Wenig Neues aus dem Elbenreich

Seit Großmeister Tolkien Mittelerde mit Elben, Orks, Hobbits und edlen Menschen bevölkert hat, ziehen diese Ethnien durch die Romane vieler Fantasy-Schriftsteller. Markus Heitz und zahlreiche andere Autoren haben vorgemacht, dass man damit gut und erfolgreich unterhalten kann. Unser Mitarbeiter Frank Weinreich mag aber keine tolkienesk-generischen Fantasyromane mehr lesen und nimmt "Elbenzorn" von Susanne Gerdom zum Anlass, die Verlage zu mehr programmatischer Innovation aufzufordern. Denn sonst, so Weinreich, wird es immer wieder dazu kommen:

Wenig Neues aus dem Elfenreich ist zu vermelden, nachdem man Susanne Gerdoms Elbenzorn gelesen hat. Denn auch wenn sie (oder war es die Marketingabteilung von Piper?) eine Geschichte über Elben schreibt, so handelt es sich doch um eine wenig innovative Neufassung der Standardelfen, wie sie seit Tolkien in mehr oder weniger ähnlicher Form immer wieder erschaffen wurden (und der sprach bekanntlich auch von „;elves“;). Aber wenigstens kann Frau Gerdom schreiben, Stimmungen erzeugen und einen Spannungsbogen aufbauen, halten und auflösen, so dass man unter dem Strich nicht schlecht unterhalten wird. Einst lebten Dunkle und Goldene Elben als ein Volk zusammen, doch mit dem Ende des Königshauses kam es zu einer Spaltung und die Dunklen verließen den Wandernden Hain und durchstreifen seitdem als Geächtete das Land. Die Goldenen leben nun allein und von der Außenwelt weitgehend getrennt in ihrem angestammten Waldreich und wann immer ein dunkles Elbenkind geboren wird, wird es getötet oder verstoßen. So kommt es auch zur Trennung zweier Schwestern, die in der Folge die Ereignisse in Elbenzorn aufzuklären haben.

Mit Beginn der Geschichte geschehen Morde im Wandernden Hain, verübt, wie man sofort erfährt, von Dunklen Elben, aber nicht ohne Unterstützung und wahrscheinlich sogar angestiftet von Goldenen, die einen Umsturz der Elbengesellschaft planen. Die Schwestern Iviidis und Rutaaura versuchen innerhalb und außerhalb des Haines die Ereignisse aufzudecken. Dass sich das Verschwörer innerhalb des Reiches, wie auch die Dunklen außerhalb des Reiches, nicht einfach so gefallen lassen, sorgt für einen Großteil der Spannung während das Aufdecken des Komplotts dazu weniger beiträgt, weil die Entwicklung der Ereignisse doch recht vorhersehbar ist.

Elbenzorn spielt in einem typisch tolkienesken Fantasysetting, einzig der Umstand, dass es keine typische Questgeschichte ist, hebt das Buch etwas von seinem Genreumfeld ab. Stärken beweist es erstens durch eine ganze Reihe hübscher Einfälle, die dem Elfenthema ein paar neue Details hinzufügen. Zweitens gelingt Gerdom die Zeichnung ihrer Hauptcharaktere – neben den Schwestern besonders deren Lebensgefährten und ein Zwerg – gut genug, dass man als Leser Sympathien für sie entwickelt. Drittens hat Gerdom ein Händchen für Situationen und kann sowohl ruhige Settings als auch spannungsbestimmte Szenen und auch Gespräche überzeugend darstellen.Nur hätte Gerdom sich die Mühe gar nicht zu machen brauchen, eine Fantasygeschichte zu schreiben, denn was eine solche ganz wesentlich ausmacht – Verzauberung und einen Sinn für Wunder und das Wunderbare zu wecken (Stichwort: sense of wonder) – das lässt Elbenzorn beinahe völlig vermissen. Gerdoms Welt weist keine Tiefe, keinen Zauber und kaum Originalität auf, geschweige dass sie von einem mythischen Hintergrund zusammengehalten würde. Das Buch erzählt eine konventionelle Intrigengeschichte und lässt dazu eine Gesellschaft entstehen, die sich von der unseren nicht unterscheidet.

Obwohl es sich um einen Roman über Elfen handelt, berichtet er doch nur von Menschen, denn Gerdoms Elben sind nichts weiter als ein großer Haufen intriganter und arroganter Feudaladeliger und ein kleiner Haufen aufrechter Gutmenschen. Außer spitzen Ohren ist so überhaupt nichts fremdartiges oder zauberhaftes an diesen Elfenwesen. Sie können zwar zaubern und bedürfen bei der Holzbearbeitung weniger der Säge und des Hobels als vielmehr des gepflegten Zaubergesangs, aber das wirkt aufgesetzt, weil sie in ihrem sonstigen Wesen so typisch menschlich sind. Als Unsterbliche sollten sie sich doch in Haltung und Handlung ein wenig von uns Sterblichen unterscheiden, aber nein. Das findet man bei McKiernan wesentlich überzeugender gelöst und auch Bernhard Hennens Elfen und Markus Heitz´ Zwerge und Albae lassen zumindest aufflackern, dass man es hier mit einer anderen Rasse als der menschlichen zu tun hat. Auch das Böse ist eine Enttäuschung, denn es ist nicht vorhanden. Was an Bösem geschieht, ist allseits von profaner Machtgier motiviert, eventuell garniert mit einem Schuss eigentlich guten Willens. Das ist natürlich per se überhaupt nicht zu verurteilen und einer platten Schwarz-Weiß-Moral immer vorzuziehen. Nur braucht Fantasy den Hintergrund eines der Idee nach echten Bösen, am besten eines Bösen metaphysischer Art.

Vor diesem Hintergrund kann man dann immer noch differenzierte Charaktere zeichnen, wie Tolkien es tut, oder sogar so moralisch verstörende Protagonisten erschaffen, wie Donaldson es in den Geschichten von Thomas Covenant gelingt. Aber bei Gerdom geht es nur um Macht, nicht um Ideen und das ist für Fantasy unbefriedigend. Das könnte man ebenso in unserer Welt spielen lassen. Aber Fantasy verkauft sich halt zur Zeit besser ...Und beim Verkaufsargument trifft man auch auf den Wesenskern von Elbenzorn. Das ist keine Geschichte, die wuchs und erzählt werden wollte, das ist Auftragsarbeit und liest sich auch genau so. Lustig ist nämlich, dass die Marketingleute bei Piper geschlafen haben und Gerdom folgenden Satz in ihre Danksagung schreiben ließen (S. 480): „;[Danke ich] Friedel Wahren dafür, dass sie mir das Elbenthema aufs Auge gedrückt hat“; – ah ja! Den Eindruck hatte ich die ganze Zeit beim Lesen: da ist einem Profi ein Thema aufs Auge gedrückt worden: „;Der Hennen verkauft tierisch viel von seinen Elfenbüchern, machen´se doch auch mal was mit Elfen, ja?“; Kein Vorwurf an Gerdom, Autoren haben es schwer genug und es ist erstens legitim, Auftragsarbeiten zu erledigen, und zweitens beherrscht sie das dafür notwendige Handwerkszeug. Es richtet sich viel eher eine Frage an die Verlage, ob sie sich damit wirklich einen Gefallen tun. Die ganze Kreaturenreihe (Nicholls´ Orks, Conrads Drachen, Heitz´ Zwerge, Witzkos Kobolde, Hardebuschs Trolle usw.) ist vom Standpunkt der Genrekritik aus ziemlich schwach, denn sie laugt Fantasytopoi aus, ohne das Genre nennenswert um Ideen, Motive und Aspekte zu bereichern.

Wenn Elke Heidenreich auf solche Bücher eindrösche, könnte man dem schwerlich etwas entgegen halten. Angesichts der Flut solcher Bücher ist wirklich zu erwarten, dass die Fantasywelle bald abebbt und das Genre auf den status quo ante zurückfällt, was einfach schade wäre, weil Fantasy so viel zu erzählen hat und das breite Publikum, wie Harry Potter zeigt, durchaus Gefallen daran findet, sich auf den ganzen Zauber einzulassen.Kann man nur hoffen, dass erstens die Verlage ihre (kurzfristigen) Gewinne in die Förderung innovativer junger Autorinnen und Autoren wie Markolf Hoffmann weiterinvestieren und dass zweitens Susanne Gerdom bald wieder etwas schreiben darf, das wirklich ihrem Herzen entspringt.


Frank Weinreich