter der Hand die Runde im Westen Nordamerikas. Es ist ein Buch über eine alternative Geschichte – über ein Amerika nach einem von den Alliierten gewonnenen Weltkrieg. Stellt sich nur die Frage – Wahrheit oder Fälschung?

Apropos Fälschung: Frank Frink, ein arbeitsloser Feinmechaniker will sich an seiner früheren Firma für seine Kündigung rächen. Diese Firma ist nur vordergründig eine harmlose Gießerei – dahinter verbirgt sich eine Fälscherwerkstatt, in der Mechaniker wie Frinck gefälschte Antiquitäten der US-Geschichte für den Markt gutbetuchter Japaner herstellen. Und zwar en gros. Um sich also zu rächen, erklärt Frinck dem führenden Händler dieser Ware, Robert Childan, bei seiner Handelsware handele es sich ausnahmslos um Imitate. Mr. Frinck hat im Übrigen nicht nur Antiquitäten, sondern auch seinen Lebenslauf gefälscht, um seine jüdische Herkunft zu verbergen. Ein gefälschter Pass: aus Frank Fink wurde Frank Frink. Schließlich machen auch in Amerika die Nazis Jagd auf Juden, um diese dann in europäischen Konzentrationslagern zu ermorden.

Frinks Ex-Frau heißt Juliana, lebt als Judo-Trainerin in den Rocky Mountain Staaten (ein Marionettenstaat, kontrolliert vom Deutschen Reich) und hat eine Affäre mit einem italienischen Trucker. Der ist aber in Wirklichkeit ein Schweizer Agent des deutschen Sicherheitsdienstes (d.h. des Geheimdienstes der SS). Und diese Organisation nun wieder ist überaus interessiert, den mysteriösen Autor des „Grasshoppers“ zu verhaften oder zu ermorden. Der Autor, Hawthorne Abendsen, lebt aus Angst vor den Deutschen in einem versteckt liegenden Haus in den Rockies.

Und so weiter und so fort. Dicks Roman erzählt im Wesentlichen die Geschichte dieser Charaktere verschiedener sozialer Klassen und ethnischer Herkunft. Darüber, wie sie ihre eigenen persönlichen Siege und Niederlagen erleben in einer Welt der Scheinwirklichkeit und Fälschungen.

Drei parallele Wirklichkeiten

Das Orakel vom Berge ist ein unglaublicher, ja fast ein irritierend komplexer und vielschichtiger Roman. Und das trotz der sehr moderaten Länge von ca. 350 Seiten in der deutschen Ausgabe. Es gibt nicht eine oder zwei Hauptpersonen, keine direkt gradlinige Handlung. Stattdessen mindestens fünf verschiedene Handlungsstränge, jeweils aus dem Blickwinkel der Protagonisten erzählt mit dem inneren Monolog als wesentlichem narrativen Mittel. Die meisten dieser Charaktere begegnen sich nicht einmal in diesem Roman: ihre Handlungen haben mehr oder weniger indirekte Auswirkungen auf die anderen.

Und das Ende? Juliana ist fasziniert von dem geheimnisvollen Buch. Was wäre, wenn es die Wahrheit erzählte? Wenn die Amerikaner und ihre Verbündeten tatsächlich gewonnen hätten? Und wie kam der Autor zu dieser alternativen Sicht? Also macht Juliana sich auf, ihn ausfindig zu machen, zur Rede zu stellen und – last not least – vor den nach ihm suchenden Nazis zu warnen. Eine entscheidende Rolle spielt das uralte chinesische Orakelbuch „I Ging“, das Hawthorne beim Schreiben des „Grasshoppers“ zu Rate zog. (Nach eigener Aussage verwandte Philip K. Dick auch selbst diese Orakel beim Entwurf der Handlung seines Romans).

„Das Orakel vom Berge“ lässt den Leser am Schluss ein wenig ratlos zurück. Fragen bleiben offen, und dies ist von Kritikern zuweilen bemängelt worden. Die naheliegende Interpretation ist die, dass „Das Orakel vom Berge“ nicht nur ein Alternate History-Roman ist, sondern – und vor allem – ein Roman über Paralellwelten. Wir haben es hier im Grunde mit drei verschiedenen, parallelen Wirklichkeiten zu tun.

Zum einen die anfangs real erscheinende Welt des Romans, in der die Achsenmächte den Krieg gewonnen haben. Zum Zweiten die Welt, in der wir (d.h. die Leser) leben, in der also die Alliierten letztlich die Siegermächte waren. Und zum Dritten die Welt des „Grasshopper Lies Heavy“, in der zwar auch die Alliierten den Sieg davontrugen, die aber dennoch nicht die unsere ist. Dies wird an einigen Details klar: So steigen im „Grasshopper“ die Briten zur wichtigsten Nachkriegsmacht in Europa auf und Winston Churchill wird nach dem Kriege zu einer zweiten Amtszeit wiedergewählt.

Diese drei Wirklichkeitsebenen existieren bei Dick prinzipiell unabhängig voneinander. Hin und wieder kommt es jedoch zu Überlappungen: Nobusuko Tagami erlebt eine solche in San Francisco, als er während einer psychologischen Krisensituation unvermittelt und vorübergehend in das San Francisco unserer Wirklichkeit versetzt wird. Vielleicht ist es aber auch die Grasshopper-Wirklichkeit? In letzter Konsequenz gibt es bei Philip K. Dick eben keine eindeutige Wirklichkeit.

Letztlich ist das alles nicht so wichtig. Das, was bleibt, sind diese ganz gewöhnlichen Menschen – Childan, Frink, Tagomi, Juliana und die anderen – und ihre Geschichten. Ihre Werte, ihre Konflikte und das Bestreben, herauszufinden was sich hinter der Scheinwirklichkeit und hinter den Fälschungen verbirgt. Sie erleben ihre Niederlagen (und bei Dick gibt es deren nicht wenige), aber sie geben nie auf. Kein Happy End, aber auch keine Resignation, kein Zynismus und kein Nihilismus.

Deswegen, und auch wegen seiner irren Komplexität und Vielschichtigkeit, ist „Das Orakel vom Berge“ weit mehr als eine beliebige historische Spekulation. Ein Meisterwerk – wenn auch vielleicht nicht für jedermann.

Ihre Meinung zu »Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge«

Justin Böttger zu »Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge«13.12.2016
Ich denke es geht auch ein wenig darum, was man wahrnimmt und was Wirklichkeit ist, denn auch das ist WELTEN von einander entfernt. Während der eine etwas gut findet, findet der andere das Selbe schlecht und dabei ist es ein und das Selbe. Ich denke die Perspektive und Wahrnehmung soll hier auch angesprochen werde und dargestellt werden dass man Dinge auch anders wahrnehmen kann und Dinge auch anders sein könnte je nach dem wie man es wahrnimmt.
x-ray321 zu »Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge«21.11.2015
Gute Idee, guter Anfang, schwach im Abschluss.

Die Idee eine Alternativwelt entstehen zu lassen, in der Japan und Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen haben, hat einen besonderen Reiz. Diesen Teil der Story beschreibt P.K. Dick detailliert, anschaulich und glaubwürdig. Die Protagonisten werden liebevoll dargestellt und dem Leser nahe gebracht. Leider geht es zwischendrin irgendwann schief, so dass sich nach zwei Dritteln des Buches immer noch keine Geschichte entwickelt hat und die Handlungsfäden lose in der Gegend hängen.
Das nicht wirklich überzeugende Ende trägt dann ebenfalls zu der nur durchschnittlichen Bewertung bei. In einem ähnlichen Setup konnte beispielsweise Robert Harris "Vaterland" weitaus mehr überzeugen.
Als hilfreich erweist sich das Vorwort von Kim Stanley Robinson (nach der Geschichte nochmal lesen!) und der Anhang. Neben einer Erläuterung zur Geschichte gibt es noch zwei vollständige Kapitel einer geplanten Vorsetzung des Buches. Dies alles zusammen hilft ein wenig zum besseren Verständnis.
Fazit: Sicherlich nicht die beste Geschichte von Philip K. Dick. Dennoch rechtfertigt alleine die Idee und ihr Umsetzung die Lektüre. Fans von P.K. Dick werden auch die flaue Storyline verschmerzen können.
Beverly zu »Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge«05.03.2012
Der zweite Weltkrieg ist vorbei. Die Siegermächte haben die Welt unter sich aufgeteilt doch nach dem Sieg über den gemeinsamen Feind ist ihre Allianz zerbrochen und zwischen ihnen herrscht so etwas wie der Kalte Krieg. Eine der Siegermächte sinnt sogar auf die Vernichtung der anderen, um die Welt und auch das Weltall allein zu beherrschen.
Wen wundert es, wenn sich ein Schriftsteller fragt: "Was wäre, wenn die Sieger des zweiten Weltkrieges die Verlierer und die Verlierer die Sieger wären?" Solche Überlegungen sorgen allerdings für einige Unruhe bei den Siegern. Denn das sind Nazi-Deutschland und das militaristische Japan.

Ich glaube, dass Dick "Das Orakel vom Berge" nicht geschrieben hat, um ein "realistisches" Szenario eines Sieges der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg zu Papier zu bringen. Vielleicht hat ihn sogar die Absurdität der Vorstellung fasziniert, dass zwei im Vergleich zu den USA winzige Länder unter der Führung größenwahnsinniger und offen menschenverachtender Regime die Welt unter sich aufteilen. Für seine von Verzweiflung geprägten Protagonisten ist kaum ein besserer - weil entsetzlicher - Hintergrund denkbar, als in so einer Welt leben zu müssen.
Ihr Kommentar zu Das Orakel vom Berge

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