Die Zukunftsmacher

  • Pabel
  • Erschienen: Mai 1975
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Die Zukunftsmacher
Die Zukunftsmacher
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2024

Fünf frühe Storys späterer Meister

Fünf nicht klassische, aber gelungene SF-Storys, geschrieben von Meistern des Genres:

- Peter Haining: Einleitung (Introduction; 1968): S. 7/8

- Theodore Sturgeon: Abreaktion (Abreaction: 1948), S. 9-21: Er fiel durch ein ‚Loch‘ zwischen den Dimensionen; seine ‚Gastgeber‘ wollen ihm zurück auf die heimatliche Erde helfen, aber dieser Transit ist ein schreckliches Erlebnis.

- Ray Bradbury: Der Flötenspieler (The Piper; 1943), S. 21-40: Der letzte Marsmensch entdeckt eine Möglichkeit, die Invasoren seines Planeten sich quasi selbst bestrafen zu lassen.

- Arthur C. Clarke: Weggeschleudert (Castaway; 1947), S. 40-48: Aus dem Inneren der Sonne wird die Kreatur durch eine Gaseruption ins All geschleudert, bis sie auf der Erde landet.

- Robert Sheckley: Die Stunde der Schlacht (The Hour of Battle; 1953), S. 48-55: Der Gegner kann Gedanken manipulieren, was die Verteidiger vor ein (scheinbar gelöstes) Problem stellt.

- Brian W. Aldiss: Äquator (Vanguard from Alpha; 1959), S. 55-145: Ein allzu abenteuerlustiger Brite gerät auf der Insel Sumatra in eine regelrechte Kette aus Verschwörungen, an deren Ende womöglich die Eroberung der Erde durch offenbar übermächtige Invasoren aus dem All stehen könnte.

Sie wussten schon früh, was sie taten

Anthologien werden gern unter ein Thema gestellt, dem die gesammelten Storys oft eher schlecht als recht folgen. Dies gilt erst recht für Kollektionen, die unter Zeit- und Geldmangel entstehen. Nicht selten müssen die Herausgeber kreativ tätig werden, um einen roten Faden durch das Werk zu legen. Dies gilt auch in unserem Fall, was die Qualität der Sammlung jedoch nicht beeinträchtigt. „Sidgwick & Jackson“ zählten nicht zu den Billigheimern des britischen Verlagswesens. Ein gewisses Budget muss Herausgeber Peter Haining (1940-2007) zur Verfügung gestanden haben. Die von ihm berücksichtigten Autoren gehörten jedenfalls schon zum Zeitpunkt des Erscheinens (1968) zur Prominenz der Science Fiction.

Haining schreibt in seinem Vorwort, er habe versucht, möglichst frühe und schon damals in Vergessenheit geratene Erzählungen heranzuziehen. Diese Intention lässt sich nur ansatzweise nachvollziehen: Theodore Sturgeon (1918-1985), Ray Bradbury (1920-2012), Arthur C. Clarke (1907-2008), Robert Sheckley (1928-2005) und Brian W. Aldiss (1925-2017) waren ausnahmslos schon vor der Niederschrift der von Haining ausgewählten Kurzgeschichten aktiv.

Womöglich ist es besser, dass er auf die ganz frühen Arbeiten verzichtete. Die in diesem Band erscheinenden Texte sind durchweg von jener Qualität, die ein Autor erreicht, wenn er Talent und schriftstellerische Routine in Einklang zu bringen versteht. Ungeachtet ihres Alters können die Storys fesseln. Sie sind einfallsreich, gut geschrieben und angenehm zeitlos, zumal die Autoren nicht altmodisch in Super-Hightech schwelgen, sondern den ‚menschlichen‘ Aspekt in den Vordergrund stellen, ohne darüber die Handlung zu vernachlässigen.

Vier Geschichten mit Biss

Theodore Sturgeon beeindruckt einmal mehr durch die thematische Bandbreite ‚seiner‘ Science Fiction. Nicht das Dimensionsportal und dessen ‚wissenschaftliche‘ Erklärung, sondern das Schicksal eines Menschen steht im Mittelpunkt seiner Erzählung. Sturgeon hält die Kulisse betont einfach: Da ist das Portal in der öden Wüste, der pechvogelige Bauarbeiter auf seinem Bulldozer, die ihn überfordernde ‚andere‘ Erde und deren Bewohner, die ihm bei einer Rückkehr helfen, die ihn in größte körperliche und geistige Nöte bringt. Daraus entwickelt Sturgeon eine Handlung, die diese Fixpunkte mehrfach nutzt, und erzählt eine nicht nur spannende, sondern auch anrührende Geschichte - dies ökonomisch und auf den Plot konzentriert (sowie ohne auf die berüchtigte Tränendrüse zu drücken), was überhaupt die Bedeutung der Kurzgeschichte als eigenständige literarische Gattung unterstreicht.

Ray Bradburys „Der Flötenspieler“ gehört ungeachtet des Handlungsortes nicht zu seinen berühmten „Mars-Chroniken“, deren erste Story erst 1946 erschien. Der Autor veröffentlichte dieses Frühwerk erstmals 1940 in dem von ihm selbst herausgegebenen Fanzine „Futuria Fantasia“, bevor es drei Jahre später im Pulp-Magazine „Thrilling Wonder Stories“ erschien. Bereits deutlich ist jener wehmütige Unterton, der die „Mars-Chroniken“ prägt, in denen es um die drastische Veränderung eines Planeten geht: Der Mensch erobert buchstäblich den Mars und merkt nicht, dass er dabei einer uralten ‚einheimischen‘ Kultur ihr Ende bereitet. „Der Flötenspieler“ kann als ‚Vorspiel‘ für die „Mars-Chroniken“ gelten, obwohl der Tenor nüchtern ist und die Tragik des Geschehens mit vergleichsweise groben Effekten inszeniert wird.

Arthur C. Clarke beschreibt eine ‚Invasion‘, die praktisch unbemerkt bleibt. Er lässt uns - der Kalauer sei gestattet - im Dunkeln, was das Leben der unglücklichen Sonnen-Kreatur jenseits ihrer Herkunft betrifft. Offenbar ein typisches Risikoereignis reißt sie ins All und wirft sie auf die Erde. Dort kann sie aufgrund ihrer speziellen ‚Körperlichkeit‘ - die der Verfasser prägnant skizziert - nur kurz überleben. Das Geschehen spiegelt sich in der zufälligen Beobachtung dieses Ende durch menschliche Zeugen wider, die jedoch nicht begreifen, was sie sehen. Auf diese Weise gewinnt das schnörkellos geschilderte Unglück eine tragische Komponente.

Robert Sheckley gilt als Satiriker der Science Fiction. Wie er mit „Die Stunde der Schlacht“ beweist, stellt er den Humor in den Dienst einer Idee, die über den ‚lustigen‘ Effekt hinausgeht. Viele Autorenkollegen haben sich mit der Frage beschäftigt, wie man einem Gegner Widerstand leisten kann, der Gedanken nicht nur lesen, sondern lenken kann. Sheckley mag einen leichten Ton bemühen, doch seine Antwort ist konsequent und grimmig.

Wer den Wind sät ...

Brian W. Aldiss ist mit einer langen Erzählung vertreten. „Äquator“ ist ein (deutscher) Titel, der höchstens auf den Inhalt anspielt, weil die Ereignisse auf der Tropeninsel Sumatra spielen. Aldiss schwebte mehr als ein actionreiche Invasoren-gegen-Agenten-Story vor, in dessen Zentrum lange hilflos ein überforderter, zufällig ins Geschehen geratener ‚Normalmann‘ zappelt.

Sumatra ist mehr als ein der Exotik geschuldeter Schauplatz. Aldiss bezieht die Zeitgeschichte ein. Um 1960 begannen sich die letzten großen Kolonien von ihren ‚Mutterstaaten‘ zu lösen. Dieser Prozess lief ausnahmslos unter politischen, wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten ab. Diese wurden durch weiterhin imperialistisch denkende Kolonial-‚Herren‘ und ihrer überdrüssige ‚Untertanen‘ verschärft. Aldiss konterkariert die Problematik ironisch, indem er die Erde mit einer Macht konfrontiert, die offenbar den Planeten und seine Bevölkerung als außerirdische Kolonie vereinnahmen will: Die Mechanismen sind den Erdlingen sehr wohl bewusst.

Vor diesem Hintergrund spielt ein vielschichtiges bzw. in seiner Undurchsichtigkeit an Alfred Hitchcock erinnerndes Drama statt, in dem die technische Seite der Science Fiction kaum eine Rolle spielt. Der ‚Held‘ manövriert sich überfordert von einer Schwierigkeit in die nächste. Die Gefahrensituationen werden intensiver, die Rätsel verworrener. Alle lügen und folgen eigenen Plänen. Endlich hat unser ‚Held‘ begriffen und passt sich dem an. Die Auflösung der Hintergrundgeschichte sorgt noch einmal für eine Überraschung, denn Aldiss zieht einen weiteren Hasen aus seinem Zylinder!

Anmerkung: Wie für die meisten deutschen Verlage üblich, unterlag auch „Die Zukunftsmacher“ einer zeitgenössischen Seitennormierung. Was nicht auf den vorgegebenen 145 Seiten eines „Terra“-Taschenbuches Platz fand, wurde ersatzlos gestrichen. In diesem Fall traf es diese Texte, die nur in der Originalausgabe auftauchen: „The Weapon Too Dreadful to Use“ (1939, von Isaac Asimov), „The Eternal Now“ (1944, von Murray Leinster) und „Columbus Was a Dope“ (1947, von Robert A. Heinlein).

Fazit:

Vier Kurzgeschichten und eine Novelle künden vom Talent der vorgestellten Autoren; sie konnten bereits in den frühen Phasen ihrer Karrieren Science Fiction schreiben, die auch nach vielen Jahren aufgrund interessanter und gut entwickelter Ideen ihren Unterhaltungswert bewahrt haben.

Die Zukunftsmacher

Peter Haining, Pabel

Die Zukunftsmacher

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