Die Heimsuchung von Grayson Manor von Cheryl Bradshaw

Buchvorstellungund Rezension

Die Heimsuchung von Grayson Manor von Cheryl Bradshaw

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „Grayson Manor Haunting“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 258 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Andrea Blendl.

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In Kürze:

In der von der Großmutter geerbten Villa geht es um, weshalb die ohnehin hellsichtige Addison versucht, das Rätsel eines offensichtlich ungesühnten Mordes zu lüften. Da sowohl die Geister als auch einige noch lebendige Zeugen des alten Dramas finstere Pläne verfolgen, gerät Addison erwartungsgemäß unter zweiseitigen Druck … – Eher leichtfüßiges Geistergarn, das ideenschwach in den Fußstapfen ähnlicher Mystery-Storys wandelt; obwohl die Hauptfigur ein wandelndes Klischee ist, erspart die Autorin ihr (und den Lesern) allzu ranzige Gaslicht-Romantik und „Mr.-Right“-Gesülze: Lesefutter.

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Horror-Rezension von Michael Drewniok

Von ihrer verstorbenen Großmutter Marjorie erbt Addison Lockhart Grayson Manor, das als feudales Anwesen im Städtchen Rhinebeck, US-Staat New York, erbaut wurde. Noch durch den Unfalltod der Mutter psychisch aus dem Gleichgewicht gebracht, freut sich Addison auf einen Neustart in relativer Abgeschiedenheit.

Allerdings ist das Haus in keinem guten Zustand, weshalb Addison den Architekten Luke Flynn engagiert, der bald ein guter Freund wird. Den kann Addison an ihrer Seite gut brauchen, denn es geht um in Grayson Manor: Der Geist einer jungen Frau, die offensichtlich innerhalb des Hauses erschossen wurde, erscheint und bittet Addison um Hilfe, ohne sich allerdings klar auszudrücken, was damit gemeint sein könnte.

Addison beginnt zu recherchieren. Sie findet heraus, dass Grayson Manor 1952 Ort eines Skandals und eines nie aufgelösten Kriminalrätsels war: An einem Party-Abend verschwanden sowohl Hausherr Norman Grayson – Addisons Großvater – als auch Roxanne Rafferty, eine junge, aufstrebende Schauspielerin, spurlos. Man munkelte, dass die beiden eine Affäre hatten, doch gab es nie Beweise, und Marjorie schwieg eisern.

Die nächtlichen Visionen nehmen an Stärke zu, denn Addison verfügt wie alle Frauen ihrer Familie über das Zweite Gesicht. Gleichzeitig sorgen ihre Nachforschungen auch unter den Lebenden für Aufregung. Mord verjährt nicht, weshalb es einigen Zeitgenossen sehr ungelegen käme, würde Addison ein sorgsam verborgenes Grab aufdecken. Mysteriöse Zeitgenossen machen sich an sie heran und werden immer aufdringlicher. Eine weitere Bombe platzt, als Addisons Vater enthüllt, dass Großmutter Marjorie keineswegs verstorben ist, wie man der Enkelin weisgemacht hatte. Nun taucht Oma auf und rät eindringlich zum Verlassen von Grayson Manor …

Wenn die Vergangenheit nicht (richtig) stirbt

Sinkt der Normalmensch in die Grube, endet damit seinerseits jede Kommunikation mit den Lebenden – normalerweise, denn sowohl die Unterhaltungsindustrie als auch abergläubische Zeitgenossen (sowie Spinner) vertreten die Auffassung, dass der oder die Verstorbene weiterhin im Diesseits wirken = spuken kann, obwohl er oder sie sich eigentlich ins Jenseits aufgemacht haben müsste.

Das Motiv ist überaus weltlich: Der Geist hat diese Welt verlassen, bevor etwas Grundsätzliches erledigt war. Das beschäftigt ihn so sehr, dass die Reise durch jene Röhre aus weißem Licht, an deren Ende die Oma winkt, aufgeschoben wird bzw. sogar unmöglich ist. Dies sorgt beim daraus entstandenen Geist erwartungsgemäß für Verdruss, der an Pechvögeln ausgelassen wird, die sich dort tummeln, wo besagter Spuk sein Unwesen treibt.

Leider sind Geister notorisch vage in ihren Forderungen oder Wünschen. Sie scheinen wesentlich mehr Zeit damit zu verbringen, ihre nächtlichen Auftritte zu planen, die weniger durch zielgerichtete Deutlichkeit geprägt werden, sondern den Effekt in den Vordergrund stellen. Das Ergebnis ist in der Regel kontraproduktiv: Wer eigentlich helfen sollte und könnte, wird in die Flucht geschlagen. Dafür werden schwammige ‚Regeln’ verantwortlich gemacht, dies tatsächlich vor allem faulen Autoren helfen, weil sie die Schuld für irrationales = seitenschindendes Geister-Handeln auf mysteriöse Mächte abschieben können.

(Schöne) Frau in (spannender) Not

„Die Heimsuchung von Grayson Manor“ bietet definitiv keine Offenbarung. Inhalt und Form entsprechen jederzeit bekannten Vorbildern. Von Vorteil ist es dabei, dass die Grundidee durchaus spannend ist und auch in x-ter Wiederholung unterhalten kann. Zudem spart die Autorin ein (angstvoll) erwartetes Klischee erfreulicherweise aus: Zumindest in diesem ersten Band einer geplanten (aber wohl nicht über den zweiten Band hinauskommenden) Serie bleibt Architekt tatsächlich nur ein Freund, obwohl er sich deutlich als „Mr. Right“ anbietet und einschlägige Qualitäten – Frauenverständnis, athletischer Körperbau, umgängliches = lenkbares Wesen etc. – verbreitet.

Stattdessen windet sich Hauptfigur Addison im Spinnennetz ihrer offensiv geheimnisvollen Familie, die buchstäblich ein Skelett im Schrank beherbergt und auch sonst in okkulte Ereignisse verwickelt ist: In weiblicher Linie vererbt sich das „Zweite Gesicht“, das den Blick in jenseitige Sphären gestattet, der allerdings – s. o. – jederzeit unscharf bleibt. Auf diese Weise soll Grusel-Spannung generiert werden, während die Handlung weiterhin eher unentschlossen vor sich hin dümpelt: Wie so oft steckt hinter dem Mysterium eine denkbar banale Auflösung, die den aufwändigen Spuk faktisch ad absurdum führt.

Im Vordergrund steht die Reihung von Rätseln, die in einem „Großen Finale“ aufgelöst werden. Hier leistet Autorin Bradshaw keine innovative, aber immerhin ordentliche Arbeit, indem sie auf eine dem Geschehen angepasste Vergangenheit zurückgreift. Hinzu kommen die üblichen Missverständnisse und Irrtümer: Geister müssen sich wie schon angemerkt auf Andeutungen beschränken und in Rätseln sprechen. Auf diese Weise tappt die Hauptfigur einigermaßen zuverlässig in ein Finale, das auch in unserem Fall mit dem Auftauchen einer bisher (hier freilich ungeschickt = überdeutlich) angekündigten Gefahr einhergeht.

Auch sonst ein Feind: die Originalität

Geistervisionen und Mordverschwörung: Sowohl jenseits als diesseits wird einiges aufgefahren, um eine Wahrheit zu verschleiern, die wie schon gesagt nicht gerade für kosmische Erschütterungen sorgen kann. Man muss sich außerdem wundern, wie viele Spuren sowohl die lebenden als auch die toten Zeugen der einstigen Untat hinterlassen haben. Auch als sie gegenwärtig selbst Hand anlegen müssen, versprühen ihre diesbezüglichen Ideen ganz sicher keine Raffinesse.

Die Figuren wirken ohnehin mehrheitlich wie dahingehaucht statt gezeichnet. ‚Heldin’ Addison ist in mehrfacher Hinsicht blauäugig. Selbst die mäßig schlauen Handlungs-Strolche sind ihr über. Für die Autorin ist dies der Auslöser für Situationen, in denen sich Addison im Griff dies- und jenseitiger Finsterlinge windet, was für Autorin Bradshaw identisch mit „spannend“ ist. Selbst Oma Marjorie, die lange mysteriös im Off munkelt, erweist sich nach ihrem ‚dramatischen’ Auftritt als recht eindimensionale Gestalt, die auf ihre Weise ebenso dröge wie ihre Enkelin ist.

„Die Heimsuchung von Grayson Manor“ ist halt das Produkt einer vor allem fleißigen Autorin, die weder verbergen kann noch will, dass sie den Verbrauchsbuchmarkt lange mit Liebesschnulzen bedient (hat). Nun möchte Bradshaw weitere Kundenkreise erschließen, ohne ihr altes Publikum zu vergrämen. Das Ergebnis ist ein Mystery-Roman, der generisch einschlägige Motive abhakt. Wahrscheinlich ist dies der Grund, dass die offenbar geplante Addison-Lockhart/Luke-Flynn-Serie bisher über einen zweiten Band nicht hinauskam: Selbst eine auf Soft-Grusel geeichte Leserschaft erwartet offenbar mehr als ein Potpourri gereifter bzw. abgestandener ‚Ideen'.

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