Unter dem Brunnen von Axel M. Gruner

Buchvorstellungund Rezension

Unter dem Brunnen von Axel M. Gruner

Originalausgabe erschienen 2007, 280 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Cyprian Moncleef, ein junger Schriftsteller, der aus den Grabenkämpfen des 1. Weltkrieges mehr als eine äußere oder innere Schramme mitgebracht hat, ist an einem Punkt angekommen ist, an dem seine innere Zerrissenheit auch seinen Beruf zu ruinieren scheint. Doch der Urlaub in dem Städtchen Kingston ist nicht die beschauliche Idylle, die er sich vorgestellt hat. Merkwürdige Dinge gehen nachts auf dem Alten Friedhof der Stadt vor sich, und Cyprian muss bald feststellen, dass alle Vorgänge in Kingston von einer eigenartigen Geheimgesellschaft dirigiert werden, deren Einfluss sich in alle Richtungen zu erstrecken scheint. Und was verbirgt sich unter dem alten Brunnen im Wald, von dem die Sage geht, dass ein verschollener Indianerstamm ihn einst erbaute?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Lovecraft-inspirierte Version von 'Angel Heart'“70

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Es war, als ob sich der Himmel und die Hölle in einem einzigen bestialischen Akt vereinigten, in einem einzigen zuckenden Körper, und in dem Geruch ihrer schweißüberströmten Körper Agonie und Euphorie gleichermaßen zusammenmischten, wie wahnsinnige Alchemisten, die den Trank des Ewigen Lebens in einer Mischung aus Exkrementen und Rosenwasser suchen.“
(Erstes Kapitel)

Der großstadtmüde Schriftsteller Cyprian Moncleef flieht vor seinen inneren Dämonen in ein abgelegenes Häuschen in Kingston, Neu England (Maine). Dort hofft er, die Ruhe zum Schreiben eines neuen Romans nutzen zu können. Die Zeit scheint stillzustehen an diesem Ort. Schon kurz nach seiner Ankunft macht er Bekanntschaft mit dem abweisenden Ortsvorsteher und seiner jungen aber bereits verwitweten Nachbarin, die sich zum Objekt einer nahezu krankhaften Begierde entwickelt. Bald häufen sich unerklärliche Ereignisse um Moncleef und er gerät selbst in den Schatten, der das ganze Dorf zu überdecken scheint.

Neu ist die Grundidee zugegebenermaßen nicht. Ein Städter sucht Erholung in einem „ursprünglichen“ Umfeld und stört damit die Ordnung einer Sekte/Vereinigung, die einem obskuren Gott/Herrscher huldigen. Unzählige Male wurde dieses Klischee des Horrorromans bereits bemüht. Doch hieraus entsteht für die Mehrheit der Leser eine nachvollziehbare Situation, mit der er sich gut identifizieren kann. Ist das gelungen, wirkt das nun auftauchende Böse um so bedrohlicher.

Cyprian Moncleef ist allerdings kein strahlender Held, sondern ein zynischer Bastard, der vergeblich seinen Kick in den Umarmungen von Huren und Drogen sucht. Durch eingeflochtene Rückblenden erfährt der Leser, warum Cyprian Moncleef seine – nur unzureichend domestizierte – Menschenverachtung entwickelt hat.

Das ländlich Kingston erinnert zunächst an eine Postkartenversion von Lovecrafts Innsmouth. Moncleef selbst scheint Auslöser oder Zentrum der rätselhaften Ereignisse zu sein. In einigen Momenten werden durch diese Mischung Erinnerungen an William Hjortsbergs „Angel Heart“ wach.

Der Autor erfindet seine eigene Mythologie

„Unter dem Brunnen“ scheint zunächst kein besonders innovativer Beitrag zum Subgenre der Lovecraft-inspirieten Literatur zu sein, findet dann aber doch eine eigene Sprache. Die allmächtige Kraft, die hier wirkt, kommt nicht aus den unendlichen Weiten des Alls, sondern aus den Tiefen der Erde, die sich als ebenso unendlich entpuppen. Mit dieser Bedrohung, die Kingston im Griff hat, distanziert sich Axel M. Gruner von Lovecraft, indem er seine eigene Mythologie erfindet, und huldigt ihm gleichzeitig in Aufbau und Atmosphäre. „Unter dem Brunnen“ ist sauber und souverän geschrieben und lediglich Moncleefs Abstieg und die fantasyhaften Erlebnisse in der Welt von Zor sind meines Erachtens etwas zu lang geraten.

Der Roman ist sehr amerikanisch gefärbt. Zum einen, da die Handlung im Stephen-King-Land Maine spielt, zum zweiten, da er die Ungeschliffenheit vergleichbarer deutscher Kleinstverlagsveröffentlichungen vermissen lässt. Die Sprache ist sauber, teilweise wortgewaltig und dekadent.

Wechselhafter Entsehungsprozess

Gemäß dem Autorennachwort hat „Unter dem Brunner“ in seiner Entstehungsphase auch einige Wandlungen durchgemacht. Das ging sogar soweit, dass es sich von der Kurzgeschichte zum Roman entwickelt hat. Diese Entwicklung ist teilweise zu spüren, da das Tempo verschiedener Passagen merklich variiert. Auch scheint sich der Autor mit manchen Figuren ursprünglich noch mehr vorgenommen zu haben, da einige Dinge nicht (mehr) für die Handlung relevant sind. Zum Aufbau der Atmosphäre taugen sie aber allemal.

Vielleicht sollte Patrick Grieser (Basilisk-Verlag) hier mal einen Blick riskieren und Axel Gruner auf die Kandidatenliste für seine Edition Arkham aufnehmen.

„Unter dem Brunnen“ ist als Appetizer kostenlos als .pdf-Download bei dem Books-on-Demand-Anbieter LuLu verfügbar (https://www.lulu.com/content/1261492). Selbstredend gibt es das Buch in gedruckter Form dort auch zu kaufen.

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