8 Tage

Serien-Kritik von Marcel Scharrenbroich / Titel-Motiv: © ZDF/Stephan Rabold

Es endet mit einem KNALL!

Was wäre, wenn…

…in absehbarer Zeit die Welt untergehen würde? Sagen wir in… 8 Tagen? Pi mal Daumen? Würden wir die knapp bemessene Zeit mit unseren Liebsten verbringen? Alte Kriegsbeile begraben? Uns mit entfremdeten Verwandten oder Freunden aussprechen? Hemmungslos über die Stränge schlagen? Oder gar resignieren und den Kopf in den Sand stecken? Gar nicht so leicht, sich solch ein Szenario vorzustellen. Und wahrscheinlich würden wir doch komplett anders handeln, als wir es uns zurechtgelegt hätten. Eines sollte nach dem ersten Schock aber einsetzen: Der Überlebenswillen. So lange noch eine gewisse Möglichkeit besteht, der drohenden Apokalypse doch noch irgendwie zu entkommen, würden bestimmt viele von uns ALLES tun, um geliebte Menschen zu retten. So auch Uli Steiner, Ehemann und Vater von zwei Kindern.

Anarchy in Germany

Seit Bekanntwerden, dass sich ein gigantischer Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde befindet, wurde vielerorts schon gehandelt. Mal mehr, mal weniger. Während die USA mit Raketenkraft versuchten „Horus“ aus seiner Flugbahn zu pusten, vertrauten die meisten Menschen auf das Gelingen der Großmacht. Dumm nur, dass dies nicht gelang und der Brocken noch immer in Frankreich aufschlagen soll. Nun ist guter Rat teuer und viele hätten sich gewünscht, schon vorher einen Plan B gehabt zu haben, denn die Folgen für den Großteil Europas wären fatal.

Der selbstständige Bauunternehmer Klaus Frankenberg (Devid Striesow) gehört zu denen, die sich nicht auf Regierung und internationale Hilfe verlassen wollen. Eigenhändig hat er seinen Keller ausgebaut und zum voll funktionsfähigen Bunker umfunktioniert. Dort will er sich mit seiner Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) verschanzen. Der aufmüpfige Teenager möchte aber nicht nach Papas strenger Pfeife tanzen und verbringt die letzten Tage lieber mit Party, Suff, Drogen und bei hemmungslosen Orgien mit dem schwerkranken Ben (Thomas Prenn), der sich auf egoistische Weise besser fühlt, wenn halb Europa mit ihm das Zeitliche segnet. Klar, dass dem tyrannischen Klaus dieses Verhalten gegen den Strich geht. Immer besessener, baut er sich seine eigene kleine Armee auf. Fest entschlossen, eine neue Zivilisation aufzubauen, nachdem der Staub sich gelegt hat, schrecken er und seine tumben Untertanen, die sich überheblich „Die Überlebenden“ nennen, auch vor Waffengewalt nicht zurück.

Uli Steiner (Mark Waschke) hat währenddessen einen Deal mit ausländischen Schleusern abgeschlossen, die ihn, seine Frau Susanne (Christiane Paul) und die beiden Kinder Leonie (Lena Klenke) und Jonas (Claude Heinrich) über Polen ins vermeintlich sichere Russland bringen sollen. Ein Zwischenstopp gerät allerdings völlig aus dem Ruder. Alle Pläne werden überworfen und die Familie wird getrennt. Während Uli und Sohn Jonas es schaffen, auf einen Güterzug Richtung Sicherheit aufzuspringen, bleiben Susanne und Leonie zurück. Notgedrungen kehren sie um nach Berlin. Getröstet wird Susanne von dem Polizisten Deniz (Murathan Muslu), dem scheinbar einzigen Ordnungshüter, der noch pflichtbewusst ist und nicht die Dienstwaffe vorzeitig an den Nagel gehängt hat. Als Leonie ihre Mutter und Deniz In flagranti erwischt, reißt sie - verständnislos und schwer enttäuscht - kurzerhand aus.

Mit ihrer besten Freundin Nora besucht sie eine Weltuntergangs-Party, ist dabei allerdings deutlich disziplinierter als die Tochter des Bauunternehmers. Diese verlässt sie jedoch frühzeitig wieder und streift durch die fast ausgestorbenen Straßen. Ihr Weg führt sie in eine Kirche, wo sich zahlreiche Menschen versammelt haben. Dort trifft sie erstmals auf den charismatischen Robin (David Schütter), einem ehemaligen Straftäter, der vom Pfarrer der Gemeinde unter seine Fittiche genommen wurde und nun den Weg zu Gott gefunden hat. Nach Strohhalmen greifend, wird Robin schon bald von den „Gläubigen“ - vornehmlich Crack-Junkies - zum neuen Messias hochstilisiert. Angeblich spricht „Horus“ zu ihm… und auch Leonie kann sich seiner geheimnisvollen Aura nur schwer entziehen.

Susannes Bruder Herrmann Meissner (Fabian Hinrichs) sieht die ganze Situation noch einigermaßen entspannt. Als zumindest halb-prominenter Politiker hat er gewisse Kontakte und konnte für sich und seine hochschwangere Lebensgefährtin Marion (Nora Waldstätten) Flugtickets in die rettenden USA organisieren. Doch auch hier verläuft nicht alles nach Plan. Da er und Marion nicht verheiratet sind, wird ihr das Weiterreisen verwehrt. Dann sickern Informationen durch, dass ein Überleben innerhalb Deutschlands doch möglich wäre. Zu diesem Zweck wurden unterirdische Bunker-Anlagen gebaut, die in ihrer Größe schon fast kleinen Städten gleichen. Per Losverfahren werden die überschaubaren Glücklichen ausgewählt. Ein Verfahren, das bei den Bürgern folglich nicht besonders großen Anklang findet, muss der Großteil doch vor verschlossenen Toren bleiben und dem sicheren Tod ins Auge blicken. Doch Herrmann ist mit allen Wassern gewaschen und steht seinen korrupten Vorgesetzten, die sich ihr Plätzchen im Trockenen bereits gesichert haben, in nichts nach. Die Zeit wird knapp… und noch ist NIEMAND wirklich in Sicherheit vor „Horus“.

Abgang mit Stil?

Wohl eher nicht…, denn die Menschheit tut das, was man von ihr erwartet: Durchdrehen! Was wir uns bei der Erstausstrahlung von „8 Tage“, als die Serie im März 2019 ihre Premiere auf dem Pay-TV-Sender Sky Deutschland feierte, nicht hätten vorstellen können, hat uns nun, Mitte 2020, schon fast eingeholt. COVID-19 und die Folgen haben uns fest im Griff… und dabei lässt sich schwer abwägen, was für mehr Unbehagen sorgt: Die Sorge an dem Virus zu erkranken, oder das Verhalten eines nicht geringen Anteils der Menschheit. Freie Meinung, schon klar… doch wenn von Zwangsimpfungen und Welt-Verschwörungen geschwafelt wird, während blind selbsternannten Experten von der Internet-Uni gefolgt wird, die ihre wirren Theorien und halben Halb-Wahrheiten in die Welt posaunen, und damit erschreckenderweise NICHT nur auf taube Ohren stoßen, wirft das die Evolution gefühlt um Jahrhunderte zurück. Zweite Welle, Maskenpflicht, R-Wert, Superspreader, Quarantäne und Wirtschaftschaos sind die Schlagwörter der Stunde. Man kann die Schuld Bill Gates, Bugs Bunny oder dem lieben Gott in die Schuhe schieben, das sei jedem Menschen selbst überlassen, was jedoch nichts an der aktuellen Situation ändert, die uns alle gleichermaßen betrifft.

Die Handlung von „8 Tage“ ist fiktiv, logischerweise, was jedoch nicht fiktiv ist, ist die Art und Weise, wie die Charaktere reagieren und agieren. Dramaturgisch auf die Spitze getrieben und manchmal drüber, ebenfalls klar, doch näher an den Tatsachen, als man es noch vor einem Jahr geglaubt hätte. Da kann man auch ausblenden, dass viele Figuren schablonenhaft dargestellt werden und charakterliche Entwicklungen auf der Strecke bleiben.

Es wird geplündert, ohne Sinn und Verstand gegen Verordnungen verstoßen, ausgelassen gefeiert, sich verschanzt, demonstriert, protestiert, Feindbilder werden gesucht, Ängste wachsen, das System kollabiert und Kleinigkeiten entwickeln sich rasend schnell zu brutalen Auseinandersetzungen, die nicht selten gegen Ordnungskräfte und Helfer gehen. Fiktion? Ha… schön wär’s!

Rollentausch

Geschrieben von Peter Kocyla, Rafael Parente und Benjamin Seiler, wurde „8 Tage“ unter der Regie des Österreichers Stefan Ruzowitzky („Anatomie“, „Anatomie 2“, der Oscar-prämierte „Die Fälscher“, „Patient Zero“) und des Schweizers Michael Krummenacher („Heimatland“, „Preis der Freiheit“) mit hochkarätigen Darstellern besetzt. Viele sind bekannt aus Film und TV und ebenso bekannt für ihre wandelbaren Auftritte.

So war Mark Wasche im NETFLIX-Hit „Dark“ noch als diabolischer Noah zu sehen, während er nun mit aller (und letzter) Kraft versucht, seine Familie zu beschützen. Erst Ende Juni 2020 startete das Film Noir-Drama „Der Geburtstag“ von Regisseur und Drehbuchautor Carlos Andrés Morelli in den Kinos und im „Tatort“ ist Mark Waschke ebenfalls Dauergast. Mal im Münster-„Tatort“ mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers, dann bei den Kölner-Kollegen Ballauf und Schenk, bis hin zu den Hamburger-Nick Tschiller-Ablegern mit Til Schweiger und Fahri Yardim. Seit 2015 ist Waschke als Kriminalhauptkommissar Robert Karow an der Seite von Meret Becker im „Tatort“ aus der Hauptstadt zu sehen.

Die Berlinerin Christiane Paul startete ihre Karriere bereits 1992, im Alter von gerade mal 17 Jahren, als sie als Filmtochter des kürzlich verstorbenen Tilo Prückner in „Deutschfieber“ zu sehen war. 5 Jahre später spielte sie an der Seite von Jürgen Vogel und einem erstklassigen Ensemble im episodenhaften Spielfilm „Das Leben ist eine Baustelle“, bevor sie im Jahr 2000 in Fatih Akins Roadmovie-Romanze „Im Juli“ Moritz Bleibtreu den Kopf verdrehen wollte. Christiane Paul war außerdem im Kino-Erfolg „Die Welle“ zu sehen, der auf einem bekannten Sozialexperiment und dem daraus entstandenen Buch von Morton Rhue basiert, der Kinderfilm-Reihe „Die Vampirschwestern“, dem TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, in dem auch Mark Waschke mitspielte, und Christian Alvarts Action-Thriller „Steig. Nicht. Aus!“, einem Remake des spanischen Films „El desconocido“.

Wer Devid Striesow noch als Hape Kerkeling aus dessen Bestseller-Verfilmung „Ich bin da mal weg“ kennt, sollte sich schnell von diesem sympathischen Bild verabschieden. Sein Klaus Frankenberg ist ein übergeschnappter und schießwütiger Despot par excellence, der den Wahnsinn schon im durchdringenden Blick hat. Ein Charakter, den man von der ersten Sekunde wirklich nur hassen kann. In fast allen bekannten TV-Krimis und zahlreichen Fernsehfilmen zu sehen, gehörte Striesow auch zum Cast von Ruzowitkys „Die Fälscher“, wo er an der Seite von Karl Markovics, August Diehl, Martin Brambach und Tilo Prückner agierte. In der fiktiven Musiker-Biographie „Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“, erfunden von der Künstlergruppe Studio Braun und bestehend aus Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, mimte Striesow hingegen einen Musik-Produzenten. Aktuell ist Devid Striesow in der Joyn Plus-Serie „Dignity“ zu sehen. Eine deutsch-chilenische Ko-Produktion, die sich um die christliche Sekte Colonia Dignidad dreht.

Einzig die sonst immer sehenswerte Nora Waldstätten bleibt (wortwörtlich) erschreckend blass. Als dauerweinende und Tabletten in sich reinschaufelnde „Frau von“ gibt ihre Rolle leider nicht viel mehr her. Hier hätte ich mir eine größere Entwicklung gewünscht, die lediglich generell nur wenige der Figuren durchmachen. Die Österreicherin, die zusammen mit Christiane Paul auch im TV-Mehrteiler „Das Adlon. Eine Familiensaga“ zu sehen war, ist seit 2014 Hauptdarstellerin in der Krimi-Reihe „Die Toten vom Bodensee“ und bekleidet zudem eine wiederkehrende Rolle als Kommissarin in der Eberhofer-Reihe, basierend auf den Romanen von Rita Falk. In der Bestseller-Verfilmung „Die dunkle Seite des Mondes“ war Nora Waldstätten 2015 an der Seite von Moritz Bleibtreu und Jürgen Prochnow zu sehen. Außerdem wirkte sie in den internationalen Produktionen „Die purpurnen Flüsse“, der zweiten Staffel von „The Team“ und der HBO-Serie „The New Pope“ mit Jude Law mit.

Fazit:

„8 Tage“, 8 Folgen. Zu sehen ist die Serie aufgrund der Altersfreigabe (ohne Verifizierung) zwischen 22:00 und 06:00 Uhr in der Früh in der ZDF-Mediathek. Ein gelungener Genre-Beitrag, zwischen Familien-Drama und Katastrophen-Thriller, der mitten in den Vorbereitungen auf die nahende Apokalypse beginnt und - stellvertretend für die Masse - einer Gruppe von Menschen folgt, die dem Unvermeidlichen mit aller Kraft entfliehen wollen. Eindringlich vom gesamten Ensemble gespielt, ist manch menschlicher Abgrund realer als uns lieb sein kann. Auch, wenn man über das Apokalypse-Setting, das ausschließlich aus verwaisten Einkaufswagen, umgekippten Autos und überquellenden Abfalleimern zu bestehen scheint, großzügig hinwegsehen muss.

Sci-Fi & Mystery
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