Die Differenz-Maschine von William Gibson & Bruce Sterling

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1990unter dem Titel „The Difference Engine“,deutsche Ausgabe erstmals 1991, 572 Seiten.ISBN 3-453-52672-4.Übersetzung ins Deutsche von Walter Brumm.

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In Kürze:

London 1855: Die Stadt liegt unter einer giftigen Hitzewelle; die Luftverschmutzung hat zu einem ätzenden Smog geführt, durch den die Londoner sich geradezu den Weg bahnen müssen. Die industrielle Revolution, aufgeladen durch die Entwicklung dampfbetriebener cybernetischer Maschinen, ist in vollem Gang. Großbritannien, an der Spitze des technischen Fortschritts, schickt sich an, mit seiner dampfbetriebenen Informationstechnologie ein neues und, wie man hofft, glücklicheres Zeitalter einzuleiten. Das Computerzeitalter ist ein Jahrhundert vor seiner Zeit angebrochen, seit es Charles Babbage gelang, seine nach dem Lochkartensystem arbeitende Differenzmaschine zu vervollkommnen. Die Wissenschaftler und Industriellen geben den Ton an, der Gang der Geschichte hat eine unwiderrufliche Änderung erfahren. Anders die menschliche Natur: Verschwörung, Intrigen und Verrat gedeihen wie eh und je und verstricken die verschiedensten Menschen in schicksalhafte Ereignisse von Gewalt und Brutalität.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Computer-Rebellen des 19. Jahrhunderts“90

Science-Fiction-Rezension von Michael Matzer

William Gibson hat sich einen Ruf als Moralist der SF erworben, hier bestätigt er ihn. Zusammen mit Bruce Sterling vernichtet er den Mythos von einer heilsbringenden Herrschaft der Computer, ja die Vorstellung von einer Future History der Menschheit überhaupt. Daher sollte dieses Werk keinesfalls unterschätzt werden.

Sterling ist der eigentliche Wortführer („Vincent Omniaveritas“) des Cyberpunk und neben William Gibson und Walter Jon Williams der wichtigste Autor dieser postmodernen Richtung der Science Fiction. Seine Anthologie „Mirrorshades“ (dt. als „Spiegelschatten“, bei Heyne als Nr. 06/4544 erschienen) setzte seinerzeit Maßstäbe. Sie gilt als die beste und wichtigsten Anthologie der achtziger Jahre.

Dieser Roman ist dem sogenannten „Steampunk“ zuzurechnen: Elektronik, Magie, Zeitreise, d.h. alle möglichen SF-Themen finden im 19. Jahrhundert statt in der Zukunft oder Gegenwart ihre Anwendung. Und im 19. Jahrhundert dient den Autoren das London von Charles Dickens als Schauplatz der Handlung.

Der Computer strebt die Weltherrschaft an

London im Smog, Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Parallelwelt. Das Computerzeitalter ist angebrochen, seit es dem berühmten Erfinder Charles Babbage 1821 gelungen ist, seine auf dem Lochkartensystem basierende „Differenz-Maschine“ zu vervollkommnen. Dampfbetriebene Computer treiben die Industrielle Revolution voran, Großbritannien und Frankreich haben Europa untereinander aufgeteilt, ebenso den kolonisierbaren Rest der Welt. Eine goldenes Zeitalter?

Leider nein, denn die menschliche Natur ist die gleiche geblieben: Neid, Haß und Verrat gedeihen wie eh und je und verstricken die unterschiedlichsten Menschen in folgenreiche Ereignisse von Gewalt und Brutalität. An der Spitze der sozialen Pyramide: der skrupellose Wüstling Lord Byron als Premierminister einer technokratischen Regierung.

Da wäre zum Beispiel Sybil Gerard, die Tochter eines berüchtigten Ludditen, d.h. Maschinenstürmers – eine „gefallene Frau“ und Edelprostituierte; und da wäre Edward Mallory, Entdecker, Paläontologe und Rekonstrukteur des Land-Leviathan; und da wäre Lady Ada Byron, die Tochter des Premierministers, ein mathematisches Genie und zwanghafte Glücksspielerin; und schließlich Laurence Oliphant, seines Zeichens Leiter der Geheimdienstabteilung des Außenministeriums, ein Diplomat und Drahtzieher.

Diese vier und viele weitere sind wider Willen gefangen im Netz einer Verschwörung, das Großbritannien mit dem Frankreich Louis Napoleons und Karl Marx’ Kommune von Manhattan miteinander verbindet. Und es kommt noch dicker: Der Computer des Titels scheint auf dem besten Weg, ein Bewußtsein zu erlangen und die Weltherrschaft anzustreben…

Karl Marx in Manhattan

Großbritannien wird dargestellt als ein negatives Utopia, dessen sichtbare Verelendung und Verschmutzung die apokalyptischen Visionen, die Charles Dickens (z.B. aus „Hard Times“) von einem industrialisierten Land hatte, widerzuspiegeln scheint. Dieses Land wird beherrscht von Berechnung, Berechenbarkeit, Bemessung und streng „praktischen“ Erwägungen. Große Autobahnen für stinkende Automobile durchziehen das erstickende London; gigantische Hochäuser beherbergen die bürokratische Elite der Technokraten, die die MASCHINEN bedienen, das heißt die großen, dampfbetriebenen Lochkartencomputer. Hier wird der Maschinengott elektronisch erleuchtet, seine erwachendes Bewußtsein ist eine Bedrohung der gesamten Welt.

Dies verlangt geradezu nach einer Maschinenstürmerin wie Sybil Gerard. In der Jagd auf sie inszenieren die beiden Autoren ein wildes Autorennen quer durch die versmogte Innenstadt von London, mit einem fulminanten Showdown in den elenden Hafendocks, wo das Verbrechen blüht.

Für den Leser erweist es sich jedoch als großer Vorteil, wenn er schon viel über das viktorianische London und über die Arbeitsweise von Computern weiß. Dies verhilft zu etlichen ironischen Einsichten, die die Handlung und einige der Charaktere anbieten. Karl Marx nach Manhattan zu verfrachten und seine Kommune dort, in der Hochburg des Kapitalismus, einrichten zu lassen, ist schon ein starkes Stück.

Ihre Meinung zu »William Gibson & Bruce Sterling: Die Differenz-Maschine«

Michael Zöllner zu »William Gibson & Bruce Sterling: Die Differenz-Maschine«19.11.2014
Also ..... nun .... vielleicht liegt es daran das wir nicht
die Fakten kennen auf dennen dieses Parralleluniversum, dieser Steampunkvorläufer basiert. Das Buch wirkt auf mich als ob es hervorragend recherchiert wurde! Doch mutet die aus den Fakten abgeleitete Geschichte so an, als ob der Roman Neuromancer unter historischen Dampf gesetzt wurde.

Die Zusammenarbeit von Autoren ist immer heikel.
Hier scheinen sich beide in einem Maß inspirie,rt vielleicht auch befeuert zu haben welches den Roman merkwürdig entrückt. ....

Möglicherweise etwas für Mathematikhistoriker, mit einem Hang zu alternativer Geschichtsschreibung.
Beverly zu »William Gibson & Bruce Sterling: Die Differenz-Maschine«18.07.2012
Hundert Jahre, bevor Konrad Zuse seinen ersten Mobilcomputer im Güterwaggon durch die Gegend fuhr, werden in "Die Differenz-Maschine" schon Computer gebaut.
So unmöglich wäre das nicht gewesen. Immerhin hat im neunten Jahrhundert ein arabischer Mathematiker das Prinzip des Algoritmus als eindeutigen und in endlicher Zeit bzw. mit endlich vielen Schritten abzuarbeitender Satz von Handlungsanweisungen zur Lösung von Problemen entwickelt. Dummerweise versackte in den folgenden Jahrhunderten die islamische Welt in Stagnation und Rückschritt, so dass es tausend Jahre dauerte, bis die Mathematikerin Ada Lovelace den ersten für Computer geeigneten Algoritmus entwickelte.
Da geht es dann in "Die Differenz-Maschine" los und die Helden reisen dann halt nicht mit Diskette oder Datensticks, sondern mit Koffern voller Lochkarten durch die Welt. Im Frankreich von Napoleon III. gibt es den "Grand Ordeneur" (oder so), einen Computer in den Ausmaßen des Schlosses von Versaille.
Als Satire ganz lustig, aber sonst ... in Nordamerika gibt es anstelle der USA die Staaten Kaliformien, Texas, Nord- und Südstaaten und zu allem Übel hat sich in Manhattan noch Karl Marx eingenistet. Wenn DAS die Alternative zu der von Lincoln und seinen Generälen mit Blut, Terror und Eisen im Bürgerkrieg 1861-65 erzwungenen Einheit der Union gewesen wäre, wundert es mich nicht, dass die Geschichte so gekommen ist wie sie kam.
So bleibt "Die Differenz-Maschine" ein Gedankenspiel um Computer im 19. Jahrhundert mit einem für mich nicht nachvollziehbaren Schluss.
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