Novalis´ Traum von Tobias Bachmann

Buchvorstellungund Rezension

Novalis´ Traum von Tobias Bachmann

Originalausgabe erschienen 2006, 168 Seiten.ISBN 3936742472.

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In Kürze:

Seit jeher faszinieren und beunruhigen Träume den Menschen. Im Traum begegnen uns Personen, die längst verstorben sind. Wir befinden uns unversehens in fernen Dimensionen. Fremde, unvorstellbare Wesen sprechen zu uns, und wir selbst sind im Besitz von Fähigkeiten, die uns im Wachen völlig unmöglich erscheinen. Würde uns jemand von real stattgefundenen Traumerlebnissen erzählen, so müssten wir an seinem Verstand zweifeln. Doch was würden wir nicht alles tun, um unsere Träume festzuhalten? Wie fängt man einen Traum? Angenommen, jemand würde eine Maschine bauen, mit der man Träume in die Wirklichkeit holen könnte; wie würde die erträumte Ewigkeit aussehen?

Tobias Bachmann hat in seinem neuen Buch zehn Traumgeschichten zusammengestellt. Albtraumgeschichten und Erzählungen über die Träumer selbst, führen dem Leser unter anderem vor Augen, wie man Träume fängt, wie man sich eine Traummaschine bastelt, wie man erträumte Insekten vernichtet, wie man weggeträumte Seelen befreit, wie man der Ewigkeit entkommt, oder wie man träumend seinen Nachtdienst verbringt.

Nur träumen müssen Sie noch selbst …

Das meint Phantastik-Couch.de: „10 Kurzgeschichten von Tobias Bachmann“90

Horror-Rezension von Elmar Huber

„;Das ist der Traumfilter. Er selektiert die unwichtigen Traumdaten und filtert die wichtigen, die großen Sachen heraus. Das eigentliche, wovon man träumt, den wahren Traum, gewissermaßen .“
(Novalis’ Traum)

Angeblich sind Träume die unterbewusste Verarbeitung tatsächlich erlebter Ereignisse. Das Unterbewusstsein befreit sich damit von dem Balast der Wirklichkeit, löst im Schlaf unlösbare Aufgaben der Realität. Oder zeigen uns Träume etwa Dinge, die wir nicht wahrhaben können und wollen? „;Novalis’ Traum“ ist eine Sammlung von Beweisen, die aufzeigen, dass Träume unsere Handlungen stärker beeinflussen, als wir rationale Menschen dies wahrhaben wollen.

Der „;Traumfänger“ ist wohl Tobias Bachmann selbst, der seine Träume in ein Büchlein notiert und damit nochmals durchlebt, bevor sie ihm am Morgen entschwinden.

Traumfänger funktioniert als Vorwort und Einstimmung gleich gut. Sie gibt bereits Richtung und Thema der Sammlung vor, beschreibt Träume als intensiv und gehaltvoll und gleichzeitig als ungreifbar und flüchtig.

Der Romatiker Friedrich Leopold von Hardenberg, genannt Novalis, wird ins Haus des Wissenschaftlers Gustav von Bülow gebeten. Angeregt von Novalis Werken, präsentiert dieser dem Dichter eine Erfindung, die es ermöglicht, Traumbilder gegenständlich werden zu lassen. Novalis selbst soll die Maschine ausprobieren, doch „;Novalis’ Traum“ von Tod und Vergänglichkeit erweist sich als unlösbare Herausforderung für die Maschine.

Die Gegensätzlichkeit von Wissenschaft und Traum, von Ratio und Fantasie ist das Thema von Novalis’ Traum. Der zerbrechliche Träumer ausgeliefert an eine gewaltige Maschine und doch sind die fragilen Geistesbilder stärker als die übermächtige technische Konstruktion. Eine fiktive Entstehungsgeschichte von Novalis’ „;Hymnen an die Nacht“. Auszüge aus diesen sind auch in die Geschichte eingeflochten.

In einem Traum, der einem letzten Besuch in der alten Mietswohnung zum Inhalt hat, erscheint Mettmann ein holzartiges Wesen mit langen Stacheln. Beim tatsächlichen Besuch in seiner alten Wohnung findet er eines der Zimmer übersät mit fremdartigen Insekten, Würmern und Schnecken. Ein alter Einsiedler kann den Traum und die seltsamen Wesen erklären.

Eine sehr skurrile Geschichte, die aus unpassenden Teilen zusammengebastelt ist. Leider wird „;Der Nine-Inch-Nail“ nicht rund. Das Tempo ist zu uneinheitlich, die Story zu unkonzentriert und vieles wirkt, als wollte Tobias Bachmann alle seine Ideen zum Thema loswerden.

Bertram Scholz lebt allein in dem gewaltigen Herrenhaus auf dem Hügel. Aufgrund seiner Zurückgezogenheit sind schon bald Gerüchte im Unlauf, die ihn als Monster abstempeln. Eine Gruppe Kinder wagt sich am Tage zu dem Haus und möchte Scholz herauslocken. Als Scholz tatsächlich ins Tageslicht tritt, verbrennt er, allerdings nicht, ohne die Kinder vorher zu verfluchen. Da sich Jahr für Jahr am Todestag Bertram Scholz’ unerklärliche Greueltaten in der Umgebung ereignen, wird ein „;Kenner des Übersinnlichen“ gerufen, der sich in die verlassene Villa begibt.

Bei „;Sonnenfeuer“ handelt es sich beinahe um eine klassiche Gruselgeschichte, die sich in Vorgeschichte und Gegenwartshandlung aufteilt. Der Autor verfährt allerdings gegen die Erwartungen, indem er die Rätsel des ersten Teils im zweiten nicht aufdeckt, sondern lediglich einige Andeutungen macht, die der Leser nach eigenem Gusto interpretieren kann.

Tobias Bachmann geizt nicht mit Hinweisen auf die Taten, die Bertram Scholz zugeschrieben werden. So herrscht von Anfang an eine sehr bedrohliche Stimmung in beiden Teilen der Geschichte.

Ein Traum von einer endlosen Treppe. Geht der Träumer hinauf oder hinab? Keine Erinnerungen an die Vergangenheit. Trotzdem muss er einen Ausgang finden. Was verbirgt sich hinter den Türen? Und dann die Erinnerung an uniformierte Männer.

„;Die Treppe“ hat keine wirkliche Handlung. Es ist eher ein Traumgespinst, in dem Tobias Bachmann verschiedene Richtungen andeutet um am Ende keine davon auszuführen.

Bereits während der ersten Besichtigung seiner neuen Arbeitsstelle, der Anstalt des Dr. Ambrosius, erregt eine junge Frau die Aufmerksamkeit des neuen Nachtwächters. Zusätzlich durch einen Traum beeinflusst, lässt er die Frau während seines Rundgangs aus ihrer Zelle entkommen.

In „;Die Anstalt des Dr. Ambrosius“ hat ein Traum entscheidenden Einfluss auf das Handeln des Erzählers. Oder ist gar die ganze surreale Geschichte ein Traum? Tobias Bachmann treibt die Geschichte nicht voran, sondern lässt sich entspannt Zeit, die unwirkliche Atmosphäre der Geschichte aufzubauen und zu halten. Inspiriert von Edgar Allan Poes „;Die Methode Dr. Thaer & Prof. Fedders“ geht Bachmann im Verlauf seiner Geschichte einen etwas anderen Weg.

Ein Neumitglied wird in den Räumen des „;Rhesus-Clubs“, einer uralten Verbindung von Genießern des Ungewöhnlichen, herumgeführt.

Tobias Bachmann baut seinen Rhesus-Club sehr geschickt auf, indem er immer mehr unvorstellbare Ideen aus dem Hut zaubert, woher denn das besondere Elixier stammt, das privilegierte Zeitgenossen hier genießen. Dies führt, je nach Gusto, zu einem amüsierten Schmunzeln oder zunehmender Blässe beim Leser. Die Story erinnert mich somit an Kim Newmans „;Der Mann, der Clive Barker sammelte“, obwohl hier ein anderes Thema behandelt wird. Leider ist es bereits früh klar, um was es hier geht. Der Titel und die ersten Seiten legen es bereits zu nahe, als dass am Ende noch ein Knalleffekt stattfinden könnte. Trotzdem ein sehr interessanter Beitrag, da sich nahezu die komplette Handlung über einen Dialog entspinnt.

Aufgewacht aus einer mehrjährigen geistigen Umnachtung findet sich der Erzähler im verlassenen Haus seiner verstorbenen Großmutter wieder, in dem seit 20 Jahren nichts verändert scheint. Doch die Erinnerung und die Erkenntnis kehren nach und nach zurück. Die „;Türen der Vergangenheit“ öffnen sich wieder.

Schrittweise verstärkt Tobias Bachmann das Gefühl der Fremdartigkeit und der Bedrohung während der ziellosen Besichtigung des Hauses, nur um die Geschichte schließlich kippen zu lassen und eine gänzlich andere Sicht der Dinge zu offenbaren. Gekonnt führt der Autor sein Publikum in die Irre.

Verwundert und neugierig über seinen Nachbarn am Fenster gegenüber, der ihn ständig durch ein Fernglas zu beobachten scheint, beschließt ein Autor diesem selsamen Zeitgenossen einen Besuch abzustatten.

Hätte Kafka „;Das Fenster zum Hof“ geschrieben, wäre wohl etwas ähnliches wie „;Observer“ entstanden. Geschickt baut Tobias Bachmann die Spannung auf, die sich am Ende nicht entlädt, sondern bestehen bleibt.

Bernhard Joost muss immer wieder den Tag des Heiligen Abends erleben. Was er auch versucht, der nächste Morgen ist immer der Morgen des 24.Dezember. Nach und nach akzeptiert er nicht nur sein Schicksal, sondern er erkennt auch seine Aufgabe.

Auch in „;Alle Tage wieder ...“ führt der Autor den Leser wieder geschickt auf Irrwege. Lange Zeit noch amüsiert über Bernhard Joosts „;Erlebnisse“, kommt das Ende mit einer eiskalten Überraschung. Leider kommt das Finale auch sehr plötzlich; etwas mehr Subtilität hätte hier gut getan.

Bachmanns Figuren treiben in der Handlung

Tobias Bachmanns Stärke ist die nachvollziehbare Schilderung des Innelebens seiner Figuren. Der Leser erlebt die Geschichten nicht nur als Beobachter, sondern hat das Gefühl, selbst an den Geschichten teilzunehmen, selbst in die Rolle des jeweiligen Erzählers zu schlüpfen. Dabei treiben Bachmanns Figuren in der Handlung, fast ohne diese wirklich beeinflussen zu können. Alles wirkt vorherbestimmt. In „;Türen der Vergangenheit“ spielt der Autor sogar soweit damit, dass eine anfängliche Identifizierung des Lesers mit dem Erzähler am Ende sehr unangenehm wird.

Der Autor nutzt die normale Erwartungshaltung des Publikums, dass sich die Geschichten am Ende zu einem sinnvollen Ganzen fügen. Allerdings gelingt das instinktive Bemühen des Verstandes, die Dinge zweckmäßig zu verknüpfen bei seinen Erzählungen nicht immer. Daraus resultiert eine unbewusste Weiterbeschäftigung des Verstandes, der intuitiv versucht, das soeben aufgenommene in ein bekanntes, logisches Muster zu fügen. Ein Trick, der an den Filmemacher David Lynch erinnert. Besonders deutlich wird das in Observer, deren Höhepunkt an eine Szene aus Lynchs „;Lost Highway“ erinnert (der „;Mystery Man“ ruft sich selbst von einer Party aus in einen entferneten Haus an).

Überhaupt scheint Bachmann ein Filmfan zu sein, gibt es doch eindeutige Motive, die bereits bei allseits bekannten bewegten Bildern Verwendung fanden. Etwa die Auflösung von „;Türen der Vergangenheit“, die einen Vorläufer der heutigen Slasher-Movies zitiert oder „;Alle Tage wieder ...“, deren Aufhänger von „;Täglich grüßt das Murmeltier“ entlehnt ist, auch wenn die Bachmannsche Bearbeitung gänzlich weniger komödiantisch angelegt ist.

Das Buch klingt aus mit einem informativen Nachwort des Autors, der hier seine Motivationen für jede einzelne Geschichte darlegt. Ein Vorgehen, dass leider viel zu wenig verbreitet ist und damit schon eine Aufstockung der Bewertung verdient hat. Das Covermotiv von Timo Kümmel ist wohl eindeutig von „;Novalis’ Traum“ inspiriert, denn dieser Art ist dort die Maschine beschrieben, die Träume stofflich machen soll.

Alles in Allem ein unbedingt empfehlenswerter Beitrag für alle Phantastik-Fans, denen die Schrecken des Unterbewusstseins genügen und bei denen keine Vampire, Zombies oder sonstige Buhmänner auftauchen müssen.

Ihre Meinung zu »Tobias Bachmann: Novalis´ Traum«

SordisPretiosa zu »Tobias Bachmann: Novalis´ Traum«24.02.2009
Vollkommen überzeugt hat mich dieses Buch leider auch nicht; schon allein weil einige Rechtschreib-/Druckfehler mit der Zeit ein wenig auf die Nerven gingen...

Trotzdem verdient es - schon wegen der feinen, surrealen Thematik - eine positive Anerkennung.
Auch durch das Nachwort wird das Ganze noch einmal aufgewertet. Zumindest mir persönlich hat es gefallen, dass er hier noch einmal etwas näher auf seine Geschichten eingeht.

Alles in allem also schon lesenswert, aber kein absolut phänomenales Highlight für mich.
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