TV-Serie:
Dark

Serien-Spezial von Marcel Scharrenbroich / Titel-Motiv: © Netflix

Jetzt wird’s „DUNKEL“

Direkt zu Beginn der ersten Folge macht „Dark“ EINE Sache komplett richtig: Entgegen vieler anderer Serien, die sich erstmal den Charakteren widmen und darauf bedacht sind, diese peu à peu vorzustellen, haut man hier einen Klopper raus, den andere Produktionen als WTF?-Cliffhanger ans Ende einer Staffel packen würden. Alles beginnt mit dem Suizid von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph). Dieser hinterlässt einen Brief, der nicht vor dem 4. November um 22:13 Uhr geöffnet werden darf. Das heutige Datum: der 21. Juni 2019. BAM… und jetzt kommen Sie! Also mir hat es da direkt einen eingeschädelt und obwohl ich - außer den vom Dachbalken baumelnden Michael - noch keine der Figuren kennengelernt hatte, wollte ich unbedingt wissen, was es mit diesem mysteriösen Abschiedsbrief auf sich hat und WARUM ZUR HÖLLE er nicht vor diesem speziellen Datum (und der noch spezielleren Uhrzeit) gelesen werden durfte. 1:0 für „Dark“.

Dies war aber nur der Anfang einer unheimlich atmosphärischen Geschichte, deren enorme Komplexität sich erst Stück für Stück offenbaren sollte. Wir haben es hier mit einer großen Menge an Charakteren zu tun, da mache ich Ihnen nichts vor. Gleich vier Familien stehen im Fokus. Doch lassen Sie sich davon keinesfalls abschrecken, denn obwohl es im Oberstübchen für Serien-Junkies ungewohnt oft rattern wird, sind die Zusammenhänge logisch aufgebaut und obwohl wir es mit verschiedenen Zeitebenen (insgesamt drei… allein in der ersten Staffel) zu tun bekommen werden und die Figuren teilweise als jüngeres und älteres Ich agieren, sind diese immer als Person X oder Y zu erkennen. Dies ist nicht nur dem genialen Drehbuch und zeitübergreifenden Bild-in-Bild-Ausschnitten zu verdanken, sondern liegt auch am herausragenden Casting der Darsteller, auf das ich später noch genauer eingehen werde.

Gut, wir haben also vier Familien, um die sich die Haupthandlung dreht: Die Kahnwalds, die Dopplers, die Nielsens und die Tiedemanns. Versuchen wir mal, möglichst soft in das komplexe Familiengeflecht einzutauchen und ein paar erklärende Verbindungen herzustellen:

Jonas Kahnwald (Louis Hofmann), Sohn des von der Decke bommelnden Michael, kehrt nach dessen Suizid erst nach mehreren Monaten wieder in seine (fiktive) Heimatstadt Winden zurück. Am Morgen des 4. November 2019 (wir erinnern uns: der Abschiedsbrief) besucht er nach einem Psychiatrie-Aufenthalt erstmals wieder die Schule. Eigentlich hat Jonas ein Auge auf seine Mitschülerin Martha Nielsen (Lisa Vicari) geworfen, muss aber feststellen, dass diese inzwischen mit seinem besten Freund Bartosz Tiedemann (Paul Lux), der Jonas‘ Psychiatrie-Besuch bei den Mitschülern mit einem Frankreich-Aufenthalt entschuldigt hat, liiert ist. Bartosz‘ Mutter Regina (Deborah Kaufmann) führt das „Waldhotel Winden“ und bekam erst kürzlich die Diagnose Brustkrebs, während sein Vater Aleksander (Peter Benedict) Leiter des örtlichen Kernkraftwerks ist.

Zeitgleich ist ganz Winden in heller Aufregung, da der Schüler Erik Obendorf (Paul Radom), Sohn von Ulla (Jennipher Antoni) und Jürgen Obendorf (Tom Jahn), seit einigen Tagen vermisst wird. Marthas Vater Ulrich Nielsen (Oliver Masucci), der seine Frau Katharina (Jördis Triebel) mit Jonas‘ Mutter Hannah Kahnwald (Maja Schöne) betrügt, untersucht das Verschwinden des Jungen gemeinsam mit seiner Kollegin Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn). Da den Schülern bekannt ist, dass Erik zusammen mit seinem Vater Drogen vertickt, machen sich Jonas, Bartosz, Martha und ihre beiden Brüder Magnus (Moritz Jahn) und Mikkel (Daan Lennard Liebrenz) am Abend auf, um im angrenzenden Wald nach dessen Drogen-Vorräten zu suchen.

Angekommen in den Wäldern, stoßen die Jugendlichen auf die „Windener Höhlen“, ein unerschlossenes, weit verzweigtes Höhlensystem, das weit unter die Stadt reicht. Als laute, bedrohliche Geräusche aus dem Eingang schallen und die Taschenlampen der Gruppe plötzlich ihren Dienst versagen, ergreifen sie die Flucht durch den Wald. Während des hektischen Aufbrechens geht der kleine Mikkel verloren.

Sofort wird eine Suchaktion nach dem Jungen gestartet, die sein Vater Ulrich zusammen mit seiner Partnerin Charlotte anführt. Die Suche nach Mikkel bleibt zunächst erfolglos, doch dafür stoßen die Polizisten in Höhlennähe auf die Leiche eines bis dato unbekannten Jungen, was Ulrich an das mysteriöse Verschwinden seines eigenen Bruders Mads, im Jahr 1986, erinnert. Die Leiche weist merkwürdige Verbrennungen im Gesicht auf und scheint anhand ihrer Kleidung aus den 80er-Jahren zu stammen, was jedoch unmöglich sein kann, da Untersuchungen ergeben, dass er erst kürzlich verstarb. Vorerst soll dieser unerklärliche Fund geheim gehalten werden, um die eh schon angespannte Stimmung unter der Windener Bevölkerung nicht noch mehr zu belasten. Währenddessen taucht ein neues Gesicht in Winden auf. Ein seltsamer und ungepflegt wirkender Fremder (Andreas Pietschmann) mietet sich im „Waldhotel Winden“ ein.

Die unerklärlichen Phänomene in der Stadt häufen sich und Vögel fallen tot vom Himmel. Ulrich Nielsen gräbt weiter und erforscht die „Windener Höhlen“. In den labyrinthartigen Gängen stößt er auf eine Verbindungstür zum nahegelegenen Kernkraftwerk, während an anderer Stelle sein vermisster Sohn Mikkel aus der Höhle tritt. Dieser macht sich sofort auf den Weg zum Haus seiner Eltern, findet sich jedoch in einer vollkommen ungewohnten Umgebung wieder. Ein Blick auf die Tageszeitung schafft Klarheit: Mikkel befindet sich im Jahr 1986!

Eines ist an dieser Stelle klar: Die Höhle birgt ein Portal, mit welchem man 33 Jahre durch die Zeit reisen kann. Unklar sind hingegen noch die folgenden Punkte: Schafft es Mikkel, wieder in seine Zeit zu gelangen? Was steht in dem mysteriösen Abschiedsbrief von Michael Kahnwald? Woher stammt die Leiche mit den seltsamen Verbrennungen? Welche Rolle spielt das bedrohlich wirkende Windener Kernkraftwerk? Was plant der „Fremde“, der sich im Hotel eingenistet hat und anscheinend tief mit der jahrzehnteumspannenden Geschichte von Winden verwurzelt scheint? Wer ist der düstere Pfarrer, der sich als „Noah“ (Mark Waschke) ausgibt und Bartosz Tiedemann auf dem Handy des verschwundenen Erik Obendorf anruft, dass dieser vor den „Windener Höhlen“ gefunden hat, als Mikkel verschwand?

Ich werde den Teufel tun und keine weitere Details verraten, da ich Sie sonst um eine der genialsten TV-Erfahrungen bringen würde, die bisher in Deutschland produziert wurden. Neben den Jahren 2019 und 1986 wird die Handlung nämlich noch um eine Zeitebene erweitert, was erneut dem 33-Jahre-Rhythmus entspricht und die Ursprünge im Jahr 1953 offenbart. Schon dort häuften sich unerklärliche Vorkommnisse und die komplexen Familiengeschichten ziehen sich über die Jahrzehnte. Meine kurze Übersicht zur Geschichte von „Dark“ kratzt nur an der Oberfläche und Sie können sich sicher sein, dass allein die erste Staffel, die aus 10 Episoden besteht, Ihnen mit ihren waghalsigen Story-Twists die Schuhe gleich mehrfach aus- und wieder anziehen wird.

Eines kann ich noch verraten: Alles ist miteinander verbunden.

Düsterer Lichtblick

„Dark“ macht es seinem Zuschauer nicht einfach und verlangt ihm einiges ab. Ganz unabdingbar ist dabei die volle Konzentration. „Dark“ ist definitiv keine Serie, die man mal nebenbei schaut… oder zum Runterkommen nach einem anstrengenden Tag. Hier hat jeder Satz, jedes Wort Gewicht. Nichts wirkt konstruiert und ebenso wenig werden Antworten auf dem Silbertablett serviert. In Zeiten, wo selbst die plattesten Komödien ihre peinlichsten Gags für den vermeintlich dämlichen Zuschauer sezieren und bis zur kompletten Unlustigkeit auf einem kläglichen Pointen-Versuch herumreiten, dass man fast ein „Best of Fips Asmussen“-Witzebuch mit den überflüssigen Vokabeln vollkotzen könnte, stellt diese Serie eine große Ausnahme dar. Wo andere Highlight-Serien wie „Game of Thrones“ auf Bombast und das große Rätselraten um den nächsten, überraschenden Gang über den Jordan setzen, „Stranger Things“ auf der Mystery-/Nostalgie-Welle surft, die eindeutig in Entertainment-Gewässern unterwegs ist und „The Walking Dead“ bereits seit mehreren Staffeln näher am Scheintod ist, als seine herumschlurfenden, untoten Gerippe, appelliert „Dark“ an die Intelligenz der Zuschauerinnen und Zuschauer. Dass wir nicht so bescheuert sind, wie seicht-berieselnde Hollywood-Produktionen uns gerne glauben lassen möchten, beweist ausgerechnet ein deutsches Serienformat!

Und der Erfolg gibt den Machern Jantje Friese und Baran bo Odar Recht. Die beiden Showrunner hinterließen mit ihrem Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ aus dem Jahr 2014, welcher ein hervorragendes Beispiel dafür ist, dass deutsche Filmemacher deutlich mehr als „DDR“ und „Zweiter Weltkrieg“ können, einen bleibenden Eindruck beim erfolgreichen Streamingdienst NETFLIX und man wollte unbedingt mit dem kreativen Duo zusammenarbeiten. Angedacht war eigentlich eine Serie zum überraschenden Kino-Hit, doch Jantje Friese (Drehbuchautorin von „Who Am I“) und Baran bo Odar (Drehbuch und Regie) wollten sich lieber einem neuen Stoff widmen. Die Grundidee zu „Dark“ lag bereits seit einigen Jahren in der Schublade und NETFLIX hat angebissen… zum Glück! Vom ersten Konzept bis zur fertigen ersten Staffel verging zwar einige Zeit und das ursprüngliche „Dark“ vermischte sich während der Entwicklungsphase mit weiteren Ideen der Filmemacher, doch das Endergebnis spricht für sich:

Das Vertrauen, das NETFLIX in die Hände der Schreiber legte, zahlte sich aus und „Dark“ schlug weltweit mit einem großen Knall ein. Obwohl (oder gerade weil?) vieles in „Dark“ als typisch deutsch erscheinen mag - das Unbehagen gegenüber der Atomkraft (speziell in Anbetracht der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986), graues und tristes Regenwetter, eine idyllisch-ländliche Kleinstadt, umgeben von Wäldern – fand besonders das internationale Publikum enormen Gefallen an der heimischen Produktion. Zahlreiche Zuschauer aus dem Ausland berichteten, dass sie sich die Serie (trotz Synchronisation in die jeweilige Sprache!) lieber im deutschen Originalton anschauten und auf Untertitel zurückgriffen, da sie so noch mehr Authentizität verspürten. Dies ist vor allem dem durchdachten Drehbuch und dem intensiven Schauspiel des genialem Darsteller-Ensembles zu verdanken. Ein größeres Kompliment könnte man allen Beteiligten wohl kaum machen.

Jantje Friese und Baran bo Odar stammen beide ebenfalls aus Kleinstädten und wuchsen während der Atomkraft-Paranoia auf, was sie auch in die Geschichte miteinfließen ließen. Generell beruhen viele der kleinen Puzzlestücke in „Dark“ auf autobiographischen Erlebnissen, was dem Ganzen eine sehr persönliche Note verleiht. Inspiration bezogen die Drehbuchautoren beim wegweisenden Popkultur-Phänomen „Twin Peaks“, mit dem David Lynch und Mark Frost Anfang der 90er-Jahre die Sehgewohnheiten der TV-Zuschauer über Nacht und nachhaltig veränderten. Auch die Bestseller von Horror-König Stephen King spielten eine prägende Rolle, da dieser den Kleinstadt-Grusel mit der trügerischen Heile-Welt-Fassade praktisch etablierte. Einen Vorwurf, den „Dark“ sich bei seiner Premiere immer wieder anhören musste, war, dass viele in der Serie ein deutsches „Stranger Things“ sahen… oder zu sehen glaubten. Dieser Vergleich hinkt aber gleich auf mehreren Ebenen, da „Dark“ sich bereits in Produktion befand, als der erste Trailer zu „Stranger Things“ veröffentlicht wurde. Zum anderen gehen beide Serien inhaltlich so weit auseinander, wie ein Spielberg-Blockbuster von einer surrealistischen David Lynch-Phantasmagorie… oder meinetwegen auch einem verstörender Brocken von David Cronenberg. Nur weil in beiden Trailern Kids mit Taschenlampen durch einen Wald laufen, sollte man nicht versuchen, eine Verbindung herzustellen, wo keine ist… und nie sein wird. Besonders nicht, wenn man die ersten zehn Folgen von „Dark“ erlebt hat.

Charakterstark

Eine gute Serie steht und fällt mit ihren Darstellern. Können Filme, oder im speziellen irgendwelche Krach-Bumm-Blockbuster, ein schwaches Skript und semi-begabte Darsteller, die nur ihr Zahnpasta-Lächeln und die gebotoxte Stirn in die Kamera halten, noch durch wilde Kamerafahrten, scheppernde CGI-Effekte, die im Sekundentakt in 3D ins Fressbrett knallen und einem Schnitt-Stakkato, dass dem armen Cutter im Schneideraum die Pfoten bluten, kaschieren, wird es bei mehrteiligen TV-Formaten schon schwieriger. Hier ist das Erlebnis „Kino“, nach dem man mit dröhnenden Ohren und verdrehten Augäpfeln Richtung Ausgang krabbelt, nicht nach zwei reizüberflutenden Stunden vorbei. Ganz im Gegenteil. Im Idealfall sollten über mehrere Folgen Spannung und Atmosphäre konstant oben gehalten werden.

Dass wir im Fall von „Dark“ mit Jantje Friese und Baran bo Odar zwei großartige Ideengeber haben wissen wir schon. In packende Drehbücher wurden diese - neben Jantje Friese – von den talentierten Autoren Ronny Schalk, Marc O. Seng, Martin Behnke und Daphne Ferraro gepackt. Sie sorgen dafür, dass trotz der hohen Anzahl an Charakteren und der immer komplexer werdenden Handlung niemals der Faden verloren geht, was bei einem derart verstrickten Inhalt schon eine mehr als nur beachtliche Leistung ist. Leerlauf kommt sowieso nie auf, da jeder Handlungsstrang wichtiger Teil des Ganzen ist (oder noch wird).

Mit der 2003 gegründeten Filmproduktionsfirma Wiedemann & Berg, deren Geschäftsführer Max Wiedemann und Quirin Berg mit ihrer ersten Kino-Produktion „Das Leben der Anderen“ im Jahr 2006 gleich den Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film abräumten, hat man zudem ein erfahrenes Produzenten-Team im Rücken, das neben TV-Reihen („Tatort“, „Marie fängt Feuer“) und -serien („4 Blocks“, „Add a Friend“, „Der Pass“) auch immer wieder erfolgreich Kino-Produktionen („Friendship!“, „Männerherzen“, „Who Am I“, „Unfriend“, „Willkommen bei den Hartmanns“, „Werk ohne Autor“) in den Lichtspielhäusern platzieren kann.

Nachdem wir nun wissen, wer im Hintergrund die „dunklen“ Fäden zieht, schauen wir mal VOR die Kamera. Hier jemanden als leuchtendes Beispiel hervorzuheben, würde allen weiteren Darstellern - egal ob aus der ersten oder zweiten Reihe – nicht gerecht werden. Zu gut sind die Einzelleistungen, sowie auch die Charakter-Chemie untereinander:

Den Anfang macht der 22-jährige Louis Hofmann, der als Jonas Kahnwald händeringend versucht, die Zeit wieder in die (für ihn) richtigen Bahnen zu lenken, aber immer tiefer in das verstörende Geflecht gezogen wird, das kein Richtig oder Falsch zu kennen scheint. Nach Auftritten in diversen TV-Serien, kam der Durchbruch für den jungen Schauspieler 2011, als er die Titelrolle im gleichnamigen „Tom Sayer“ spielte. Ein Jahr später folgte eine Fortsetzung mit dem Titel „Die Abenteuer des Huck Finn“. Nach der Kiffer-Komödie „Lommbock“ (2017) - Fortsetzung von „Lammbock“ (2001) - hatte er sogar einen kurzen Auftritt im Jennifer Lawrence-Action-Thriller „Red Sparrow“ (2018) und war in der zweiten Staffel der Schweighöfer-Serie „You Are Wanted“ (2018) zu sehen.

In der Rolle des Polizisten Ulrich Nielsen ist der Stuttgarter Schauspieler Oliver Masucci zu sehen, der alles daran setzt, seinen verschwundenen Sohn Mikkel wiederzufinden. Seit 1992 im Filmgeschäft, spielte Masucci 2002 im Kurzfilm „Die rote Jacke“ von Florian Baxmeyer mit, der im Folgejahr mit dem Studenten-Oscar ausgezeichnet wurde. Für großes Aufsehen sorgte er 2015, als er die Hauptrolle in der Verfilmung von Timur Vermes‘ Bestseller „Er ist wieder da“ übernahm. Oliver Masucci schlüpfte hier unter den schmierigen Scheitel von niemand Geringerem als Adolf Hitler. In dokumentarischen Abschnitten hielt die Mediansatire grölenden Patrioten den Spiegel vor, was dem Film von David Wnendt eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis, vier Nominierungen für den Deutschen Filmpreis (darunter auch Masucci als Bester Hauptdarsteller) und einen Bambi als Bester Film National bescherte. Sein Film „Herrliche Zeiten“ (2018) und das TV-Thriller-Drama „Der Auftrag“ (2019) sind ebenfalls sehr empfehlenswert und zeigen, wie wandelbar er als Schauspieler ist.

Die 1977 in Ost-Deutschland geborene Jördis Triebel startete ihre TV-Karriere ebenfalls mit Kurzfilmen und Fernseh-Produktionen. Zuvor war sie schon auf vielen Theaterbühnen zuhause. 2009 war sie in Sönke Wortmanns Roman-Adaption „Die Päpstin“ zu sehen, wo sie an der Seite von Johanna Wokalek spielte. Diese und weitere Rollen brachten Jördis Triebel gleich mehrere Nominierungen für Filmpreise ein. Neben „Dark“, wo sie als Katharina Nielsen die Ehefrau von Ulrich verkörpert, bekleidet sie auch Rollen in den preisgekrönten Serien „Babylon Berlin“, „Bad Banks“ und „Weissensee“. 2018 war Triebel zudem in gleich zwei Kino-Produktionen involviert. Im bewegenden DDR-Drama „Das schweigende Klassenzimmer“ und dem deutschen Roadmovie „25 km/h“, für das die beiden Hauptdarsteller Bjarne Mädel und Lars Eidinger mit Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnet wurden.

Lisa Vicari, in „Dark“ als Martha Nielsen, studiert neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin noch Medienwissenschaften in Potsdam. Ihr Leinwand-Debüt feierte die junge Darstellerin im Alter von 13 Jahren in der Verfilmung von Enid Blytons „Hanni & Nanni“ (2010). Im Folgejahr wechselte sie das Genre und brillierte an der Seite von Hannah Herzsprung und Lars Eidinger im viel beachteten Endzeit-Thriller „Hell“ des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum. Es folgten Auftritte in den Spielfilmen „Einer wie Bruno“ (2011) und „Einmal bitte alles“ (2017), sowie Hauptrollen in der Teenie-Komödie „Doktorspiele“ (2014), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jaromir Konecny, und dem Thriller „Luna“ (2017).

Nachdem die charismatische Deborah Kaufmann ihre Schauspielausbildung im Jahr 1990 beendet hatte, fuhr sie quasi dreigleisig und ist bis heute sowohl auf TV-Bildschirmen, Kinoleinwänden und Theaterbühnen unterwegs. 1995 spielte sie an der Seite von Harald Juhnke in der Literaturverfilmung „Der Trinker“ dessen Angebetete. Neben Fernsehfilmen und Gastspielen in zahlreichen Familien- und Krimi-Serien, zog es Deborah Kaufmann für einen Kurzbesuch in Detlev Bucks „Männerpension“ (1996), in die Roman-Verfilmung „Elementarteilchen“ (2006) und sie kam in den Genuss von „Sushi in Suhl“ (2012). In „Dark“ verkörpert sie Regina Tiedemann, Mutter von Jonas Kahnwalds bestem Freund Bartosz, die plötzlich mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wird.

In der Rolle von Jonas‘ Mutter Hannah Kahnwald tritt Maja Schöne in Erscheinung. Die Stuttgarterin begann am Schauspielhaus in Bochum, wo sie während ihrer Ausbildung auf der Bühne stand. Im Anschluss wechselte sie nach Hamburg ans Deutsche Schauspielhaus, wo sie in mehreren Literatur-Inszenierungen agierte. „Tatort“-Zuschauern dürfte Maja Schöne vor allem in der Rolle der Julia Bootz ein Begriff sein, wo sie zwischen 2008 und 2015 regelmäßig als Ehefrau des ermittelnden Kriminalhauptkommissars Sebastian Bootz, gespielt von Felix Klare, zu sehen war. Ebenso wie ihre „Dark“-Kollegin Jördis Triebel, spielte Schöne eine Rolle in der Thriller-Serie „Blochin“ mit Jürgen Vogel.

Über den mysteriösen „Fremden“, der plötzlich in Winden auftaucht, hülle ich aus Spoiler-Gründen den Mantel des Schweigens. Verraten kann ich jedoch, dass dieser vom Schauspieler Andreas Pietschmann verkörpert wird, der von A wie „Adelheid und ihre Mörder“ bis Z wie „Zwei Brüder“, aus dem TV-Dauerbrenner „Polizeiruf 110“, schon das komplette Fernseh-Alphabet mit seinen Auftritten beehrt hat. Auch Kinofilme sind ihm nicht fremd. Dazu gehören „Echte Kerle“ (1996), „Sonnenallee“ (1999), die Kicker-Komödie „FC Venus – Angriff ist die beste Verteidigung“ (2006) oder „Die geliebten Schwestern“ (2014) von Regisseur und Drehbuchautor Dominik Graf. Zudem spielt Andreas Pietschmann am Theater und liest Hörbücher ein.

Neben den näher vorgestellten Schauspielern besteht „Dark“ noch aus vielen weiteren nennenswerten Akteuren, was jedoch jeglichen Rahmen sprengen würde. Christian Pätzold, sein jüngeres Ich Sebastian Hülk, Karoline Eichhorn, Mark Waschke als mysteriöser Pfarrer „Noah“, Sylvester Groth, ein kaum wiederzuerkennender Dietrich Hollinderbäumer, Lea van Acken, ein überragender Winfried Glatzeder, der in Staffel 2 zum Cast stößt und betörende Antje Traue, die Superman schon in „Man of Steel“ (2013) das Leben schwer machte. Sie alle laufen zu Höchstform auf und machen „Dark“ zu dem, was es ist und als was es rund um den Globus gefeiert wird: einem Unikat.

„Dark“ Waves

Auch klangtechnisch trumpft „Dark“ ordentlich auf, was sich sowohl im Score als auch den Soundtrack-Stücken hören lässt. Stammen die atmosphärischen Instrumental-Stücke vom Komponisten Ben Frost, dessen düstere Klangteppiche wabernd die regnerische Szenerie um weitere Nuancen verdunkeln, sind bei der Song-Auswahl sowohl bekannte als auch gänzlich frische und unverbrauchte Titel zu hören. Eines haben aber alle Lieder gemeinsam: Sie passen perfekt in die jeweilige Szene, was deren Wirkung auf den Zuschauer jedes Mal aufs Neue verstärkt.

Schon die Titelmusik stimmt wohlig-schwermütig auf die Serie ein. „Goodbye“, wie der Track heißt, ist eine Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Electronica-Musiker Apparat - hinter dem sich Sascha Ring verbirgt – und der österreichischen Künstlerin Soap&Skin. Innerhalb der einzelnen Folgen gibt es Songs wie „You Spin Me Round (Like A Record)“ von Dead or Alive, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von NDW-Ikone Nena, Tears For Fears mit „Shout“, „The Look Of Love“ von ABC oder meine persönlichen, musikalischen Highlights „When I Was Done Dying“ von Dan Deacon und Teho Teardo & Blixa Bargeld mit „A Quiet Life“ zu hören.

Staffel 2 bläst dann stilistisch ins gleiche Horn und offeriert Tracks wie „Never Gonna Give You Up“ von Rick Astley, „Suspicious Minds“ von Mr. Elvis Presley himself, Belinda Carlisles „Heaven Is A Place On Earth“ und Peter Gabriel mit „My Body Is A Cage“.

Fortsetzung erfolgte, Abschluss folgt…

Am 21. Juni 2019 gingen bei NETFLIX alle acht Folgen der zweiten Staffel an den Start. Ohne Netz und doppelten Boden warf man die Zuschauer ins kalte Wasser und der Einstieg in die generationenübergreifende Welt von „Dark“ gestaltete sich für viele Fans ziemlich schwierig, was ich aus persönlicher Sicht nur bestätigen kann. Erfreulicherweise hat der Streamingdienst einige Einstiegshilfen bereitgestellt, die dabei helfen, die Erinnerungen an die erste Staffel noch mal aufzufrischen, bevor es erneut in die fiktive Kleinstadt Winden geht. Dies ist auch bitter nötig und im Idealfall schaut man sich auch mal die Familien-Stammbäume an, um zu sehen, wer wo (und vor allem WANN) mit wem in Verbindung steht. Das Internet stellt sich dabei als großer Segen heraus, denn zahlreiche Seiten widmen sich den Charakter-Konstellationen und fassen das bisher Geschehene sehr gut und verhältnismäßig übersichtlich und kompakt zusammen.

Hier werden die großen Überraschungen und Plot-Highlights von „Dark“ absichtlich nicht verraten, da dieser Artikel vor allem die Leser ansprechen und neugierig machen soll, die mit einer Sichtung der ersten Staffel liebäugeln, aber noch nicht wissen, was sie von „Dark“ erwarten können.

Staffel 2 wartet natürlich erneut mit zahlreichen Überraschungen auf und zeigt wahrlich NULL Abnutzungserscheinungen. Die Handlung wird um zwei zusätzliche Zeitebenen erweitert, was beweist, dass die Macher und Schreiber sich nicht auf ihren wohlverdienten Lorbeeren (immerhin bekam die Serie drei Nominierungen für die Goldene Kamera UND erhielt den Grimme-Preis in der Kategorie Fiktion!) ausgeruht haben, sondern ganz genau wissen, wohin die Reise gehen soll und was sie den begeisterten Zuschauern der ersten Season schuldig sind.

Es heißt ja immer, „man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, nur leider halten sich viele Serien nicht an dieses Sprichwort. Oftmals wird der Zenit von so manchem Format deutlich überschritten und Handlungen beginnen, sich zu wiederholen. Oder sie entwickeln sich in eine Richtung, die mit der ursprünglichen Intention nicht mehr viel gemein hat. Man könnte jetzt Beispiele wie „The Walking Dead“, das lange Zeit nur auf der Stelle trat und sich im Kreis drehte, oder die dritte Staffel von „Stranger Things“, welche sich als reiner Nostalgie-Fan-Service entpuppte und den Mystery-Drama-Ton der ersten Season auf der wilden Fahrt durch die 80er komplett verloren hat, anführen… aber das würde zu weit führen und in Diskussionen enden, die eh niemals auf einen gemeinsamen Nenner kommen würden. Jeder Zuschauer sollte für sich entscheiden, wann für ihn der Zeitpunkt gekommen ist, einer Serie den Rücken zu kehren. Im Falle von „Dark“ sollte sich dies von ganz allein erledigen, da die Köpfe hinter der Serie bereits verkündet haben, dass die dritte Staffel die Winden-Saga abschließen wird. Die Dreharbeiten befinden sich aktuell schon in vollem Gange und 2020 wird man vermutlich schlauer sein und sehen, wie alles endet…

Um noch ein Sprichwort in den Topf zu werfen: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“ Und bei „Dark“ kann ich mir - aus persönlicher Sicht – kein Happy End vorstellen und wage zu bezweifeln, dass es für alle Beteiligten eine rosige Zukunft (oder Vergangenheit?) geben wird. Die Zeit wird es zeigen…

Fazit:

Anschauen und selber erleben. Vom anfänglichen Geheimtipp, bis zur zeitweilig beliebtesten TV-Serie der Welt. „Dark“ ist unumstritten ein Phänomen, welches weit über die deutschsprachigen Grenzen hinaus für Begeisterung sorgte und immer noch sorgt. Ein Genre-Highlight, das zeigt, was deutsche Filmschaffende auf dem Kasten haben, wenn man sie nur machen lässt. Ein brillantes Casting, das zudem die Vermutung nahelegt, dass die Darsteller, die ihre Figuren in verschiedenen Zeiten verkörpern, wirklich miteinander verwandt sein MÜSSEN, was allein deren Ähnlichkeit angeht, zeigt, wie gut durchdacht und akribisch vorbereitet dieses Projekt ist.

Wer nach „Dark“ noch behauptet, dass deutsche Film- und TV-Produktionen Müll oder anspruchslos seien - Fakten, die man leider immer wieder lesen muss, sobald es um heimische Inhalte geht -, hat sein Gehirn wahrscheinlich am Kino-Schalter gegen ein „Fast & Furious“-Ticket eingetauscht und hält Jason Statham für einen Charakter-Schauspieler, der eines Oscars würdig ist. Allen offenherzig eingestellten Serien-Freunden wünsche ich viel Spaß… bei der wohl außergewöhnlichsten TV-(Zeit)reise der letzten Jahr(zehnt)e.

"Dark" - bei Netflix