Vom realen zum literarischen Horror

Der Spaß an der Angst ist wahrscheinlich so alt wie die Angst selbst: Die spielerische Beschäftigung mit dem, was Furcht auslöst, hilft mit dieser fertig zu werden. Diese Betrachtungsweise existiert – wen wundert’s – bis heute fort, denn die Angst ist der treue Begleiter des Menschen geblieben. Wohl auch aus diesem Grund haben sich zu allen Zeiten Schriftsteller, die mit der Horrorliteratur nicht in Verbindung gebracht werden, Elemente dieses Genres zu Eigen gemacht; genannt seien als beliebig herausgegriffene Beispiele aus möglichst unterschiedlichen Zeit- und Kunstepochen Dante Alighieri („Die Göttliche Komödie“, „Dantes Inferno“, 1290-1321), Johann Wolfgang von Goethe („Faust“, 1780/1808) oder Jean Paul Sartre („Das Spiel ist aus“, 1947).

Gruselgeschichten hat man sich vermutlich schon an steinzeitlichen Lagerfeuern erzählt; leider werden wir es nicht erfahren, denn an Höhlenwände gemalt wurde (neben dem, was man jagen wollte) nur, was ernsthaft Angst einflößend war. Zum Geschichtenerzähler, der sich auf Gedächtnis und Zunge verlassen musste, gesellte sich erst dort, wo die Schrift erfunden und benutzt wurde, der nachweisliche Verfasser von Geschichten. Erst jetzt können wir noch viele Jahre später erfahren, was sich die Menschen einst mitzuteilen hatten. Auch der Horror wird nun fassbar, doch kann man ihn bereits in das hier für uns relevante Umfeld stellen – als Element der Unterhaltung und literarisches Genre? Stattdessen stellt er lange eine (allegorische) ´Beschreibung’ von Geschöpfen und Ereignissen dar, die man für möglich, real und wahr hielt. Vampirische Wiedergänger ´kannten’ und fürchteten schon die Griechen (als Lamien) und Römer (als Lemuren) der Antike und sie erschreckten (wie auch Tiermenschen oder Ungeheuer) viele weitere europäische, asiatische oder (nord- und süd-) amerikanische Völker.

Spätestens mit dem Zeitalter der Aufklärung (17./18. Jh.), die früher oder später (und dann unter anderem Namen) fast alle Länder dieser Erde erreichte, begann sich das Bild der Welt zu wandeln. Teufels- und Totenspuk wurden nicht länger als Teil der Realität akzeptiert. Nachdem der Faktor Gefahr schwand, ersetzte angenehmes, unterhaltsames Gruseln die Furcht. Gleichzeitig führte die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in vielen Ländern zu einer allmählichen Alphabetisierung. Immer mehr Menschen konnten und wollten lesen. Neben ´erbauliche’ Schriften, Fachbücher und Zeitungen trat dabei die Unterhaltung. Sie schloss das Vergnügen an dem, was man früher gefürchtet hatte, ausdrücklich ein.

Die Entstehung einer Horrorliteratur wurde gleichzeitig zum Startpunkt ihrer Diversifizierung. Es gibt viele Möglichkeiten das Publikum in Angst zu versetzen; die Schriftsteller, die sich dem Genre widmeten, fanden sie nach und nach heraus. Hinzu kamen ´literarische Moden’, die altmodisch gewordene Spielarten verschwinden und neue aufkommen ließen. Diese Entwicklungen nachzuzeichnen ist freilich schwierig, denn mit dem literarischen Horror ist es wie mit der Parapsychologie oder korrupten Politikern: Die Studienobjekte erweisen sich als flüchtig, wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt. Noch wesentlich verschwommener als in Science Fiction und Fantasy sind die Grenzen zwischen einzelnen Subgenres, heftig werden diese von Fans und Fachleuten diskutiert. So gibt es buchstäblich Dutzende von Gliederungen, die indes – nicht einmal ihre Verfasser leugnen es – mit Vorsicht und ohne Gewähr zu behandeln sind. (Die folgende Liste stellt keine Ausnahme dar.) Zuletzt tragen die Autoren selbst zur Entwertung solcher Kategorisierungen ein, weil sie nicht selten zwischen den Subgenres ´springen’. Letztlich liegt es vielleicht auch in der Natur des Phantastischen, dass es sich allzu intensivem Schubladendenken entzieht.

Gotischer Horror

Der literarische Horror wurzelt im späten 18. Jh. Hier ist er als romantisierende Wiedergeburt einer archaischen Vergangenheit im Zeitalter der Aufklärung zu verstehen. Die allzu rationale Weltsicht, welche die letzten Rätsel der Menschheit in absehbarer Zukunft erklärbar zu machen schien (bzw. drohte), förderte die Sehnsucht nach einer wilderen, dunklen, von unheimlichen Rätseln geprägten, gern ins Mittelalter zurückverlegten Ära, die man zumindest literarisch ´beleben’ wollte, obwohl es sie so niemals gegeben hatte. Horace Walpole (1717-1797) gab 1764 mit „The Castle of Otranto“ die Regeln vor: Gotischer Horror spielt an verwunschenen Orten: (gern deutschen) Schlossruinen, alten Klöstern, Verliesen oder Friedhöfen. Dort bleibt die Vergangenheit unheimlich präsent und beeinflusst das Leben gegenwärtiger Menschen, die – zur Freude des lesenden Publikums – dekadente Höllen sadistischer Grausamkeiten und schauriger Begegnungen durchleiden müssen.

Gefühle treten stets im Überschwang auf und lassen sowohl die angelsächsischen Klassiker wie „Ambrosio or The Monk“ (1796; Matthew Gregory Lewis, 1775-1818), „The Mysteries of Udolpho“ (1796; Ann Radcliffe, 1764-1823) oder „Frankenstein“ (1818; Mary Wollstonecraft Shelley, 1791-1851) als auch die deutschen Werke gotischen Grusels wie „Der Geisterseher“ (1789 ; Friedrich v. Schiller, 1759-1805), „Die Elixiere des Teufels“ oder „Nachtstücke“ (1815 bzw. 1817; E. T. A. Hoffmann, 1776-1822) heute altmodisch und schwer lesbar wirken.

Neben die oft mehrbändigen Romane für die ´gehobenen’ Stände traten Mitte des 19. Jh. die „Dime Novels“, „Penny Dreadfuls“ und „Groschenhefte“, die wie am Fließband entstanden und einem Massenpublikum lieferten, was es verlangte: Spannung, Spaß und eben auch Gruseliges ohne Anspruch auf höhere literarische Werte; „Varney der Vampir oder das Blutfest“, ein derber Schauerschmöker von Thomas Peckett Prest (1810-1859) in 220 (!) Kapiteln, wurde 1847 zum Sensationserfolg.

Klassischer Horror

Wenn es in einer Geschichte umgeht, ohne dass allzu offen Blut fließt, können wir sie in der Regel hier ansiedeln. Das Grauen in Gestalt von Gespenstern, Vampiren oder Werwölfen entsteigt in Spukhäusern oder an anderen verwunschenen und verfluchten Stätten dem Jenseits, wobei der lebende Mensch oft seinen Teil beiträgt, damit es sich voll entfalten kann: Psychische Schwächen, ungesühnte Schuld oder Krankheit bieten dem Übernatürlichen ein gern genutztes „Einfalltor“. Zu den frühen Vertretern dieses Horrors zählen Washington Irving (1783-1859), Edgar Allan Poe (1809-1849) und Joseph Sheridan LeFanu (1814-1873).

Mit dem Aufkommen von Psychologie und Psychoanalyse im späten 19. Jh. sowie als Folge des echten Horrors, den der Ersten Weltkrieg hinterließ, werden entsprechende Untertöne stärker. Vor allem angelsächsische Autoren wie Montague Rhodes James (1862-1936), Ambrose Bierce (1842-1914?) oder Algernon Blackwood (1869-1951) gelten als Großmeister der klassischen Gruselgeschichte, doch lassen sich Vertreter in allen Ländern dieser Welt feststellen. Die große Zeit dieses Subgenres endet mit dem II. Weltkrieg, doch hat es bis in die Gegenwart überlebt und – zum Beispiel um 1970 durch Ira Levin (*1929), William Peter Blatty (*1928) oder David Seltzer (*1920) – nicht zuletzt dank Kino und Fernsehen immer wieder Renaissancen erlebt, wobei die Spukgestalten wesentlich drastischer als früher zu Werke gehen. Zu den modernen Meistern gehören Bestsellerautoren wie Stephen King (*1947), Peter Straub (*1943) oder Dan Simmons (*1948), auf deren Spuren zwar minder begabte aber kaum weniger erfolgreiche Vielschreiber wie Dean R. Koontz (*1945), James Herbert (*1943), John Saul (*1942) oder Anne Rice (*1941) (in Deutschland: Wolfgang Hohlbein (*1953)) wandeln.

Zeitlich etwas verschoben, d. h. in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und dann parallel zum Aufschwung der modernen Science Fiction in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, trieb die klassische Horrorliteratur einen Zweig aus, der die rasant zunehmenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Zeit einfließen ließ. Gruselgestalten materialisieren sich nicht länger nur aus einem Reich jenseits des Todes. Sie kommen jetzt aus dem All, führen neben den Menschen eine heimliche Existenz im Verborgenen tiefer Wälder, Höhlen oder zivilisationsferner Orte oder werden gar vom Menschen selbst erschaffen; dies nicht mehr durch Zaubersprüche, sondern im Labor. Es klingt bereits bei Robert Louis Stevenson (1850-1894; „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, 1886) oder Bram Stoker (1847-1912: „Dracula“, 1897) an und wird stärker bei Arthur Machen (1863-1947), William Hope Hodgson (1877-1918) oder Dennis Wheatley (1897-1977), aber zum eigentlichen Gründer dieses ´naturwissenschaftlichen"; Horrors wurde Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), der mit seinem Zyklus um „Cthulhu“ und dessen böse, alle Kriterien der Horrortauglichkeit erfüllende, doch tatsächlich ´nur’ außerirdische Gefährten eine eigene Schule für angehende Horrorautoren ins Leben rief. Unter Lovecrafts frühen und späten Adepten finden sich Clark Ashton Smith (1893-1961), August Derleth (1909-1971), Ramsey Campbell (*1946), Brian Lumley (*1947) oder Neil Gaiman (*1960), die selbst Großes zum Horror beitrugen.

Psycho(logischer) Horror

Das Grauen spielt sich primär im menschlichen Hirn ab. Schon Edgar Allan Poe lieferte mit „The Tell-Tale Heart“ (dt. „Das verräterische Herz“) 1843 ein Meisterstück, aber auch Henry James (1843-1917) bietet Paradebeispiele für diese Spielart: Geisteskrankheit, Missbrauch oder Vernachlässigung lassen ein durch und durch menschliches Monster entstehen, das durch unverständliche oder ungeheuerliche, oft blutige Taten für realen Horror sorgt. Geister, Vampire u. ä. offensichtliche Spukbolde sind überflüssig. Moderne Klassiker dieses Subgenres verdanken wir Shirley Jackson (1916-1965), deutlich weniger subtil aber erfolgreich sind Robert Bloch (1917-1994) oder Jack Ketchum (*1946). Die Grenzen zum Thriller, der seit Das Schweigen der Lämmer(1988) von Thomas Harrisbzw. dem danach entstandenen Kinoklassiker den psychopathischen Serienmörder zum beliebten ´Helden’ werden ließ, sind fließend.

Phantastik

Horror muss nicht immer handfest – als bissiger Vampir, würgende Totenhand, heulender Werwolf – daherkommen. Neben dem Unheimlichen gibt es auch das Surreale, Verschlüsselte, Märchenhafte, Unbegreifliche, sprich: das buchstäblich Phantastische. Als literarisches Subgenre beschreibt es eine besondere Spielart, in der Stimmung über Logik steht. Oft wird bei der Lektüre spürbar, dass etwas Schreckliches geschieht, ohne dass erkennbar wird, worin es besteht oder wie es sich begründen lässt. Zu den klassischen Vertretern der Phantastik gehören Jean Ray (1887-1964), Gustav Meyrinck (1868-1921), Stefan Grabinski (1887-1936), Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) oder Thomas Owen (1910-2002), zu den modernen T. E. D. Klein (*1947) oder Thomas Ligotti (*1953).

Splatter/Gore

Dies ist der Horror der ganz harten, vordergründigen Art, der buchstäblich die (Fleisch-) Fetzen fliegen und das Blut spritzen lässt. Dem auf Provokation und Brechen existierender Gesetze und gesellschaftlicher Regeln angelegten Schwelgen in Ekel und Eingeweiden wird von seinen Anhängern eine kathartische Wirkung nachgesagt, während die Feinde nach Irrenarzt, Polizei und Zensor rufen. Wenig bekannt weil gern totgeschwiegen ist das Alter dieses Subgenres, das beileibe nicht von den wilden „Splatterpunks“ Mitte der 1980er Jahre erfunden wurde. Grotesk übersteigerten Horror bot u. a. das Theater des „Grand-Guignol“ im ausgehenden 19. Jh., dem sich Clive Barker (*1952) stark verbunden fühlt; es geht wiederum auf ältere Formen zurück, welche die zeitlose Freude des Menschen am blutigen Spiel belegen. Quasi selbstverständlich gesellt sich ein starker sexueller Unterton dazu, der mit der Lockerung entsprechender Gesetze oder Normen deutlich expliziter geworden ist und die Grenzen zur (Gewalt-) Pornografie nicht selten (absichtlich) überschreitet. Berühmt bzw. berüchtigt wurde der Splatter-Horror spätestens 1991, als Bret Easton Ellis mit „American Psycho“ die Aufmerksamkeit der ´seriösen’ Literaturkritik sowie eines breiten Publikums auch außerhalb des Horror-´Ghettos’ auf sich ziehen und einen ´Skandal’ entfachen konnte. Weitere Splatterpunks sind (bzw. waren) das Autorenduo John Skipp (*1957)/Craig Spector (*1958), Nancy A. Collins (*1959), Richard Laymon (1947-2001), Joe R. Lansdale (*1951) oder Poppy Z. Brite (*1967).

Mischformen

Da sich Außerirdische literarisch als unheimliche ´Besucher von drüben’ einsetzen lassen, kommen Horrorszenarien auch in der Science Fiction zum Einsatz, wofür John W. Campbell jr., A. E. van Vogt oder die „Alien“-Saga (im Roman von Alan Dean Foster, Ann C. Crispin, Steve Perry u. a.) Beispiele sind.

Daneben entlehnt die (Dark) Fantasy zahlreiche Gestalten und Szenarien dem Horror. Ebenso selbstverständlich wie gegen blutrünstige Schwertschwinger oder wilde Tiere lässt Robert E. Howard (1906-1936) seinen Barbaren Conan gegen Dämonen, Hexen, Zauberer, Vampire oder Untote antreten. Auch Fritz Leibers (1910-1992) Fafhrd und der Graue Mausling bekommen es oft mit dem Übernatürlichen zu tun. Die Grenze zum ´richtigen’ Horror überschreitet Karl Edward Wagner (1945-1994) in seinen Romanen und Storys um den von den Göttern verfluchten, unsterblichen Barbaren Kane. Die „moderne“ Dark Fantasy schließt auch Grenzgänger wie Batman, The Crow oder Blade ein, die dem Grauen im modernen urbanen Umfeld mit Hightech und Waffengewalt entgegentreten und oft im Comic beheimatet sind.

Im Mystery-Thriller ereignet sich zwar scheinbar Übernatürliches, doch findet sich dafür letztlich eine rationale Auflösung. Damit steht dieses (mögliche) Subgenre dem Kriminalroman nahe oder überschneidet sich sogar mit ihm. Autoren wie Arthur Conan Doyle (1869-1930), John Dickson Carr (1906-1971) oder Mary Roberts Rinehart (1876-1958) verfassten Mysterys zwischen Horror und Krimi, was die Schwierigkeit belegt eindeutige Trennlinien zu ziehen. Den letzten Schritt geht der Abenteuer-Thriller, welcher auf Kriminalistisches durchaus verzichtet, sich aber der Elemente des Horrors bedient, ohne jedoch nur den Anschein übernatürlichen Wirkens zu erwecken: Wilde Tiere greifen an (Peter Benchley, 1940-2006), scheußliche Seuchen brechen aus (John S. Marr, *1940) usw. Das späte 20. Jh. ließ den Wissenschaftsthriller zur Blüte gelangen, der gern vom Kontrast zwischen Hightech und Grauen profitiert; auf den aktuellen Bestsellerlisten finden sich regelmäßig die Werke von Michael Crichton(*1942), Douglas Preston (*1956) und Lincoln Child (*1957).

Neu hinzu kam als Subgenre schließlich der historische Horror, der den immensen Erfolg moderner Historienromane aufgreift und gruselige Geschichten in eine mehr oder weniger ´korrekte’ Vergangenheit verlegt. Schriftsteller wie Patricia N. Elrod, Chelsea Quinn Yarbro (*1942) oder Kim Newman (*1959) haben sich auf Horrorhistorien geradezu spezialisiert.

Fazit: Möglich ist alles

Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto unübersichtlicher wird Landschaft des literarischen Horrors. Wie es weiter oben heißt, ´springen’ die Autoren gern zwischen den Subgenres. Umgekehrt lässt sich sagen, dass sie sich jener Elemente bedienen, die sie für ihre Geschichte benötigen. In den Werken von Jeffrey Thomas (*1957) spiegeln sich praktisch sämtliche Spielarten der Phantastik wider. Auch der gotische Horror ist keineswegs tot; in der Vorliebe von Autoren und Lesern für Friedhöfe, Schlösser und Spukhäuser wird er stets weiterleben. Auf diese und andere Weisen wird der Horror, der so gern im Reich des Todes spielt, auch zukünftig prächtig im Diesseits gedeihen.