Der unmögliche Planet von Philip K. Dick

Buchvorstellungund Rezension

Der unmögliche Planet von Philip K. Dick

deutsche Ausgabe erstmals 2002, 831 Seiten.ISBN 3-453-21731-4.

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In Kürze:

Eine einmalige Zusammenstellung der besten Erzählungen und Kurzgeschichten Philip K. Dicks, darunter die verfilmten Stories «Total Recall„; und “;The Minority Report».

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Mensch braucht Scheinwelten“90

Science-Fiction-Rezension von Holger Wacker

Inhalt:

- Roog (Roog, 1953)
 – Und jenseits – das Wobb (Beyond lies the Wub, 1952)
 – Die Verteidiger (The Defenders, 1953)
 – Kolonie (Colony, 1953)
 – Nanny (Nanny, 1955)
 – Variante zwei (Second Variety, 1953)
 – Gewisse Lebensformen (Some Kinds of Life, 1953)
 – Projekt: Erde (Project: Earth, 1953)
 – Menschlich ist …(Human Is..., 1955)
 – Der unmögliche Planet (The Impossible Planet, 1953)
 – Hochstapler (Impostor, 1953)
 – Das Vater-Ding (The Father-Thing, 1954)
 – Verwirrspiel (Shell Game, 1954)
 – Foster, du bist tot (Foster, You’re Dead, 1955)
 – Autofab (Autofac, 1955)
 – Nach Yancys Vorbild (The Mold of Yancy, 1955)
 – Der Minderheiten-Bericht (The Minority Report, 1956)
 – Zur Zeit der Perky Pat (The Days of Perky Pat, 1963)
 – Ach, als Blobbel hat man’s schwer! (Oh, To Be a Blobel!, 1964)
 – Die kleine Black Box (The Little Black Box, 1964)
 – Schuldkomplex (Retreat Syndrome, 1965)
 – Erinnerungen en gros (We Can Remember It For You Wholesale, 1966)
 – Rückspiel (Return Match, 1967)
 – Glaube unserer Väter (Faith of Our Fathers, 1967)
 – Die elektrische Ameise (The Electric Ant, 1969)
 – Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten (A Little Something for Us Tempunauts, 1974)
 – Die Präpersonen (The Pre-Persons, 1974)
 – Ätherfesseln, Luftgespinste (Chains of Air, Web of Aether, 1980)
 – Ich hoffe, ich komme bald an (I Hope I Shall Arrive Soon, 1980)
 – Eine außerirdische Intelligenz (The Alien Mind, 1981)

Bei Haffmans sind von 1993-2001 die 118 Science-Fiction-Storys von Philip K. Dick in zehn Bänden erschienen. Zweitausendeins brachte 2008 in einem fünf Bände und einen Begleitband umfassenden Schuber die Storys noch einmal heraus. Die Ausgaben sind heute nur noch antiquarisch erhältlich. Heyne veröffentlichte 2002 dreißig ausgewählte Storys unter dem Titel „Der unmögliche Planet“, mit einem Vorwort versehen von Sascha Mamczak, Lektor bei Heyne und Herausgeber der Dick-Reihe. Übersetzt haben die Geschichten Walter Grossbein, Bela Wohl, Ulrike Wasel, Thomas Mohr und Clara Drechsler.

Dick verkaufte seine erste Science-Fiction-Story im Oktober 1951 an das Magazine of Fantasy and Science Fiction. Die 1950er Jahre markierten einen Übergang der klassischen Science Fiction mit utopischen Narrativen, ideologischer Naivität und Technikverliebtheit hin zu gesellschaftskritischen Texten, dem, was wir heute Dystopie nennen. Für Dick waren sie eine sehr produktive Periode, aus der 17 der 30 Storys in „Der unmögliche Planet“ stammen.

Interkulturelle Kommunikation

Die erste Story der Erzählungssammlung ist „Roog“, ein Spiel mit Perspektive und Wahrnehmungen. Für die Hauptfigur, einen Hund, sind Müllmänner eine fremde Spezies, die nicht viel mit den Menschen, bei denen er lebt, zu tun haben, außer dass sie wöchentlich Opfergaben aus einer Tonne entnehmen. „Und jenseits – das Wobb“ lässt Soldaten auf eine Schweinen ähnlichen und der menschlichen Sprache fähigen Spezies treffen. Mensch und Alien sprechen über Philosophie in dieser Geschichte, die am Rande das Thema der Gehirnwäsche aufgreift.
„Ich hoffe, ich komme bald an“ erzählt vom Leiden eines Raumschiffes, einen Kolonisten im Kälteschlaf, dessen Bewusstsein durch einen technischen Fehler die zehn Jahre dauernde Reise über aktiv ist, bei Laune zu halten. Das Raumschiff ruft im Kolonisten Kindheitserinnerungen wach, die schön sein sollen, immer aber einen unschönen Kern aufweisen. „Eine außerirdische Intelligenz“ präsentiert Aliens, die moralisch höher entwickelt sind als der Mensch.

Kalter und heißer Krieg

„Der Verteidiger“ und „Variante zwei“ entwickeln zwei Szenarien vom Krieg zwischen den USA und Russland, der auf dem Schlachtfeld nur noch von Robotern geführt wird. Im ersten Szenario halten die Maschinen die Menschen mit einem geschickten Schachzug unter der Erde und können deshalb auf deren Oberfläche den Frieden wieder herstellen („Der Verteidiger“), im zweiten bekriegen sich die Maschinen irgendwann gegenseitig und sind folglich den Menschen nicht mehr nur äußerlich zum Verwechseln ähnlich („Variante zwei“). Dick erzählt von einem Weltkrieg, in dem Russen und US-Amerikaner Androiden einsetzen, die als sich selbst entwickelnde Intelligenz den Menschen überflügeln, sich von ihren Schöpfern unabhängig machen, intelligenter als diese werden, ohne jedoch anders zu denken, weshalb die Menschheit auf kürzere Sicht vor der Auslöschung stehen könnte. Auch „Rückspiel“ behandelt eine sich selbst entwickelnde künstliche Intelligenz.

Nanny-Maschinen („Nanny“) führen Stellvertreterkriege in den Vorstädten und stellen in einer wahnwitzigen Aufrüstungsspirale zugleich die Reproduktion des militärisch-industriellen Sektors sicher. „Gewisse Lebensformen“ beschreibt eine Welt, in der die Menschheit auf Venus und Mars Rohstoffkriege führt, um ihren Lebensstil erhalten zu können.

Ein seltsamer Alter scheint ein himmlischer Bürokrat zu sein, der einen Bericht an Gott schreibt, in dem sich die Vertreibung aus dem Paradies wiederholt: Nacktheit, Erkenntnis, Kleidung, Scham, Fehlschlagen des Projekts Mensch, ein Kind als Versucher („Projekt Erde“).

Body Snatcher, Paranoia und McCarthy

Eine Alternative zur Gehirnwäsche ist das mit der Science Fiction der fünfziger Jahre etablierte Motiv des Body Snatching. „Das Vater-Ding“ kommt dabei einer Invasion der Körperfresser, wie sie aus Filmen bekannt ist, noch am nächsten. „Menschlich ist“ lässt das Body Snatching Rexorianer betreiben, um nach Terra zu kommen. Einer von ihnen ersetzt den Protagonisten Lester, dessen Frau Jill den Neuen lieber mag als den der Lebensfreude abgewandten Ersetzten. „Menschlich ist“ thematisiert weiter eine Demokratie, die unter der Oberfläche in ein totalitäres System transformiert und Kontrolle bis zur Auslöschung des Anderen praktiziert.
Der Hintergrund der Ära McCarthy ist hier ebenso sichtbar wie in „Verwirrspiel“, einer Geschichte, in der ein robustes paranoides Weltbild alles assimiliert, was es kann, sogar den Widerspruch, der eigentlich zu seiner Aufgabe führen sollte. In „Kolonie“ geht Dick noch einen Schritt weiter, indem er seine immateriellen Wesen beliebige Körperformen annehmen lässt.

Technologiekritik

„Gewisse Lebensformen“ übt Kritik am Machbarkeitswahn, „Autofab“ daran, dass über die Folgen der Einführung neuer Technologien nicht nachgedacht wird. „Ach, als Blobbel hat man’s schwer!“ setzt sich auseinander mit Institutionen als Technologie menschlicher Interaktion, und einmal mehr erleben wir interkulturelle Beziehungen, die an Beschränkungen scheitern. „Die kleine Black Box“ buchstabiert Kritik solcher Art wenig verschlüsselt am Beispiel der Religion durch.

„Präpersonen“ behandelt den Zusammenhang von Überbevölkerung und Rohstoffknappheit. Als Ergebnis eines Machtspiels zwischen Politik und Kirche bekommen Kinder ab zwölf Jahren eine Seele zugesprochen und dürfen bis dahin abgetrieben werden, wenn die Eltern nicht mit ihnen zufrieden sind. „Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten“ arbeitet mit einer Vorstellung vom ewigen Leben, die sich durch einen absurden Kreislauf aus ewigem Sterben und Erneuerung bei vollem Bewusstsein einstellt.

Scheinwelten

„Der Minderheiten-Bericht“ stellt einmal mehr Juvenals Frage aus dem alten Rom: „Aber wer wird die Wächter selbst überwachen?“ (Satiren VI, 347f.). Und wo führt eine Demokratie hin, in der die Menschen glauben, sie sei eine Errungenschaft, an deren Erhalt den Herrschenden gelegen sei? Was ist, wenn die Wächter gar nicht mehr überwachen müssen, weil der Mensch sich die Fremdsteuerung nunmehr selbst einbaut? „Nach Yancys Vorbild“ beschreibt ein Szenario, in dem Menschen sich nur noch einbilden intelligent zu sein und eine Meinung zu haben, die aber keine ist, weil man sich aus dem vorgegebenen Angebot an Meinungen für eine entscheidet und dies für Meinungsfreiheit hält. Das erleichtert die Steuerung und Kontrolle erheblich.

Notfalls schafft man sich auch in einer schrecklichen eine schöne neue Welt. „Zur Zeit der Perky Pat“ thematisiert die Stabilisierung einer Scheinwelt durch Halluzinogene. Der diskursive Anker ist das Spiel. Spiel dient dazu, auf das Leben vorzubereiten. Die Kinder damals wie heute erkunden ihre Welt, um sich in ihr zurechtzufinden, während die Erwachsenen „Perky Pat“ u.ä. spielen, sich in die gute alte Zeit zurückspielen, damit sie ihre Gegenwart besser ertragen können.
Ebenfalls in eine private Scheinwelt ziehen sich die Akteure in „Schuldkomplex“ zurück, einer Geschichte, deren Original sich mit „Rückzugssyndrom“ übersetzen ließe.
„Erinnerungen en gros“ behandelt die Gehirnwäsche, die ein von Institutionsvertretern missbrauchter Mensch durchläuft, um diesen Missbrauch nicht zu realisieren. „Glaube unserer Väter“ verknüpft den Sieg Chinas über die Barbaren (USA), Sex und Theologie, Halluzinogene und Anti-Halluzinogene.
„Die elektrische Ameise“ präsentiert den Roboter Poole, der sich für einen Menschen hält. Seine Kollegen und Kolleginnen wissen, dass er eine Maschine ist. Aber wie sieht es mit ihnen aus? Als Poole hinter sein „Geheimnis“ kommt und seine Situation verstehen will, muss er zugleich der Frage nachgehen, ob seine Wirklichkeit nicht auch eine Konstruktion ist.

Universelle Themen von teils wachsender Bedeutung

Einige Geschichten in „Der unmögliche Planet“ erscheinen heutigen Lesern eher konventionell und offensichtlich. Viele Geschichten handeln vom Krieg. Nicht weiter verwunderlich ist dies, erlebte Dick doch das US-Engagement im Zweiten Weltkrieg, in Korea und Vietnam mit, nicht zu vergessen den Kalten Krieg, der einen großen Teil seines Lebens gegenwärtig war. Aber dass manche Storys heute etwas betagt wirken, schadet ihnen nicht. Es gibt eine seltsame Überlagerung dieser Betagtheit durch einen Effekt der sich beim Lesen einstellt – erstaunlich oft hält man inne und denkt: das ist bekannt aus diesem oder jenem Kinofilm, aus Fernsehserien wie Fringe, Akte X und Star Trek – und all das hat Dick also schon in den 1950ern geschrieben.

Die Zeit des Kalten Krieges, der sich mit ihm entwickelnden und in ihm äußernden Paranoia, die Entwicklung des Fernsehgerätes zum wichtigsten Massenmedium, von Dick beides hervorragend pointiert und satirisch in seinem Roman „Zeit aus den Fugen“ beschrieben, führte in eine Gesellschaft, der er wachsendes Misstrauen entgegenbrachte. In diesem Klima herauszufinden, was wahr ist, stellte für Dick eines der bedeutenden Probleme dar. Er setzte in diese Welt künstliche Intelligenzen, die vom Menschen kaum noch zu unterscheiden sind, vielfältige Formen von Simulakren kommen hinzu.
Die menschliche Wahrnehmung wird bestenfalls irritiert, schlimmstenfalls verzerrt und dann aufgelöst. Das Individuum wird manipuliert, korrumpiert, zumeist durch Konzerne und politische Institutionen. Besonders in den späteren Storys wird deutlich: Politikern im Allgemeinen und Regierungen im Besonderen kann man nicht über den Weg trauen.

Zu Dicks Zeiten hat man dies vielleicht noch für Science Fiction oder Geistesstörungen gehalten. In unserer Gegenwart haben wir damit jedoch wesentlich weniger Probleme. Deshalb erlebt Dick in den letzten Jahren eine Renaissance, weniger in Form seiner gedruckten Geschichten als in Form von Hollywoodfilmen wie Ridley Scotts „Blade Runner“, Paul Verhoevens „Total Recall“, Christian Duguays „Screamers“, Gary Fleders „Impostor“, John Woos „Paycheck“, Steven Spielbergs „Minority Report“ und Richard Linklaters „A Scanner Darkly“.

Dicks Perspektive auf den Menschen in einer säkularen Welt ist negativ. Die Welt ist ein absurdes Konstrukt, in dem der Mensch sich dennoch eine Zeitlang aufhält und in eben dieser Zeit in ihr klarkommen muss. Die Auseinandersetzung mit der Welt erfordert einen kritischen Umgang mit Institutionen, Opposition gegen jegliche menschliche Autorität. Er versucht eine komplexe Repräsentation der Welt, die jeden Ansatz eindimensionaler Rezeption sabotiert.
Dicks Themen sind auch heute noch von hoher Relevanz, und es lohnt allemal, sich mit diesem innovativen Schriftsteller und seinem verstörenden Partikelbau intensiver zu beschäftigen.

Holger Wacker, Mai 2013

Ihre Meinung zu »Philip K. Dick: Der unmögliche Planet«

mryello zu »Philip K. Dick: Der unmögliche Planet«18.07.2013
Im Vorwort schreibt Sascha Mamczak, der die Stories auswählte, er wolle lediglich einen Ueberblick über Dick's Schaffen präsentieren und habe die Geschichten chronologisch und nicht zuletzt nach seinem eigenen Geschmack ausgewählt.

Wer würde sich denn schon anmassen, ein Dick's "Best-off" publizieren zu wollen ?

Ein wundervolles Buch.
RM-Maus zu »Philip K. Dick: Der unmögliche Planet«13.02.2011
Philip K. Dick ist im Bereich der Sciene-Fiction mein Lieblingsautor. Ich kenne alle seine Kurzgeschichten, von denen eine Vielzahl mehr oder weniger gelungen verfilmt wurden.
Anzuführen sind in diesem Zusammenhang folgende Filme: "Screamers", "Total Recall", "The Minority Report", "Paycheck", "Vanilla Sky" und "The Impostor".

In seinen Erzählungen beschäftigt er sich mit zwei Grundthemen: Was ist menschlich? Und Was ist Wirklichkeit?

Unter dem Einfluss des Kalten Krieges sowie halluzinogener Substanzen entwickelten sich in einer Zeit, als an Handys und Computer noch nicht einmal zu denken war, in seinem Kopf bereits Visionen von einer Zukunft, die noch heute in diesem Genre wegweisend sind.

Mit sprachlicher Präzision lässt Philip K. Dick beispielsweise in wenigen Sätzen nukleare Landschaften auf der Erde entstehen, die ein Gefühl der Leere beim Leser hinterlassen.
Einige seiner Geschichten sind beklemmend und hoffnungslos, andere wiederum zeichnen sich durch eine gewisse Portion Ironie und Witz aus.

In jedem Fall weiß dieser Science-Fiction-Autor sein Publikum gut zu unterhalten.

"Der unmögliche Planet" ist eine Sammlung einiger ausgewählter Kurzgeschichten. Dass in dem Buch nur seine besten Erzählungen abgedruckt sind, kann ich in Kenntnis all seiner Kurzgeschichten nicht unterschreiben. Aber um einen Einstieg in das Werk dieses einzigartigen Schriftstellers zu erhalten, kann ich "Der unmögliche Planet" ohne Bedenken empfehlen.
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