Die Teufelswolke von Monteville

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Die hellseherisch begabte Anne Pilgrim und ihre Schwester Sarah wollen eigentlich nach Zürich reisen, als ein geistiger Zwang Anne dazu bringt, am Bahnhof der kleinen Stadt Trollenberg auszusteigen. Ebenfalls im Zug war Alan Brooks, ein für die UNO tätiger Sachverständiger, den ein alter Freund in die Schweiz gerufen hat: Professor Crevett, ein geachteter Physiker, der in seinem Berg-Observatorium am Monteville oberhalb Trollenbergs Strahlungsforschung betreibt, ist aufgefallen, dass am Südhang eine von Wind und Wetter unabhängige Wolke treibt, von der eine deutlich messbare radioaktive Strahlung ausgeht.

Zudem verschwinden immer wieder Bergwanderer, die in diese Wolke geraten. Tauchen sie überhaupt wieder auf, fehlt ihnen der Kopf, der mit roher Gewalt vom Rumpf gerissen wurde - eine Tatsache, die der Bürgermeister von Trollenberg zum Nutzen der lokalen Tourismuswirtschaft an eine möglichst kleine Glocke hängt.

Vor einem Jahr haben Brooks und Crevett ein ähnliches Phänomen in den südamerikanischen Anden beobachtet. Die neuerliche Sichtung bietet die Gelegenheit, Crevetts abenteuerliche Theorie zu überprüfen. Der Wissenschaftler glaubt, dass die Wolke die Erkundungsaktivitäten außerirdischer Invasoren tarnt, die sich auf der Erde nach einer neuen Heimat umschauen. Rasch spitzt sich die Situation zu. Bergführer Brett, der den Geologen Dewhurst auf eine Bergtour begleitete, kehrt allein und als Tiefkühl-Zombie zurück, der Anne nach dem Leben trachtet. Als er an Brooks und seinem neuen Mitstreiter, dem Journalisten Philip Truscott, scheitert, lassen die Invasoren den Nebel gen Trollenberg ziehen, um die Bürger persönlich zwischen ihre Tentakel zu bekommen …

Worum geht’s hier eigentlich?

Jimmy Sangster (1927-2011) war als Drehbuchautor nie pingelig in Sachen Logik. Ihm ging es um den Effekt, der das Publikum in seinen Bann ziehen sollte. Zur Höchstform lief er in den 1950er und 60er Jahren auf. Für die britische Produktionsfirma „Hammer Studios“ schrieb er die Vorlagen für Klassiker des modernen Horrorfilms: „The Curse of Frankenstein“ (1957; dt. „Frankensteins Fluch“) und „Dracula“ (1958) mit Christopher Lee und Peter Cushing, „The Mummy“ (1959, dt. „Die Rache der Pharaonen“) oder „Taste of Fear“ (1961, dt. „Ein Toter spielt Klavier“), beide ebenfalls mit Lee.

Freilich lieferte Sangster auch Drehbücher für Filme, die zu Recht (und zum Glück) vergessen sind. Wurde er nicht durch talentierte Regisseure, Schauspieler und Ausstatter unterstützt, schimmerte der Schematismus eines Routiniers, der gern bewährte Versatzstücke miteinander verschmolz, allzu deutlich durch.

„Die Todeswolke von Monteville“ liegt irgendwo in der Mitte zwischen spannender Unterhaltung und heillosem Tohuwabohu. Damit ist nicht die Ausgangsidee gemeint, die zwar definitiv jenseits jeglicher Vorstellungskraft liegt, was jedoch im Horror kein Grund für Verdammnis ist: Das Genre ist schließlich die Spielwiese für das Ungewöhnliche. Im Rahmen der vorgegebenen Story sollte es dennoch halbwegs logisch zugehen - und hier schwächelt Sangster gewaltig.

Was man nicht sieht, ist besonders erschreckend

Dunkelheit, dichter Wald, trübes Wasser und eben Nebel: Was wäre der Horrorfilm ohne die Einschränkung der menschlichen Sinneswahrnehmung? Dort, dieser Schatten, diese Bewegung - ist er oder sie real oder ein Produkt der Einbildung? Wo man nicht scharf sehen kann, mögen die hoffentlich trotzdem korrekte Einschätzung der Situation und die daraus resultierende Reaktion über Leben und Tod entscheiden. Die begleitende Unsicherheit sorgt für Adrenalin und Angst, die auch den Spaß am filmischen Grusel speist.

Hinzu kommt das für Produzenten erfreuliche Sparpotenzial, das derartiger Verschwommenheit innewohnt. Der Nebel über dem Monteville und später über Trollenberg verbirgt etwas. Doch was dort umgeht, bleibt lange Zeit buchstäblich (und glücklicherweise; s. u.) verborgen. Der Zuschauer erwartet hingehalten zu werden, denn allzu frühe Aufklärung zerstört den Schrecken, den die eigene Vorstellungskraft inszeniert hat.

Sangster siedelt seine Story zwar im Hier & Jetzt an (der endfünfziger Jahre) an. Trollenberg wirkt dennoch wie aus Raum und Zeit gefallen. Zwar gibt es mindestens ein Auto, aber ansonsten scheinen sich hier Überlebende des mittelalterlichen Dorfes Frankenstein angesiedelt zu haben. Flachgeistige Männer mit komischen Hüten und naive Landfrauen ducken sich abergläubisch vor allerlei Berggeistern. Unwillkürlich wartet der Zuschauer darauf, dass sie mit Fackeln und Mistgabeln den allzu neugierigen Brooks (Eindringling und Wissenschaftler und damit der ideale Sündenbock) aus dem Dorf jagen.

Drolliges Gruselmärchen aus Trollenberg

Die geradezu abstrakt anmutende Fremdheit Trollenbergs wird durch die stilisiert wirkenden Kulissen unterstützt. „Die Todeswolke“ spielt in der Schweizer Bergwelt, doch entstanden ist dieser Film in der flachen englischen Grafschaft Middlesex; in den Southall Studios unweit von London, um genau zu sein. Die Schweiz wird durch eingeschnittene Archiv- und Trickaufnahmen heraufbeschworen.

Jede ‚Außenaufnahme‘ entstand in engen Studioräumen, was für eine Atmosphäre der Beklemmung sorgt, die durch geschickte Lichtsetzung gefördert wird. Das Schwarzweiß der Bilder unterstützt deren Unwirtlichkeit und bestätigt einmal mehr, dass geschickte Studiotechniker auch mit geringen Mitteln für bemerkenswerte Schauwerte sorgen können.

Die Künstlichkeit dieser Filmwelt wird allzu übermächtig, wenn jedes ‚echte‘ Bild aus der Schweiz als Rückprojektion zu erkennen ist. Insofern ist Trollenberg der ideale Schauplatz für eine sehr verwirrende Geschichte, die (nicht nur) diese Fragen aufwirft: Was zum Teufel treiben diese Außerirdischen eigentlich? Sie mögen ja auf der Erde fremd sein und anders denken als der Mensch, aber kann man so diese absurde ‚Invasion‘ begründen?

Dünne Luft und schwache Klarsicht

Wie bescheuert muss man beispielsweise sein, um sich unter einer radioaktiven Wolke zu ‚tarnen‘, die darüber hinaus hoch am Berg und bei Tageslicht jedermann ins Auge sticht? (Wobei die aus der Radioaktivität resultierenden Gefahren von Sangster völlig ignoriert werden und für das Geschehen ohne Belang bleiben) Wenigstens sind die Eindringlinge nicht wie in so vielen Filmen aus dieser Ära des Kalten Krieges allegorisch maskierte Sowjet-Teufel, nach denen das Publikum gefälligst Ausschau halten sollte.

Welcher unglückliche ‚Zufall‘ bringt die übersinnliche und deshalb geistig fernsteuerbare Anne Pilgrim nach Trollenberg? Wieso wollen die Außerirdischen unbedingt sie ausschalten, statt sich um Professor Crevet zu kümmern, der sie im Visier seiner Strahlenmessgeräte hat? Warum produzieren sie Zombies als Handlanger, die so ungeschickt umhertorkeln, dass nur das Drehbuch die Hauptfiguren zwingen kann, sie nicht augenblicklich zu entlarven?

Solche Unstimmigkeiten fallen in einem (zu) langem Mittelteil auf, der daran erinnert, dass „The Trollenberg Terror“ die Verfilmung einer sechsteiligen TV-Serie gleichen Namens ist, die zur Jahreswende 1956/57 ausgestrahlt (aber leider nicht archiviert) wurde. Sangster gelang es nicht, der Kinoversion die Behäbigkeit der deutlich längeren und für eine fünffache Fortsetzung strukturierten Vorlage auszutreiben.

Britische-amerikanische Schweizer

Dem sind auch die grundsätzlich tadellos spielenden Darsteller nicht gewachsen. Man muss sie für die Unerschütterlichkeit loben, mit der sie in Wort und Tat diesen unglaublichen Blödsinn mimen, ohne dabei in haltloses Gelächter auszubrechen. Der knorrige Forrest Tucker (1919-1986) wirkt trotz Akademiker-Brille ein wenig verloren in seiner Rolle als Wissenschaftler; er spielte sonst Tatmenschen in Western und Krimis und benötigte Raum, um seine Körpergröße und Präsenz zur Wirkung zu bringen. In diesen Film geriet er, um „Die Todeswolke“ auch für den US-Verleih attraktiv zu machen.

Tucker zur Seite stehen routinierte englische Schauspieler. Ihr Spiel ist einem B-Movie angemessen; darstellerische Höchstleistungen werden weder verlangt noch geboten. (Was sich bestätigt, wenn man Andrew Faulds dabei beobachtet, wie er jeden Gesichtsmuskel in eine andere Richtung zwingt, um einen vom Alien-Teufel besessenen Zombie zu figurieren.) Erstaunlich selbstständig geben sich Jennifer Jayne (1931-2006) und Janet Munro (1934-1972) als Sarah und Anne Pilgrim. Nichtsdestotrotz ist zum Schluss eine Doppelhochzeit in Sicht.

Unbedingt erwähnt werden sollte Caroline Glaser in ihrer ersten und einzigen Filmrolle als wahrscheinlich miserabelste Kinderdarstellerin der Filmgeschichte: Als ein Außerirdischer sie packen will, steht sie stocksteif und völlig emotionsfrei in der Kulisse, bis der verzweifelte Regisseur aus dem Off einen Aliententakel um sie werfen und Angst-Gewimmer einspielen lässt.

Asthmatische Invasoren aus dem All

Womit wir zum eigentlichen Trollenberg-Terror kommen. Irgendwann lüftet sich der Nebel, aus dem die trotz ihrer Tücken bisher erfolglosen Aliens angeschnauft kommen. Ihr Aussehen fasst der US-Titel („The Crawling Eye“) anschaulich, aber nicht ganz zutreffend zusammen. „The Crawling Brain“ träfe es besser, denn die Invasoren sind körperlose Gehirne, die einäugig in ihre, diese und andere Welten starren, über die sie auf krakenähnlichen Tentakeln kriechen. Dabei stoßen sie Geräusche aus, die so klingen wie das, was aus dem Rachen eines sehr alten Mannes mit rettungslos erschlafftem Gaumensegel ertönt.

Dies ist der Moment, in dem jeglicher Horror in sich zusammenfällt und König Trash das Feld übernimmt. Forrest Tucker oder teure Aliens? Die Produzenten trafen ihre Entscheidung. Zeitgenössisch ging ihre Rechnung auf, doch aus filmhistorischer Sicht haben sie Mist gebaut. Das Geld reichte nur für den Ankauf einiger Luftballons, die schlaff aufgeblasen und mit Adern und Hirnwindungen bemalt wurden. Vorn wurde das wild blickende und an einem Stiel wirbelnde Auge montiert und das Ganze auf einen Kranz dürrer Fangarme gesetzt, die mit Hilfe ‚unsichtbarer‘, tatsächlich aber deutlich sichtbarer Fäden in ungelenke ‚Bewegungen‘ versetzt wurden. Um ein unglückliches Opfer zu erhaschen, musste sich dieses die Tentakel unauffällig um den Körper wickeln. Als der Journalist Truscott gepackt und emporgehoben wird, schaukelt an einem Zwirnsfaden eine kleine Gummipuppe.

Miniatur-Kulissen und Realaufnahmen bleiben einander fremd. Wie Wasser lassen sich Flammen und Rauchwolken nicht verkleinern, sodass ihre Trick-Herkunft das feurige Finale stark beeinträchtigt. Dass die bombardierten Aliens wie schmorender Hausmüll aussehen, ist nur der letzte Nagel zu jenem Sarg, in den sich dieser ‚Horror‘ verwandelt hat - ein unwürdiges Ende für einen Film, der trotz seines inhaltlichen Wirrwarrs und der formalen Beschränkungen ein naives und altmodisches Vergnügen bereiten konnte. In dieser deutschen Neuausgabe des Films wird dies nicht nur durch ein Upscaling für Bild und Ton, sondern auch durch zahlreiche, für den Fan interessante Extras unterstrichen. So erzählt John Carpenter, Regisseur moderner Phantastik-Klassiker wie „Halloween“ oder „Flucht aus New York“, wie ihn die Nebel-Szenen aus „Die Todeswolke“ für seinem eigenen Film „The Fog - Nebel des Grauens“ (1980) inspirierten. In der Tat hat Carpenter manche Szenen bildgenau übernommen.

Bilder: © Anolis Entertainment

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