Planet der Habenichtse von Ursula K. Le Guin

Buchvorstellungund Rezension

Planet der Habenichtse von Ursula K. Le Guin

Originalausgabe erschienen 1974unter dem Titel „The Dispossessed“,deutsche Ausgabe erstmals 1976, 349 Seiten.ISBN 3937897208.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Überarbeitete Neuausgabe des berühmten Klassikers. Urras und Anarres, zwei Schwesterplaneten eines Sonnensystems, werden zwar von einem Volk bewohnt, allerdings von zwei unterschiedlichen politischen Systemen beherrscht: Als auf dem kapitalistischen Urras eine anarchistische Revolte ausbrach, gewährte man den Aufständischen freies Geleit. Jahre später sind sowohl das anarchistische Utopia auf Anarres wie auch die kapitalistische Gesellschaft auf Urras gefestigt. Als der Physiker Shevek eine bahnbrechende Erfindung macht, die den interstellaren Raumflug revolutionieren kann, fehlt auf Anarres das Geld für die Umsetzung, und so wandert er nach Urras aus. Fortan gilt er auf seinem Planeten als Verräter, aber auch auf Urras begegnet man ihm mit Mißtrauen. Ursula K. Le Guin unterzieht durch die Augen Sheveks die politischen Systeme Kapitalismus und Anarchismus einem Vergleich. Die Enteigneten gilt als einer der bedeutendsten Science-Fiction-Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, als eine der maßgeblichen politischen Utopien und steht gleichberechtigt neben Werken wie 1984 oder Schöne neue Welt. Der Roman, längst ein anerkannter Klassiker, liegt hier erstmals in der definitiven Fassung vor.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Leben in zwei Welten“97

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

Ursula Le Guins „The Dispossessed. An Ambiguous Utopia“ ist ein Klassiker der philosophischen Science Fiction. Die Originalausgabe ist 1974 erschienen. Eine deutsche Übersetzung von Gisela Stege wurde 1976 bei Heyne unter dem Titel „Planet der Habenichtse“ veröffentlicht, später im Verlag Das Neue Berlin (1987) und im Argument Verlag (1999) (erste ungekürzte Übersetzung: Hiltrud Bontrop). Joachim Körber legte 2006 in der Edition Phantasia auf Grundlage der Arbeit von Hiltrud Bontrup eine Neuübersetzung vor.

Eine Revolution führte dazu, dass die Revolutionäre den Planeten Urras verließen und sich auf dem Urras-Mond Anarres ansiedelten. Auf Anarres wurde ein anarchistischer Gegenentwurf zu Urras umgesetzt, bestimmt durch die Ideale „Freiheit“ und „Gleichheit“. Der Physiker Shevek reist 170 Jahre später auf Einladung von Wissenschaftlern von Anarres nach Urras. Shevek sucht den wissenschaftlichen Austausch und möchte möglichst viel über Urras und dessen Bewohner erfahren. Auf Urras ist man besonders interessiert an Sheveks Forschungen zur Allgemeinen Feldtheorie der Temporalphysik.

Differenzierte Gesellschaftsporträts

„Die Enteigneten“ folgt zwei Erzählsträngen, die beide Sheveks Leben auf Urras und Anarres beschreiben. Shevek hat die theoretisch-physikalischen Grundlagen für die Übertragung von Informationen über beliebige räumliche Distanz ohne zeitliche Verzögerung entwickelt. Auf Urras hofft man, dass die Theorie Sheveks dazu beitragen kann, Raumfahrt ohne Durchquerung des Raums zu erlauben.

Die Erzählung beginnt mit der Reise Sheveks von Anarres nach Urras und wechselt in der Folge kapitelweise zwischen Urras und Anarres, stellt so die Anarchie der spätkapitalistischen Gesellschaft gegenüber. Zu Beginn scheint es in „Die Enteigneten“ um den Kampf zweier Systeme, den Kampf zwischen Gut und Böse zu gehen. In der Folge zeigt sich Le Guins Buch dann als ein sehr ausgefeiltes Porträt zweier Gesellschaftsentwürfe:

Urras ähnelt dem kapitalistischen Westen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Gesellschaft ist (leicht überzeichnet) bestimmt durch repressive, sozialfeindliche und sexistische Strukturen. Oberste Maxime ist das Gewinnstreben. Hier gibt es keine Mittelschicht mehr, sondern nur noch wenige Reiche und Mächtige und die Masse der Mittellosen.

Anarres ist ein anarchistischer Gegenentwurf. Die Abwesenheit formaler Autorität ist nicht gleichbedeutend mit Freiheit, sondern hat verdeckte Machtstrukturen hervorgebracht. Am Rande beschreibt Le Guin einen dritten Entwurf, das hierarchische Macht- und Kontrollsystem Thu. „Die Enteigneten“ ist nicht plakativ, sondern setzt sich sehr differenziert mit den Vor- und Nachteilen der Gesellschaftsentwürfe auseinander.

Neue Sprache

Science Fiction, die eine neue Welt gestaltet, steht immer auch vor dem Problem, eine dieser Welt angemessene Sprache zu entwickeln. Das bekannteste Beispiel ist George Orwells „Neusprech“ („Newspeak“) aus „1984“, in dem aus politischen Gründen die Sprache so verändert wurde, dass die Kommunikation der Menschen vom „Großen Bruder“ leichter zu steuern ist.

Le Guin verwendet in „Die Enteigneten“ viel Platz auf die Bedeutung von Sprache für Menschen, auf die Schwierigkeiten, vor denen Anarres bei der Entwicklung einer neuen Sprache gestanden hat, die den Anforderungen des gesellschaftspolitischen Entwurfs genügt und das Bewusstsein seiner Anwender formen soll. Auch in ihrem Roman stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Macht. Die Autorin beschreibt dieses Problem hervorragend am Beispiel des Wortschatzes aus der alten Welt Urras, der mit Besitz zu tun hat, eine Kategorie, die es in Anarres nicht mehr gibt.

Individuum und Gesellschaft

Ein Thema, das den Roman durchzieht, ist der Widerspruch zwischen den individuellen Bedürfnissen und denen der Gesellschaft. So wird Sheveks Arbeit als Physiker kein erkennbarer gesellschaftlicher Nutzen zugewiesen. Und das Schaffen der Künstler in einer Welt, die um das tägliche Überleben ringt, wird in seinem Nutzen noch fragwürdiger gesehen. Eine zentrale Frage, die der Roman hier stellt, ist die, wer nach welchen Kriterien darüber befindet, was gesellschaftlich sinnvoll sein soll.

Die Bewohner der neuen Welt haben die „Gleichheit“ aller Anarresti zum Dogma erhoben, dem sie jedoch nicht entsprechen können. Sie sind getrieben durch Neid und Gier, Eigenschaften, die sie auch auf Anarres nicht loswerden können.

„Die Enteigneten“ ist ein Buch, mit dem man sich sinnvoll auseinandersetzen kann und das beim wiederholten Lesen neue Perspektiven eröffnet. Seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stehen wir Utopien mit Argwohn oder Misstrauen gegenüber. Ursula Le Guin zeigt mit ihrem Roman, dass der weit verbreitete Zynismus, mit dem wir der Hoffnung auf eine bessere Welt allerorten begegnen, wenig zielführend ist. Zwar hat ihr Roman in Momenten Seminarcharakter, dies aber zum Glück nur selten. Insgesamt ist das Buch auch heute noch sehr lesenswert: als einer der differenziertesten utopischen Romane, als ein Roman, der auf beeindruckende Weise Unterhaltung und hohen Anspruch miteinander verbindet.

Ihre Meinung zu »Ursula K. Le Guin: Planet der Habenichtse«

geronimox zu »Ursula K. Le Guin: Planet der Habenichtse«20.04.2017
Ich kann weder den Kritikerjubel, noch die verliehenen SciFi-Preise für diesen Roman verstehen. Dieses Buch, Mitte der 70er zur Zeit des kalten Kriegs geschrieben, kommt als gesellschaftskritische Parabel eher langweilig und moralisierend daher.

Der Roman verdient in meinen Augen noch nicht einmal die Klassifizierung als »soziale Utopie«, da es die beschriebenen Gesellschaftssysteme (Sozialismus und Kapitalismus) ja schon seit Anbeginn menschlicher Staatenbildung gibt. Die Erzählung greift also keine neuen Themen auf, sondern kaut nur längst existierende Sozialkritik wieder.

»The Dispossessed« ist also ein utopischer Roman ohne Utopien und enttäuschend wenig SciFi: Interplanetarer Raketenverkehr wird zwar als Mittel zum Zweck erwähnt, aber technisch nicht beschrieben. Ingenieure und Mathematiker müssen in diesem (Non-) Zukunftsroman noch Rechenzeit bei Zentralrechnern kaufen oder bei Geldknappheit selbst zu Rechenschieber [sic!] und gedruckten Logarithmentabellen greifen. O_o

Aus diesem und anderen Gründen wirkt dieser in der Mitte der 70er Jahre geschriebene Roman in 21ten Jahrhundert trotz mehrerer deutscher Neuübersetzungen für mich nur unfreiwillig komisch.

Mein Fazit: Keine Unterhaltung für SciFi Leser. Eher ein Arbeitspapier für Soziologieprofessoren oder Alt-68er, die damals™ den Begriff »Klassenfeind« für ihre drogengeschwängerten Diskussionen erfunden haben.

6/10

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Stefan Erlemann zu »Ursula K. Le Guin: Planet der Habenichtse«01.10.2014
Shevek verlässt Anarres. Seine Brüder und Schwestern halten seine Reise nach Urras für Verrat an ihren Idealen. Shevek hingegen will dort nach dem Gemeinsamen suchen oder es erschaffen. Vor einhundertsiebzig Jahren verließen seine Vorfahren Urras. Sie folgten dem Manifest von Odon und bildeten ein Volk, das Individualität ablehnte. Sie besiedelten den unwirtlichen, wüstenhaften Mond Anarres einzig aus einem Grund: Sie wollten sich dem Besitzdenken der Menschen auf Urras entziehen.
Doch Shevek glaubt, dass es eine gemeinsame Zukunft aller Menschen gibt. Er setzt alles daran, Urras und Anarres zu vereinen und die gegenseitige Abneigung zu überwinden. Immer stärker jedoch bedrängen ihn seine Erinnerungen. Er fühlt immer mehr, dass er seine Utopie aus den Augen verliert und von Urras instrumentalisiert wird. Seine Hoffnung, mit Hilfe seiner physikalisch bahnbrechenden Theorien einen Konsens zwischen Urras und Anarres, ja zwischen allen Völkern des Universums zu erlangen, scheint zu trügen. Er spürt immer stärker, dass die Gräben zwischen den "Besitztümlern" von Urras und den "Habenichtsen" von Anarres durch seine Bemühungen eher tiefer wird.
Doch welcher Welt soll er sich zuwenden? Der Welt des Besitzes, der uneingeschränkten Freiheit des Geistes und des Überflusses, oder der Welt des gemeinsamen Strebens, des Mangels und der Gleichheit aller Individuen?

"Der Planet der Habenichtse" - so der ursprüngliche deutsche Titel des Romans "The Dispossessed" - erschien 1974 und erhielt mit dem "Hugo Award" und dem "Nebula Award" zwei der bedeutendsten, weltweit wichtigsten Preise, die es in der Science-Fiction-Literatur zu gewinnen gibt.
Der als "moderne Utopie" bezeichnete Roman beschäftigt sich intensiv mit zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Im Prinzip könnte man sie als die Gegenüberstellung des sozialistischen oder kommunistischen Systems und des kapitalistischen Gesellschaftssystems bezeichnen. Doch Ursula K. Le Guin erweitert diese Systeme, verfremdet sie und idealisiert sie gleichzeitig. Sie entzieht ihren Roman damit geschickt der Gegenwart und verleiht ihm etwas Zeitloses. Sie konzentriert beide Systeme in der Existenz eines Individuums, das in beiden Systemen seine Heimat sucht und zwischen ihnen taumelt.
In diesem Buch geschieht nichts. Keinerlei Action, keine außerirdischen Kontakte, keine nennenswerten Zukunftstechnologien werden erläutert, keine wirklichen utopischen Ideen oder Systeme umrissen. Darüber hinaus wird die Handlung durch Rückblenden erzählt und konzentriert sich komplett auf die Gedankenwelt eines einzigen Menschen. Seine Ideen, seine Reflexionen, seine Schlussfolgerungen sind alleiniger Gegenstand der Betrachtung. Dies geschieht in einer sehr komplexen, schwierig nachvollziehbaren Sprache und Struktur.
Ursula K. Le Guin macht es dem Leser nicht leicht, sich in den Roman zu vertiefen. Sie fordert absolute Konzentration. Will man verstehen, was "Shevek" - also Le Guin - denkt, muss man ihm und seinen Gedankengängen bedingungslos folgen. Der sperrige Aufbau, der komplexe Verlauf und das offene Ende erschweren den Zugang zu diesem Roman. Hinzu kommt, dass das Buch nun über dreißig Jahre alt ist und sowohl Kommunismus als auch Kapitalismus an Grenzen gelangt sind und sich verändert haben.
Funktioniert diese "alte Utopie" auch heute noch? Kann ein Buch, das zwischen den damaligen gegensätzlichen Gesellschaftsformen frei mäandriert und sie in eine theoretische Zukunft versetzt, in eben dieser Zukunft noch funktionieren?
Bedingt, denn spannend und ereignisreich ist dieses Buch nicht, man erlebt kein Abenteuer, keine Heldensagen, keine Science-Fiction-Literatur im herkömmlichen Sinn. Doch dieses Buch ist intellektuell fordernd, anregend und irritierend.
Dank der "Edition Phantasia" hat man ein neu übersetztes Meisterwerk in den Händen, das zeitlos zu sein scheint. Auch dreißig Jahre nach seiner Entstehung sind die Gedanken zur Individualität und zum Gemeinschaftssinn des Menschen aktueller denn je.
Wer dieses Buch liest, wird in seinem eigenen Leben und seiner Haltung zu seinen Mitmenschen beeinflusst und verändert, und das kann man wirklich nicht von vielen Science-Fiction-Büchern sagen.
Beverly zu »Ursula K. Le Guin: Planet der Habenichtse«20.03.2012
Der Buchtitel "Planet der Habenichtse" illustriert die Probleme, die ich mit der darin geschilderten anarchistischen Utopie habe. Dass Ursula K. Le Guin in dem Roman zeigt, dass auch ein anarchistisches System Konflikte hat und in eine Krise geraten kann, ist an sich begrüßenswert. Dass er Konflikt sich daran zuspitzt, dass der Physiker Shevek den von bürgerlich-reaktionären Kräften beherrschten Herkunftsplaneten der Anarchisten besucht, ist durchaus plausibel. Dass das ahnungslose Landei vom Mond vom Luxus der herrschenden Klasse ein bisschen geblendet ist, bis die Unterdrückten Rabatz machen, lädt sogar zum Schmunzeln ein. Hier beschreibt die Autorin Dinge, wie sie auch in der Wirklichkeit immer wieder geschehen.
Was dagegen völlig wirklichkeitsfremd ist, sind einige der Zustände bei den Odoniten. Ich entsinne mich da an Hungersnöte, das Abschalten der Heizung bei mehr als 12 Grad Zimmertemperatur (lässt mich an meinen akuten Vermieter denken, durch dessen Schlamperei ständig die Heizung ausfällt) und gefährliche Arbeit in Bergwerken, die Rohstöffen zum Herkunftsplaneten liefern.
Ein Angehöriger der herrschenden Klasse sagt dann auch, Rohstoffe, die es bei ihnen nicht mehr gibt, liefern jetzt halt die Odoniten. Was mich eher an eine gigantische Verarschung als an eine wirkliche Systemalternative denken lässt. Man hat die Unruhestifter auf den Nachbarplaneten abgeschoben, von dem sie Rohstoffe schicken und wo sie ansonsten frieren und hungern dürfen. Ganz wie in den stalinistischen Systemen der Wirklichkeit, von denen ein Freund einmal sagte, sie wären aufgebaut worden, um jede Systemalternative zum Kapitalismus zu diskreditieren.
Tut mir Leid, aber das odonitische System hat mich diesbezüglich auch nicht überzeugt. Für mich ist es schlichtweg nicht nachvollziehbar, warum eine Gesellschaft, die einen Schritt weiter als bürgerlich-reaktionäre Systeme sein will, noch Generationen nach ihrer Gründung ihren Angehörigen Entbehrungen zumutet, die eher schlimmer denn besser als in vormodernen Epochen sind.
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