Das Unsterblichkeitsprogramm von Richard Morgan

Buchvorstellungund Rezension

Das Unsterblichkeitsprogramm von Richard Morgan

Originalausgabe erschienen 2002unter dem Titel „Altered Carbon“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 606 Seiten.ISBN 3-453-87951-1.Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Kempen.

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In Kürze:

Ein atemberaubender SF-Thriller, wie ihn Philip K. Dick nicht besser hätte schreiben können! Was wäre, wenn man ewig leben könnte? Wenn das in einem Computer gespeicherte Bewusstsein immer wieder in einen neuen Körper transferiert wird? Was für eine Welt wäre das? Und was würde der Tod in dieser Welt bedeuten? Privatdetektiv Takeshi Kovacs ist kurz davor, es herausfinden.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Hard-boiled meets Science Fiction“;71

Science-Fiction-Rezension von Frank A. Dudley

In jedem Genre gibt es stilbildende Ikonen, deren Strahlkraft oft medienübergreifend ist. Solche Ikonen bieten meist reichlich Projektionsfläche für kultische Verehrung: Polizisten, die mit großkalibrigen Revolvern ihre eigenen Moralvorstellungen unzimperlich durchsetzen, handeln auch 35 Jahre nachdem der gleichnamige Film in die Kinos kam, in „;Dirty Harry“;-Manier. Und seit 1982 ist „;Blade Runner“; der Referenzfilm, wenn es um stets dunkle, verregnete und übervölkerte Multi-Kulti-Riesenstädte der hyper-globalisierten nahen Zukunft geht, in der rücksichtslose Riesenkonzerne mit fragwürdigen Technologien Abermilliarden verdienen. Unter anderem.

Richard Morgan hat aber nicht nur diese beiden Filme studiert, er hat auch Raymond Chandler gelesen. Aus der Kombination von Motiven und Stilelementen dieser Werke hat er mit seinem Erstlingswerk „;Das Unsterblichkeitsprogramm“; die Geschichte des Future Noir-Subgenres auf neonschillernde Weise fortgeschrieben.

Wer hat mir den Daten-Kopf weggeblastert?

Ungefähr zur Mitte dieses Jahrtausends hat die Menschheit diverse Planeten des Weltalls besiedelt. Mitgenommen hat sie ihre Streitsucht, Kriege dauern nun wegen der Entfernungen zwischen den verfeindeten Welten und Parteien schon mal ein paar Jahrzehnte. Technologischen Fortschritt bringt wie auf der Erde meist der Rüstungswettlauf mit sich: Weil Truppen nicht mit Lichtgeschwindigkeit durchs All geschickt werden können, wird kurzerhand das auf einem Lippenstift-großen Datenspeicher, dem kortikalen Stack, komprimierte Bewusstsein der Soldaten per Needlecast von einem Schlachtfeld zum nächsten geschickt. Vor Ort wird der Stack in einen neuen Körper, einen so genannten Sleeve, gesteckt. Diese schnelle Eingreiftruppe für interplanetare Offensiven, euphemistisch Envoys (engl. für Gesandte) genannt, erhält zudem ein psychologisch-sensorisches Tuning, um jeden neuen Sleeve mühelos an ihr Bewusstsein anzupassen. Eine Folge dieser Re-Sleeving-Technologie: Die theoretische Unsterblichkeit des Geistes.

Das Fleisch bleibt allerdings vergänglich, wie die Hauptfigur Takeshi Kovacs gleich zu Beginn der Story schmerzhaft erfahren muss: Während eines riskanten Arbeitseinsatzes als Privatdetektiv werden er und seine Partnerin physisch ausgeschaltet. Seine Strafe sitzt Kovacs’ Daten-Ich auf einem Festplatten-Knast ab. Aber der nächste Auftrag holt ihn vorzeitig aus der hundertjährigen Abspeicherung ? dauerhaft allerdings nur, wenn er den Fall zur Zufriedenheit des Auftraggebers löst. Dieser heißt Laurens Bancroft, ist einer der reichsten Männer der Erde, und ein „;Meth“;, ein Methusalem. Sein Geist ist beinahe 400 Jahre alt, sein aktueller Körper-Sleeve nur knapp 50. Bancrofts Problem besteht darin, dass er glaubt, ermordet worden zu sein ? Kopf samt Datenstack wurden mit einem Hochenergie-Blaster atomisiert. Reich wie er ist, hatte Bancroft natürlich noch einen Ersatz-Sleeve im Klon-Lager, den er mit einer Sicherheitskopie seines Geistes animiert. Die Polizei geht nach ihren Ermittlungen von Selbstmord aus und hat den Fall zu den Akten gelegt.

Zwar ist Kovacs weder der Art der Vertragsbedingungen noch vom Auftrag selbst begeistert, aber er akzeptiert den Deal, um nicht wieder hinter digitalen Gardinen zu landen. Was zunächst wie ein unspektakulärer Fall aussieht, nimmt bald unangenehm komplexe Formen an. So ist Kovacs’ neuer Sleeve der ehemalige Körper des Mannes, mit dem die Polizistin, die im Bancroft-Fall ermittelt, ein Verhältnis gehabt hat. Dann muss Kovacs feststellen, dass sein Auftraggeber abnorme sexuelle Vorlieben hat, dass dessen Frau ihn offensichtlich vernaschen will und dass ihm einer der gefährlichsten Killer der Erde nachstellt. Alles bloß Zufall? Bevor Kovacs es allerdings herausfindet, dreht sich die Spirale aus Intrigen und Gewalt immer schneller und den Weg des ehemaligen Kommando-Soldaten säumen zahlreiche kopflose Leichen.

Großes Kopf-Kino, vertane Chance

Richard Morgans Zukunftsvision der Erde ist eine desillusionierte, eine dunkle (auch wenn anders als bei Blade Runner regelmäßig die Sonne scheint) und eine fesselnde. Sein Private Eye Takeshi Kovacs ist ein abgebrühter und rücksichtsloser Profi, der erst zuschlägt, bevor er fragt, und der die Frauen reihenweise flachlegt. Die Gewalt- und Sexszenen sind dementsprechend drastisch, Folter und Sexualpraktiken werden unverblümt dargestellt und sind nichts für Zartbesaitete.

Es gibt alle paar Seiten rasante Actionszenen mit wilden Schießereien, die mit detaillierter Ästhetik beschrieben werden, dass sie vor dem inneren Auge des Lesers fast in Zeitlupe ablaufen. Das ist großes Kopf-Kino, Morgan kennt sich mit der Choreographie asiatischer Martial Arts-Filme aus. Kovacs pendelt während seiner Ermittlungen zwischen der schmutzigen Unterwelt und den luxuriösen Spielplätzen der unermesslich Reichen, beide Schauplätze beschreibt Morgan lebendig bis fast schon stechend intensiv. Technologie spielt selbstverständlich mehrere Hauptrollen von beeindruckend bis brutal, sei es als Bewusstseins-Transfer oder Spinnengift-Nadelpistole.

Takeshi Kovacs’ zerissener Charakter wird langsam und facettenreich entwickelt, Morgan exponiert dessen Schwächen, Stärken und Neurosen, die sich aus dem intensiven Leben mit Envoy-Fähigkeiten ergeben, glaubwürdig Zug um Zug. Nebendarsteller, wie etwa Bancrofts Frau, weisen dagegen leichte Tendenzen zur Zweidimensionalität auf.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass der Hard Boiled-Anteil den Science Fiction-Part oft derart überlagert, dass es den Motiven Unsterblichkeit/Bewusstsein/Seele an Substanz und Feinschliff mangelt. Eine Technik mit derart weitreichenden Konsequenzen wie Re-Sleeving müsste erheblich mehr Einfluss auf das Verhalten der Menschen, auf die ganze Gesellschaft haben, als es in „;Das Unsterblichkeitsprogramm“; der Fall ist. Hier hat Morgan eine Chance vertan, seinem Roman mit stärkerem Subtext zusätzliche inhaltliche Tiefe zu verleihen.

Dennoch ist der erste Teil der Takeshi Kovacs-Trilogie spannend bis zur letzten Seite, die man im ersten Morgengrauen umblättert. Hollywood hat sich bereits die Filmrechte gesichert, und, wer weiß, vielleicht wird ein Kultfilm daraus.

Ihre Meinung zu »Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm«

CosmicHardtack zu »Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm«23.08.2011
Spannend ist die Geschichte schon. Was mir aber weniger gefällt, ist der angeblich kompromisslose Erzählstil. Wer die alten hardboiled-Krimis kennt, die in der Rezension angesprochen werden, stellt fest, dass Morgan sehr bemüht eben dieses Genre kopiert. Beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, Hammett & Co im Hintergrund mitzuhören. "Wildheit" ist nun wirklich was ganz anderes, als penibel und kontrolliert einen Stil zu kopieren, der schon 70 Jahre auf dem Buckel hat, und ein paar bekannte Ideen aus der SF runterzumischen.
CosmicHardtack zu »Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm«23.08.2011
Spannend ist die Geschichte schon. Was mir aber weniger gefällt, ist der angeblich kompromisslose Erzählstil. Wer die alten hardboiled-Krimis kennt, die in der Rezension angesprochen werden, stellt fest, dass Morgan sehr bemüht eben dieses Genre kopiert. Beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, Hammett & Co im Hintergrund mitzuhören. "Wildheit" ist nun wirklich was ganz anderes, als penibel und kontrolliert einen Stil zu kopieren, der schon 70 Jahre auf dem Buckel hat, und ein paar bekannte Ideen aus der SF runterzumischen.
Khaless zu »Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm«08.02.2009
Das SF-Genre ist doch nicht tot, wie man manchmal befürchten muss, wenn man die neueren Werke liest. Aber dieser Roman ist einfach klasse. Eine wendungsreiche, spannende Geschichte mit hervorragenden Ideen und einem kompromisslosen Erzählstil. Die Menschheit hat sich zwar technisch weiterentwickelt, aber ansonsten herrscht der selbe Wahnsinn, der auch unsere Gesellschaft heimsucht. Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Geld- und Machtgier sind allgegenwärtig. In diesem Umfeld identifiziert man sich irgendwie mit dem Helden, der dies einfach nicht alles hinnimmt, sondern nach dem Motto handelt: "Misch dich ein!" Ein sehr empfehlenswertes Buch!
Christof zu »Richard Morgan: Das Unsterblichkeitsprogramm«24.09.2008
Ein Klasseroman!!
Bin völlig begeistert, mit welcher "Wildheit" hier das Genre der SF-Literatur aufgemischt wird. Spannend, fesselnd und immer wieder ein "Aha"-Erlebnis sollen nur einige Attribute sein, die dieser Roman verdient.
Wendungsreich und voller Ideen geht hier Richard Morgan ans Werk und bannt den Leser mit seinen, stellenweise sehr zwiellichtigen, Figuren. Dieses Buch baut eine Atmosphäre auf, die fast spürbar wird und die Action ist packend beschrieben. Wer einen unkonventionellen SF-Roman sucht sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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