Robert A. Heinlein – der unbequeme Großmeister

von Michael Drewniok

In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden: Robert A. Heinlein, eine der zentralen Gestalten der modernen Science Fiction, die er mit seinen zahlreichen Werken so entscheidend prägte, dass man ihn 1975 als „Grand Master of Science Fiction“ auszeichnete; außer ihm wurden bisher nur Isaac Asimov und Arthur C. Clarke mit diesem Preis geehrt. Heinlein war als Schriftsteller wie als Mensch beliebt und umstritten wie kaum ein anderer SF-Autor seines Jahrgangs, und obwohl er bereits 1982 gestorben ist, blieb er im Genre präsent – eine Person mit rätselhafter Persönlichkeit, die einerseits die Zukunft als Ort des Fortschritts und der Freiheit beschrieb und andererseits zu reaktionären, ja faschistoiden Ansichten neigte.

Start mit Hindernissen

Robert Anson Heinlein wurde am 7. Juli 1907 als drittes Kind von von Rex Ivar und Bam Lyle Heinlein im Städtchen Butler, Bates County (US-Staat Missouri), geboren; es gab sechs Geschwister. Der junge Bob ging in Kansas City zur Schule, besuchte bis 1924 die Central High School und schrieb sich im folgenden Jahr an der U.S. Marineakademie in Annapolis ein. Seine Ausbildung dort endete 1929, und Heinlein diente als Soldat u. a. auf dem Flugzeugträger „Lexington“, bis er 1934 aufgrund einer Tuberkulose-Erkrankung in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde – ein harter, nie verwundener Schlag für den jungen Mann, der eine Karriere als Offizier anstrebt hatte. Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor wollte der inzwischen 36-jährige Heinlein unbedingt in den Krieg ziehen, wurde für den aktiven Dienst jedoch abgelehnt. Ersatzweise arbeitete er 1942 bis 1945 als Maschinenbau-Ingenieur für die Marine in Philadelphia. Wie wichtig ihm diese Tätigkeit war, belegt die Tatsache, dass bis 1947 als Schriftsteller eine Pause einlegte.

Zurück ins Jahr 1934: Inzwischen mit Leslyn McDonald verheiratet, studierte Heinlein Physik und Mathematik an der U.C.L.A, doch erneut ließ ihn die Gesundheit im Stich, und er musste – eine weitere Schmach – die Ausbildungsstätte ohne Abschluss verlassen. In den folgenden Jahre schlug sich Heinlein wenig erfolgreich mit diversen Jobs durch. 1938 versuchte er erfolglos in ein politisches Amt gewählt zu werden.

Autor wider Willen

Ende der 1930er Jahre versuchte sich Heinlein als Schriftsteller – für ihn zunächst nur ein weiterer Versuch, endlich ein gesichertes Auskommen zu finden. Aufgrund seiner naturwissenschaftlich-technischen Vorbildung widmete er sich der Science Fiction, die in zahlreichen zeitgenössischen Pulp-Magazinen veröffentlicht wurde, deren Herausgeber zwar schlecht zahlten, doch bereit waren, auch Neulingen eine Chance zu geben.

Heinlein debütierte 1939 in der August-Ausgabe des Magazins „Astounding Science Fiction“ mit der Story „Lifeline“ (dt. „Lebenslinie“). John W. Campbell, der Herausgeber, erkannte das junge Talent und ermunterte es, nicht simple Weltraum-Opern, sondern über die Gesellschaft der Zukunft zu schreiben. Heinlein nahm ihn beim Wort und plante nichts weniger als eine Geschichte der Zukunft, welche deren politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte berücksichtigte (und schließlich den Zeitraum zwischen 1951 und 2600 abdeckte). Darüber hinaus extrapolierte er wissenschaftliche, religiöse oder künstlerische Zustände – ein ehrgeiziges Programm, dem vor allem der junge Heinlein besser als viele seiner schreibenden Kollegen gerecht wurde. In dieser Phase legte er das Fundament seines Ruhmes, das allerdings schon erste Risse aufwies: Heinlein überschätzte gern sein intellektuelles Potenzial. Wo er an seine Grenzen stieß, ersetzte er Wissen gern durch Mystik und Binsenweisheit.

Ende 1939 wurde Heinlein zusehends produktiver. Er arbeitete an seiner „Future History“, und er schrieb daneben so viele 'normale’ Storys für diverse Magazine, dass er sich gleich mehrere Pseudonyme zulegte, um dies weniger auffällig werden zu lassen. Unbekannt war bis vor einigen Jahren, dass Heinlein in den Jahren 1938/39 einen ersten Roman verfasste, der bis 2003 unveröffentlicht blieb. „For Us, the Living: A Comedy of Customs“ (dt. "Die Nachgeborenen„) ist kein unentdeckt gebliebenes Meisterwerk. Vor allem unter literaturwissenschaftlicher Sicht ist dieses Buch – ein 'Rundgang’ durch eine detailreich dargestellte utopische Welt des späten 21. Jahrhunderts – jedoch interessant, denn es zeigt in deutlichen Ansätzen schon den später oft gescholtenen, weil stockkonservativen Eiferer.

Science-Fiction-Star mit Zeitgeist

1947 kehrte Heinlein nach seinem 'Kriegseinsatz’ (s. o.) als Schriftsteller zurück. Die Welt der Science Fiction hatte sich verändert, der Niedergang der Pulps begonnen. Romane erschienen nunmehr verstärkt in Buchform. Heinlein passte sich dem an. Er veröffentlichte weiterhin Storys (und baute seine “Future History„ aus), aber noch 1947 auch den Roman “Rocket Ship Galileo„ (dt. “Endstation Mond„/“Reiseziel Mond„), der sich speziell an jugendliche Leser richtete: Heinlein hatte ein Publikum entdeckt, das im Sinne “seiner„ Zukunft formbar schien. Der Flug zum Mond findet bei ihm weniger aus wissenschaftlichem Interesse statt, sondern um zu verhindern, dass sich jemand, der nicht US-amerikanisch und deshalb potenziell feindlich ist, auf dem Erdtrabanten festsetzt. (“Rocket Ship Galileo„ wurde 1950 unter dem Titel “Destination Moon„ aufwändig verfilmt. Heinlein arbeitete am Drehbuch mit und wurde als 'Fachmann’ für die Raumfahrt der Zukunft engagiert.)

Bis 1958 erschien jährlich ein neues SF-Buch “für die Jugend„. 1959 wurde Heinlein mit dem “Boys’ Clubs of America Book Award„ ausgezeichnet. Drei Jahre zuvor hatte er mit “Double Star„ (dt. “Ein Doppelleben im Kosmos„) seinen ersten “Hugo Gernsback Award„ gewonnen; drei weitere sollten folgen.

Zum Erfolg trugen seine schriftstellerischen Fähigkeiten bei. Heinlein verpackte seine Botschaften in spannende Geschichten. Er schilderte stimmungsvoll fremde Welten voller Abenteuer, wobei er sich in einfachen, verständlichen Worten ausdrückte und mit bemerkenswerter Ökonomie gleich in mehreren SF-Subgenres schwer erreichbar Maßstäbe setzte. So gelten “By His Bootstraps„ (1941, dt. “Im Kreis„) und “All You Zombies„ (1959, dt. “Entführung in die Zukunft") noch heute als zwei der besten Storys zum Thema Zeitreise überhaupt.

Viele technische oder astronomische Voraussagen Heinleins stellten sich mit den Jahren erwartungsgemäß als falsch oder überholt heraus. Aus heutiger Sicht wirken freilich vor allem die didaktischen Intentionen Heinleins fragwürdig. Doch die Mehrheit der zeitgenössischen Leser und Kritiker teilte seine autoritäre Haltung. Die Jugend, so Heinlein, muss lernen – nicht nur in der Schule, sondern auch im Leben. Dabei lautet die wichtigste Lektion: Disziplin. Die vermittelt im Idealfall das Militär. Hier werden junge Menschen geformt und lebenstauglich gemacht. Das funktioniert besser, wenn sie auf ältere = weise 'Leitbullen’ hören, die ihnen auch mögliche kontraproduktive Faxen wie ein mögliches Aufbegehren gegen das Heinlein-System austreiben.

Allerdings muss es das „richtige“ System sein. Keinesfalls propagiert Heinlein blinden Gehorsam: Wenn sich eine Regierung oder die (von Heinlein verabscheute) Bürokratie gegen ihre Bürger versündigt, muss sie es sich gefallen lassen, kritisiert oder gestürzt zu werden. Eigeninitiative ist des Bürgers erste Pflicht: Lerne, sei wachsam und aktiv: Dieses Credo hält Heinleins Universum zusammen, denn: „There ain’t no such thing as a free lunch“ – Auf dieser Welt gibt es nichts gratis. Für sein Auskommen hat man zu arbeiten und dabei sein Bestes zu geben. Dabei gedeiht quasi automatisch die Gesellschaft.

In einem gewissen Rahmen hat das Individuum also durchaus seine Freiräume. Der Haken wird deutlich, wenn man die Frage stellt, was mit denen geschieht, die sich Heinleins 'weiser Diktatur’ nicht anschließen können oder möchten. Hier kennt der Autor keine Gnade, kann sie gar nicht kennen, möchte er seiner Philosophie treu bleiben. Was das in der (literarischen) 'Realität’ bedeutet, trieb er geradezu infam 1959 in „Star Ship Troopers“ (dt. "Sternenkrieger„) auf die Spitze: Demokratische Rechte stehen nur demjenigen Bürger zu, der 'gedient’ hat.

Sein Erfolg spornte Heinlein Ende der 1950er Jahre an, nun auch für 'erwachsene’ Leser zu schreiben. 1947 hatte er sich scheiden lassen und 1948 in zweiter Ehe Virginia Doris Gerstenfeld (1916-2003) geheiratet. Wie Isaac Asimov in seinen Memoiren (1994) anmerkt, bildete sie anders als Leslyn McDonald kein mäßigendes Element für Heinleins zunehmende Drift nach Rechts. In den 1950er Jahren war das kein Manko, sondern praktisch das Markenzeichen des 'guten Amerikaners', der die Feinde der freien Welt – allen voran 'die Kommunisten’ – misstrauisch im Auge behielt. Was geschehen konnte, wenn diese Wacht vernachlässigt wurde, beschrieb Heinlein 1959 im bereits erwähnten Roman “Star Ship Troopers„. Die “Bugs„, gegen die seine Helden zu Felde ziehen, sind verfremdete “commies„, die sich buchstäblich wie ein gefräßiger Insektenschwarm über die Menschheit hermachen. Dass Heinlein damit den richtigen Ton getroffen hatte, bewies die Auszeichnung des Romans mit einem “Hugo„.

Doch als paranoiden Feuerfresser konnte man Heinlein nicht abstempeln. Während er die weniger militaristischen Leser vergräzte, stieß er gleichzeitig das konservative Publikum vor den Kopf, indem er in seinen Werken verstärkt aktuelle, oft heikle Themen wie Religion und Sex (inklusive verpönter 'Abarten’ wie Inzest oder “freie Liebe„) aufgriff und sich dabei (aus zeitgenössischer Sicht) recht deutlich ausdrückte. Dies relativiert sich aus heutiger Sicht, da Heinlein Religion wüst mit Mystik verquirlte und der Sex bei ihm steril und zimperlich wirkt; die echten Tabus umschiffte Heinlein oder akzeptierte sie. Nie nahm er seine Leser mit auf eine wirklich verstörende Zukunftsreise, stürzte die Pfeiler grundsätzlicher gesellschaftlicher Normen um und wartete ab, was sich daraus entwickelte: Wie Dorothy (aus “Der Zauberer von Oz„) in Kansas blieb Robert A. Heinlein im zukunftsfernen All stets der Mann aus Missouri.

Reaktionär als Idol der liberalen Jugend

Zu den großen Treppenwitzen der Literaturgeschichte gehört es, dass ausgerechnet Heinlein zu einem Idol der “Love & Peace„-Bewegung“ der 1960er Jahre wurde. Es sagt viel über die Ahnungslosigkeit der Hippies aus, die „Stranger in a Strange Land“ (1961; dt. "Ein Mann in einer fremden Welt„/“Fremder in einer fremden Welt„) zwar lasen aber nicht verstanden. Dies war keine Vision von Valentine Michael Smith, dem moralisch unverbogenen 'Aussteiger’ vom Mars, der gegen das verkrustete Establishment aufsteht (und nebenbei ausgiebig der körperlichen Liebe frönt), sondern die typische, hier nur besonders verquast erzählte Heinlein-Mär vom geistig und moralisch überlegenen “Führer„, der mit einer elitären Helferschar (den “Wasserbrüdern„)  die Menschheit zum Licht führt. Dieser Smith hätte seine “Brüder„ ganz gewiss nicht unter Hippies gesucht. Besser begriff Charles Manson Heinleins Intention; der selbst ernannte Prophet und Anstifter zum mehrfachen Massenmord zählte “Stranger ...„ zu seinen Lieblingsbüchern und adaptierte manche Weisheit daraus für den Kodex seiner “family„ …

“Stranger in a Strange World„ wurde wie “Star Ship Troopers„ mit einem “Hugo„ ausgezeichnet. Wichtiger war jedoch, dass dieser Roman auch außerhalb der Science Fiction ein breites Publikum fand. Die Verkaufszahlen der Heinlein-Bücher erreichten ein für das Bankkonto des Autors erfreuliches Niveau. Er war nun auf dem Gipfel angekommen, schrieb nur noch wenige Monate im Jahr und reiste ausgiebig. 1969 kommentierte er an der Seite von TV-Legende Walter Cronkite die erste bemannte Mondlandung. 1973 kehrte er unter dem 'Decknamen’ James V. Forrestal für einige Zeit als Dozent an seine geliebte Navy-Akademie in Annapolis zurück.

In den 1960er Jahren erschienen dennoch einige seiner bekanntesten Werke, darunter “Glory Road„ (1963, dt. “Straße zum Ruhm„), ein buntes SF-Garn in der Tradition eines Edgar Rice Burroughs; “The Moon Is a Harsh Mistress„ (1967; dt. “Revolte auf Luna„), der (mit einem weiteren “Hugo„ ausgezeichnete) Kampf um die Freiheit einer künftigen Mondkolonie, sowie “I Will Fear no Evil„ (1970; dt. “Das geschenkte Leben„), die Odyssee eines (im Körper einer schwarzen Frau!) 'wiedergeborenen’ Mannes.

SF-Superstar im Zwielicht

In diesen Jahren wurde allerdings die Kritik lauter. Auch in der Science Fiction hatten sich die “Swinging Sixties" inhaltlich und formal niedergeschlagen. Viele der 'alten’ SF-Autoren waren den daraus resultierenden literarischen Herausforderungen nicht gewachsen oder nicht willig sie anzunehmen. Für Heinlein, der längst als Verkörperung 'seines’ Genres galt, traf sicherlich beides zu. Eine verhängnisvolle Schere begann sich zu öffnen: Heinleins Werke wurden – nicht nur vor dem Hintergrund einer zeitgemäßen SF, sondern leider auch grundsätzlich qualitativ immer schlechter, während sie gleichzeitig Rekordauflagen erfuhren. Heinlein schloss Verträge über sechs- und schließlich siebenstellige Dollarsummen ab. Er fühlte sich als Schriftsteller bestätigt und sah keinen Grund sein Erfolgsrezept zu ändern. Außerdem steigerte er sein Arbeitstempo wieder – und produzierte ab 1973 jene Romane, für die ihm Brian W. Aldiss 1986 in „Trillion Year Spree“ (dt. „Der-Milliarden-Jahre-Traum“), einer monumentalen Geschichte der Science Fiction, im Kapitel „Dinosaurier-Geschichten“ seine besondere Aufmerksamkeit widmete.

Bitterböse aber sachlich analysierte Aldiss den „späten“ Heinlein, verurteilte ihn als ideenleer gewordenen, geistig um sich selbst kreisenden, müde die bekannten Muster variierenden, geschwätzigen alten Mann. In diesem Zusammenhang ging er auf die verhängnisvolle Veränderung in der Verlags- und Buchhandelswelt ein, deren Vertreter Geld nicht in die Werke fähiger Nachwuchsautoren investierten, sondern lieber Rekordsummen für miserable aber garantiert auflagenstarke Heinlein-Wälzer ausgaben.

Selbst Heinleins treues Stammpublikum konnte den Niedergang nicht leugnen. Aldiss hatte – noch zu Lebzeiten Heinleins – rücksichtsvoll auf die Frage verzichtet, ob und in welchem Maße dies womöglich auf die schwindende Gesundheit des Autors zurückging. 1970 erkrankte Heinlein an einer Bauchfellentzündung, die ihn beinahe das Leben kostete und zwei Jahre dem Schreibtisch fernhielt. Erst 1973 meldete er sich mit „Time Enough for Love“ (1973; dt. "Die Leben des Lazarus Long„) zurück, einem aufgeblähten, mit peinlichen Altmänner-Sexfantasien durchsetzten Durcheinander, das die neuen Abenteuer von Lazarus Long beschreibt, der 1958 in “Methusalah’s Children„ (dt. “Die Ausgestoßenen der Erde„) seinen ersten Auftritt gehabt hatte.

Vom aktuellen Werk abgekoppelt wuchs Heinleins Ansehen. Für seine Verdienste um die SF wurde er 1975 zum “Grand Master of Science Fiction„ ernannt. Angesichts der ernsthaften gesundheitlichen Situation des Autors geschah dies zum richtigen Zeitpunkt.

Schreiben als Kampf gegen Alter & Krankheit

Gravierend für Heinlein als Schriftsteller erwies sich ab 1975 eine degenerative Krankheit, die zur Schrumpfung seines Gehirns führte. 1977 kamen massive Durchblutungsstörungen des Hirns hinzu. Heinlein unterzog sich einer riskanten operativen Weitung seiner Halsschlagader, was ihm Erleichterung verschaffte.

Ungeachtet der nicht nur möglichen, sondern sicher anzunehmenden Auswirkungen auf seinen Intellekt setzte Heinlein die Arbeit fort. Sein Spätwerk umfasst das Alternativwelt-Epos “The Number of the Beast„ (1980; dt. “Die Zahl des Tiers„) – ein Roman, der recht voreilig aber lukrativ als Heinleins “letzter„ vermarktet wurde -, das SF-Abenteuer “Friday„ (1982; dt. “Freitag„), das metaphysische Multiversum-Spektakel “Job: A Comedy of Justice„ (1984; dt. “Das neue Buch Hiob„), die Zeitreise-Mär “The Cat Who Walks Through Walls„ (1985; dt. “Die Katze, die durch Wände ging„) sowie die Rückkehr ins Lazarus-Long-Universum “To Sail Across the Sunset„ (1987; dt. “Segeln im Sonnenwind„).

Alle diese Romane zeigen einen Verfasser, der keine Plots mehr entwirft und mit Leben füllt, sondern einen literarisch inkontinenten Bestseller-Autoren jenseits von Gut & Böse, der seine Worte quasi einfach laufen lässt. Die Routine von Jahrzehnten ließ Heinlein bis zuletzt nicht im Stich, während seine Fantasie und seine Disziplin sich in Luft auflösten. Nun 'borgte’ er sich, was ihm in der aktuellen Science Fiction gefiel. Es überrascht kaum, dass er dabei die neuen Werke der anderen SF-Dinosaurier bevorzugte, die er noch aus seinen Anfangsjahren als Autor kannte. Von Isaac Asimov übernahm er den Einfall, sein Gesamtwerk zu einer Geschichte der Zukunft zu verklammern, die seine eigene “Future History„ noch in den Schatten stellen sollte; dass er den teilweise schon vor Jahrzehnten entstandenen Storys und Romanen dabei Gewalt antat, um sie diesem Konzept anzupassen, störte Heinlein nicht. Reflexion war nie seine Stärke gewesen. Mit “The Cat ...„ von 1985 treibt er es auf die Spitze und enthüllt die traurige Wahrheit eines vollkommenen Scheiterns (was den Buchverkäufen freilich keinen Abbruch tat).

In der zweiten Hälfte der 1980er wurde offensichtlich, dass Heinleins Gesundheit endgültig verfiel. Die Tuberkulose seiner Jugend, deren schädliche Folgen auch die moderne Medizin nur mildern aber nicht mehr heilen konnte, hatte die Atemorgane des Autors geschwächt. Zu allen anderen Leiden erkrankte Heinlein nun auch noch an einem Lungenemphysem, dem er schließlich am 8. Mai 1988 erlag.

Das lange Nachleben

Er war buchstäblich am Schreibtisch verstorben; unverdrossen hatte der moribunde Verfasser gearbeitet. Die Show bzw. das Geschäft musste weitergehen, wofür nun Virginia Heinlein Sorge trug. Aus tiefen Schubladen kamen in den nächsten Jahren diverse Texte zum Vorschein, die Heinleins Gedanken und Briefe mit Aussagen über Leben und Arbeit (“Grumbles from the Grave„, 1989), ein politisches Manifest aus jungen Jahren (“Take Back Your Government!: A Practical Handbook for the Private Citizen Who Wants Democracy to Work„, 1992) sowie die Schilderung einer weiten Reise in den 1950er Jahren (“Tramp Royale„, 1992) in Buchform sammelten. Eines letzten Romanfragments (aus dem Jahre 1955) nahm sich der renommierte (und wohl in Geldnöten befindliche) SF-Autor Spider Robinson an; “Variable Star„ erschien 2006.

Während die Bücher von Heinlein in Deutschland im Gegensatz zu den anderen Altmeistern der Science Fiction immerhin noch erhältlich sind, bleibt sein 100. Geburtstag seitens der Verlage, die einst gutes Geld mit ihm verdienten, unbeachtet. Anders in den USA, wo für den Juli 2007 u. a. in Kansas City eine dreitägige Gedenkfeier mit Ehrengästen wie Buzz Aldrin und Arthur C. Clarke stattfinden soll. William Patterson schreibt an einer neuen Heinlein-Biografie. Wohl am besten gefallen hätte dem verstorbenen Großmeister aber sicherlich jene Kampagne, die das Ziel hat, einen Zerstörer der US-Marine auf den Namen “USS Robert A. Heinlein„ taufen zu lassen …(Ein Krater auf dem Mars trägt immerhin bereits seinen Namen.)

Dieser Text stützt sich auf folgende Quellen:

I. gedruckt

  • Brian W. Aldiss: Der-Milliarden-Jahre-Traum, Bergisch-Gladbach : Bastei Lübbe Verlag 1987, bes. S. 277-279, 282-288, 347/48, 374-379, 506-512
  • “Robert A. Heinlein„, in: H. J. Alpers – W. A. Fuchs – R. M. Hahn – W. Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur, München : Wilhelm Heyne Verlag 1988, S. 533-537
  • Joachim Körber: “Robert A. Heinlein„, in: Bibliographisches Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur, hg. von Joachim Körber, 37. Ergänzungslieferung (März 1994), Meitingen : Corian Verlag, S. 1-31

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