Mustererkennung von William Gibson

Buchvorstellungund Rezension

Mustererkennung von William Gibson

Originalausgabe erschienen 2003unter dem Titel „Pattern Recognition“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 460 Seiten.ISBN 3-608-93658-0.Übersetzung ins Deutsche von Cornelia Holfelder-von der Tann und Christa Schuenke.

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In Kürze:

In Amerika hat die Zukunft schon begonnen. Das „;alte“; Europa erlebt Cayce Pollard, die Hauptfigur des Romans, als eine Spiegelwelt: alles ist hier anders, aber auch hier greift schon die Globalisierung. Cayce arbeitet als Coolhunter, im Moment für einen Sportschuhhersteller in London: sie berät bei Firmenlogos und spürt Modetrends an der Basis auf. In jeder freien Minute loggt sie sich ins Internet ein. Seit einiger Zeit tauchen merkwürdige Filmclips im Netz auf, sie faszinieren, sind kult und werden fieberhaft diskutiert. Wie gehören die Schnipsel zusammen? Sind sie Teile eines Films? Was bedeuten Sie? Wer überhaupt macht sie? Und warum? Es sind suggestive Szenen, die Personen kaum zu erkennen, sie tauchen aus der Leere auf – zwei Personen? Ein Kuß? Ein weiter Strand – Cannes, vielleicht? Der Schemen eines großen Vogels? Wieso sind Tausende User auf der ganzen Welt süchtig danach? Das Phänomen interessiert den Marketingmanager: nicht auszudenken, wenn man dies auf die Werbung übertragen könnte! Er engagiert Cayce, den Urheber dieser Filmschnipsel zu suchen. Mit Hilfe anderer Mitglieder des Fan-Forums gelingt es ihr, eine Markierung auf einem der Clips zu identifizieren. Und damit beginnt eine Suche, die Cayce nach Tokio und schließlich nach Moskau führt. Und die sie in tödliche Gefahr bringt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Zeichenhaftigkeit der Welt“95

Science-Fiction-Rezension von Frank A. Dudley

Mit dem ersten Satz seines ersten Romans hat William Gibson 1983 bereits Literaturgeschichte geschrieben: „;Der Himmel hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war”. Zwanzig Jahre später steht auf der ersten Seite seines Romans “;Mustererkennung” ein Satz, der seinen Leser ebenso elegisch auf das vorbereitet, was nun folgen wird: „;Es ist die matte, gespentische Unstunde, limbische Impulse schwappen durch die graue Substanz, erratische Regungen des Stammhirns funken inadäquates Reptilienverlangen nach Sex, Nahrung, Betäubung, obwohl im Augenblick nichts davon real verfügbar ist”.

Die Hauptfiguren der beiden Bücher heißen Case beziehungsweise Cayce. Während Case der erste Cyberpunk ist und in der Zukunft, wie sie Gibson 1983 dystopisiert hat, durch den Cyberspace surft, bis ihm die Synapsen qualmen, lesen wir in “;Mustererkennung” von den Erlebnissen Cayces, die in der jüngsten Vergangenheit liegen.

Cayce Pollard ist eine Markenberaterin, die für ihre Kunden ständig auf der Suche nach neuen und vielversprechenden Trends ist. Sie ist „;eine Wünschelrutengängerin in der Welt des globalen Marketings”, zeigt jedoch  allergiehafte Symptome, wenn sie auf die Logos von verwässerten Marken wie Tommy Hilfiger trifft. In ihrer Freizeit treibt sie sich mit Vorliebe im Internet herum und sucht nach neuen und scheinbar zusammenhängenden Filmclips, die irgendjemand regelmäßig hochlädt. In einem Forum diskutiert sie leidenschaftlich mit anderen “;Clipheads” über die Filmschnipsel und ihre Bedeutung.

Hubertus Bigend, Eigentümer der Werbeagentur „;Blue Ant”, heuert Cayce an. Sie soll sich, ausgestattet mit einem unbegrenzten Spesenkonto, auf die Suche nach dem Ursprung der geheimnisvollen Clips machen. Bigend vermutet hinter den selektiven Postings ein Genie des viralen Marketings, mit dem er zusammenarbeiten will. Die Suche führt Cayce um den halben Globus, von London nach Tokyo und von dort nach Moskau, sie ist stets online und mobil erreichbar.

Während ihrer Queste im Namen des absoluten Marketings erinnert sie sich regelmäßig an ihren Vater. Dieser war, ebenso wie Cayce, am 11.9.2001 in New York. Während sie die Anschläge unversehrt überstand, ist ihr Vater seitdem verschwunden.

Der Chronist des Internetzeitalters

Ist das noch Science Fiction, was William Gibson in “;Mustererkennung” schreibt? Ja, und zwar weil Gibson uns zeigt, dass wir mitten in der Science Fiction leben, dass seine Vision des Cyberspace längst Realität geworden ist. Zugleich führt er uns einen Aspekt der Postmoderne vor, der täglich unser Leben bestimmt: Die Zeichenhaftigkeit der Welt. Alles ist Logo und Symbol bis ins Kleinste hinein, die Realität ist zersprengt, versehen mit Wahrheiten wie die Tagcloud einer Web-2.0-Anwendung.

Mit seinen Romanen hat sich Gibson immer näher an die Gegenwart, eine Gegenwart, herangeschrieben. Je stärker er das Jetzt verdichtet und extrapoliert, desto deutlicher wird, dass er der wahre Chronist des frühen Internetzeitalters ist.

Ihre Meinung zu »William Gibson: Mustererkennung«

Sebastian Kempke zu »William Gibson: Mustererkennung«12.02.2007
Für mich persönlich eines der ganz großen Bücher des angehenden neuen Jahrhunderts. Das Buch reflektiert einen bedeutenden Wendepunkt der modernen Menschheitsentwicklung: Die Verschmelzung der Kulturen, die post-geographische Welt der Vernetzung, das unendliche Speichern und Austauschen von Daten und Fakten und Meinungen aus Gegenwart und aufgezeichneter Vergangenheit eröffnet dem Menschen ein neues Weltbild, eine lähmende Gegenwart in der die Suche nach Identität und Strukturen oder Mustern, einem der Grundlegenden Bedürfnisse des Menschen, zur alltäglichen Auseinandersetzung mit der Daten- und Informationsflut führt. Ob in London, Tokyo oder Moskau, die kulturelle Vielfalt spiegelt sich, schaukelt sich auf, verschwimmt geisterhaft.

Gibsons Buch dokumentiert diese Stimmung meisterhaft. Die Story, der Alltag, die Charaktere, alles wirkt unglaublich greifbar und dokumentarisch, ein Chaos in dem doch die Suche nach Mustern zum Spurenfeld unserer wirklichen Welt führt. Daher: ein großartiger Roman einer neuen Gegenwart, die bereits seit Jahren um uns herum rasant heranwächst.
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