Kinder des Lichts von H.L. Lawrence

Buchvorstellungund Rezension

Kinder des Lichts von H.L. Lawrence

Originalausgabe erschienen 1960unter dem Titel „Children of Light“,deutsche Ausgabe erstmals 1962, 153 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Hans Maeter.

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In Kürze:

Gattinnen-Mörder Largwell trifft die ebenfalls flüchtige Joan; das ungleiche Paar gerät in ein Sperrgebiet des Militärs, das dort ganz besondere Kinder hütet, was auf keinen Fall öffentlich bekanntwerden darf … – Der Kalte Krieg schürte die Angst vor einem atomaren III. Weltkrieg. Dieser Apokalypse soll hier ein Schnippchen geschlagen werden, wobei die Moral im Trump-Stil zur Nebensache wird. Vergleichsweise betulich erzählt Autor Lawrence eine Geschichte, die wesentlich intensiver verfilmt wurde: typisch ‚langsamer', reichlich angestaubter britischer SF-Katastrophen-Roman.

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Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Simon Largwell hat im Streit seine ehebrecherische Gattin umgebracht. Der Polizei entzieht er sich durch Flucht. Da Largwell als Verbrecher ein Anfänger und Dilettant ist, gerät er rasch in Schwierigkeiten. Er wird von „Cäsar“, dem psychopathischen, sadistischen Anführer einer Bande jugendlicher Verbrecher, gefangen, kann aber entkommen. Dabei schließt sich ihm Joan, Cäsars Stiefschwester, an, was der Halbbruder als persönliche Beleidigung definiert, weshalb er das ungleiche Paar verfolgt.

Auch die Polizei ist Largwell dicht auf den Fersen. In letzter Sekunde können er und Joan auf ein geheimes Versuchsgelände des Militärs flüchten. Dort geraten sie in ein Experiment, von dem die Öffentlichkeit auf keinen Fall erfahren soll. ‚Mr. Bernard’ leitet das Projekt „Überleben“, das der Menschheit ein Weiterleben nach einer atomar bedingten Apokalypse ermöglichen soll.

Der Zufall spielt Bernard in die Hände: Vor zehn Jahren wurden nach der Explosion eines Atomkraftwerks 14 Kinder geboren, die quasi strahlungsresistent sind und über einen Verstand verfügen, der ihre Jugend Lügen straft. Doch sie sind selbst radioaktiv, weshalb der ungeschützte Kontakt tödlich ist. Bernard lässt die Kinder ausbilden, doch sie verstehen ihre Isolation nicht, sind einsam und sehnen sich nach ‚elterlicher’ Liebe. Deshalb verbergen die Kinder Largwell und Joan, als sie diese entdecken.

Zunächst fügt sich das Paar, denn die Polizei kann sie nicht finden. Allerdings steigt das Unbehagen: Wieso fühlen sie sich plötzlich so schlecht? Als Largwell und Joan die Wahrheit erkennen, ist es für sie schon zu spät. Dennoch versuchen sie die Flucht, um die Welt über das Projekt „Überleben“ aufzuklären – ein Vorhaben, das Mr. Bernard um jeden Preis verhindern will.

Das Ende aller Kriege

1960 war die Faszination längst der Angst gewichen: Ursprünglich galt die Kernspaltung als ultimative Methode zur Gewinnung von Energie. Dass dabei ein ‚Abfall’ entstand, der über Jahrmillionen tödlich strahlte, wurde erst spät erkannt bzw. verdrängt und vertuscht. Stattdessen sorgte eine besondere Art von „Atomenergie“ für Beklemmung bis Panik: Atome ließen sich auch militärisch spalten, was eine Generation von Bomben hervorbrachte, mit deren Hilfe sich die Erde nicht nur zerstören, sondern quasi sterilisieren ließ.

Die Angst war keineswegs unbegründet. Zwei Supermächte standen sich hochgerüstet, wachsam und paranoid gegenüber. „West“ gegen „Ost“, USA gegen UdSSR: Im II. Weltkrieg hatte man Seite an Seite gegen die Nazis gekämpft, aber anschließend waren die beiden Systeme aneinander gescheitert. Ein „kalter“ Krieg, der verborgen aber nichtsdestotrotz global geführt wurde, brach aus. Die „atomare Abschreckung“ war auf beiden Seiten Kernstück einer Strategie, die darauf setzte, dass niemand einen Weltkrieg auszulösen wagte, der die gesamte Menschheit auslöschen würde.

Dieses „Gleichgewicht des Schreckens“ war labil. Immer wieder gab es Zwischenfälle, die den befürchteten Atomkrieg auszulösen drohten. Dass irgendwann etwas schiefgehen könnte, war eine berechtigte Sorge, die sich ihren Weg auch in die Unterhaltung bahnte. „Post-Doomsday“-Storys sind noch heute sehr präsent, auch wenn inzwischen Umweltzerstörung oder Überbevölkerung den Atomkrieg als Primärquellen der Furcht abgelöst haben.

Erzähler mit beschränkten Fähigkeiten

„Kinder des Lichts“ ist zumindest in der Intention exemplarisch. Verfasser H. L. Lawrence will nicht nur ein spannendes Garn spinnen, sondern warnen und wachrütteln. Dass seine Botschaft nur fragmentarisch ihre Empfänger erreicht, liegt im kaum mittelmäßigen Talent des Senders begründet. Zwar gilt England als Heimat der „gemütlichen Apokalypse“, die von oberlippensteifen Briten und Teepausen geprägt wird, doch Lawrence versagt, wenn es darum geht, eine an sich interessante Idee in eine ebensolche Geschichte zu verwandeln.

Der oder die in der SF-Historie bewanderte Leser/in könnte zudem einwenden, dass Lawrence sich ein wenig zu schwer auf ein früheres Werk stützt, in dem es ebenfalls um eine Gruppe ebenso übernatürlich begabter wie gefährlicher Kinder geht: John Wyndham veröffentlichte 1957 „The Midwich Cuckoos“/„Village of the Damned“ (dt. „Es geschah am Tage X …“/„Die Kuckuckskinder“). Lawrence ließ sich eindeutig von diesem Roman ‚inspirieren', ohne allerdings den Fokus auf einen zentralen Plot legen zu können. Es entstand viel Leerlauf in einer ohnehin aktionsarmen Handlung. Wenig Sinn ergibt beispielsweise das wüste Treiben einer Bande ebenso brutaler wie dummer Halbstarker. Lawrence füllt viele Seiten mit deren Übeltaten, ohne dass dieser Ereignisstrang für die zentrale Story von Belang ist. Eine weitere Sackgasse öffnet die Figur eines ‚rasenden Reporters', der dem Leser höchstens durch seine Unfähigkeit als Enthüllungsjournalist im Gedächtnis bleibt.

Sich selbst ein Bein stellt sich Lawrence als Erzähler, wenn er die Katze urplötzlich aus dem Sack lässt. Statt des Rätsels Lösung als Höhepunkt der Geschehnisse darzustellen, blendet er um und lässt den Geheimdienst-Büttel Bernard einer ansonsten nie wieder auftauchenden Schar hoher Regierungsmitglieder kurz und knapp berichten, was es mit den seltsamen Kindern auf sich hat. Schon dieses Ungeschick macht deutlich, wieso Lawrence offenbar nur diesen einen Roman geschrieben hat.

Unmenschlichkeit mit ‚logischer’ Begründung

Dass sich in dem unstrukturierten Garn einige echte Ideen verbergen, zeigte erst der 1961 gedrehte Film. (Siehe dazu weiter unten.) Dazu gehört die Beschreibung einer moralfreien, nur methodisch ‚wissenschaftlichen’ Aufzucht einer „neuen Rasse“, die der Menschheit nach dem vom Verfasser postulierten, durch radioaktiven Fallout verursachten Aussterben eine zweite Chance bieten soll. Die Verursacher des Untergangs treffen unverdrossen Vorsorge, die neue Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten: Dieses Paradox weiß Lawrence zu vermitteln.

Ebenfalls einprägsam ist die Darstellung der Kinder. Sie sind ebenso hilflos wie unschuldig – und absolut tödlich. In diesem Punkt macht der Autor keine Kompromisse: Wer diesen Kindern ohne Strahlenschutz begegnet, muss sterben. Sollte dies nicht schnell genug geschehen, greift der Geheimdienst „zum Wohl des Volkes“ ein. Ein Happy-End kennt diese Geschichte nicht. Man vermisst es keineswegs, denn sämtliche Figuren, die Lawrence auftreten lässt, einigt die völlige Abwesenheit von Charaktertiefe: „Gute“ und „Böse“ lassen als Klischees bestenfalls gleichgültig, was die steife Übersetzung (sowie mögliche Kürzungen) verstärken mag.

Drehbuchautor Evan Jones und Regisseur Joseph Losey trennten die Spreu vom Weizen. Sie arbeiteten heraus, was Lawrence gelungen war, und ignorierten den Rest. Mit „The Damned“ (dt. „Sie sind verdammt“) belegten sie das Potenzial einer Buchvorlage, die ansonsten (und nicht grundlos) in Vergessenheit geraten ist.

Aus „Kinder des Lichts“ wird „Sie sind verdammt“

„Kinder des Lichts“ gehört zu jenen Romanen, die hinter ihrer Verfilmung verschwunden sind. Zu massiv sind die Qualitätsunterschiede zwischen einer gut gemeinten, aber betulichen Story und einem Film, der sich zwar an die Vorlage anlehnt, sie jedoch inhaltlich wie formal auf ein deutlich höheres Niveau bringt.

Dies überrascht angesichts der Tatsache, dass „Sie sind verdammt“ von der britischen Produktionsfirma „Hammer“ realisiert wurde, die primär bis ausschließlich für ihre knalligen Horror- und SF-Werke („Dracula“, „Frankenstein“, „Als Dinosaurier die Erde beherrschten“ etc.) bekannt war. Doch es gab einige ‚Ausreißer', und dieser Film gehört zu ihnen.

Inszeniert wurde „Sie sind verdammt“ von einem ausgezeichneten Regisseur. Joseph Losey (1909-1984) war daheim in den USA in die Mühlen der McCarthy-Hexenjagd geraten und hatte die USA 1953 verlassen, da er als reueloser „Kommunist“, der dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ keine Namen nennen = denunzieren wollte, auf die „Schwarzen Listen“ geraten war und in Hollywood keine Beschäftigung mehr fand. In Europa konnte Losey an seine frühen Erfolge anknüpfen. In den folgenden Jahrzehnten drehte er Filme, die Kunst, Unterhaltung und Anspruch in sich vereinigten und stets das Interesse der Kritik fanden.

Die Zuschauer schlossen sich dem nicht unbedingt an. „Sie sind verdammt“ wurde zu einem Misserfolg. Zu düster und nüchtern erzählte Losey eine Geschichte, die zudem allzu deutlich am lieber verdrängten Unbehagen über einen Kalten Krieg rührte, der jederzeit ‚heiß’ werden konnte. Ebenso ungern wurde zur Kenntnis genommen, dass nicht die roten Sowjet-Teufel, sondern eine Regierung des ‚guten’ Westens problemlos zu unmoralischen Methoden griff. Bei „Hammer“ versuchte man zu retten, was zu retten war. „Sie sind verdammt“ wurde (gegen Loseys Willen) gekürzt und erst 1963 eher nebenbei in die Kinos gebracht. In den USA war der Film noch kürzer. Erst für die DVD-Ausgabe rekonstruierte man Jahrzehnte später die ursprüngliche Fassung und hob damit eine kleine, aber feine Perle.

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