Susanne O´Connell: Avatare, Roboter & andere Stellvertreter von

Buchvorstellungund Rezension

Susanne O´Connell: Avatare, Roboter & andere Stellvertreter von

Originalausgabe erschienen 2010, 300 Seiten.ISBN 3935841728.

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In Kürze:

Das Geheimnis einer rätselhaften Truhe, Puppenmonster, eine Kneipe an der schottischen Küste, Kalkis Vernichtungszug, das Schicksal eines Inquisitors, ein Mythos-Virus, Nietzsches Krähen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine überzeugende Kurzgeschichtensammlung“80

Science-Fiction-Rezension von Anja Helmers

Jeder, der schon mal vor einer unangenehmen Aufgabe gestanden hat, kennt sicherlich den Wunsch, einen Stellvertreter zu schicken. Das Motto von Susanne O’Connells Anthologie ´Avatare, Roboter & andere Stellvertreter’ bietet ein breites Feld für Geschichten. Der Begriff Avatar, aus dem Sanskrit hergeleitet, bedeutet entweder eine grafisch animierte Verkörperung des Benutzers im Cyberspace, oder eine personifizierte Gottheit des indischen Götterreigens. Meine spontanen Assoziationen mit diesem Titel gingen in Richtung Computerspiele, Androide oder Klone. Und natürlich die naheliegende Idee, dass Zwillinge ihre Rollen tauschen.

Susanne O’Connells Ende September 2010 im Wendepunkt Verlag erschienene Anthologie bietet aber eine wesentlich vielfältigere Auslegung dieses Themas. Die einunddreißig Geschichten von neunundzwanzig Autoren sind sehr unterschiedlich, aus den Bereichen Fantasy, Science-Fiction, Mystery, Horror und Märchen. Die Bandbreite bezieht sich hauptsächlich auf die unterschiedlichen Interpretationen, nicht auf die handwerkliche Ausfertigung, auch wenn es natürlich qualitative Unterschiede gibt. Ein echter Ausrutscher nach unten ist mir nicht aufgefallen, einige wenige Geschichten haben für mich einfach zu wenig Substanz, aber immerhin war dann die Pointe nett.

´Nebelgrau’ von Rebekka Pax war für mich das erste Highlight. Eine fesselnde Geschichte übers Meer und den Umgang mit mythischen Gestalten, stimmungsvoll, phantastisch, emotional und stilistisch ansprechend. Die zeigt, dass auch eine Kurzgeschichte einen gelungenen Spannungsbogen beinhalten kann. Es geht um eine Schriftstellerin, die sich einen Urlaub auf der schottischen Insel Skye gönnt. Ester erhofft sich von der Einsamkeit neue Ideen für ihr nächstes Buch. Bei der Schlüsselübergabe für das Cottage orakelt die schrullige alte Vermieterin:
„Du bist hier, um deiner Bestimmung zu begegnen. Dein Schicksal liegt am Strand.“

Natürlich lacht Ester und schüttelt verneinend den Kopf, aber am nächsten Morgen stapft sie brav und gegen jede Vernunft zum Strand. Im dichten Nebel, zwischen glitschigen Steinen und braunen Tanghaufen findet sie ein Pferd. Das vermeintliche Pferd entpuppt sich als Kelpie und welche Rolle Ester in diesem märchenhaften Urlaub zugedacht ist, erkennt sie leider viel zu spät.

Nicht nur für Schottland-Fans eine empfehlenswerte Geschichte, denn Rebekka Pax hat ein gutes Gespür für bildhafte Szenen, ohne dick aufzutragen, und ein Feingefühl für nette Details, die sich von üblichen Beschreibungen abheben. Mit vierzehn Seiten gehört Nebelgrau allerdings zu einer der längeren Stories.


Wenn nicht einmal der eigene Clan einem glaubt, steht es schlecht um eine Vampirin. Deshalb sucht Shaede ihren Freund Ruanadh, den Buchhändler und Zauberer, auf, um zu erfahren, welches magische Geschöpf es schafft, sie so perfekt zu kopieren, dass sie an zwei Orten gleichzeitig zu sein scheint. Ruanadh ist wenig begeistert von ihrem Besuch, aber er lässt sie nicht im Stich.

In ´Die perfekte Kopie von Sonja Schimmelpfennig’ begeben sich der Zauberer und die Vampirin auf die Suche nach einer Legende, die es eigentlich nicht geben sollte.

Eine spannende Geschichte mit witzigen Dialogen, angesiedelt im Urban-Fantasy-Bereich. Der Zauberer Ruanadh, der eigentlich Buchhändler ist, wird so gut gezeichnet, dass er mir mit seiner Art sofort sehr sympathisch war.


Spinnen mit acht Beinen sind schon schlimm, aber knallrote, zwölfbeinige Exemplare gibt es zum Glück nur im Land der Volturnen in ´Vagóor’ von Susanne O'Connell. Die Herausgeberin der Anthologie hat selbst eine Geschichte zu ihrer Sammlung beigesteuert, in der das Stellvertreter-Thema wieder von einer anderen Perspektive angegangen wird.

Der furchtlose Volturnen-Krieger Vagóor hängt hilflos über dem Abgrund einer Schlucht. Eingewickelt in ein Spinnennetz, betäubt von den Giftbissen der roten Monster, muss er sich von einem feigen Argosaur verhöhnen lassen. Der Riese hat eine Fundersugande, ein Gedanken saugendes kleines Ungetier, auf dem Arm. Hämisch wirft er seinem besiegten Feind Vagóor an den Kopf, dass er nun im Besitz aller Informationen über dessen Volk sei. Aber noch ist nicht alles verloren, und Vagóor nimmt den Platz ein, den seine verunglückte Geliebte sich erträumt hatte.
Vagóor versetzt den Leser in eine archaische Welt, mit ungewöhnlichen Wesen.

Obwohl diese Geschichte sehr kurz ist, nur sechs Seiten, überzeugt sie durch einen Gänsehautschauer erzeugenden Anfang, durch Bildhaftigkeit und Fantasie.


„Ich würde gerne im zentralen Mittelfeld spielen“, so beginnt ´Der Knöchel’ von Oliver Kern. Es geht um Fußball im Speziellen, und im Allgemeinen um die Käuflichkeit von Menschen. Der Mannschaftskapitän hat einen Stellvertreter, der gerne zum Einsatz kommen möchte. Dafür gibt es Mittel und Wege. Fußballer sind moralisch kaum verwerflicher als Steuerberater oder Landschaftsgärtner, erfährt der Leser von einem ziemlich arroganten Ich-Erzähler, der Mittel und Wege zur Erreichung gewisser eigennütziger Wünsche kennt. Dass Fußballer eitel und emotional weniger gefestigt sind, glaube ich sofort, obwohl ich mir allerhöchstens zur WM mal ein Fußballspiel angucke, und insofern nicht unbedingt viel Ahnung von dieser Materie besitze.

Auf jeden Fall hat mich Oliver Kerns Geschichte um das geschickte Arrangement zur Herbeiführung eines lädierten Knöchels sehr amüsiert. Bissig, locker und mit ergötzlichen Formulierungen erfreut diese Geschichte durch ihre diabolische Vorstellbarkeit. Wie heißt es so schön: Eventuelle Ähnlichkeiten mit echten Personen sind zufällig. Oder heißt es in dem Fall gewollt? Das sollte jeder selbst herausfinden, Interpretationsmöglichkeiten gibt es nicht nur eine.


Ich habe als Beispiele meine Favoriten herausgepickt, um einen kleinen Einblick in die unterschiedlichen Ansätze zum Thema Stellvertreter zu geben. Wer noch mehr über anders geartete Stellvertreter erfahren möchte, wen es zum Beispiel interessiert, was ein Käferbeinchen im Ohrenschmalz alles anrichten kann, oder was ein Stalljunge anstelle eines Prinzen auf einer Âventiure erlebt, dem sei die Lektüre von ´Roboter, Avatare & andere Stellvertreter’ empfohlen.

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