Das Mädchen von Stephen King

Buchvorstellungund Rezension

Das Mädchen von Stephen King

Originalausgabe erschienen 1999unter dem Titel „The Girl Who Loved Tom Gordon“,deutsche Ausgabe erstmals 2000, 320 Seiten.ISBN 3-426-28356-5.Übersetzung ins Deutsche von Wulf Bergner.

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In Kürze:

„Die Welt hat Zähne. Und mit denen beißt sie zu, wann immer sie will.“
Die neunjährige Trisha unternimmt mit ihrem Bruder und ihrer Mutter eine Wanderung. Trisha verläßt kurz den Weg – und verläuft sich im Wald. Hunger und Durst, Mückenschwärme und wilde Tiere, Einsamkeit und Dunkelheit sind nicht ihre einzigen Begleiter…

„Dieses Mädchen ist das beste Kind, das King jemals geschaffen hat: absolut glaubwürdig und in ihrer Verwundbarkeit und ihrem Einfallsreichtum von schmerzlicher Eindringlichkeit.“
Publishers Weekly

Das meint Phantastik-Couch.de: „Rotkäppchen und Gretel“76

Horror-Rezension von Almut Oetjen

An einem Morgen Anfang Juni 1998 in Neuengland fährt Quilla Andersen mit ihren Kindern Pete und Trisha McFarland in die Appalachen, um mehrere Stunden auf einem ausgewiesenen Weg zu wandern. Pete hat keine Lust zu der Unternehmung und streitet sich mit seiner Mutter, während Trisha genervt hinter beiden hergeht. Als sie Pinkeln muss, verlässt sie den Wanderweg, ohne etwas zu sagen. Sie kann kurz darauf nicht, wie angenommen, zu Mom und Pete aufschließen, sondern verläuft sich, als sie eine vermeintliche Abkürzung nimmt.

Ausgerüstet mit einem Rucksack, der eine Flasche Wasser, ein gekochtes Ei, zwei Twinkies, ein Thunfischsandwich, eine große Flasche Surge, eine Tüte Kartoffelchips, einen Poncho, einen Game Boy und einen Walkman mit Radioteil enthält, gerät sie immer tiefer in den Wald und in einen Überlebenskampf. Trisha ist neun Jahre alt und Fan der Baseball-Mannschaft Boston Red Sox, besonders des Closers („Closing Pitcher“) Tom Gordon.

Quilla informiert die Polizei, die über mehrere Tage unter Vergrößerung des Suchradius’ vergeblich Trisha sucht, die sich anfangs recht schnell bewegt und außerhalb des Suchbereiches gelangt. Erschwerend kommt hinzu, dass nach einer Suchmeldung in den Medien ein Mann die Polizei anruft und sie auf eine falsche Spur bringt: er habe gesehen, wie Trisha von einem pädophilen Mörder entführt worden sei.

Strukturiert wie ein Baseballspiel

„Das Mädchen“ folgt in der äußeren Struktur einem Baseballspiel (Vor dem Spiel – Neun Durchgänge – Nach dem Spiel). In der Erzählung gibt es immer wieder Hinweise auf diesen Sport, Spieltaktiken stehen in Beziehung zu Trishas Durchhaltetaktik. Trisha hält an dem Gedanken fest, dass sie gerettet wird, wenn die Red Sox ihre Spiele gewinnen. Manche Ausführungen zu diesem Sport sind etwas speziell und für Leser, die sich mit Baseball nicht auskennen, nicht zu verstehen. Hieraus ergibt sich ein Recherchemotiv. Aber die Erzählung ist auch ohne spezielle Sportkenntnisse gut zu verstehen.

Trisha versucht, auf erlerntes Wissen zuzugreifen, um Probleme in der für sie grundlegend neuen Situation zu lösen. Lebensweisheiten, die ihre getrennt lebenden Eltern ihr vermittelt haben, helfen ihr meist nicht weiter, weniges ist hilfreich. In der Schule hat sie viel gelernt, aber so gut wie nichts darüber, wie es in der Natur aussieht, welche Pflanzen essbar oder giftig sind. Dass Fließgewässer immer zu Menschen führen, erweist sich als falsch: manchmal führen sie in einen Sumpf, ein anderes Mal versickern sie. Trisha geht haushälterisch mit ihren Vorräten um, die am Ende aber doch nicht reichen. So muss sie auf das Angebot der Natur zugreifen. Mitunter hat sie hier Erfolg, in anderen Fällen nicht. Sie isst Scheinbeeren und Bucheckern als „Muesli“, schluckt junge Forellen und Kaulquappen. Nachdem sie längere Zeit keine Nahrung finden konnte, verzehrt sie Sumpffarn und trinkt eiskaltes Wasser. Sie bekommt Magenschmerzen, Durchfall und erbricht sich. Sie erholt sich vorübergehend wieder und wird langsam sehr krank, beginnend mit Husten. Trisha wird immer dreckiger und schwächer.

Eine innere Stimme lässt sie ständig wissen, sie werde nicht durchhalten. Aber Trisha baut eine enge Bindung an ihren verehrten Baseballstar Tom Gordon auf (Der Originaltitel lautet: The Girl Who Loved Tom Gordon). Sie hört sich Spiele der Red Sox im Radio an, führt Gespräche mit dem eingebildeten Tom Gordon und zieht daraus einen Großteil ihrer Kraft und ihres Überlebenswillens.

Das Böse im Wald

Von Stephen King wäre vielleicht zu erwarten gewesen, dass beispielsweise Monster oder ein Psychopath im Wald auf das Mädchen warten. Schon früh wissen wir, dass der mögliche Kindermörder keine Rolle spielt und über diese Spur die Polizei nur in die Irre geführt wird. Bleiben die Monster. Trisha spürt bald, dass ein unbestimmtes Wesen sie begleitet. Dieses baut King subtil zu einer Bedrohung auf, die er schlussendlich interessant auflöst, wobei er sich wieder auf Baseball bezieht. Die Bedrohung von Kindern im Wald ist ein alter Topos im Märchen. Wie Gretel verläuft sie sich im Wald, wie Rotkäppchen wird sie belauert.

Trisha sieht sich einer Vielzahl von Plagen ausgesetzt: Schlangen, großen und kleinen Mücken, Wespen, Fliegen, Tieren, gegen die sie sich mit Schlamm zu schützen versucht, nachdem sie ihr enorm zugesetzt haben. Sie findet einen zerfetzten Hirschkadaver, der Kopf des „Monsters“ wird von Insekten umkreist. Es gibt Beschreibungen zu lesen, die an William Goldings „Herr der Fliegen“ erinnern, an Algernon Blackwoods „Der Wendigo“ und „Die Weiden“. „Das Mädchen“ ist durchsetzt mit naturphilosophischen und religiösen Motiven und Überlegungen. Im Verlaufe ihres Leidensweges setzt sich Trisha auch mit Gott auseinander. Ihr Vater hat ihr einen anderen Gottesbegriff vermittelt als die Schule. Für Trisha ist es ein kurzer Weg, das Denken über Gott mit dem Denken über die Natur und ihre Gefahren in Einklang zu bringen.

Beim Lesen begleitet uns die Frage, ob Trisha es schaffen wird, aus dem Wald herauszukommen, und wenn ja, in welchem Zustand. Wir wissen auch, dass Trisha sich dem „Monster“ irgendwann stellen muss …Stephen Kings Hauptfiguren werden oft beschädigt und überleben nicht immer.

Stephen King, dessen literarisches Personal häufig standardisiert oder auch klischiert ist, hat mit „Das Mädchen“ einen Roman geschrieben, der technisch eher eine Novelle ist und in seinem Werk eine der besten Charakterentwicklungen enthält. Das Leseinteresse dürfte dadurch zu einem großen Teil erhalten bleiben, dass wir dieser Entwicklung minutiös beiwohnen. Der deutsche Verlag vermarktet die Neuausgabe des Romans als Buch für Kinder ab zwölf Jahren. In seinem Nachwort adressiert King eindeutig Erwachsene.

Ihre Meinung zu »Stephen King: Das Mädchen«

Sahneschnitte zu »Stephen King: Das Mädchen«01.01.2017
Dieses Buch ist durchaus für Kinder ab 12 Jahren geeignet, evtl. "schwierig. Für die die sich mit Baseball und den Zügen nicht auskennen, aber es wird nachvollziehbar in Verbindung gebracht, und, Google ist unser Freund.

King spielt sagenhaft mit der Vorstellungskraft, mit dem Monster unterm Bett, der nicht ganz geschlossenen Tür des Kleiderschranks der im halbschatten steht und vom Mondlicht angestrahlt wird... (ihr versteht)

Man wird auf die ein oder andere (falsche) Ferte gesetzt, sehr schnell kann man sich mit Trish identifizieren, mit ihr mit leiden, hätte genauso gehandelt wie sie, Angst gehabt wie sie und will - besonders wenn man auch nur ein, zwei andere Kings gelesen hat, wissen wie es mit Trish weiter geht.

Ich möchte aber anmerken das das Höhrbuch ebenfalls verdammt gut ist, gelesen von Joachim kerzel und einer Frau Pilugar (glaub ich) sie (beide) liest es unbeschreiblich gut, besonders die stellen über Trishs Mutter bzw. Familie oder die Red Sox - göttlich!

Ich finde "Das Mädchen" besticht gerade deswegen, weil es so "alltäglich" und deswegen so unscheinbar bedrohlich ist.

Das normale Leben einer x-beliebigen Familie und ein kleiner "Fehler" wie ihm jedem hätte passieren können und King Tänzern auf der schmalen Linie zwischen Angst und Überleben und wir sind mit Trish dabei - Leute dies ist ein verdammt gutes (Höhr)Buch! , Kinder die Krimi / Horror / Detektiv Conan / American (Horror) hustory oder house, survival, (im Verhältnis zu anderen Kings) sich nur "fürchten" möchten werden "das Mädchen" lieben, für die ist das ein gutes Buch.
Quasi DER einsteige King

Wobei ich trotzdem sagen muss, einer der besten.

Kann ich nur empfehlen!!
PS. Selbstverständlich auch für Erwachsene, die sehen es eventuell aus einer anderen Sicht. Ach und, lest es mal so 5-10 Jahre später noch mal, oder gebt es einer anderen Generation und unterhalten euch darüber, sehr interessant!
Charlie zu »Stephen King: Das Mädchen«03.08.2013
Das Mädchen würde ich sagen ist dass einzige Buch von Stephen King dass man ohne Bedenken auch in die Jugendbuchabteilung einer Buchhandlung stellen kann!
Ich finde es sehr spannend und gut geschrieben aber es ist mit Abstand nicht so hart geschrieben wie manche andere von seinen Werken!!
Man sagt ja schließlich nicht um sonst dass Stephen King der Meister des Horrors ist!!
In diesem Sinne viel Vergnügen beim Lesen!!

LG Charlie
Maraki-Mary zu »Stephen King: Das Mädchen«25.04.2013
Das war eines der wenigen Bücher, die ich von Stephen King gelesen hab und war begeistert...
Es war spannend und Gänsehaut-Feeling pur, zu lesen, wie das Mädchen allein auf sich gestellt ist..
Herr King hat die Gefühle und die Ängste gut niedergeschrieben, so dass der Leser sich gut hineinversetzen kann...

Ich hab das Buch schnell durchgehabt, weil es sowohl vom Inhalt wie auch vom Schreibstil genau mein Ding war. =)
Klaus Beck-Ewerhardy zu »Stephen King: Das Mädchen«22.02.2011
Es ist schön zu sehen, dass es immer noch die Möglichkeit gibt, mit diesem Roman zu überraschen. Droemer-Knaurs PAN-Abteilung hat eine neue Auflage dieses Titels herausgebracht (ISBN 978-3-426-28356-1) auf edlem Papier mit holographischem Wechselcover als Hardcover, so dass man das Buch in dieser Form mit gutem Gewissen noch verschenken kann - auch an sich selbst.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bazong zu »Stephen King: Das Mädchen«07.10.2010
Der Roman ist Spitze 100 %. Für mich war Stephen King schon lange nicht mehr Pflicht als er viel zu viel Fantasie bala bala Krempel in seine Romane gepackt hat.

Ich weiß, dass ich den Roman erst spät entdeckt habe ... Aber das ist eines seiner Meisterwerke, ein echter Stephen King von der Sorte wie beim aller ersten mal.

Die ganze Story ist absolut Rund. Sich im Wald zu verlaufen ist quasi schon jedem passiert, der mal als Soldat bei der kämpfenden Truppe des Heeres gedient hat. Freilich bewegt sich ein ausgebildeter Soldat im Gelände schneller und findet sich dort auch besser zu Recht. Aber hier ist es ein Mädel mit 14 Jahren, was sich im Wald verlaufen hat.

Beschreibe mal solch eine Situation aus der Sicht eines 14 Jährigen Mädels, so wie es Stephen King in diesem Roman getan hat.
Stephen King ist ein von Gott begnadeter Erzähler. Super!
Helena zu »Stephen King: Das Mädchen«19.07.2010
Ich finde, dass das Buch wirklich atmosphärisch dicht beschrieben wird und recht schön zu lesen ist. Alles in allem hat mir das Buch wirklich relativ gut gefallen, denn Trisha mag sich zwar manchmal etwas zu erwachsen verhalten, dennoch ist "Das Mädchen" allerdings ein durch und durch gelungenes Psychogramm eines wirklich faszinierenden Kindes.
Namenlos2709 zu »Stephen King: Das Mädchen«11.03.2010
Kenne nur das Hörbuch, kann mich daher auch nur dazu äußern. Mag sein, dass das Buch anders/besser/fesselnder ist.
Meine Hochachtung dafür, eine so dünne Story auf Sage und Schreibe sieben CDs aufzublasen!
Die Idee, kleines Mädchen verläuft sich im Wald und schlägt sich dort über längere Zeit durch, klang eigentlich viel versprechend, die Sprecher ebenfalls.
Das Konzept, nach dem sich die beiden Stimmen abwechseln, hat sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen.
Spannung wollte eigentlich die ganze Zeit nicht so recht aufkommen, passiert ist nämlich so gut wie nichts. Zudem nervten die vielen Baseball-Einlagen unglaublich.
Insgesamt: Zeitverschwendung!
Asmodi zu »Stephen King: Das Mädchen«15.04.2009
Wer hat sich nicht schon irgendwo verlaufen? Dumm nur, wenn es in einem solchen Wald geschieht, der weder Anfang noch Ende zu nehmen scheint.
Wenn der einzige Freund dann noch ein imaginärer Pitcher der Red Sox ist und man sich fragen muss, wie lange es dauert, bis man durch die Wespen sterben darf, um dann am besten noch von dem "Etwas" gefressen wird, dann sind Panik und Angst vorprogrammiert.
Da fragt man sich...wer ist der eigentliche Held dieser Geschichte? Der Jäger, der sie schließlich findet? Tom Gordon, der sie nie alleine lässt oder doch Trisha selbst, die sich für ein 9-jähriges Mädchen erwachsener verhält, als manch 30-jähriger?
Spannend und nachvollziehbar, eine Geschichte, die man verschlingt und die einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt, wenn man das Buch am Ende weglegt und den Gedanken hat..."Was wäre, wenn ich...?"
Suzie zu »Stephen King: Das Mädchen«03.03.2009
Ich kenne nur das Hörbuch, aber das ist doch dasselbe, oder?
Jedenfalls fand ich es total spannend, und total schade, wenn ich aufhören musste. Vom Hören, meine ich, nicht, dass ihr den Satz falsch versteht.
Es war sehr spannend, und der Wespenpriester jagte mir richtig angst ein. Ich hatte meine Angst vor Wespen eigentlich überwunden, aber seit diesem Ding, dass ich "Das Mädchen" eingebildet hat (oder auch nicht?), bilde ich es mir auch ein. Manchmal.
Empfelenswert für jeden, der etwas zum Gruseln sucht!
Monocerus71 zu »Stephen King: Das Mädchen«23.02.2009
Ein Kind, das vollkommen allein, hilflos und verlassen eine Situation zu bewältigen hat, die selbst bei Erwachsenen für eine Gänsehaut sorgt: diese Ausgangskonstellation allein garantiert schon ein gewisses Maß an Spannung. Darüber hinaus gelingt es King gut, eine passable Mischung aus realem und herbeiphantasiertem Horror zu schaffen. Wären der Hunger, der Durst und die Hilflosigkeit allein schon schlimm genug, so macht es sich das Mädchen zusätzlich noch selbst mit ihrer lebhaften Phantasie schwer.
Die Schilderungen sind so real und glaubwürdig, dass es einem phantasievollen Menschen nicht schwer fällt, sich in die Lage von Trisha hineinzuversetzen: Gefangen und verloren in den riesigen Wäldern von Maine, ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ein Walkman, und dann ist da noch dieses "Ding", was sie auf Schritt und Tritt beobachtet ...
Insgesamt mal wieder eine recht lesenswerte King-Geschichte, gerade aus dem Grund, weil es keine klassische Horrorgeschichte ist.

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