Tote Mädchen von Richard Calder

Buchvorstellungund Rezension

Tote Mädchen von Richard Calder

Originalausgabe erschienen 1992unter dem Titel „Dead Girls“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 242 Seiten.ISBN 3518463098.Übersetzung ins Deutsche von Hannes Riffel.

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In Kürze:

Großbritannien 2071. Ein Virus verwandelt pubertierende Mädchen in bluthungrige Cyborgs, »tote Mädchen«. Wer von ihnen gebissen wird, zeugt selbst vampirische Wesen. Die regierende Partei »Human Front« ruft zum Massaker an den Puppen auf und riegelt London hermetisch ab. Doch der junge Ivan Zwakh weigert sich, seine Geliebte, die Sexpuppe Primavera, zu verlassen, auch wenn ihre Liebesbeweise ihn fast das Leben kosten. Den beiden gelingt die Flucht nach Bangkok, aber ihre Verfolger sind ihnen dicht auf den Fersen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Tote Mädchen kommen überall hin“84

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

Der dreizehnjährige Ignatz Zwakh liebt Primavera, ein Mädchen aus seiner Klasse. Der Entfaltung einer zarten Teenagerliebe steht allerdings ein nicht ganz unwesentliches Hindernis im Weg: Primavera ist ein Totes Mädchen, eine sogenannte Puppe. In Richard Calders naher Zukunft (die 2012 längst Vergangenheit ist) verwandelt eine Seuche erblühende Schulmädchen in mannstolle Automaten, die den Herren der Schöpfung an die Kehle springen um ihnen den roten Lebenssaft auszusaugen. Die Verwandlung der Mädchen kann vorerst mit Medikamenten verzögert werden. Mit der weiteren Verbreitung der Seuche entschließt sich die englische Regierung unter dem Druck der ´Reinheitsfront´ dann für die ´Endlösung´: Die Puppen werden am öffentlichen TV eutanasiert und London, der Seuchenherd, wird zur Sperrzone erklärt, worin nur noch weiterexistieren darf, wer bereits zuvor keine Lebensgrundlage hatte. Calders Szenario wirkt bei allen bizarren Auswüchsen durchaus realistisch: Europa, das ehemalige Imperium der Luxuskultur ist zerfallen, Amerika ist seit längerem zur wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit herabgesunken und die Staaten Asiens mit ihren pulsierenden Schmelztiegeln sind die großen Profiteure dieser globalen Umgewichtung. Und Smith & Wesson hat mit Mattel fusioniert, eine Realität in der nun alles möglich ist. Die Puppen sind derweil nichts anderes als kaugummiduftende Schreckgespenster; bewaffnet mit einer Vagina dentata rücken sie als Todesfantasien dem längst entmannten Europa noch einmal zu leibe.

„Puppen sind keine Frauen; sie sind die fleischgewordenen Wunschvorstellungen der Männer. Als Ebenbilder des Menschen geschaffen, sind sie eine Erweiterung seiner Sexualität; sie existieren um Weiblichkeit nachzuahmen und Vorurteile zu bestätigen. Ihr Geschlecht ist eine Illusion...“ (S. 218)

Den Puppen gehört die Zukunft

Der Roman, der 1992 erschien, trägt als ein Werk der Ära Cyberpunk auch einige Züge klassischer Dystopien und der alternate history. Grundstein für Calders Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist die Annahme, dass kurz vor Ende des Jahrtausends (im Text als das Zeitalter der ´zweiten Décadence´ bezeichnet) Bijoutiers wie Cartier, Seiko und Rolex anfingen Androiden als ´Accessoires´ für die Superreichen zu bauen. Künstliche Wesen, die abgesehen von ihrer Künstlichkeit, nichts vermissen lassen, was auch ein Mensch besitzt. Die perfekte Vereinigung von Hardware und ´Wetware´. Die Automaten der ersten Baureihe wurden ´L´ eve future´ genannt (nach dem Titel eines frühen SF-Romans von Villiers de l´ Isle-Adam), und wie es einst jeder gewöhnlichen Rolex erging, wurden auch die Automaten bald von eifrigen Kopisten nachgebastelt und falls gewünscht mit zusätzlichen Eigenschaften aufgerüstet. Als die Welt von billigen Kopien und ´Sexspielzeug´ aus Asien überschwemmt wurde, musste das tolldreiste Treiben der Menschheit damit natürlich das Schicksal herausfordern: Eine Seuche von biblischem Ausmaß in Form eines Nano-Virus überträgt sich von den Automaten auf den menschlichen Organismus, was bis dato niemand für möglich hielt. Nanotechnologie und Quantenphysik sind beides Stichworte, die in der Science Fiction gerne als Grundlage für Plausibilität herhalten müssen. Aber Calders ´Axiome´ überzeugen auch in poetischer Hinsicht, so dass die Technik gar nicht viel zu erklären braucht: Das Nano-Erbgut der Androiden wird über Speichel auf den menschlichen Wirt übertragen. Zeugt ein auf diese Weise ´verseuchter´ Mensch ein Kind, wird dieses, falls es ein Mädchen ist, später zur Puppe mutieren. Die Toten Mädchen sehen sich wiederum als Nachkommen der Cartier-Automaten und ihr Schicksal wird eng mit demjenigen einer Figur der biblischen Mythologie verknüpft: mit Lilith, der ersten schönen, aber borstigen Frau Adams, die diesem keine Nachkommen schenken wollte und schließlich durch die brave Zweitfrau Eva ersetzt wurde. Seither geistert Lilith als femme fatale durch die Literatur und steht für wahre Emanzipation. Männer, das hat die Genforschung längst gezeigt, benötigt es nicht mehr unbedingt zum Fortbestand der menschlichen Art. Die Toten Mädchen nennen sich daher berechtigterweise nach ihrer rebellischen Stammmutter ´Lilim´ und ihnen gehört die Zukunft. Denn der ´biologische´ Mensch ist ein Auslaufmodell …

Reise nach innen

Ignatz und Primavera gelingt schließlich die Flucht aus der Sperrzone und sie finden sich darauf in Bangkok wieder, im ´Big Weird´, einer flimmernden Welt der digitalen Täuschungen und der käuflichen Liebe. Roboter, Androiden, trügerisch lebensechte oder ganz exotische Liebespuppen gehören hier längst zur Kulisse, die in ihren künstlichen Schauplätzen dem Westen schöner nacheifert als er je gewesen ist. Im Auftrag von Madame K, einer androiden Matrone und der heimlichen Drahtzieherin dieser Pornokratie, verdient sich Primavera ihre Brötchen als beinharte Auftragskillerin. Doch sie und ihr mehr oder minder nutzloses männliches Anhängsel Ignatz werden bald vom amerikanischen Geheimdienst aufgegriffen. Und der Botschafter eröffnet den beiden, dass die USA große politische Pläne mit den Puppen verfolgten und dass man für Primavera spezielle Verwendung habe.

Die Story läuft auf einen Positionskampf von weltpolitischem Ausmaß hinaus, bei dem die amerikanischen Geheimdienstler, Madame K und Titania (eine der letzten ´lebenden´ Cartier-Automaten) alle ihr eigenes Spiel machen wollen. Diese Elemente der Verschwörung wären für meinen Geschmack nicht unbedingt nötig gewesen, die Geschichte besitzt auch so genug Sprengkraft. Primavera wird schließlich klargemacht, dass selbst künstliche Wesen nicht über ewiges Leben verfügen. Denn in ihrem Innern läuft ein Programm ab, welches schon in ihren Puppengenen festgelegt wurde. Die Reise geht also nach innen, hinein in die Puppenmatrix, wo Primavera dem Erschaffer der Gynoiden zu begegnen hofft. Der Vater aller Puppen hat sich in der Matrix angeblich als ´Software´ verewigt. Zurück im London ihrer Erinnerung, wollen Primavera und Ignatz den Urheber ganzen Trubels zur Verantwortung ziehen.

„Unter uns lagen die sagenhaften Ruinen von Londontown, ein Knochensack, ausgehungert und verlassen – eine mehr als zweifelhafte Zuflucht. Die Straßen sahen aus, als hätte Dickens den Punk erfunden.“ (S. 110)

Überreizung der Sinne

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass „Neuromancer“-Autor William Gibson Pate stand für „Tote Mädchen“. Calder entwirft mit bewährten Mitteln des Cyberpunk und -space eine eigenständige Zukunftsvision, die trotz hohem Exotikfaktor verblüffend eingängig wirkt. Der Text liest sich zu Beginn nicht ganz leicht, weil er unglaublich dicht ist, voller Bilder und Details, in denen man beinahe verloren geht. Die meisten Erklärungen erfolgen aber irgendwo im Text und sorgen dann jeweils für ein Aha-Erlebnis. Trotz einiger Fachbegriffe, Metaphern und Querverweise zu Geschichte und Unterhaltungskultur bekommt der Plot seine Leserschaft bis zuletzt gut in den Griff, vorausgesetzt, man ist zum Durchhalten entschlossen. Ein Gutenachtgeschichtchen ist dieses Buch sicher nicht, man muss sich viele Bilder selber erarbeiten. Der Lohn dafür ist ein interessanter kleiner Kosmos, der nicht mit dem letzten Buchstaben des Romans gleich wieder verblasst. Er dürfte allerdings jene überfordern, die sich gerne leichte ´Fertigprodukte´ servieren lassen.

„Tote Mädchen“ ist Nummer drei aus der Reihe Newgothic, die von Dietmar Dath herausgegeben wird und die wiederum das Zeitalter der (literarischen) Dekadenz mit all ihren vitalen Gegensätzen und Kontrasten aufleben lassen will. Calders Roman ist poetisch, kindlich klug und zielt auf Überreizung der Sinne ab. Im positiven Sinn. Bitte mehr von diesem Autor!

(Thomas Nussbaumer, März 2012)

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