Der Kuss des Todes von Whitley Strieber

Buchvorstellungund Rezension

Der Kuss des Todes von Whitley Strieber

Originalausgabe erschienen 1981unter dem Titel „The Hunger“,deutsche Ausgabe erstmals 1989, 346 Seiten.ISBN 3-442-45225-2.Übersetzung ins Deutsche von Ralph Tegtmeier.

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In Kürze:

Ewige Jugend wäre etwas Wunderbares – wenn denn alle daran teilhaben könnten. Doch wieder einmal steht dem Vampir Miriam Blaylock der Abschied von ihrem derzeitigen Ehemann bevor, dem keine Unsterblichkeit vergönnt ist. Als sie sich auf die Suche nach einem neuen Partner begibt, muss sie allerdings erkennen, dass Liebe und Tod stets Hand in Hand gehen …

Das meint phantastik-couch.de: „Der Tod, die Einsamkeit und der Hunger“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Sie sind ein ungewöhnliches Pärchen: John und Miriam Blaylock töten Menschen, saugen ihnen das Blut ab und leben ewig, denn sie sind Vampire. Allerdings weilt Miriam bereits ein paar (tausend) Jährchen länger auf diesem Planeten und hat sich in dieser langen Zeit zur echten Überlebenskünstlerin entwickelt. John, der als englischer Lord mit Miriams bissiger Hilfe sein Schattendasein begann, ist gerade einmal zwei Jahrhunderte alt. Viel älter wird er allerdings nicht werden, denn seit einiger Zeit fühlt er sich seltsam müde und abgeschlagen, was einem Vampir eigentlich nicht passieren dürfte.

Miriam weiß mehr darüber, als sie John eingestehen mag. Stets war es so, dass ein Gefährte an ihrer Seite plötzlich zu altern begann. Ihr Blut verlängert das Leben ihrer Partner, aber irgendwann verliert es seine Kraft. Hoch im 20. Jahrhundert sollte die Wissenschaft endlich in der Lage sein, ein Mittel gegen Johns ‚Krankheit‘ zu entwickeln, findet Miriam, und nimmt Kontakt zur Medizinerin Sarah Roberts auf, die sich in ihren Forschungen auf das Phänomen des Alters spezialisiert hat. Die junge Frau ahnt zunächst nicht, welches seltsame Wesen sich so eindringlich für ihre Arbeit interessiert. John ist inzwischen einer bizarren Metamorphose unterworfen, da ihn sein Alter in immer rascherem Tempo einzuholen beginnen. Er wird schwächer, aber auch aggressiver; vor allem aber wächst sein Blutdurst ins Unermessliche. Wie ein reißender Wolf zieht der immer mehr einem lebenden aber lebensgefährlichen Leichnam ähnelnde John seine Mordspur durch die Straßen der Stadt. Sein Geist verwirrt sich, aber an eines erinnert er sich genau: Für sein Elend ist Miriam verantwortlich, und dafür soll die einst Geliebte jetzt bezahlen!

Aber Miriam sind solche Anwandlungen vertraut. Sie lockt John in eine Falle, tötet ihn aber nicht, sondern setzt ihn gefangen: Nie ist es ihr gelungen, ihre Liebhaber gänzlich aufzugeben. Ihre verdorrten Körper schmachten in sorgsam verschlossenen Kisten und Särgen in einer geheimen Kammer von Miriams Haus – wütend, rachsüchtig, gefährlich.

Da sie ohne Partner einfach nicht sein kann, beginnt Miriam Dr. Roberts zu umgarnen. Ohne deren Wissen verabreicht sie dieser eine Bluttransfusion. Miriams seltsame Gene beginnen ihr unheilvolles Wirken, aber die transformierte Sarah entpuppt sich als wenig lenkbare Gefährtin, die nicht einsehen mag, dass sie ihre nun (scheinbar) ewige Existenz als jagende Mörderin verbringen soll. Zwischen den beiden Frauen bricht ein Machtkampf aus, bei dem beide Seiten kein Pardon geben. Und dann ist da John, der auf seine Gelegenheit zur Rache lauert …

Leben ist vor allem Überleben

„The Hunger“, ein inzwischen etwas angejahrter Gruselroman, ist nur ein ‚kleiner‘ Klassiker seines Genres. Er interessiert vor allem durch die ‚psychologische‘ Betrachtung des Vampirs, der nicht als umher spukender Untoter mit Knoblauch & Holzpflöcken schwingenden Van Helsings raufen muss, sondern dessen eigentlicher Gegner im ‚Leben‘ der Hunger in seinen vielfältigen Erscheinungsformen ist – der Hunger nach Liebe, nach Macht, nach Rache und die reißende, elementare, alles verzehrende Kraft, in die er sich verwandeln kann. Hungrig sind sie alle, die sich ein Stelldichein in Striebers Schreckenskabinett geben: Vampire wie Menschen. Daher sollte man die Geschichte von Sarah und ihrem Freund Tom Havers nicht als unwichtigen Nebenstrang der Handlung abqualifizieren, denn hier erleben wir, dass der „;Hunger“ (des viel besser gewählten Originaltitels) auch dem Menschen nicht fremd ist. Tom ist auf seine Weise genauso rücksichtslos und manipulativ in seiner (scheinbaren) Liebe zu Sarah wie Miriam.

Das Ergebnis ist ein wahres Pandämonium – kein mitternächtliches Gemetzel von Gut und Böse auf dem Friedhof, sondern ein erbittertes, dabei letztlich völlig sinnloses Ringen, bei dem niemand gewinnen kann: Miriam wird auch die neue Partnerin verlieren, der wiederum dasselbe schreckliche Ende bevorsteht wie John, der überhaupt nur noch von instinktiven Trieben beherrscht wird. Tom ist ein Mensch und schließlich nur noch im Wege, was seinen Auftritt in dieser Geschichte abrupt beendet. Die uralte, nicht weise, sondern nur schlaue Miriam wird sie am Ende alle überleben, wie ihr das immer gelungen ist: Strieber streut Rückblenden ein, die Miriam im antiken Rom, im mittelalterlichen London oder im frühneuzeitlichen Galizien zeigen.

Wie wir sehen, wurde Miriams Existenz schon immer ausschließlich vom Überleben bestimmt. Vor diesem unbändigen Drang waren nicht einmal die seltenen Angehörigen ihres eigenen Volkes sicher, von dem wir kaum mehr erfahren, dass es auf dieser Erde schon immer zwei intelligente Spezies gab, wobei die eine der anderen als Nahrung diente, während letztere, da in der Minderzahl, tunlichst ein Leben im Verborgenen führte. Inzwischen sieht es so aus, als sei Miriam die Letzte ihres vampirischen Stammes, aber der Preis, den sie dafür zahlte, ist hoch: Sie wird letztlich immer einsam sein, zumal ihre Gefährten auf Zeit immer früher verfallen und ihre bizarre, aber lebensbedrohliche Sammlung untoter Kadaver anschwellen lassen.

Keine Blutsaugerei von der Stange

Diese gar nicht so faszinierende Vampirwelt weiß Whitley Strieber famos in Szene zu setzen. Wer hasst sie nicht, die malerisch dekadenten, dümmlichen Dracula-Klone, die sich in Literatur, Film etc. aus unerfindlichen Gründen daran machen, ‚die Welt zu erobern‘? Neuerdings finden sie Verstärkung als eindimensional erotische Projektionsfigur für pubertierende Jung-Leserinnen und finden sich in einem eigenen Subgenre, der „;urban fantasy“, gefangen.

Da wirkt Miriam Blaylock, wahrhaftig ein Geschöpf der Nacht, wesentlich eindrucksvoller! Strieber weiß genau, wie er einen ‚modernen‘ Vampir kreiert. Viel lässt er im Dunkeln, deutet anderes nur an, scheut aber auch nicht davor zurück, für den Vampirismus eine ‚wissenschaftliche‘ Erklärung zu finden. Miriam Blaylock ist kein charismatischer oder ‚böser‘, aber ein gerissener, von unendlichem Egoismus getriebener Vampir, und eine würdige Hauptdarstellerin dazu. Sarah Roberts ist ihr gewachsen, sogar Tom Havers weiß sich in seiner Nebenrolle als gleichzeitig liebender und berechnender Karrierist zu behaupten. Der heimliche Held dieser Geschichte ist dennoch John Blaylock, eine wahrlich tragische Gestalt, dessen wütende, nutzlose Auflehnung gegen sein grausiges Schicksal gleichermaßen fesselt wie berührt.

Die düstere Seite des Erfolgs

So kommt es, das die einzigen Vorbehalte gegen „;The Hunger“ aus einer ganz anderen Richtung kommen. Da ist zum einen der gleichnamige Film aus dem Jahre 1982 (dt. „;Begierde“), ein eher unfreiwillig schauerlicher Streifen, der vom einige Jahre ebenso erfolgreichen wie maßlos überschätzten Regisseur Tony Scott weniger inszeniert als verbrochen wurde. Eine gute Vorlage verwandelte er in die für ihn typische, d. h. dröhnend-leere, pseudo-hippe Mainstream-Clipshow, die schon wenige Jahre später hoffnungslos altmodisch und nur noch aufdringlich erscheint, und gegen die sogar die erlesene Darstellerriege (Catherine Deneuve als Miriam Blaylock! Susan Sarandon als Sarah Roberts! David Bowie als John Blaylock!) kaum anspielen kann.

Zum anderen ist da Whitley Striebers Lebensgeschichte, die in den frühen 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen irritierenden Bruch erfuhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Strieber einen guten Ruf als fleißiger und wandlungsfähiger Autor von phantastischen Romanen erarbeitet, der allmählich auch außerhalb des Genres bekannt wurde. Dann muss ihn bei einem Spaziergang ein Dachziegel am Kopf getroffen haben, denn plötzlich behauptete er allen Ernstes, von UFOs entführt und den üblichen peinlichen Untersuchungen unterzogen worden zu sein – und das schon seit seiner Kindheit! Seine angebliche lange verschütteten und nun wieder ins Gedächtnis zurückgeschwappten ‚Erinnerungen‘ füllten gleich mehrere seltsame Sachbuch-Romane („;Communion“, „;Die Besucher“, „;Transformation“), die zu lesen großes Vergnügen bereiten würde, wenn man nicht wüsste, dass ihr Autor bitter ernst meint, was er dort zusammenspinnt.

Welchen Knacks Strieber erlebt hat, macht vielleicht der Vergleich zwischen „;The Hunger“ und „;The Last Vampire“ („;Kuss des Vampirs“ – auch so ein blöder Titel), der seltsamen Fortsetzung von 2001, deutlich. Doch „;The Hunger“ ist ein Werk des frühen, noch nicht erleuchteten (oder mental abgedimmten) Strieber, und dem verdanken wir echte Meisterwerke wie den wunderbaren Wolfszauber-Thriller „;Wolfen“ (1978, dt. „;Wolfsbrut“ – und der wurde von einem richtig guten Regisseur in einen Film verwandelt!). Deshalb sollte man sich nicht abschrecken lassen – und den „;Kuss des Todes“ tunlichst vor dem „;Kuss des Vampirs“ lesen, oder ersteren sogar anstelle des zweiten!

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