Der unsterbliche Prinz von Jennifer Fallon

Verlosung und Leseprobe

Frisch erschienen ist der erste Teil von Jennifer Fallons Gezeitenstern-Saga: Der unsterbliche Prinz.  Die Australierin ist neben Trudi Canavan und Sara Douglass eine der Fantasy-Bestsellerautorinnen von down under.

Mit freundlicher Unterstützung des Lyx-Verlags verlosen wir nun bis zum 2. Mai 2008 fünf Exemplare des epischen Fantasy-Schmökers unter den Abonnenten des Phantastik-Couch-Newsletters (der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen). Als literarisches Amuse Geule gibt es hier auch eine Leseprobe:

Prolog

Als sich der letzte der versprengten Flüchtlinge mit versagendenKräften in die Höhle schleppte, sah Krynan über die Schulter auf das Ende seiner Welt und fragte sich, warum der Anblick nichts mehr in ihm auslöste. Er griff nach dem Felsvorsprung und zog sich hoch, versuchte für einen Augenblick den Schmerz seiner versengten Hände auszublenden, um dann im Schutz der Höhle zusammenzubrechen. Draußen zuckte wieder ein Blitz über den blutroten Nachthimmel, die Luft war dick von vulkanischem Aschenregen. Auf den Ellbogen gestützt richtete sich Krynan langsam auf. Er fühlte es mehr, als dass er es hörte – wieder bebte unter ihnen die Erde. Das tat sie schon seit Tagen. Die Erdstöße waren so stark, dass man kaum aufrecht stehen konnte, geschweige denn laufen, um sich vor der Katastrophe in Sicherheit zu bringen. Krynan fühlte Tränen aufsteigen, doch er blinzelte sie weg, legte die Hand über die Augen und sah in die Ferne hinaus. Viel gab es dort allerdings nicht mehr zu sehen. Die Stadt L’bekken existierte nicht mehr, und etliche der umliegenden Dörfer waren unter einer dicken Schicht Bimssteinbrocken und Asche verschwunden. Was nicht dem vorrückenden Lavastrom zum Opfer gefallen war, das hatten schon vorher die wütenden Blitze zerschmettert, die die Unsterblichen in ihrer Wut so verschwenderisch austeilten. Denn sie waren es, die diese Katastrophe zu verantworten hatten.
Es war unmöglich zu sagen, wo genau am Flussufer noch bis vor Kurzem sein blühendes Gehöft gestanden hatte; unmöglich, die alten Orientierungspunkte in der Landschaft wiederzufinden. Der Fluss war in der Hitze verdampft, die Erde lag begraben unter den geschmolzenen Felsmassen, die aus dem Berg gequollen waren, von den einst so fruchtbaren Hängen des Iriggin-Massivs.
Wie viele Menschen den Tod gefunden hatten, konnte niemand wissen, und das Los der Handvoll Überlebenden war fast zu beängstigend, um darüber nachzudenken.
„Krynan?“
Er drehte sich um. Fast hätte er die junge Frau, die ihn ansprach, nicht erkannt. Es war seine Frau. Ihr Gesicht war rußgeschwärzt und
mit Brandblasen übersät, wo der heiße Aschenregen sie versengt hatte. Ihr Haar war steif und schmutzig braun, und ihre einst so schönen Kleider hingen in Fetzen an ihr herunter. Sie sah aus wie eine Bettlerin. Das sind wir jetzt alle. Nur noch Bettler.
„Was?“, fragte er, und es klang schroffer als beabsichtigt. Schließlich war es nicht Aleas Schuld, dass sie jetzt heimatlos waren, alles verloren hatten und nur noch damit rechnen konnten, elend umzukommen in diesem Krieg der Götter – dieser schrecklichen Götter, die nichts anderes kümmerte als ihre eigene Launenhaftigkeit.
„Deine Mutter fragt nach dir.“
Krynan seufzte. Er wusste, was seine Mutter von ihm wollte. Ihm, ihrem einzigen Sohn, hatte die Bruderschaft eine undankbare und
wahrscheinlich völlig sinnlose Aufgabe zugedacht – eine Aufgabe, der er sich noch nicht gewachsen fühlte.
„Sag ihr, ich komme gleich“, antwortete er und wandte sich wieder dem Anblick seiner Welt zu, wie sie in diesem feurigen Inferno vor
seinen Augen unterging.

Alea zögerte kurz, dann nickte sie. „Aber der Matriarchin bleibt nicht mehr viel Zeit, Kryn“, sagte sie warnend. Dann drehte sie sich um und ging ins Innere der Höhle zurück.
Viel Zeit bleibt uns allen nicht mehr, dachte Krynan, als unvermittelt ein Berggipfel weiter östlich zerbarst, in einen Ball aus Feuer und Asche zerschmolz und hoch in den Nachthimmel hinaufsprühte wie schäumendes Ale über den Rand eines Bierkrugs. Einen Augenblick
lang sah er dem schrecklichen Schauspiel zu, vom Ausmaß der Katastrophe immer noch völlig benommen. Schließlich raffte er sich auf,
wandte sich ab und ging in den Berg hinein. Im hinteren Raum der Höhle lag seine Mutter auf eine behelfsmäßige Tragbahre gebettet, die anderen eng um sie zusammengedrängt. Im unruhigen Schein der wenigen Fackeln, die sie hatten retten können, konnte er erkennen, wie verheerend die Verbrennungen waren, die sie erlitten hatte. Ihr Atem ging so mühsam, dass es beim Zuhören schmerzte. Als Alea ihn kommen sah, machte sie ihm Platz, damit er sich neben die Verletzte knien konnte.
„Mutter …“
„Krynan. Du bist … noch hier?“
„Wo sollte ich sonst sein?“
Mit einer schwarz verbrannten Hand klammerte sich seine Mutter an seinen zerschlissenen Ärmel.

„Du hast eine Aufgabe zu erfüllen…“
„Meine Aufgabe ist es, mich um die Überlebenden zu kümmern.“
Mit großer Anstrengung schüttelte sie den Kopf.

„Du bist der Bewahrer der Überlieferung. Deine Aufgabe … deine einzige Aufgabe … ist es, unser heiliges Wissen zu retten. Die Überlieferung ist unser einziger Schutz … gegen die Gezeitenfürsten.“
„Unser heiliges Wissen hat uns dieses Mal auch nicht retten können“, entgegnete er bitter.
„Umso wichtiger ist es, die Überlieferung … zu bewahren, Krynan.“
Das Gesicht seiner Mutter war schmerzverzerrt, aber sie schien entschlossen, sich durch ihr Leiden nicht ablenken zu lassen von der Sorge
um etwas, das viel wichtiger war als die Ängste und Schmerzen einer Einzelnen. Die heilige Überlieferung bedeutete ihr alles.

„Vielleicht haben wir … versagt, aber zukünftige Generationen können … auf unseren Erfahrungen aufbauen. Die Bruderschaft … verlässt sich auf dich. Bildet einen neuen Fünferrat der Weisen. Rette … unser Wissen. Es muss … weiter bestehen.“
Obwohl er mit dieser Forderung gerechnet hatte, machte sie ihn
wütend.

„Du willst, dass ich mein Volk im Stich lasse? Nur um ein paar zerfledderte Papierfetzen zu retten, die uns jetzt auch nichts genützt
haben?“
„Dein Schmerz … trübt deine Urteilskraft, Krynan …“, warnte seine Mutter. Ihre Stimme wurde immer schwächer, so wie sie selbst.
„Du hast immer gewusst, dass es einmal so kommt.“
Das war die bittere Wahrheit. Seit der Fünferrat, das Führungsgremium der Bruderschaft des Tarot, ihn seinerzeit zum Bewahrer der heiligen Überlieferung ernannt hatte, hatte Krynan gewusst, dass es dazu kommen konnte. Aber es war ein gewaltiger Unterschied, ob man wusste, dass man auserkoren war, eines Tages eine beschwerliche Aufgabe zu erfüllen, oder ob man plötzlich konkret mit dieser Forderung konfrontiert war. Hilflos zuckte er mit den Schultern.

„Ich fürchte, ich hatte einfach nicht erwartet, zu überleben.“
„Dass du überlebt hast … ist ein sicheres Zeichen … es ist dein Schicksal, mein Sohn.“
Er schüttelte den Kopf. „Dafür bin ich nicht stark genug, Mutter.“
„Die Bruderschaft hält dich für stark genug, sonst hätte sie dir dieses Amt nicht übertragen.“

Krynan runzelte die Stirn. Eigentlich, dachte er, hatte man ihn in erster Linie deshalb mit dieser Aufgabe betraut, weil in den kultivierten Salons von L’bekken niemand wirklich damit gerechnet hatte, dass die Gezeitenfürsten mit solcher Wildheit übereinander herfallen würden. Die Menschen wussten nicht einmal, worum die Götter überhaupt stritten, welche Auseinandersetzung da zur Zerstörung ihrer ganzen Welt eskaliert war. Vermutlich würden sie es auch nie erfahren. Aber wie bei den unzähligen Zivilisationen, die vor ihnen dasselbe Los ereilt hatte, war das nicht von Belang. Alles, was jetzt noch zählte, war, die heilige Überlieferung zu retten und gut versteckt zu halten. Und am sichersten versteckt war sie in einer unverdächtigen Form – sie verbarg sich in Gestalt des Tarot. Die Gezeitenfürsten waren zwar unsterblich, aber früher oder später, so glaubte die Bruderschaft des Tarot, würde jemand einen Weg finden, sie zu besiegen. Das war der Grund, warum die Überlieferung um jeden Preis bewahrt werden musste. Nur war Krynan bis zu diesem Augenblick nicht klar gewesen, wie hoch der Preis dafür war. Der Atem seiner Mutter ging stoßweise, ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

„Versprich mir, Krynan … versprich mir, die Überlieferung zu retten.“
„Ich verspreche es“, sagte er. So nutzlos diese Aufgabe ihm auch vorkam, er konnte seiner Mutter nicht ihren letzten Wunsch abschlagen. „Ich werde die verdammten Karten retten. Wer weiß, vielleicht sind
die Menschen der Zukunft klüger und finden heraus, wie die Schufte
zu besiegen sind.“


Sie nickte und hob ihre Hand, griff nach etwas, das in ihrer Bluse verborgen war. Als er sah, wie schmerzhaft die Bewegung für sie war,
kam er ihr zu Hilfe. Es war ein jämmerlich dünnes Päckchen, das er da hervorzog, in Öltuch eingeschlagen, um es vor der Feuchtigkeit zu
schützen. Aber feuerfest war es nicht. Seine Mutter hatte die kostbaren Karten unter Einsatz ihres Lebens mit ihrem eigenen Körper vor der glühenden Asche geschützt. Krynan hielt sich für nicht annähernd so tapfer. Oder so pflichtbewusst.
„Die Zukunft … liegt in deiner Hand, Krynan“, flüsterte seine Mutter. „Enttäusche … sie nicht.“
„Ich werde die heilige Überlieferung um jeden Preis beschützen“, rezitierte er und gab sich Mühe, die Skepsis aus seiner Stimme herauszuhalten, denn nur so würde sie Frieden finden. „Das Tarot muss
weiter bestehen, damit die Menschheit überleben kann.“
„Die Zeit … wird kommen, Krynan“, versprach sie leise und schloss die Augen. „Nur … eben jetzt noch nicht. Nicht in unserer Zeit.“
„Die Zeit wird kommen“, wiederholte er bestätigend und merkte zu seiner Überraschung, dass ihm salzige, rußige Tränen übers Gesicht
rannen. Noch während er sprach, wurde der keuchende Atem seiner Mutter langsamer. Dann setzte er ganz aus. Einen Augenblick lang
wartete und hoffte er. Doch der nächste Atemzug kam nie. Der Körper seiner Mutter erschlaffte, und mit einem Mal waren ihre Züge
entspannt, aller Schmerz aus ihnen gewichen. Alea trat hinter ihn und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
„Ich muss nicht gehen“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Ich könnte doch hierbleiben. Jetzt ist sie tot, es kümmert doch niemanden
mehr –“
„Das Tarot muss weiter bestehen, damit die Menschheit überleben kann“, fiel Alea ihm ins Wort. „Du musst deinen Schwur erfüllen,
Krynan. Nicht nur für deine Mutter, für uns alle.“
Er stand auf und wandte sich ihr zu. „Glaubst du denn wirklich daran, Alea?“
„Ich muss daran glauben, Kryn.“ Seine Frau lehnte sich an ihn und küsste ihn auf die tränenfeuchte Wange.
„Dann komm mit mir …“
Mit einem traurigen Lächeln schüttelte sie den Kopf. „Das können wir nicht riskieren. Geh, mein Liebster, jetzt, solange die Götter noch damit beschäftigt sind, einander mit Landschaft zu bewerfen. Ein Mann kommt vielleicht durch, wo eine Gruppe keine Chance
hat. Es wird Verstecke geben, die sicherer sind, wo die Zerstörung nicht so schlimm ist wie hier.“ Sie lächelte ihn mit unaussprechlicher
Traurigkeit an und wischte sachte mit dem Daumen seine Tränen ab.
„Aber denk manchmal an uns.“
„Alea …“
„Du bist der Bewahrer der heiligen Überlieferung, Krynan. Es ist deine Pflicht.“
Die Last schien ihm zu schwer, und so vergeblich. Sein Volk hatte schon so unendlich viel durchlitten, um das Wissen zusammenzutragen,
das nun im Tarot enthalten war. Und doch hatten sich all ihre Bemühungen als fruchtlos erwiesen. Sachte berührte er ihren Bauch,
der aus ihren zerlumpten Kleidern hervorstand.

„Ich werde meinen Sohn niemals sehen …“
„Wenn du nicht gehst, wird es einerlei sein, ob dein Sohn geboren wird oder nicht“, antwortete sie traurig.
„Aber …“
„Ich verlasse mich auf dich“, flüsterte sie und küsste ihn auf die Wange. „Das tun wir alle.“
Krynan warf einen Blick über die Schulter und betrachtete, was von seinem Volk übrig geblieben war: ein Häufchen Flüchtlinge, das sich
in der Höhle zusammendrängte, die Gesichter von Ruß und Asche geschwärzt, in den Augen die helle Verzweiflung.
„Du bist unsere Hoffnung für die Zukunft, Kryn“, erinnerte ihn Alea leise. „Unsere einzige Hoffnung, dass die Menschheit überhaupt
eine Zukunft hat.“
Die Verantwortung war eine tonnenschwere Bürde. Er wusste nicht, ob er die Kraft hatte, sie zu tragen. Doch dann dachte er an seinen
ungeborenen Sohn. Der Gedanke, dass eines Tages auch er zu dieser grenzenlosen Verzweiflung verdammt sein würde, wenn sein Vater
jetzt nicht ging, half Krynan seine Stärke finden. Sein Sohn verdiente ein besseres Los. Er verdiente Hoffnung – selbst wenn sie letzten Endes vielleicht vergeblich war. Krynan zog Alea an sich und umarmte sie fest, küsste sie auf ihre geschwärzten Lippen. Wenn er jetzt nicht schnell ging, würde die Verzweiflung ihm allen Mut dazu nehmen. Er legte die Hand auf ihren
Bauch.

„Ich liebe dich, Alea. Und sag meinem Sohn, dass ich auch ihn liebe.“
„Er wird im Wissen aufwachsen, der Sohn eines Helden zu sein“, versprach sie ihm. „Und jetzt geh! Geh, bevor die Gezeitenfürsten
das Interesse an ihrem Krieg verlieren und sich fragen, was aus uns geworden ist.“
Er nickte und steckte das kleine Päckchen in sein Hemd. „Brauchst du noch etwas, bevor ich …“
„Geh einfach!“, befahl sie.
Krynan nickte. Erfüllt von einem schrecklichen Gefühl der Ungewissheit wandte er sich zum Ausgang der Höhle, um all die Menschen,
die ihm noch geblieben waren – der jämmerliche Rest seines Volkes, die Leiche seiner Mutter, seine geliebte Frau und sein ungeborenes
Kind –, für immer hinter sich zu lassen. Das Tarot muss weiter bestehen, damit die Menschheit überleben kann,
rief er sich in Erinnerung und trat in die höllische Nacht hinaus. Die Zeit wird kommen. Nur jetzt noch nicht. Nicht in unserer Zeit.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Lyx Verlages