Die Bürde des Blutes von Sarah Pinborough

Buchvorstellungund Rezension

Die Bürde des Blutes von Sarah Pinborough

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „A Matter Of Blood“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 479 Seiten.ISBN 3800095351.Übersetzung ins Deutsche von Catrin Fischer.

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In Kürze:

Der Fliegenmann Inspector Cass Jones hat es gleich mit mehreren spektakulären Mordfällen zu tun. Zum einen erschüttert eine mysteriöse Mordserie London. Der Täter hinterlässt Botschaften auf den Körpern seiner Opfer. Zum zweiten sind zwei Schuljungen offenbar in eine Schießerei zwischen rivalisierenden Banden der Londoner Drogenmafia geraten. Und dann hat auch noch Cass jüngerer Bruder Selbstmord begangen. Es verdichten sich die Anzeichen, dass alle Todesfälle miteinander zusammenhängen. Die Spur führt zu einem transnationalen Finanzkonsortium.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein echter Hingucker“80

Horror-Rezension von Anja Helmers

London, irgendwann in der nahen Zukunft. Die Bank, ein Finanzkonsortium, hält die wirtschaftliche Macht in ihren Händen und zieht indirekt an allen Fäden. Cass Jones, Inspector bei der Kriminalpolizei, wird anstelle eines Kollegen zu einem Tatort gerufen. In einem heruntergekommenen Wohnblock wurde die nackte Leiche einer jungen Frau gefunden. Auf ihren mageren Körper hat der Täter die Worte „NICHTS IST HEILIG“ mit Blut quer über ihre Brust geschmiert. Die vierte Leiche innerhalb von zwei Monaten deutet auf einen perversen Serienmörder mit einem speziellen Markenzeichen hin. Jedes Mal werden Fliegeneier in den Augen der Opfer gefunden.

Nichts allerdings weist darauf hin, dass dieser Serienkiller etwas mit dem anderen Fall, in dem Cass Jones ermittelt, zu tun hat. Zwei getötete Schuljungen, die beim Mordanschlag auf einen bekannten Gangsterboss offensichtlich in die Schusslinie geraten waren. Als Hauptverdächtiger gilt Artie Mullins, ein Unterweltboss, von dem Cass Jones regelmäßige Bonuszahlungen erhält. Aber Artie erklärt Cass, dass er nicht versucht hat, seinen Konkurrenten so stümperhaft auszuschalten, zumal er keinen Vorteil davon hätte. Cass ist gewillt, ihm zu glauben, aber er braucht handfeste Beweise dafür. In beiden Fällen laufen die Ermittlungen ins Leere, trotz der Unterstützung seiner klugen Assistentin, Sergeant Claire May.

Die Lage wird noch verworrener, als der Bruder von Cass Jones Selbstmord begeht, nachdem er zuvor seine Frau und seinen Sohn getötet hatte. Der Detective Inspector versinkt in einem Strudel aus brutalen Ereignissen, verstrickt mit ungelösten Rätseln aus seiner Vergangenheit.

Die Herrin der Fliegen

Sarah Pinborough legt mit dem ersten Teil einer Trilogie einen spannenden Mystery-Thriller hin, der mich nach anfänglicher Skepsis zum Ende dann doch überzeugt hat. Die ersten 50 Seiten lasen sich dank der stilistischen Versiertheit der Autorin sehr zügig, aber dann kam Unmut auf. Ein frustrierter Polizist, der ab und zu kokst, in dessen Ehe nur noch der Sex stimmt. Eine junge, hübsche Assistentin an seiner Seite, mit der er natürlich ein Verhältnis gehabt hatte, und eingeschoben dann kursiv gedruckte Seiten aus der Sicht des Serienkillers. Wie öde, dachte ich, alles schon gehabt. Dann der Prolog, der mit dem Fliegenorchester über der verstümmelten Leiche beginnt. Gut geschrieben zwar, aber ich fühlte mich doch arg an einige Krimis erinnert, die ich im letzten Jahr gelesen hatte. Je weiter ich dann aber las, um so mehr entwickelte sich die Handlung in unerwartete Richtungen. Mit intelligenter Akribie, mit völlig natürlich wirkenden Andeutungen, lenkt die Autorin den Leser in ein immer dichter werdendes Gespinst aus dunklen Machenschaften, die mit Cass Jones´ Vergangenheit zu tun haben. Die übernatürlichen Elemente fügen sich wie selbstverständlich ein, auch sind sie sparsam gehalten. Erfreulicherweise benötigt die Autorin nicht eimerweise Blut oder ausgiebige Beschreibungen von sadistischen Quälereien, um Spannung zu erzeugen, sondern sie setzt auf subtile Mittel.

Es gelingt ihr mit knappen Worten, aber sehr treffenden Formulierungen, Stimmungen aufzubauen, Gefühle im Leser zu wecken. Den Ekel greifbar zu machen, den Frust und die Hoffnungslosigkeit in diesem korrupten System, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft. Renten- und Krankenversicherung für die Allgemeinheit wurden längst abgeschafft, jeder versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten. Eine düstere Gesellschaft, in der vieles nur noch Fassade ist, wie die Regierung, die am Tropf der allmächtigen Bank hängt. Vieles ist nur eine konsequent weitergedachte Entwicklung jetziger Zustände, die nicht besonders abwegig erscheint, und deshalb besonders betroffen macht.

Ein guter Polizist, der denkt wie ein Krimineller

Im Spannungsfeld zwischen einem korrupten Polizeiapparat, einer kaputten Gesellschaft und ganz privaten Problemen steht DI Cass Jones, der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Er ist einerseits ein arroganter Macho mit dem typischen Gehabe seines Geschlechts, andererseits ist er innerlich so zerrissen, dass man ihm einiges seiner Unzulänglichkeiten problemlos verzeiht. Sein Zynismus ist nur ein Zeichen davon, dass er seinen eigenen moralischen Anforderungen nicht genügen konnte. Er definiert die Messlatte für kriminelle Handlungen zwar nach seinem eigenen Gusto, aber er hat immerhin noch eine Grenze. Mit dieser Figur ist Sarah Pinborough ein großer Coup gelungen. Sein Verhalten wirkt durchgängig glaubwürdig, seine Reaktion auf übernatürliche Ereignisse ist stimmig und seine Entwicklung lässt gespannt auf die nächsten Bände warten.

Die Autorin hat mir auf der Leipziger Buchmesse gesagt, sie bevorzuge es, aus der Sicht männlicher Charaktere zu schreiben. Meine Hauptkritik an dem Buch bezieht sich dann auch auf die weiblichen Figuren, auf das Fehlen von Frauen, die mehr sind als nur die Anhängsel ihrer Männer. Die Frauen sind Randfiguren, deren Lebenszweck sich darin erschöpft, als konsumwütige und standesbewusste Ehefrauen, die sich von ihren Männern aushalten lassen, zu agieren. Cass Assistentin Claire ist die einzige weiblich Protagonistin, die von diesem Schema abweicht und der ein wenig mehr Raum gegeben wird. In meinen Augen aber nur marginal. Es gibt nur wenige Szenen, die aus ihrer Sicht erzählt werden, und die wirken aufgesetzt. Claire wird zwar als intelligente und tüchtige Polizistin beschrieben, die rückhaltlos zu ihrem Chef steht, aber ihre Bewunderung für ihn gleicht einer naiven Glorifizierung. Bei Sarah Pinboroughs Geschick für die Zeichnung ihrer Figuren hätte ich mir da eine stärkere weibliche Persönlichkeit gewünscht.

Insgesamt ist ´Die Bürde des Blutes', ein gelungener Auftakt, abgründig und düster, spannend und überraschend. Ein Satz noch zu der hervorragenden Cover-Gestaltung: Ein echter Hingucker.

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