Tor zur Hölle von Jeffrey Konvitz

Buchvorstellungund Rezension

Tor zur Hölle von Jeffrey Konvitz

Originalausgabe erschienen 1974unter dem Titel „The Sentinel“,deutsche Ausgabe erstmals 1976, 328 Seiten.ISBN 3-552-02823-4.Übersetzung ins Deutsche von Ilse Winger.

»Tor zur Hölle« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

In Kürze:

Eine junge Frau mietet sich in ein Haus ein, das sich als Portal zur Hölle entpuppt und just einen neuen Wächter benötigt ... – Horror-Roman, der wie „Rosemary’s Baby“ oder „Der Exorzist“ das Erscheinen des sehr realen Teufels in der modernen Welt thematisiert: ein wenig zu ernsthaft aber immer noch spannend und stimmungsvoll.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Alter Feind in moderner Umgebung“75

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Das psychisch labile Fotomodell Allison Parker kehrt nach New York City zurück, nachdem sie vier Monate den verhassten Vater bis zu dessen Tod gepflegt hatte. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Anwalt Michael Farmer, möchte sie nicht in einer Wohnung leben. Allison sucht sich ein eigenes Appartement, das sie in einem alten, aber gepflegten Backsteingebäude an der 89. Straße findet.

Die Freude über die schöne Unterkunft wird durch die seltsamen Nachbarn gestört. Friedlich ist Pater Matthew Halliran, der senil, blind und taub in seiner Wohnung dahinvegetiert. Nett findet Allison den ältlichen Mr. Charon, unheimlich sind ihr dagegen Gerde und Sandra, zwei aggressive Lesben, die auch von den übrigen Mietern geschnitten werden. Zu denen gehören die schweigsame Mrs. Clark sowie die fettleibigen Zwillingsschwestern Emma und Lillian Klotkin, die Allison von Mr. Charon während einer kleinen Party vorgestellt werden.

Während Allison beruflich schnell wieder Fuß fasst, lässt ihre Gesundheit sie im Stich. Ohnmachtsfälle suchen sie heim, die offenbar psychisch bedingt sind. Auch meint Allison Schritte in einigen leeren Appartements ihres Wohnhauses zu hören. Michael ist keine Hilfe, denn auch er glaubt an eine Nervenkrankheit. Bestätigt sieht er sich darin, als sich herausstellt, dass Allison und Pater Halliran die einzigen Bewohner des Hauses sind, Mr. Charon und die übrigen Mieter also gar nicht existieren.

Allisons Wahnvorstellungen verstärken sich. Eines Nachts glaubt sie von ihren aus dem Grab gestiegenen Vater heimgesucht zu werden, den sie in ihrer Angst ersticht. Die Polizei findet keine Leiche, aber Inspektor Glatz reißt den Fall an sich, als er von Michael erfährt: Vor Jahren hat er ihn verdächtigt, seine Ehefrau ermordet zu haben. Beweisen konnte Glatz es nie, und als er Michael keinen Frieden ließ, wurde er degradiert und versetzt. Jetzt sieht Glatz den Tag der Rache gekommen …

Alter Teufel in moderner Welt

Roman Polanski hat es bereits 1968 mit „Rosemary’s Baby“ aufgedeckt: Satan lockt nicht mehr geistesarme Landeier mit Bocksfuß und Hörnern auf Abwege (und in die Hölle), sondern ist längst in der modernen Gegenwart angekommen. Mit einer Tücke, die auch den misstrauischen Stadtmenschen einlullt, setzt er seine Übeltaten unvermindert fort. Da „Rosemary’s Baby“ überaus erfolgreich war, variierten in den nächsten Jahren weitere Filme das Thema. „Der Exorzist“ (1973) und „Das Omen“ (1976) wurden echte Blockbuster, und selbstverständlich reagierte auch das B-Kino begeistert auf den Input aus dem runderneuerten Reich des Bösen.

Die Unterhaltungsliteratur griff das Motiv ebenfalls auf. Der „urban horror“ war hier als Subgenre schon älter, nicht nur der Teufel, sondern das Grauen generell nicht auf einsame Landhäuser, Friedhöfe oder andere verwunschene Stätten angewiesen. Lange hatte sich der Horror trotzdem nur vorsichtig in die Städte gewagt; Dämonen schienen fehl am Platz in einer Welt zu sein, die sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Hochtouren läuft.

Jeffrey Konvitz beweist in „Allisons Haus“ (bzw. „Tor zur Hölle“, wie das Buch für die deutsche Neuausgabe umgetitelt wurde), dass sich Alt und Neu ausgezeichnet kombinieren lassen. Als Buch (und als Film; dazu s. u.) ist dieser Roman im Vergleich zu den eingangs genannten Werken in Vergessenheit geraten; er gehört jedoch zu den wichtigen Beiträgen zum „urban horror“.

Auch der Gegner schläft nicht

Während der vom Bösen getroffene Stadtmensch lange Zeit nicht glauben kann, was oder wer ihm da im Genick sitzt, ist die Kirche schon weiter. Gern als konservative und unbewegliche Institution gescholten, bietet die Zeitlosigkeit ihrer Struktur den besten Schutz gegen den Teufel und seine Scharen. Seit es sie gibt, geht die Kirche gegen diese Feinde vor. Den seit Jahrhunderten währenden Kampf führt sie auch in der Gegenwart aber inzwischen unter Ausschluss einer Öffentlichkeit weiter, die nicht mehr an die Existenz des leibhaftigen Bösen glauben mag.

Das Vorhandensein eines Portals zwischen der realen Welt und der Hölle, das stets sorgfältig bewacht sein will, weil von ´unten´ unerfreuliche Kreaturen ins Freie drängen, wird von Konvitz klug in das städtische Umfeld transponiert. Während der Teufel auf psychologische Kriegführung setzt, bedient sich die Kirche der Manipulation. Dabei werden auf beiden Seiten alle Register gezogen. Die Gegner gleichen sich nicht nur in der Wahl ihrer Mittel.

Die traditionellen Hüter der städtischen Ordnung bleiben dagegen außen vor. Wie in „Der Exorzist“ oder „Das Omen“ ist die Polizei mit der Akzeptanz übernatürlichen Wirkens überfordert. Inspektor Glatz begreift erst sehr spät und dann nur ansatzweise, was in dem alten Backsteinhaus vorgeht, in dem Allison ihrem Schicksal begegnet. Bis es soweit ist, spult er sein erlerntes Ermittlungsprogramm ab und setzt seine Privatfehde mit Michael Farmer fort. Irgendwann gibt er auf; diesen Fall wird er nicht lösen, weil er rational nicht zu lösen ist. Die Wahrheit, auf die Glatz keinen Zugriff hat, wird im Kirchenarchiv verschwinden.

Der furchtbare Weg der Erkenntnis

Während Glatz zwar unzufrieden aber wenigstens unbeschadet zurückbleibt, bezahlen Allison und Michael den hohen Preis für ein Wissen, das sie notgedrungen überfordert. Vor allem Allison hat nie eine Chance. Warum dies so ist, wird von Konvitz geschickt entwickelt; es wäre verlockend aber ungerecht gegen den Leser, das an dieser Stelle im Detail aufzulösen. Klar wird wiederum: Die Schlichen der Kirche sind mindestens ebenso ausgeklügelt wie die des Teufels.

Allison ist als Fotomodell der Inbegriff mondänen Chics und schon deshalb kaum als Wächterin am Höllenportal verdächtig. Genau dies ist der Eindruck, den Konvitz erwecken will. Der Schockeffekt tritt im „urban horror“ gern gedoppelt auf: Erst wird dem Leser die schockierende Wahrheit enthüllt, dann gehen die ahnungslosen Figuren auf eine Höllenfahrt.

Michael ist die Verkörperung der Ratio. Während Allison schon die Linie überquert hat, bleibt er unerbittlich vernünftig: Kein Beweis, kein Teufel! Wie wir Leser erst spät (und erneut klug von Konvitz eingefädelt) erfahren, hat er seine Gründe, an die Macht des Beweises zu glauben. Wie ein Detektiv geht Michael das Problem an, hält als kluger Mensch aber gleichzeitig DIE grundsätzliche Erklärung für Allisons Verhalten parat: Der Schrecken ist eingebildet und entspringt einem wohl kranken Hirn. Hier spricht die Wissenschaft, die den Teufel und andere Kreaturen des Jenseits´ ins Reich des Aberglaubens verbannt hat. „Allisons Haus“ ist damit Wasser auf die Mühlen derer, die daran seit jeher gezweifelt haben. Für alle anderen Leser bleibt eine in ihren zeitgenössischen Details leicht angestaubte aber immer noch spannende Geschichte mit konsequent düsterem Finale. (1979 folgte eine – aufgrund des Erfolgs vermutlich unvermeidbare – Fortsetzung: „The Guardian“.)

„The Sentinel“ – der Film zum Buch

Der große Erfolg des Buches ließ Hollywood zugreifen, zumal sich inhaltlich ähnliche Filme wie „Rosemary’s Baby“, „Der Exorzist“ oder „Das Omen“ als ungemein erfolgreich, sprich profitträchtig erwiesen hatten. Jeffrey Konvitz selbst schrieb das Drehbuch zum „Sentinel“-Film, der 1977 unter der Regie von Michael Winner entstand.

Dieser in Deutschland „Hexensabbat“ betitelte Streifen gehört zu den Kuriosa der Filmgeschichte. Winner ist ein Regisseur mit erstaunlichen handwerklichen Fähigkeiten. Vor allem in den 1970er und frühen 80er Jahre war im Zuge der (kurzen) Liberalisierung, die im US-Film unter der Bezeichnung „New Hollywood“ subsummiert wird, der Einsatz krasser Effekte auch im ´richtigen´ Kino möglich. Es entstanden Filme, die nur wenige Jahre später so keineswegs mehr möglich gewesen wären bzw. ins B-Movie-Getto abgedrängt wurden.

„The Sentinel“ gehört zu den seltsamen Grenzgängern dieser interessanten Phase. Der Film ist sorgfältig mit allen Mitteln, über die Hollywood verfügt, in Szene gesetzt. Die Liste der Darsteller liest sich wie ein „Who’s Who“ der Filmhistorie: John Carradine, Ava Gardner, Eli Wallach, Christopher Walken, Burgess Meredith, Martin Balsam, Beverly D’Angelo, José Ferrer, Arthur Kennedy …Die Liste ist keineswegs vollständig! Gleichzeitig setzt Winner Gewalt und Sex mit einer Wucht ein, die man in einem Film mit dieser Besetzung nie vermuten würde. Berüchtigt ist u. a. seine Entscheidung, die lebenden Toten, die aus dem Höllenportal stürmen, durch körperlich tatsächlich behinderte und entstellte Menschen mimen zu lassen. Es entstand ein Film, der zwar sein Alter nicht verleugnen kann, aber ob seiner gleichzeitig gelackten und ´schmutzigen´, unter die Oberfläche (und Haut) dringenden Machart und der daraus resultierenden Wirkung noch heute Unbehagen einflößt.

Ihre Meinung zu »Jeffrey Konvitz: Tor zur Hölle«

Ihr Kommentar zu Tor zur Hölle

Hinweis:Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen.Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre.Werbung ist nicht gestattet.Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.