Evolution von Stephen Baxter

Buchvorstellungund Rezension

Evolution von Stephen Baxter

Originalausgabe erschienen 2002unter dem Titel „Evolution“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 825 Seiten.ISBN 3-453-87546-X.Übersetzung ins Deutsche von Martin Gilbert.

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In Kürze:

Mit seiner Multiversum-Trilogie „Zeit“, „Raum“ und „Ursprung“ hat sich Stephen Baxter eine riesige Fangemeinde in Deutschland gesichert – doch das war nur der Anfang: In Evolution, einem in sich abgeschlossenen Roman, beschreibt er nichts weniger als die gesamte Geschichte unseres Universums und unserer Zivilisation. Ein Buch nicht nur für eingefleischte SF-Leser, sondern auch für alle, die die Science Fiction für sich entdecken wollen! Ihre Geschichte beginnt, als Dinosaurier die Erde beherrschen. Sie überstehen den gnadenlosen Kampf mit anderen Spezies um Nahrung und Territorien. Sie überleben den Einschlag eines gigantischen Asteroiden und erben eine leere Welt. Sie folgen der langsamen Bewegung der Kontinente über die Erde. Sie errichten eine planetenumspannende Zivilisation. Und sie greifen nach den Sternen… In diesem atemberaubenden Roman folgt Stephen Baxter dem Strom der menschlichen Evolution, der Millionen von Jahren in der Vergangenheit entspringt und sich weit in die Zukunft ergießt. Ein in der Literatur einzigartiges Panorama.

Das meint Phantastik-couch.de: „Das Leben findet stets (s)einen Weg“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Vor 65 Millionen Jahren besetzen die Dinosaurier fast jede ökologische Nische der urzeitlichen Erde. Für die Säugetiere bleiben nur Schlupfwinkel im Schatten der Riesen; kein Wunder, dass sie kaum Mausgröße erreichen. Aber weil sich ihr kleines Leben hauptsächlich unter der Erde abspielt, bleiben sie verschont, als ein gigantischer Komet auf der Erde einschlägt und die Herrschaft der Saurier abrupt beendet.

In den nächsten Jahrmillionen machen sich die Säugetiere die Welt, die nun ihnen gehört, untertan. Sie nehmen an Artenzahl und Größe zu. Bei einigen Arten beginnt vor allem das Gehirn zu wachsen. Aus Affen werden Menschenaffen. Viele Sackgassen und Rückschläge später keimt in schwellenden Schädeln echte Intelligenz: Der Mensch erscheint. Er steigt von den Bäumen und zieht hinaus in die Welt. Nicht einmal Eiszeiten können ihn stoppen, höchstens bremsen. Es wird Äonen dauern, in denen er sich ständig weiter verändert und entwickelt, aber dann hat er jeden möglichen und später auch unmöglichen Lebensraum für sich erobert.

Mit dem geistigen und technischen Aufschwung werden Schattenseiten offenbar. Krieg um Ressourcen oder um Macht, Seuchen, religiöser Wahn, Umweltverschmutzung und -zerstörung: Die Palette ist breit und wächst ständig, während der Fortschritt scheinbar unaufhaltsam fortschreitet. Aber in der unermesslich langen Erdgeschichte stellt der Mensch, der schließlich ins All vordringt, trotz seiner Intelligenz nur eine Episode dar. Er hält sich nicht annähernd so lange wie die Dinosaurier, sondern wird (unter tatkräftiger Eigenbeteiligung) von ´seinem’ Planeten getilgt: ein in der Evolution normaler Vorgang, die sich auch ohne den Menschen fortsetzt und der Erde neue Bewohner schenkt, die sich ebenfalls um ihren Platz an der Sonne bemühen …

Es geht nicht unbedingt voran aber immer weiter

Schon seit Jahren legt es der Schriftsteller Stephen Baxter offenbar darauf an, bereits optisch zu belegen, dass sein schriftstellerischer Atem äonenweit reicht. Wo frühen SF-Kollegen wie Olaf Stapledon noch 250 oder 300 Seiten genügten, um Geschichte/n zu entwerfen, die sogar Milliarden Jahre in die Zukunft wiesen („Last and First Men“, 1930 und „Star Maker“, 1937), wuchtete Baxter die monumentale „Manifold-“ (dt. „Multiversum-“) Trilogie („Time“, „Space“, Origin„; 1999-2001, dt. “Zeit„, “Raum„, “Ursprung„, ebenfalls bei Heyne erschienen) in die Buchläden. Ausladende Endzeit-Sequenzen präsentierte Baxter außerdem in “Time Ships„ (1995; dt. “Zeitschiffe„). Titel wie “Proxima„ (2013) und “Ultima" (2014) belegen, dass Baxter seine kosmischen Untergangs-Phantasien keineswegs aufgegeben hat.

Das Konzept ist also nicht neu. Überhaupt ist Evolution keine Offenbarung in Sachen Originalität. Die schiere Wucht des Werkes überrumpelt den Leser zunächst oder erschreckt ihn womöglich. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass Baxter auch nur mit Wasser kocht bzw. Tinte schreibt. Das soll kein Vorwurf sein, denn der Verfasser geht von einer klugen Prämisse aus: Evolution ist ein kompliziertes Thema, für das sich der Leser interessiert, von dem er sich jedoch möglicherweise intellektuell überfordert fühlt.

Die Evolution ist in der Tat im Detail schwierig, aber ihre Mechanismen leuchten ein, wenn sie mit Worten beschrieben werden, die der Laie versteht. Über dieses seltene Talent verfügt Baxter. Er hat sich auf diversen naturwissenschaftlichen Fachgebieten getummelt (Biologie, Geologie, Geografie, Klimatologie, Paläontologie etc.), viel gelesen sowie Spezialisten befragt. Das Ergebnis ist keine (ohnehin bereits wieder veraltete) Momentaufnahme des gegenwärtigen Wissenstandes in Sachen Evolution. Dies übersteigt seine Kompetenz, lag aber auch nie in Baxters Absicht: Im Nachwort weist er darauf hin, dass Evolution ein Roman und kein Sachbuch ist. (In einem weiteren, exklusiv für die Neuausgabe von 2013 entstandenen Nachwort rezipiert Uwe Neuhold Evolution und seine Bedeutung für die moderne Science Fiction.)

Mit langem Atem für Spannung sorgen

Somit hat sich Baxter ein umso schwierigeres Projekt vorgenommen: Nicht rasch sich abspielende, von Gefühlen beflügelte, im Zwischenmenschlichen wurzelnde Ereignisse bilden die Basis seiner Geschichte. Eine mächtige aber blinde oder neutrale und seeehr langsam wirkende Kraft bestimmt das Geschehen: die Evolution eben. Sie legt den Rahmen fest, in dem sich Baxters Figuren bewegen.

Der Verfasser verfügt über den notwendigen Atem, seine Geschichte über 1000 Seiten zu tragen. Dabei ist Evolution nicht nur langsam: Ihr ´Unterhaltungswert’ scheint auch sonst begrenzt. Es gibt keine zielgerichtete Evolution, die sich von Punkt A (= 65 Mio. Jahre in der Vergangenheit) bis Punkt Z (= 550 Mio. Jahre in der Zukunft) erstreckt und damit eine typische Handlung vorgeben könnte. Evolution ist nach Baxter die endlose und endlos variierte Wiederholung bestimmter Prozesse.

Daran hält er sich und konstruiert keine imaginäre außer- oder überirdische Macht, die in der gewählten Zeitspanne die Erde im Auge behält. Das zwingt ihn dazu, den roten Faden als Sicherheitsleine aufzugeben. Evolution ist eine Kette kaum verbundener Episoden, die durch eine im Jahre 2031 spielende Rahmenhandlung mehr schlecht als recht verklammert werden. In Vergangenheit, (relativer) Gegenwart und Zukunft zeigt Baxter immer wieder die Evolution bei ihrer unermüdlichen, immer wieder neu einsetzenden Arbeit.

Vergessene Winkel der Erdgeschichte

Gewaltige Kapitel der Erdgeschichte werden personifiziert, an Identifikationsfiguren festgemacht, die der allwissende Erzähler ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet. Immer steht eine besonders dramatische Episode im Mittelpunkt. Baxter konzentriert sich auf die nie dokumentierten Sternstunden der Evolution. Das ist legitim, gilt es doch die Aufmerksamkeit des Zuschauers (hier: Lesers) zu fesseln. Es kann aber auch Unbehagen wecken, wenn Baxter seinen Tierfiguren Namen wie „Purga“ oder „Plesi“ gibt und ihnen menschliche Züge aufprägt. Das ist dichterische Freiheit, die aber übertrieben wirkt, wenn wir z. B. einen vor Kummer buchstäblich wahnsinnig gewordenen Saurier auf der Jagd nach Eier raubenden Mini-Säugern erleben.

Grenzen sind dazu da, überschritten zu werden. Baxter wäre kein Schriftsteller, würde er sich nicht immer wieder vom Konzept des möglichst Realistischen lösen. Die Erdgeschichte ist relativ schwach durch Fakten belegt. Gigantische Lücken klaffen in der Chronologie. Hier platziert der Autor Episoden, die eindeutig fiktiv sind: Da segeln zeppelingroße Flugsaurier satellitengleich über die urzeitliche Erde, jagen intelligente Kleinsaurier mit Sprache und Werkzeug ihre großen, dummen Vettern, wird die Antarktis von bizarren Polar-Echsen bevölkert. So könnte es gewesen sein, und war dem nicht so, dann ist es wenigstens gut erfunden.

Einige kritische Worte zur Episodenstruktur: Evolution ist ein seitenstarkes Buch, wie es heute (nicht nur) im SF-Genre üblich ist. Ideen werden weniger entwickelt als breit getreten. Auch „Evolution“ weist viel Leerlauf und Längen auf. Der modulare Aufbau würde es möglich machen, problemlos weitere Kapitel einzuklinken. Wieso keine Evolutions-Episode, die vor 40 Mio., vor zwei Mio., in 50 Mio. Jahren spielt? Ein Aufhänger ließe sich bestimmt finden. Auf der anderen Seite wäre es ebenso möglich, ganze Kapitel zu streichen, ohne die Geschichte dadurch zu schädigen.

Nicht viel wirklich Neues unter der Sonne

Baxter beschränkt sich in Evolution nicht auf die Darstellung naturwissenschaftlicher Prozesse und Phänomene. Er versucht sich auch an Erklärungen für die Entstehung von Politik, Handel, Religion. Die lesen sich zumindest spannend, überzeugen aber nicht zwangsläufig. Baxter wertet außerdem und legt dabei nicht immer Objektivität an den Tag. Allerdings ist seine Aufgabe schwer; ein ständiges Balancieren zwischen Wissenschaft und Unterhaltung, zwischen Interpolation und Seifenoper, zwischen hehrer Vorstellung und womöglich profaner Urzeit-Realität.

Schenkt man Baxter Glauben, dann sind Beziehungskrisen, Ärger mit dem Chef oder Kindersorgen geradezu universell. Ob Proto-Maus, Affenmensch oder Endzeit-Erdling: Sie alle schlagen sich mit sehr bekannten Alltagsproblemen herum, auch wenn sich deren Rahmen ändern. Im Lauf der Zeiten entwickelt sich primär die Technik aber nicht das Denken. Es bleibt US-amerikanisch, Stand ca. 2000 n. Chr. Das wird vor allem deutlich, wenn Baxter seine Protagonisten sprechen lässt. Baxters Schnappschuss vom Zusammenbruch des (west-) römischen Imperiums ist deshalb nicht nur aus Historikersicht ein bisschen zu viel des Schlechten.

Das Wissen, der Spaß & der liebe Gott

Ist dieses Buch unterhaltsam? An dieser Frage werden sich die Geister scheiden. Evolution ist trotz seiner nur scheinbar komplexen Struktur kein anspruchsloser Roman, Action ist Baxters Sache nicht. Seine Liebe gilt dem Detail. Viele Seiten kann der Verfasser der Erfindung der Feuersteinaxt widmen, der Frage, wie die Religion in unsere Welt gekommen sein könnte, warum Krieg ursprünglich sinnvoll war. Solche gedanklichen Spiele (und viel mehr ist es oft nicht) mögen manchem Space-Opera- oder Military-SF-Fan zu abgehoben erscheinen. Wer sich jedoch seine Gedanken über Gott & die Welt und ihre Bewohner zu machen pflegt, wird Evolution zu Recht spannend finden.

Ganz zum Schluss fällt sie dann doch: die Frage, wie Gott eigentlich in die Evolution passt. Baxter drückt sich nicht um diese Debatte. Die entsprechenden Passagen erstaunen freilich. Musste sie der Autor für den amerikanischen Markt schreiben? Evolution ist in den USA kein Wort, das unbedingt gern gehört wird. Baxter, der 1000 Seiten darauf verwendet hat, die Entwicklung des Lebens als entschlossene, aber letztlich blinde Macht darzustellen, ringt sich einige kaum überzeugende Zeilen ab, dass es letztlich doch eine überirdische Macht geben könnte, die hinter dem Ganzen steckt, auch wenn sie sich selten einmischt. Sicher ist offenbar sicher …

Ihre Meinung zu »Stephen Baxter: Evolution«

WM zu »Stephen Baxter: Evolution«11.10.2017
Ein wortgewaltiges Nichts.
Auf einem E-Book-Reader lassen sich ganz Blöcke überspringen, ohne dass irgend etwas fehlt. Dazu ergeht sich Baxter in den ersten ca. 80 Prozent vor allem in ausschweifenden Sexual- und Mord-und-Totschlags-Beschreibungen, die die Handlung keinen Millimeter voran bringen, dafür aber als perfekte Bettlektüre für von Einschlafstörungen geprägten Zeitgenossen zu empfehlen sind. Nach ein paar Minuten werden die Augenlider bleischwer, das sanfte Gefühl einsetzender Ermüdung wandelt sich in ein unabweisbares Verlangen nach Schlaf. Der monströse Roman hätte sich als ausgedehnte Kurzgeschichte besser gemacht, die aufgesetzten Charaktere und die extreme Humorlosigkeit wären keine so arge Belastung geworden. Sprachlich wirkt die Schreibe dröge und kommt mit erstaunlich wenigen Begriffen aus, die dafür um so häufiger fallen, mein Favorit in diesem Zusammenhang ist "geschunden". Dies könnte jedoch auch der Übersetzung geschuldet sein, ich kenne das Original leider - tut es mir wirklich so leid? - nicht.
Lutz Berger zu »Stephen Baxter: Evolution«10.12.2016
Im letzten Kapitel, 500 Millionen Jahre in der Zukunft, ist der Mond - ich zitiere - über eine halbe Milliarde Jahre praktisch unverändert geblieben. Wie wir nun aber alle wissen entfernt sich der Mond Jahr für Jahr. In diesem Zeitraum müsste er auf jeden Fall längst verschwunden sein. Das zähle ich nicht zur künstlerischen Freiheit, da sich der Autor doch sonst an Grundsätze hält. Der Andromedanebel ist schließlich auch auf die Hälfte näher gerückt. Einfach übersehen? Nicht gewusst? Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Ansonsten war das Buch großartig.
Khaless zu »Stephen Baxter: Evolution«14.03.2009
Es ist nicht leicht, Zugang zu diesem Buch zu finden. Zunächst wird doch die Geduld arg strapaziert, wenn man minutiös erfährt, wie ein urzeitliches Tier den Tag erlebt oder welches Tier von anderen gefressen wird. Doch je mehr man sich darin vertieft, desto fesselnder und spannender wird der Roman. Genial finde ich den Übergang von Baxters Beschreibung der Evolution zur fiktionalen Weiterführung bis zum Ende. Ein sehr guter Roman, der jedoch sehr viel Geduld vom Leser fordert.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
H.S. zu »Stephen Baxter: Evolution«27.07.2008
Ist es möglich die gesamte Evolution des Menschen in einen Roman zu packen ? Angefangen bei den ersten nagetierhaften Vorfahren, über die aufrecht gehenden Spezies, den Homo Sapiens der gerade diese Kritik lies bis hin zu den letzten kaum noch menschenähnlichen Nachfahren… Baxter versucht dies mit seinem in Episoden geschrieben Roman und es gelingt ihm einmal wieder den Leser eindringlich auch in die fremdesten Wesen hineinzuversetzen und Verständnis und Mitgefühl zu wecken. Es ist diese besondere Einfühlungsvermögen gegenüber so fremdartigen Wesen, dass Baxters Romane auszeichnet. Er erklärt, warum es nötig war für die Gattung Homo den aufrechten Gang zu entwickeln, über gesteigerte soziale Fähigkeiten eine höhere Intelligenz nötig war usw. Einige Tatsachen der Evolution sind einen wohlbekannt, die Dunkelräume füllt Baxter mit seiner ausufernden Fantasie und schafft es so seine Storys mit Leben zu füllen.
Diese Buch ist ein beeindruckendes Projekt und eine fantastische Vision - ein Buch, das tiefen Eindruck hinterlassen kann - reinlesen und staunen !
Till zu »Stephen Baxter: Evolution«05.03.2007
Mir hat das Buch zu großen Teilen sehr gut gefallen. Vor allem die Kapitel über die Vorfahren und die Menschen sind sehr interessant. Hier wird die Evolution sehr gut und interessant beschrieben als eine zwangsläufige Entwicklung, die sich auf Grund der Umwelteinflüsse vollzieht.
Die Nachfahren-Kapitel zum Ende des Buches haben mir nicht so gut gefallen (ausser dem Kapitel mit den Eingefrorenen).
UÍnsgesamt aber zu empfehlen das Buch.
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