Hauptgewinn. Die Erde von Philip K. Dick

Buchvorstellungund Rezension

Hauptgewinn. Die Erde von Philip K. Dick

Originalausgabe erschienen 1955unter dem Titel „Solar Lottery“,deutsche Ausgabe erstmals 1964, 204 Seiten.ISBN 3-404-21183-9.Übersetzung ins Deutsche von Leo P. Kraysfeld.

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In Kürze:

Die Welt hat sich in eine neue Ordnung begeben: Die Bewohner aller neun Planeten nehmen an einer solaren Lotterie teil, Quizspielen, deren Preis nicht in Konsumgütern besteht, sondern in Macht und sozialem Status -- und der Hauptgewinn ist es, Quizmeister selbst zu sein, der durch Zufall bestimmte absolute Diktator des Sonnensystems. Doch mit der neuen Ordnung ist es nicht weit her, die alten Mächte, die Konzerne und Trusts, halten immernoch die Fäden in der Hand. Und auch um die absolute Macht des Quizmeisters ist es nicht allzu gut bestellt, wie Cartwright feststellen muss, als er sich die Position durch Manipulation der Lotterie aneignet. Öffentliche Attentäter haben es auf ihn abgesehen, und die Konzerne haben andere Pläne als er.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das ganze Leben ist ein Quiz“83

Science-Fiction-Rezension von Stefan Heidsiek

„Hauptgewinn: Die Erde“ war nicht nur Philip K. Dicks Erstlingswerk, sondern auch gleichzeitig sein Durchbruch im Genre der Science-Fiction-Literatur, welches er in den folgenden fast 30 Jahren wie kaum ein anderer mitgeprägt hat. Von „Blade Runner“ über „Total Recall“ bis hin zu „Minority Report“. Dick avancierte, insbesondere durch die nach seinem Tod erfolgten Verfilmungen seiner Bücher und Kurzgeschichten, zum Kultautor, dessen literarische Qualitäten auch genreübergreifend mittlerweile die größte Anerkennung genießen. Was liegt da also näher, als sich seines Lebenswerks chronologisch anzunehmen, zumal die vorliegende Geschichte einen Handlungsrahmen enthält, der rein gar nichts von seiner Aktualität verloren hat und dessen Bezug zur Realität enger ist denn je.

Anfang Mai 2203. Unser blauer Planet ist in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung angekommen. Ein jeder Mensch hat seinen festen Rang und eine bestimmte Position in der Sozialstruktur. Frei nach dem Kommunismus sind alle (der Theorie nach) gleich. Ausgenommen ist der Herrscher des neun Planeten umfassenden Sonnensystems, welcher durch eine alle Jahre wiederkehrende Lotterie bestimmt wird, um jedermann die Möglichkeit zu geben, über die Erde und deren Kolonien zu herrschen. Durch die ständigen Wechsel wird gleichzeitig verhindert, dass eine Person zu viel Macht ansammelt, und die Entwicklung der Menschheit durch Stagnation gefährdet.

Nun ist der Zeitpunkt des Regierungswechsels erneut gekommen. Verrick, der bisherige Herrscher, sieht sich mit seiner Abdankung konfrontiert. Die Wahl der „Flasche“, dem Zufallsgenerator des Quizsystems, ist auf Leon Cartwright gefallen. Doch Verrick, welcher in den vergangenen zehn Jahren die geballte Macht der größten Konzerne und Trusts unter sich vereint hat, will seine Niederlage keinesfalls hinnehmen. Gemäß den Regeln wird ein von der Öffentlichkeit gebilligter Meuchler bestimmt, um Cartwrights Leben zu nehmen und die Flasche erneut wählen zu lassen. Für den neuen Herrscher bleibt nur wenig Zeit, um sein Lebenswerk, die Besiedelung der mysteriösen und von Preston entdeckten „Flammenscheibe“ zu vollenden …

Demokratie kapituliert vor der Macht der Konzerne

„Hauptgewinn: Die Erde“ ist nicht nur die erzählerische Verarbeitung der Neumannschen Spieltheorie, sondern gleichzeitig ein visionärer Fingerzeig auf eine aktuelle Entwicklung, in der sich Machtverhältnisse in den Ländern immer mehr zugunsten global operierender Firmen verschieben und sich das Interesse der Menschheit in weit größerem Maße am Profit als an der Verbreitung der Demokratie orientiert. Es ist ein düsteres Bild einer künftigen Gesellschaft, das Dick Mitte der 50er gemalt hat, in dem der Schein recht bald vor einer bitteren Realität kapitulieren muss. Die solare Lotterie, welche durch den Faktor Zufall für absolute Fairness sorgen soll, ist letztlich nicht mehr als die bröckelnde Fassade einer Gerechtigkeit. So ist der durch den Gewinn erworbene Titel des Herrschers im Verlauf der vielen Jahre zunehmend wertloser geworden. Die wahre Macht liegt in den Händen der Wirtschaft und den verschiedenen „Hügeln“, Firmen und Trusts, deren finanzielle Größe eine mögliche Einflussnahme des Quizmeisters limitieren.

Bereits in seinem Debüt weist Dick eine schriftstellerische Klasse und Genialität auf, die beeindruckt. Mit lockerer, aber doch sehr prägnanter Feder entwirft er das Bild einer Welt, deren Gesetze auf der einen Seite vollkommen absurd wirken – auf der anderen Seite aber auch immer wieder Parallelen zur Jetztzeit aufweisen. Mag ein vom Obersten Richter und im Fernsehen präsentierter Meuchelmörder in den 50er Jahren noch an den Haaren herbeigezogen gewesen sein. Beim Blick in das heutige TV-Programm und seine immer weiter ausufernden Reality-Shows scheint das alles plötzlich gar nicht mehr so sehr weit hergeholt. Dick mischt seine Zukunftsvisionen außerdem mit Elementen aus der Geschichte. So sieht sich die Menschheit, die in der Vergangenheit für Freiheit und Gleichheit gekämpft hat, nun mit einer modernen Form des Leibeigentums konfrontiert. Die in „Hauptgewinn: Die Erde“ geschilderten Lehensverträge binden Mitarbeiter von Firmen bis zu ihrem Tod. Und der Kampf um die Machterhaltung wird weit härter geführt, als der um Machtgewinn. Ein jeder versucht den Status Quo mit allen Mitteln zu halten. Dicks Beschreibung dieser verrohten, entarteten Demokratie bildet das Spannungselement in diesem kurzweiligen Roman, der gleichzeitig mit den Te-Pe’s eine neue Menschengattung einführt.

Diese telepathisch begabten Menschen sind nicht nur das hauseigene Korps des Quizmeisters, sondern zeigen bereits einige der Fähigkeiten, welche man in späteren Werken Dicks, wenn auch in leicht veränderter Form, stets aufs Neue wiederfinden wird. So u.a. in den aus dem Film „Minority Report“ (basierend auf einer Kurzgeschichte Dicks) bekannten Präkognitoren.

Neben diesem politischen Katz-und-Maus-Spiel, das mitunter mit brutalster Gewalt geführt wird, fällt der zweite Handlungsstrang, in dem sich eine Gruppe von Menschen mit einem alten Frachter auf die Reise zur „Flammenscheibe“ macht, ziemlich ab. Auch wenn Dick sich hier alle Mühe gibt – die Zusammenführung dieser beiden roten Fäden gerät doch recht verwirrend und stört den ansonsten reibungslosen Lesefluss. Diese weitere Ebene hätte es für die Erzählung nicht wirklich gebraucht, zumal die Ausarbeitung recht unfertig erscheint und der Füllmaterial-Charakter dieses Handlungsstrangs einfach zu deutlich zutage tritt.

Letztendlich kann das den immer noch vorhandenen Unterhaltungswert dieses allerersten Romans von Philip K. Dick aber nicht schmälern. „Hauptgewinn: Die Erde“ bietet für einige Stunden Lesespaß und deutet gleich in mehreren Passagen die Genialität dieses einzigartigen Schriftstellers an, die in späteren Werken noch weiter eindrucksvoller zutage treten wird. Ein guter, kurzweiliger Einstieg in die Dicksche Welt der Science-Fiction, welcher eine Neuauflage durchaus mal wieder verdient hätte.

(Stefan Heidsiek, Januar 2013)

Ihre Meinung zu »Philip K. Dick: Hauptgewinn. Die Erde«

J.-Christoph Nolte zu »Philip K. Dick: Hauptgewinn. Die Erde«27.10.2013
Nur ein bibliographisches Detail: Die erste deutsche Ausgabe ist in jedem Fall nicht von 1964, sondern eher von 1958 unter dem Titel "Griff nach der Sonne" von Semrau, Hamburg in der Reihe "Abenteuer im Weltenraum", Band 7 (und gelegentlich wird diese Ausgabe auch mit anderen Jahren, 1955 bis 1959, zitiert, 1958 scheint mir jedoch am wahrscheinlichsten), übersetzt von H. G. Zimmerhäckel. Diese Ausgabe ist allerdings im "Groschenheft-Format", jedoch wohl die erste Ausgabe von Dick auf deutsch, in jedem Fall sein erster Roman, auch wenn die Semrau-Ausgabe gekürzt ist.
Ricky Ho zu »Philip K. Dick: Hauptgewinn. Die Erde«06.03.2013
Frank Schirrmacher erwähnt und zitiert Dick und "Solar Lottery" in seinem aktuellen Buch "Ego - das Spiel des Lebens", in dem es ja genau um dieses Thema geht: die Anwendung der Neumanschen Spieltheorie auf die ganze Gesellschaft. Laut Schirrmacher in den Think Tanks des kalten Krieges entstanden und nach dessen Ende dann eben auf die Ökonomie und letztlich unser gesamtes Leben angewendet. Schirrmacher würdigt Dicks Leistung, dies als einer der ersten schon in den 50er Jahren erkannt und thematisiert zu haben.
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