Quellcode von William Gibson

Buchvorstellungund Rezension

Quellcode von William Gibson

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Spook Country“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 450 Seiten.ISBN 3-608-93769-2.Übersetzung ins Deutsche von Stefanie Schaeffer.

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In Kürze:

Hollis Henry wird angeheuert, für ein rätselhaftes Magazin zu schreiben. Schnell merkt sie, dass sie nicht auf eine neue Cyber-Kunstform angesetzt wurde, sondern auf einen Frachtcontainer voller Dollarnoten. Doch wofür ist das Geld? Ein Exil-Kubaner, der einen merkwürdigen Geheimcode beherrscht, und ein philosophierender Junkie kreuzen ihre Wege …Ein Roman über undurchsichtige Bedrohungslagen, der unter die Haut geht.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Die Gegenwart vorhersagen“89

Science-Fiction-Rezension von Frank A. Dudley

Autoren, die im Science-Fiction-Modus schreiben, sagt man nach, sie würden die Zukunft prognostizieren. Als literarische Trendscouts picken sie sozusagen die Brosamen der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Technologie auf, extrapolieren sie und fertig ist das spannende Sci-iFi-Hi-Tech-Werk. Es soll uns sagen: So könnte es mal werden, passt auf oder freut euch, je nach dem.

William Gibsons neuer Roman „Quellcode“ ist weder dystopisch noch utopisch, er ist irgendwo in der Mitte, tendiert zu einer glasklaren Gegenwartsnähe. Fast eine Art Hyperrealismus, die uns die Dinge zeigt, so dass wir nach ihrem Sinn fragen können.

Wieder ist es der Anschlag vom 11. September 2001, der im Hintergrund schwebt, von dem alles ausgeht. In einer Szene wird die allgegenwärtige Präsenz, aber auch die Einordnung in den Alltag und Normalität dieses amerikanischen Traumas besonders deutlich:

„Er ging weiter bis zur Feuertür und die Treppen hinauf, bis er vom sechsten Stock auf das Dach gelangte. Beton bedeckt mit Asphaltsplittern, Kies, vergessene Spuren des World Trade Centers...Tito musste an den hellen Staub denken, der dick auf dem Fensterbrett seiner Mutter gelegen hatte.“

In „Mustererkennung“ hatte die Hauptfigur Cayce Pollard sogar eine noch persönlichere Verbindung mit dem 11. September, in „Quellcode“ findet sich Protagonistin Hollis Henry nur indirekt damit konfrontiert. Sie ist eher Marionette, wo Cayce noch Akteurin war, und zwar im Auftrag des Werbegurus Hubertus Bigend, der auch schon in „Mustererkennung“ eine wichtige Hintergrundrolle spielte. Wie ein Guru, der totales Einssein mit sich und allem lehrt, erhebt Bigend mit seiner Agentur Bigend Werbung zu einer Art Lehre, die ebenso allumfassen ist, eint sie doch Philosophie, Kunst und Kapitalismus.

Ging es in „Mustererkennung“ um mysteriöse Internet-Filmclips, so schickt Bigend seine neue Agentin in Sachen Marketing diesmal auf die Suche nach einem mysteriösen Container voller Irak-Krieg-Dollars , der irgendwo auf einem Containerschiff über die Meere schippert. Finden kann ihn Holly nur mit Hilfe des Lokativ-Art-Künstlers Bobby Chombo, der aber selbst gerne abtaucht.

Daneben und kreuzweise hindurch arrangiert Gibson zwei weitere Erzählstränge. Einmal die des Junkies Milgrim, der von einem scheinbaren CIA-Mann zwangsweise eingesetzt wird, um abgefangene SMS-Botschaften in Volapuk, dem pseudo-kyrillischen Alpahbet russischer Immigranten, zu übersetzen. Diese SMS verschickt eine kubanisch-chinesische Familie von Spionen, zu der jener Tito aus dem Textauszug weiter oben gehört. Tito vollbringt auch klassische Spionagemanöver, indem er Informationen in toten Briefkästen ablegt. Gibson allerdings zeigt, wie das im 21. Jahrhundert geht, nämlich indem man einen iPod mit verschlüsselten Daten im Prada-Laden in einen Luxus-Schuh steckt.

Das Rätsel ist die Botschaft

Während „Mustererkennung“ eine klar nachvollziehbare lineare Handlung mit deutlicher Auflösung bietet, verstört „Quellcode“ von Anfang an: Drei Erzählstränge, deren Akteure alle das Gefühl haben, an einer nicht ganz fassbaren, sehr großen Sache zu arbeiten. Verfolgungsjagden, Überwachung, Kunst mit Google Maps, Online-Magazine, Geldcontainer.

Gibson arbeitet mit seinen bewährten Techno-Thrillerelementen, doch nie weiß man als Leser wirklich, worum es denn nun geht. Ein Gefühl schleichender Halluzination stellt sich ein, eine Ungewissheit, eine ungreifbare Bedrohungslage. Das macht den Reiz des Romans aus, ist aber auch gleichzeitig eine Schwäche, denn zwischendurch entschlüpft dem Autor spürbar die Kontrolle über seine enigmatische Geschichte. Vielleicht ist dies aber auch ein Stilgriff, der uns genau das zeigen soll, was wir schon lange ahnten: Dass wir den Überblick über die Gegenwart komplett verloren haben, obwohl wir vom Gegenteil überzeugt sind.

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