Graatzug von Urs Augstburger

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2007, 304 Seiten.ISBN 3423211253.

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In Kürze:

Im Fegefeuer der Alpen »Das Böse hatte seine Hand im Spiel, der Ort war verflucht.« Eine Staumauer, so hoch wie der Eiffelturm, wirft ihre Schatten über das Tal. Im Walliser Bergdorf Plon soll die Moderne Einzug halten, und das geht nicht ohne Opfer ab. Das Seegut der Familie Rothen wird geflutet, und mit dem Bau des Kraftwerks verliert die Familie ihre gesamte Existenzgrundlage. Andere hingegen profitieren, satteln um auf Tourismus und werden reich. Vierzig Jahre später schwimmt ein geheimnisvoller Taucher durch das Seegut, und plötzlich ertönen merkwürdige Hammergeräusche, die an eine alte Sage erinnern: den Graatzug, eine unheimliche Prozession Toter, die auf der Erde wandeln …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein Bergmelodram mit allen Zutaten“65

Mystery-Rezension von Elmar Huber

„Die Mutter aber glaubte ihr (Lena) nie und hinterfragte ihre Schilderungen so lange, bis Lena sie selbst als Traumbilder und Hirngespinste abtat. Jene vollmondgrünen, leuchtenden Schleier, die wie Nebelfetzen und in Windeseile an den Bergkämmen entlang glitten ...Aber was war mit den Geräuschen? Diesem raunenden Chor aus Wehklage, Gesang und Gemurmel, der den wandelnden Verstorbenen vorauseilte?“

Plon, Gegenwart:
Kurz vor Inbetriebnahme eines Wasserkraftwerks kehrt der Hotelerbe Silvan Bohrer ins schweizerische Plon zurück. In seinem eigenen Hotel trifft Bohrer, der lieber Filmemacher als Hotelbesitzer wäre, die Umweltaktivistin Lena Amherd, die die Einhaltung der schwer erkämpften Umweltauflagen durch die Kraftwerkbauer prüft. In der Gegend um Plon streift außerdem Xeno Rothen umher. Stets im Verborgenen bleibend verfolgt dieser einen Plan, der das Ende des Kraftwerks bedeuten soll. Überdies scheinen noch andere Kräfte am Werk zu sein, denn plötzlich erklingt in den Nächten das regelmäßige Schlagen eines Merkhammers (Anmerkung: Ein mechanisches Gerät, dass durch regelmäßiges Schlagen die fehlerfreie Funktion alter Wasserleitungen angezeigt hat).

Plon, 1960er-Jahre:
Ein künstlicher See soll hier entstehen, eine „Staumauer, hoch wie der Eifelturm“. Viele Menschen müssen umgesiedelt werden und eben so vielen der traditionell denkenden Bergbewohner gefällt diese Vorstellung nicht. Betroffen sind auch Pius und Xena Rothen, die mit ihrem verwitweten Sohn Arnold und ihrem Enkel Xeno auf dem Seegut leben. Pius wehrt sich hartnäckig gegen die Umsiedlung und hält mit stoischer Verbissenheit den Betrieb des Seeguts aufrecht, während sein Sohn die Zeichen der Zeit erkennt, aber seinen Vater nicht überzeugen kann. Arnold „flieht“ vor der drohenden Auseinandersetzung ausgerechnet in die Stollen des Stausees, wo sich die Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen zu Tode schuften und lässt seinen Sohn Xeno bei den Großeltern zurück.

„Seit Tagen höre ich ihn. Im Kreischen der Bohrer, im Zischen des Wasserstrahls, im Hämmern der Pickel: den Merkhammer. Sein Toggen. Unablässig. Gleichmütig. Und tröstlich.“

Wie bereits in „Schattwand“, dem ersten Band seiner Alpen-Trilogie, verknüpft Urs Augstburger in „Graatzug“ vergangene mit derzeitigen Ereignissen und zeigt, dass sich Entwicklungen, die durch die Generationen getrennt sind, wiederholen und sogar gegenseitig bedingen können. War es in den 1960ern die Errichtung einer gewaltigen Staumauer, die das Leben der Bergbauern für immer verändern sollte, ist es heute die Inbetriebnahme eines Wasserkraftwerks, das den Widerstand der Anwohner schürt und diese gegen die Nutznießer des sogenannten technischen Fortschritts aufbringt. Diese Gegenüberstellung beider Handlungen ist dem Autor handwerklich perfekt gelungen, zumal diese auch durch einige Personen verknüpft ist. Lediglich bei der Personenzeichnung will der Funke nicht so recht überspringen. Keiner der Beteiligten taugt so richtig zur Identifikationsfigur. Unsicher, zickig, verknöchert und verzweifelt werden die Hauptfiguren charakterisiert. Das macht für die Geschichte durchaus Sinn, lässt die Figuren dem Leser aber insgesamt zu fremd bleiben.

Auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen dem Hotelier wider Willen und der oberflächlich spröden Umweltaktivistin entspinnt, wirkt aufgesetzt und mit ihren Irrungen und Wirrungen so plump wie aus einem Bergroman Marke „Alpenglühen“. Kein Vergleich mit der spielerisch entwickelten Liaison der Hauptfiguren aus „Schattwand“. Möglicherweise liegt es daran, dass mir persönlich der spröde „Held“ Severin Somm aus „Schattwand“ wesentlich mehr Identifikationspotential geboten hat als eine der Personen aus „Graatzug“.

„Kaum brach die Nacht an, schwelgte Großmutter in Geschichten über arme Seelen und lehrte ihren Tämperchind das Gruseln.“

Zugute halten muss man dem Autor, dass er nicht nach Lehrbuch ein Genre bedient. Er erzählt, wonach ihm gerade ist. So ist „Graatzug“ fast vollständig ein Berg-Melodram mit allen Zutaten, die man hier erwartet: Generationenkonflikt, unbeugsamer Stolz, Widerstand gegen den technischen Fortschritt, Liebesgeplänkel, gefahrvolle Szenen im Berg. Und doch gelingt Urs Augstburger gegen Ende unaufdringlich die Genre-Grätsche und „Graatzug“ wird auf famose Art zum alpinen Mysteryroman. Famos deswegen, weil der Autor das Mystery-Element nahezu unmerklich einbringt, viele Szenen des Romans aber dadurch in einem komplett anderen Licht erscheinen. Letztlich macht so auch das ständige Gerede von Graatzug (= Zug der armen Seelen die Bergkämme hinauf ins ewige Eis) Sinn.

Für die überzeugende Schilderung der lebensgefährlichen Arbeiten im Stollen dürfte Urs Augstburger geraume Zeit mit Recherchen verbracht haben. Ein Umstand, der dem Roman in jedem Fall zugute kommt. Im Anhang sind – als kleine Lesehilfe – die schweizerischen Ausdrücke erklärt, die der Autor verwendet.

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