Das Königreich der Lüfte von Stephen Hunt

Buchvorstellungund Rezension

Das Königreich der Lüfte von Stephen Hunt

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „The Court of the Air“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 890 Seiten.ISBN 3-453-52269-9.Übersetzung ins Deutsche von Kirsten Borchardt.

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In Kürze:

Eine finstere Macht bedroht das Königreich von Jackal. Seine Bewohner – Menschen, Magier, Roboter, die in riesigen fliegenden Städten friedlich zusammenleben – ahnen nichts von der Gefahr. Zwei Kinder, die Waise Molly und der mit besonderen Kräften begabte Oliver, sind dazu ausersehen, den Kampf aufzunehmen. Noch wissen sie nichts von ihrem Schicksal, doch der Gegner hat sie bereits aufgespürt. Eine Jagd beginnt, bei der es um das Überleben einer ganzen Welt geht …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Literarischer Adventskalender der Spitzenklasse“92

Fantasy-Rezension von Holger Schmidt

Mal ehrlich, wer studiert schon das Glossar eines dicken Fantasy-Schmökers? Oder schauen Sie, wenn ihnen gerade einmal der Name einer im Roman vorkommenden Person entfallen ist, was es mit dieser auf sich hat? Oft wirkt ein üppiges Glossar doch eher so, als wolle der Autor beweisen, wie durchdacht sein Roman ist. Doch es gibt auch Fälle, da wünscht man sich einen kleinen Reisebegleiter.

Die Löwen von Jackals

Die Bewohner des Königreichs Jackals sind schon ein sonderbares Volk; an einem Tag jubeln sie noch ihrem König bei einer Prozession frenetisch zu und schmettern die Nationalhymne 'Löwe von Jackals’ und schon am nächsten, schlagen sie dem Nachfolger des König die Arme ab. Das hat Tradition hier in Jackals. Niemals soll ein König seine Hand gegen sein Volk erheben. Schließlich ist er nur eine Gallionsfigur, die man eigentlich bedauern muss. Für Recht und Ordnung sorgt in Jackals neben der Polizei auch der geheimnisvolle Wolkenrat, der das Königreich stets im Auge behält.

Und was ist das für eine bunte Welt. Kommuniziert wird in Jackals durch das Kristalgitternetzwerk, mobil bleibt man durch die Aerostate, die von fleißigen Wolkenmaaten gesteuert über den Himmel kreuzen. Die Magie haben die Weltensänger fest in der Hand, doch denen ist genauso wenig zu trauen, wie dem Wolkenrat, der aus dem Verborgen agiert. Und dann sind da natürlich auch noch die Dampfmänner in ihrem eigenen Freistaat, geführt von König Dampf. Merkwürdige Gesellen, die auch überall in Jackals anzutreffen sind.

Im wohlgeordneten Königreich scheint der Lebenslauf der Waisenkindern Molly und Oliver vorgezeichnet. Dass sie etwas besonderes sind und sich die Dinge nicht in festgelegten Bahnen entwickeln, merken die Kinder erst, als sie plötzlich ins Visier des Wolkenrates geraten. Mit einem mal müssen die beiden – unabhängig voneinander – vor mysteriösen Fremden fliehen, die ihnen nach dem Leben trachten. Für die beiden Kinder beginnt eine abenteuerliche Reise durch das Königreich Jackals und noch weit über dessen Grenzen hinaus, an deren Ende sie ihre Berufung finden werden: Die Rettung der Welt.

Reiseführerlos

Stephen Hunt wirft den Leser mitten hinein ins Königreich Jackals. Überschüttet ihn gleich auf den ersten Seiten mit unzähligen fiktiven Begriffen und neuen Wortschöpfungen oder -kombinationen. Über lange Strecken wirkt der Roman wie ein überdrehter Animationsfilm, hat jedoch meist eine ernstere Stimmung als die knallbunten Effektorgien am TV. Man kann den Roman dabei grob in zwei Hälften einteilen: Teil 1 besteht aus der Flucht der Kinder vor ihren Häschern, in Teil 2 müssen sich die Kinder in den Wirren eines Bürgerkrieges bewähren.

Hauptthema des Romans ist der Kampf einer de-facto-Demokratie gegen das Böse, das eine eher autokratische Regierungsform anstrebt. Immer wieder spielen Dialoge auf ein Buch an: 'Gemeinwohl und das Gemeine Volk'. Dieses, wegen seines politisch brisanten Inhaltes verbotene Buch, ist das Schlüsselelement des Buches.

Steamfantasy?

Es ist kein Zufall, dass Autoren bei ihren Weltentwürfen immer wieder auf Elemente zurückgreifen, die stark an das 19. Jahrhundert erinnern. Bevor zwei Weltkriege Europa verwüsteten, war die Welt noch in Ordnung. Das „Empire“ hatte eine Blütezeit. Während spätestens im 20. Jahrhundert die Wissenschaft für den Normalsterblichen etwas Abstraktes, nicht greifbares wurde, hat die Technik des 19. Jahrhunderts etwas „realeres“ an sich. Maschinen, die durch Dampf angetrieben werden, Eisenbahnen und Luftschiffe – das sind Dinge die man noch verstehen und anfassen, ja erfassen kann. Zudem waren Seancen zu dieser Zeit nicht unüblich; die Menschen glaubten noch an überirdische Dinge, die man heute mit einem Lächeln abtut. Und letzten Endes ist die Epochenbezeichnung „Romantik“ ein unmissverständlicher Hinweis auf eine „sinnlichere“ Sichtweise der Welt, die für Fantasy-Literatur im Allgemeinen wichtig ist. Eine Kombination dieser Epoche mit der Phantastik drängt sich regelrecht auf. Zudem lebten zwei der wichtigsten Autoren der Phantastik im 19. Jahrhundert: Jules Verne und H.G. Wells.

Ein Vergleich mit Philip Pullmans His-Dark-Materials-Trilogie als einem der erfolgreichsten Vertreter dieses Sub-Genres ist sicherlich angebracht. Und in den meisten Punkten kann Hunts Roman mit dem allgegenwärtigen Vorbild absolut mithalten. Ja, in Sachen ausufernder Fantasy übertrumpft „Das Königreich der Lüfte“ über weite Strecken die Konkurrenz sogar. Die Stimmung ist durchweg ernster und auch die Charaktere sind nicht so liebenswert, wie man aufgrund ihrer comichaften Skizzierung annehmen könnte. Das Grundthema, die drohende Zerstörung einer demokratischen Republik, ist für einen Fantasy-Roman ungewohnt politisch, bereichert den Roman jedoch ungemein und gibt ihm mehr Bedeutung. Auch wenn letztendlich die Welt wieder einmal nur von „dem Bösen“ bedroht wird.

Ja ist denn schon Weihnachten?

Das Königreich der Lüfte entpuppt sich schnell als ein literarischer Adventskalender; nach dem Umblättern einer weiteren Seite erwarten den Leser immer neue fantasiereiche Schauplätze, originelle Figuren und nicht enden wollende fesselnde Geschichten. Auch die Dialoge stechen sehr positiv hervor. Die Sprache ist frech und respektlos. Hunt begnügt sich nicht mit der altbekannten Phrasendrescherei, sondern gibt vielen Fantasy-Klischees einen erfrischend neuen Anstrich.

Dieser Roman ist einer der seltenen Vertreter, die auch Vielleser noch zum Staunen bringen. In seiner Aufgabe, dieses vorzügliche Buch mit einem Nachfolger vielleicht noch zu toppen, ist der Autor allerdings zu bedauern. Stephen Hunt schreibt sich an die Spitze der Fantasy-Autoren.

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