Zwei Bäume

von Markolf Hoffmann

Romantik und Fantasy: zwei Früchte desselben Baums, zugleich scharfe Äxte, die sich an der stählernen Rinde des „Stamms der Moderne“ zu schaffen machen. Dieses Bild beschwor vor kurzem Frank Weinreich in einem Kurzessay1. Darin stellte er die Fantasy – wenn auch mit Vorsicht – in die Tradition der romantischen Literatur; eine ebenso gewagte wie verlockende These. In der Tat arbeitet Weinreich interessante Parallelen zwischen den Gattungen Romantik und Fantasy heraus: ihre gemeinsame Ablehnung einer „nüchternen“ Rationalität, die romantische Verklärung von Welt und Natur, die Fixierung auf Mythen, das Aufbegehren gegen bestehende Strukturen. Dennoch provoziert der Text Widerspruch. Denn bei genauer Betrachtung schmecken die Früchte Romantik und Fantasy doch recht unterschiedlich.

Nun sind Reflexionen über die Gattung Fantasy innerhalb der Szene eher selten. Noch seltener wird dabei literaturgeschichtlich argumentiert. Weinreich, der erst vor kurzem eine exzellente Einführung zur Fantasyliteratur vorgelegt hat2, wagt es trotzdem und begibt sich auf die Suche nach Traditionslinien, um das weitgehend unbeackerte Feld der Fantasy abzustecken. Dies ist nicht einfach, da der Begriff  „Fantasy“ gerade im deutschen Sprachraum uneindeutig ist. Das Dilemma benennt Weinreich in seiner Einführung: eine gültige, anerkannte Definition für die Fantasy gebe es nicht, im Zweifelsfall entscheide der Buchhändler darüber, was er in sein Fantasyregal einsortiert3. Statt vor diesem weißen Fleck auf der literarischen Landkarte zurückzuschrecken, hat Weinreich ihn selbstbewußt mit eigenen Definitionen gefüllt. Diese sind natürlich, wie immer bei der Klassifikation literarischer Gattungen, angreifbar – ein Problem, das auch in der von Weinreich angestoßenen Romantikdebatte spürbar wird. Denn ebenso wie der Begriff Fantasy umstritten ist, lässt sich auch die Romantik nicht so eindeutig fassen, wie Weinreich es suggeriert.

Nun hat sich Weinreich mit Rüdiger Safranski, auf dessen jüngst erschienenen Bestseller er sich beruft4, sicher nicht den besten Zeugen herausgesucht. Safranskis Buch ist zwar unterhaltsam geschrieben und ruft einer breiten Öffentlichkeit so wunderbare Autoren wie Novalis, Jean Paul oder E.T.A. Hoffmann in Erinnerung. Zugleich krankt es jedoch an Vereinfachungen und Ausblendungen, vor allem was außerdeutsche Literaturen betrifft. Dass Romantik eben keine „deutsche Affäre“ war, sondern ein europäisches Phänomen, geht bei ihm völlig unter; nur im Einleitungskapitel findet sich ein magerer Verweis5. Safranski verliert kaum ein Wort über das „Jeune France“, über Chateaubriand, Hugo, de Musset oder Dumas, auch nicht über Lord Byron, Walter Scott oder die polnischen Romantiker Adam Mickiewicz und Juliusz Slowacki. Aber sie alle beeinflußten sich gegenseitig, wirkten auf die deutsche Romantik ein und wurden wiederum von dieser befruchtet.

Auch dass die außerdeutsche Vorklassik gerade hierzulande der entscheidende Dünger für den Baum der Romantik war – Dante, Ariost, Cervantes, vor allem aber Shakespeare und Calderón -, spart Safranski weitgehend aus. Stattdessen überbetont er die Antagonie zwischen Romantik und Klassik. Schon in Deutschland aber hat es diesen Gegensatz nicht in der beschriebenen Schärfe gegeben. Weitet man den Blick auf Italien oder die iberische Halbinsel, sieht man, wie zwanglos einige Autoren romantischen Idealismus, nüchternen Rationalismus und klassischen Gestus miteinander vereinten (ein prominentes Beispiel: António Feliciano de Casthilo).

Die Romantik lässt sich deshalb auch nicht auf ihre schwärmerischen, spirituellen und antirationalen Tendenzen beschränken, wie Weinreich und Safranski es tun; sie schließt „strenge Vernunft, Nüchternheit, Aufgeklärtheit, Intellektualität und politischen Sinn“ nicht aus6. Das zeigen die restaurativen Züge der Spätromantik, aber auch die erstaunlichen Berührungspunkte zum Vormärz, dem „rationalen“, aber nicht minder wilden Gegenstück der romantischen Bewegung im 19. Jahrhundert. Selbst dort, wo sich Romantik mystisch und weltverneinend gibt, die Flucht aus dem Alltäglichen propagiert und das Heil im Romantisieren der Welt sieht, bleibt sie dem Rationalen verhaftet, so etwa in Achim von Arnims Halle und Jerusalem (1811). Der Wunsch nach romantischer Weltflucht mag den Studenten Cardenio und seine Begleiter zwar in ein mystisch verklärtes Morgenland führen, sie dort Wunderbrunnen, Geisterwesen und Jesuserscheinungen entdecken lassen; doch an den zentralen Stellen der Pilgerreise vermischen sich christliche Mystik und handfeste religionspolitische Programmatik, die wie eine späte Antwort auf die Türkenkriege des 18. Jahrhunderts wirkt. Hier stellt Romantik nicht – wie Weinreich schreibt – politische und religiöse Überzeugungen in Frage, hier steht sie nicht im Widerspruch zum Zeitgeist, sondern spiegelt ihn im Übernatürlichen. Gleiches läßt sich über die naturphilosophischen Ansätze bei Schelling sagen, die die Welt keineswegs nur romantisieren, sondern zugleich einer Ordnung unterwerfen, oder über die Tieckschen Novellen, in denen das Romantische als krisenhaftes Element erscheint, das wieder zur althergebrachten Ordnung zurückführt (etwa im Runenberg, wo die magische Gegenwelt des Gebirges der Hauptfigur Christian keine Erfüllung bringt).

Die Romantik lässt sich also nicht nur als Gegenbewegung zur rationalen Welterschließung verstehen; sie ergänzte sie vielmehr. Ihre Ambivalenz macht es schwer, sie mit der Fantasy, dem „Genre des Eskapismus“, in einen Topf zu werfen …Zumal auch dieses keineswegs nur eskapistisch und von aller Rationalität abgekoppelt agiert. Ebenso bestreiten muss man das Subversive der Fantasy – ihr „spirituelles Befreiungsmotiv“, wie Weinreich es nennt -, finden sich doch gerade in gängigen Fantasyromanen restaurative, ordnungsbejahende, teilweise sogar reaktionäre Tendenzen; der politische und zeitgeschichtliche Subtext wird häufig unterschätzt, auch bei Tolkien (und von Tolkien selbst, der die Analogien zwischen dem Herrn der Ringe und seiner Entstehungszeit heftig bestritt). Auch für die übrigen von Weinreich genannten Züge der Fantasy – ihre antimodernistischen Tendenzen, ihre Ablehnung von Wissenschaft und etablierten Machtstrukturen – lassen sich Gegenbeispiele anführen. So kann man Mervyn Peakes Gormenghast Trilogy oder China Mievilles Perdido Street Station kaum antimodernistische und antiwissenschaftliche Tendenzen unterstellen, und selbst Mainstream-Romane wie Stan Nicholls Quicksilver Trilogy – wo Magie als Synonym für Technik fungiert und heutige politische Strukturen als Zerrbilder auftauchen – behandeln diese Themen differenziert.

Bleibt also nur die Binsenweisheit, dass Romantik eben nicht gleich Romantik ist, Fantasy nicht gleich Fantasy und beide Gattungen schlichtweg nicht vergleichbar? Das wäre zu einfach. Die von Weinreich herausgearbeiteten Berührungspunkte lassen einen Vergleich auch auf den zweiten Blick als reizvoll erscheinen. Dennoch wäre ich vorsichtig, Fantasy und Romantik als Früchte desselben Baums zu bezeichnen, vor allem, wenn man – wie Safranski – die Romantik als überwiegend deutsches Phänomen begreift. Denn die literaturhistorischen Spuren, die sich zwischen Fantasy und deutscher Romantik erkennen lassen, sind ausgesprochen dünn. Die Fantasy entstammt der angloamerikanischen Phantastiktradition; allenfalls läßt sich eine Beeinflussung durch die sogenannte „Schwarze Romantik“ einer Mary Shelley oder eines Lord Byron auf Autoren wie Howards, Leiber, Tolkien oder Lord Dunsany belegen. Inwieweit aber ein Spätromantiker wie E.T.A. Hoffmann, dessen Werk häufig als Ursprung moderner Phantastik angesehen wird7, auf die Fantasy einwirkte, sei dahingestellt. Die Fantasy nur als Spielart der Phantastik und damit als verlängerten Zweig der Romantik zu begreifen, hieße auch ihre Entwicklung in den letzten drei Jahrzehnten zu unterschätzen; vielmehr hat diese Gattung längst ihre eigenen Motive, Stereotypen und Traditionen entwickelt. Aus dem gleichen Grund halte ich auch wenig davon, den Terminus „Fantasy“ im deutschen Sprachraum durch „Phantastik“ zu ersetzen, da so die Eigenheiten der Gattung und ihre angloamerikanischen Wurzeln verleugnet werden. Wenn heute deutsche Autoren Fantasy schreiben, berufen sie sich eben nicht auf Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann oder Achim von Arnim, sondern auf englische und amerikanische Vorbilder – bewusst oder unbewusst.

Warum das so ist und warum die deutsche Romantik wenig Nachhall bei zeitgenössischen Phantastikautoren findet, läßt sich nur vermuten. Mein Verdacht ist, dass die romantische Tradition hierzulande durch den Nationalsozialismus unwiderruflich abriss, ja, abreissen mußte; ihre Motive – der Wald, die idyllische Natur, das urtümliche Volks- und Brauchtum – sind seitdem belastet. Sie lassen sich nicht mehr unbedarft verwenden, seit der deutsche Wald, der Heimatgau und der „Volkskörper“ mystifiziert und romantisiert wurden, seit der deutsche (oder vermeintlich deutsche) Sagenschatz die faschistische Sprache bereicherten – von der „Nibelungentreue“ bis zum „Feldzug Barbarossa“. Diese „romantischen Züge“ des Nationalsozialmus – von Safranksi übrigens gut herausgearbeitet – haben zu einem Bruch geführt; und wer die Augen nicht verschließt, wird auch bei Achim von Arnim und anderen Romantikern auf antijüdische Passagen stoßen, die den Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts vorwegnehmen.

Der Zivilisationsbruch hat nun freilich nicht dazu geführt, dass keine deutsche Phantastik mehr geschrieben wird; doch diese musste sich eine neue, radikale Ästhetik aneignen (Wolfgang Hilbigs Ich oder Thomas Hettches Nox), im weitgehend symbolischen Raum agieren (Michael Ende, Die unendliche Geschichte) oder – wie die Fantasy – auf angloamerikanische Traditionen zurückgreifen. Als jüngster Setzling der Romantik konnte sie jedoch nicht überleben.

Fantasy und Romantik als Früchte desselben Baums zu bezeichnen, birgt zudem eine weitere Gefahr. Gerade hierzulande steht Fantasy (nicht ganz zu unrecht, aber ungerechterweise) unter dem Verdacht, bloße Schund- und Massenmarktlektüre zu sein. Differenziert wird in dieser Debatte kaum, vor allem nicht im Feuilleton, das seine Pfründe „Anspruch“ und „Meinungshoheit“ erbittert verteidigt. Wer nun eine Verwandtschaft zwischen Fantasy und Romantik konstruiert, setzt sich dem Verdacht aus, das Genre durch den Rückgriff auf eine literarisch anerkannte Tradition rehabilitieren zu wollen. Das aber hat die Fantasy nicht nötig; man erwiese ihr einen Bärendienst, wenn man so argumentierte. Vielmehr sollte man das Neue, Aufregende dieser Gattung betonen, ihre Stärken hervorheben und ihre Möglichkeiten herausstreichen.

Frank Weinreich kann man diesen Vorwurf allerdings nicht machen; seine vorsichtige Argumentation in „Äxte am Stamm der Moderne“ lässt keine Vereinnahmung der Romantik für entsprechende Rechtfertigungen erkennen. Ihm ist vielmehr zu danken, eine solche Debatte – in einer an Debatten eher armen Szene – angestoßen zu haben, zumal sie Lust weckt, sich wieder einmal mit den Autoren der Romantik zu befassen. Denn mögen Romantik und Fantasy auch zwei unterschiedliche Bäume sein, so ist es doch reizvoll, von einem Ast zum nächsten zu springen und von dort aus die funkelnden Äxte zu betrachten, die heute auf den Einbänden deutscher Fantasyromane abgebildet sind.

Quellen

  1. Frank Weinreich: „Äxte am Stamm der Moderne: Fantasy und Romantik“. Online in: Phantastik-Couch.de, 2007.
  2. Frank Weinreich: Fantasy Einführung, Essen, 2007.
  3. Ebd., S. 17
  4. Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. München, 2007.
  5. Gerhard Schulz: Romantik. Geschichte und Begriff. München, 2002 (1996), S. 137.
  6. Ebd., S. 12.
  7. Jörn Steigerwald: Die fantastische Bildlichkeit der Stadt. Zur Begründung der literarischen Fantastik im Werk E. T. A. Hoffmanns. Würzburg, 2001, S. 23.