Dawn of the Dead (2004)
Film-Kritik von Michael Drewniok

Ein Wiedersehen, das (Grusel-) Freude schafft

In Everett, einer mittelgroßen Stadt im US-Staat Wisconsin, entgehen der überarbeiteten Krankenschwester Ana die Katastrophenmeldungen des aktuellen Tages: Weltweit erwachen die gerade Verstorbenen zu neuem ‚Leben‘. Sie haben sich in instinktgesteuerte Kannibalen verwandelt, fallen ihre Mitmenschen an, fressen oder verwandeln sie durch Bisse in Ihresgleichen. Nur mit einem Kopfschuss lassen sie sich ausschalten, aber sie kennen keine Furcht, sind schnell auf den Beinen und deshalb schwer zu treffen.

Ana kommt gerade noch mit dem Leben davon. Sie flieht durch eine von Chaos und Panik regierte Stadt, schließt sich dem bärbeißigen Polizisten Kenneth an und gelangt mit ihm und weiteren Flüchtlingen zu einem großen Einkaufszentrum. Dort werden sie zwar von drei Wachmännern unfreundlich empfangen, befinden sich aber erst einmal in Sicherheit, haben zu essen und können auf Hilfe warten.

Die wird jedoch nicht kommen, denn draußen versinkt die Welt in Anarchie. Man rauft sich zusammen, weitere Überlebende stoßen dazu, aber die lauernden Zombies sorgen für eine ständige Dezimierung der Gruppe. Ausgerechnet Steve, ein arroganter Feigling, hat eine Idee: Er besitzt eine Jacht, mit der man auf den nahen Michigansee hinaussegeln und eine menschen- bzw. zombieleere Insel ansteuern könnte.

Der Hafen lässt sich allerdings nur durch die zerstörte Stadt und über von Zombies bevölkerte Straßen erreichen. Man will es trotzdem versuchen. Zwei in der Parketage des Einkaufszentrums parkende Busse werden in fahrende Festungen verwandelt. Schwer bewaffnet gelingt der Ausbruch, aber die Irrfahrt verwandelt sich in einen Albtraum, der am Hafen längst nicht vorbei ist ...

Am Anfang war Romero

Das Remake eines Filmklassikers ist ein schwieriger Spagat. Gelingt das Kunststück, winken Publikumserfolg und Geld, scheitert man, prasseln Kritikerschelte und Hohn herab. George A. Romero (1940-2017) gelang es, mit seinen frühen Gruselfilmen Ruhm und Ehre zu ernten. „Night of the Living Dead“ (dt. „Die Nacht der lebenden Toten“) läutete 1968 ein neues Kapitel des drastisch-phantastischen Kinos ein: Es war tatsächlich möglich, den gepflegten Bettlaken-Grusel des Mainstreams bzw. die infantil-unterhaltsame Gewalt des B- und C-Kinos hinter sich zu lassen und harten Horror mit inhaltlicher Aussage zu mischen.

Mit „Dawn of the Dead“, der Fortsetzung von 1978, konnte Romero sich noch steigern. Das US-amerikanische Imperium ging nicht nach einer heimtückischen Feindattacke aus dem Ausland (oder dem All) unter. Stattdessen wurde die Apokalypse durch die eigenen Mitbürger verursacht, während die Überlebenden keineswegs patriotisch zusammenhielten, sondern sich gegenseitig in den Rücken fielen. Dem moralischen Tiefschlag folgte die optische Drastik. „Dawn of the Dead“ ging ebenfalls aufgrund seiner legendären Effekte in die Filmgeschichte ein. Nie zuvor wurden Blut und Eingeweide so plakativ, dabei jedoch handlungsgebunden und deshalb umso eindrucksvoller verspritzt.

Selbstverständlich blieben Romeros Epigonen nicht untätig. Sie drehten die Metzel-Schraube immer stärker an, ohne freilich die Intensität der Vorlage/n - Romero ließ 1985 wiederum wirkmächtig „Day of the Dead“ (dt. „Zombie 2“) folgen - zu erreichen. Die Zombies wurden zu den Schmuddelkindern des Trash-Horrors und zum Heizmaterial für plumpen Grusel-Klamauk.

Aller Neuanfang ist schwer

Den mit der TV-Serie „The Walking Dead“ (seit 2010), ihren zahlreichen Ablegern und Trittbrettfahrern großgewordene Generationen fällt es sicher schwer zu glauben, dass vor gar nicht so langer Zeit Zombies eher lachhaft als grausig aussahen sowie eher Trottel als Totbeißer waren. 2004 stellte eine ‚echte‘ Rückkehr der Untoten jedenfalls eine Herausforderung dar. Mit dem Bezug auf die ‚Vorlage‘ von 1978 wollte man auf Nummer Sicher gehen = Genre-Zuschauer locken und übernahm deshalb Romeros Handlungskonzept und den zugkräftigen Filmtitel. „Dawn of the Dead“, das ‚Remake‘, wurde aber kein lackierter Abguss des Originals, sondern eine Neuinterpretation, die eigene Wege gesucht und gefunden hat.

2004 waren James Gunn und Zack Snyder als Autor bzw. Regisseur noch recht unbeschriebene Blätter. Dass man sie heute als Meister des Superhelden-Spektakels feiert und ihre Filme neunstellige Summen einspielen, verdanken sie auch dem Erfolg von „Dawn of the Dead“. Snyder war ein ‚MTV-Mann‘, der seinem Film eine clipartige Rasanz und ebensolche Schnitte verordnete, ohne dies zum Selbstzweck gerinnen zu lassen. In „Dawn of the Dead“ wurden 2004 nicht nur die Zombies fix. Der durch die torkelnde Trägheit der Romero-Leichen unbarmherzige, aber fast gemächliche Untergang wird durch die schlagartige, nackte Tatsache ersetzt: Dies ist in der Tat das Ende, mein Freund, und es kommt - Globalisierung sei Dank - schnell!

Nach dem Millennium wartet der Bürger nicht mehr auf die Hilfe der Regierung; er erwartet sie eigentlich nicht einmal. Das Einkaufszentrum ist nur Zwischenstopp, nicht rettende Insel; zu der muss man sich durchschlagen. Dies bedeutet ein Himmelfahrtskommando, den Belagerten ist das klar. Streit, der bisher die Gruppe mehrfach spaltete, legt man bei.

Hoffnung bleibt höchstens ein Wunschtraum

Allerdings wird dieser Burgfrieden nicht halten. Der Verzicht auf ein tröstliches, die Story negierendes Finale zeichnet sich früh ab. Zusammen mit den Eingeschlossenen gewährt der Regisseur den Zuschauern manchmal eine Atempause, aber sie ist nie von Dauer. Das ungewöhnliche Ende - Videobilder der letzten Überlebenden flackern über den Bildschirm und enthüllen quasi die traurige Fortsetzung = wahrscheinlich das tödliche Ende der Flucht - unterstreicht diese plausible, aber vor allem im Unterhaltungskino selten gewordenen Konsequenz - ein dramatischer (übrigens erst im Nachdreh entstandener) Zug, der später für „The Walking Dead“ nicht nur übernommen, sondern auf die Spitze getrieben (sowie überreizt) wurde.

Die Kämpfe mit den Zombies wurden mit einer (noch) nicht bekannten Drastik ausgefochten. 2004 war dies riskant, der Tentakelgriff der Zensur und ihrer willigen Helfershelfer in Politik, Kultur und Kirche noch deutlich fester als heutzutage. Horrorfilme wurden schon mit einer großen Schere im Kopf gedreht bzw. für den Kinoeinsatz geschnitten, um solchen Attacken zuvorzukommen. Auch „Dawn of the Dead“ blieb nicht verschont. In die Kinos kam eine um etwa neun Minuten gekürzte Version. Ihr folgte erst nachträglich (auf DVD) ein „Director’s Cut“, der zwar keinen neuen, aber einen deutlich besseren, in den Charakterzeichnungen vertieften und keineswegs mit reinen Metzel-Szenen ‚aufgepolsterten‘ Film präsentierte.

Doch schon im Kino ging es heftig zur Sache. Snyder-Zombies fressen Menschen und lassen sich nur per Kopfschuss erledigen. Es wäre lächerlich und unglaubwürdig, entsprechende Effekte außen vor zu lassen. Deshalb fliegen Köpfe auseinander, werden Fleischfetzen aus Körpern gerissen. Gleichzeitig macht diese durch und durch filmische, d. h. realitätsferne und der Unterhaltung dienende Gruselorgie enormen Spaß. Im Entsetzen steckt durchaus Humor, der sich in Gelächter entlädt.

Kein Sprungbrett in Star-Karrieren

In einem Genre-Spektakel sind schauspielerische Glanzleistungen Nebensache. Die von Snyder eingesetzten Darsteller gehörten nicht zu den schweren Kalibern ihrer Zunft. Sie mussten primär Archetypen und hier einen Querschnitt durch die US-amerikanische Gesellschaft repräsentieren. Also haben wir hier wie schon damals üblich diverse Stände und Hautfarben, die sich zusätzlich in „gut“ & „böse“, „mutig“ & „feige“ u. a. Stanzrollen scheiden lassen. Interessant ist der Ansatz, dass sich diese Eigenschaften im Verlauf des Geschehens nicht nur umkehren können, sondern sich sogar vermischen.

Sarah Polley darf als krisenfeste Krankenschwester eine weibliche Hauptrolle spielen, die der ihrer männlichen Kollegen an Entschlossenheit nicht nachsteht. Nach 2010 hat sie sich selbst als Drehbuchautorin und Regisseurin etablieren können. Schmier- und Feigling Steve alias Ty Burrell konnte zwischen 2009 und 2020 mit einer Glanzrolle in der überaus erfolgreichen TV-Komödie „Modern Family“ brillieren. Jake Weber („Michael“) oder Mekhi Phifer („Andre“) sind bis heute auf Leinwand und Bildschirm aktiv, ohne dass sie der durchschnittliche Zuschauer identifizieren könnte. Pech hat Lindy Booth, die wieder das dürre Mädchen von nebenan mimen muss, durch Anfälle von Dämlichkeit im Angesicht des Feindes auffällt und mehrfach von den (zu Recht fluchenden) Leidensgenossen gerettet werden muss. Ving Rhames gibt als knurriger Cop seine übliche Rolle als muskelbepackter Querkopf mit sorgfältig verstecktem Herzen aus Gold. Vom Ensemble des Romero-‚Originals‘ geben sich Ken Foree als Prediger, der den Weltuntergang verkündet, Scott Reiniger als eisenharter Militär und Effekthexer Tom Savini als Sheriff mit nervösem Colt-Finger die Ehre. (George A. Romero profitierte indirekt; er konnte zwischen 2005 und 2009 drei ‚eigene‘ Zombie-Filme realisieren.)

Zwar ist hierzulande der „Director’s Cut“ bereits (und weiterhin) seit 2004 (DVD) bzw. 2010 (Blu-ray) erhältlich, doch die zahlreichen Extras der DVD-Version - solche zusätzlichen Aufspielungen waren einst Standard - wurden für die Blu-ray nicht übernommen. Auf einer neuen, limitierten und auf Sammler zielenden Blu-ray-Ausgabe sind sie wieder - und um ein Extra-Feature erweitert - dabei. Es gibt Blicke hinter die Kulissen der Produktion, aber auch kurze Bonus-Filmchen sowie einen Kommentar des Regisseurs. (Getilgt wurden außerdem einige digitale Blutflecken auf einer Pkw-Windschutzscheibe, die in allen früheren Versionen die nackten Brüste einer Statistin verbargen, um die Zuschauer nicht zu verstören …) Damit ist die Neuausgabe kein Muss, aber doch ein Anlass, sich diesen günstig gealterten bzw. gereiften Film (wieder einmal) anzuschauen!

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Dawn of the Dead

  • Originaltitel: Dawn of the Dead (USA 2004)
  • Regie: Zack Snyder
  • Drehbuch: James Gunn
  • Kamera: Matthew F. Leonetti
  • Schnitt: Niven Howie
  • Musik: Tyler Bates, Tree Adams
  • Darsteller: Sarah Polley (Ana), Ving Rhames (Kenneth), Jake Weber (Michael), Mekhi Phifer (Andre), Ty Burrell (Steve Markus), Michael Kelly (CJ), Kim Poirier (Monica), Lindy Booth (Nicole), Kevin Zegers (Terry), Matt Austin (Doug), Boyd Banks (Tucker), Jayne Eastwood (Norma), Ken Foree (Prediger), Matt Frewer (Frank), Hannah Lochner (Vivian), Nicholas Marino (Tom), Tim Post, R. D. Reid, Scott H. Reiniger, Tom Savini u. a.
  • Label/Vertrieb: Birnenblatt
  • Erscheinungsdatum: 12.03.2021 (limitierte Hartbox)/09.04.2021 (Limited Piece of Art Box)
  • EAN: 5053083193898 (limitierte Hartbox, Blu-ray 1: Director's Cut; Blu-ray 2: Kinofassung)/4260186035012 (Limited Piece of Art Box, Blu-ray: Director's Cut)
  • Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1)
  • Audio: DTS-HD Master Audio 2.0 Stereo (Deutsch), DTS-HD Master Audio 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 Stereo (Audiokommentar)
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Länge: 109 min. [Director's Cut] (Blu-ray)
  • FSK: 18

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