Neal Stephenson: Eine gute Geschichte

Der amerikanische Schriftsteller Neal Stephenson gilt spätestens seit seinem Roman „;Cryptonomicon“ als Kultfigur. Begonnen hat er seine Karriere mit Cyberpunk-Werken wie „;Snow Crash“ und „;Diamond Age“, mit denen er den Begriff „;Avatar“ prägte. Im November 2008 erschien mit „;Principia“ der dritte Band seines Barock-Zyklus, der ihm weltweites Kritikerlob und noch mehr Fans einbrachte. Phantastik-Couch-Chefredakteur Frank A. Dudley traf Stephenson vor Beginn seiner Lesereise durch Deutschland und Österreich in Köln.

Von Frank Dudley

„;Ich wäre nach drei Tagen tot.“ Neal Stephenson ist völlig abgeklärt, was das Setting seines Barock-Zyklus angeht: „;All die Krankheiten und Seuchen damals, das würde ich als Mensch des 21. Jahrhunderts nicht lange überleben.“ Wir sitzen im Restaurant „;Alter Wartesaal“, direkt unter den Gleisen des Kölner Hauptbahnhofs und alle paar Minuten rattert und rumort es in der Jugendstil-Stuckdecke des historischen Gebäudes, wenn ein Zug ein- oder ausfährt. Zwischen Vorspeise und Hauptgang erklärt der 49jährige US-Autor, dass ihn die Periode, in der er seinen jetzt mit „;Principia“ abgeschlossenen Romanzyklus angesiedelt hat, aber nicht wegen solcher Beschwernisse des damaligen Alltags gereizt hat.

Wenn er ansetzt zu sprechen, hält er kurz inne, so als bringe er die Worte und ihre Bedeutungen noch einmal in die für ihn richtige Form und antwortet dann mit konzentrierter Miene: „;Als ich ´Cryptonomicon´ abgeschlossen hatte, wusste ich, dass sich Leibniz seinerzeit viele Gedanken zu automatisierten Rechenmaschinen, also Computern, machte. Und Isaac Newton betrieb lange Jahre eine Münzprägeanstalt, hatte also maßgeblichen Einfluss auf das damalige Finanzsystem.“ Für Stephenson, den ausgebildeten Physiker und Spross einer Wissenschaftlerfamilie, Grund genug, sich damit ausführlich zu befassen. Und ebenso überbordend wie die namensgebende Epoche sind dann auch seine in drei Bänden zusammengefassten acht Bücher des Barock-Zyklus. Angesiedelt in der Epoche zwischen dem Höhepunkt des Absolutismus in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und der Frühaufklärung zu Beginn des 18. Jahrhunderts, erzählt er Stephensons Version vom Aufbruch der Geisteswelt in die Moderne und von der Dämmerung von Vernunft und Rationalität.

In die Vergangenheit projiziert

Schon die Namensgebung der drei Zyklus-Bände verweist auf die Umbrüche, die die Epoche markieren, und Stephensons Gesicht spiegelt jetzt trotz Jetlag eine Gelassenheit wieder, die mich an den Zustand höchsten Wissens erinnert, den man nach abgeschlossenen Prüfungen erreicht. „;Ich habe den Titel ´Quicksilver´ gewählt, weil er auf schnelle Bewegungen und unsichere Zustände hindeutet, Quecksilber ist eine flüchtige Materie. ´Confusion´ hingegen ist die Kon-Fusion, der Zusammenfluss verschiedener Dinge, die in der Kombination etwas neues ergeben. Und ´System of the World´ (dtsch.: “;Principia„, Anmerk. d. Verfass.) bezieht sich den dritten Band von Isaac Newtons Hauptwerk ´Philosophia Naturalis Principia Mathematica´, der übersetzt ´Über das Weltsystem´ heißt. Die Wahl lag also nahe, zumal er in die Progressionsreihe der Titel passen musste“.

Das klingt nach viel Gedankenarbeit sowie detaillierter Recherche. Zusammengenommen hat Stephenson über fünf Jahre am Barock-Zyklus gearbeitet, in dem er das Wissen um das Wissen zum Thema macht und hochaktuelle Themen unserer Zeit – man denke an die anhaltende Finanzkrise oder Datensicherung und Krytpographie – zurück in die Vergangenheit projiziert. Doch dabei hat er sich nicht nur durch die Werke Newtons, Miltons oder die Stammbäume europäischer Adelshäuser gewühlt. Um Landschaften in ihrer Stimmung möglichst treffend wiederzugeben, konnte er als erfolgreicher Autor auch auf ein Reisebudget zurückgreifen. Eine dieser Recherchereisen führte ihn von Dresden über Leipzig in den Harz, wo einige seiner Hauptfiguren nicht nur Experimente in Sachen Silberförderung unternehmen lässt, sondern sie auch mit einer sehr drastischen Walpurgisfeier konfrontiert.

Ebenso ernsthaft wie seine inhaltlichen Erkundungen ist die Art, wie Stephenson seine Manuskripte verfasst: Er schreibt von Hand, und zwar alles. „;Ich kann sehr schnell tippen. Aber wenn ich schnell und viel schreibe, dann ist das Ergebnis oft unbefriedigend. Der Weg vom Hirn über die Hand aufs Blatt ist länger und langsamer, sodass der Text von vornherein durchdachter ist. Und hinterher muss ich dann nicht mehr soviel redigieren“. Was er übrigens auch von Hand macht, um danach erst alles abzutippen.

Rund 3.300 Seiten umfasst die deutsche Übersetzung von Neal Stephensons Barock-Zyklus, nach dessen Lektüre einem klar wird, dass der Autor selbst auf dem besten Wege ist, ein Universalgelehrter zu werden wie Isaac Newton und Gottfried Leibniz. Auf die Frage, was denn nun seine Motivation war, ein derart hochkomplexes Werk zu verfassen, hat Stephenson eine erstaunlich schlichte, wenngleich bestechend einleuchtende Antwort: „;Ich wollte einfach eine gute Geschichte erzählen“, sagt er und lächelt durch seinen graumelierten Bart.