Haunted Child

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich / Titel-Motiv: © Nameless Media

Knackig kurz, knackig kalt, knackig mittelmäßig

Zubereitung: 1x altes Haus, 1x Kind, 5 EL tragische Vergangenheit. Umrühren. Fertig.

Gleich in den ersten Minuten wird uns unaufdringlich vermittelt, dass Cathrine (Synnøve Macody Lund) schwanger ist, jedoch nicht gewillt ist, die Mutterrolle anzunehmen. Es folgt die Hiobsbotschaft, dass zudem gerade ihr Vater verstorben ist. Zu diesem hatte sie lange keinen Kontakt mehr, erbt jedoch das ländlich gelegene Haus, in dem sie in Cathrines Kindheit regelmäßig die Weihnachtstage verbrachten. Sie ist fest entschlossen, das Haus zu verkaufen, was sich jedoch als nicht ganz so einfach erweist.

Von der Nachbarin, einer früheren Freundin ihrer Mutter, erfährt Cathrine einige Details ihrer Familie, von denen sie selber nichts wusste. Generell ist ihre Vergangenheit unter einem dichten Schleier verborgen. Lediglich Bruchstücke blitzen immer wieder auf. Dabei wirkt das alte Landhaus wie ein Katalysator, denn zunehmend wird Cathrine in Träumen und kurzen Visionen an ihre Mutter erinnert. Die Aussagen der Nachbarin, dass die Schwester ihrer Mutter als Siebenjährige spurlos verschwand, lassen Cathrine derweil nicht los und sie beginnt, ihre Familiengeschichte Stück für Stück offenzulegen.

Mitten in der verschneiten Landschaft kreuzen sich dann mehrfach die Wege von Cathrine und der kleinen Daisy (Ebba Steenstrup Såheim). Das Mädchen weist Verletzungen auf, die das Schlimmste über das Elternhaus der Kleinen vermuten lassen. Cathrine nimmt sich der schüchternen Daisy an und entwickelt doch noch so etwas wie Muttergefühle. Seltsam ist nur, dass niemand sonst das Mädchen zu kennen scheint…

Unterkühlt-nordischer Grusler

Ein frostiges und farblich kräftig entsättigtes Setting weiß nicht nur in norwegischen Krimis und Thrillern zu überzeugen, sondern bietet auch die perfekte Kulisse für Horror-Stoffe. Die verschneit-ländliche Gegend, in der die Handlung Platz nimmt, ist dann auch einer der großen Pluspunkte von „Haunted Child“. Unweigerlich schlüpft man tiefer unter die heimische Decke (sofern die Außentemperaturen dies zulassen), was die erhoffte Wirkung eines Horrorfilms wohlig verstärkt. Der zweite (und leider auch letzte) Punkt auf der Pro-Seite ist Hauptdarstellerin Synnøve Macody Lund. Das ehemalige Model, das vor der Film-Karriere als Film-Kritikerin arbeitete, ist seit dem Thriller „Headhunters“ (2011), basierend auf dem Roman von Jo Nesbø, dick im Geschäft. Neben Fede Alvarez‘ recht eigenständiger Fortsetzung von Stieg Larssons Millennium-Trilogie, die 2018 mit „Verschwörung“ in die Kinos kam, sah man sie in den Serien „Riviera“, „Lifjord - Der Freispruch“ und aktuell in einer tragenden Rolle im NETFLIX-Mystery-Hit „Ragnarök“. Ihrer eindringlichen Darstellung ist es zu verdanken, dass „Haunted Child“ nicht gänzlich in der Masse ähnlicher Titel absäuft. Der ganze Film, der mit 79 Minuten (inklusive Abspann) bereits ziemlich kompakt geraten ist und dennoch Längen aufweist, ruht allein auf ihren Schultern, was trotz der knappen Laufzeit eine ordentliche Last für eine einzige herausragende Schauspielerin sein kann.

Inhaltlich sticht „Haunted Child“ nicht heraus und ordnet sich im Mittelfeld vergleichbarer Titel ein. Von der Klasse eines „The Others“ (2001) von Alejandro Amenábar oder Juan Antonio Bayonas Langfilm-Debüt „Das Waisenhaus“ (2007) ist Regie-Neuling Carl Christian Raabe leider weit entfernt. Eigentlich mehr als Drama über Schmerz und Verdrängung angelegt, sind es eher die akustischen Nadelstiche, die für den eigentlichen Grusel sorgen. Visuelle Schreckmomente lassen sich an einer Hand abzählen und bieten nichts, was man nicht bereits zigfach in anderen Produktionen zu sehen bekam.

Wenn „deutsche“ Titel zum eigentlichen Horror werden

Im norwegischen Original-Titel „Hjemsøkt“, was übersetz so viel wie „Spuk“ bedeutet, bleibt man inhaltlich wage, während man dem deutschen Zuschauer anscheinend nicht so viel zumuten möchte. Hat man die nicht nachvollziehbare Hürde, einen fremdsprachigen Titel durch eine andere (wenn auch geläufigere) Fremdsprache zu ersetzen, überwunden, bekommt man die Prämisse quasi ungefragt vor den Latz geknallt, ohne auch nur eine Sekunde des Films gesehen zu haben. Damit folgt „Haunted Child“ der fragwürdigen Tradition von fantasievollen Neu-Interpretationen, wie beispielsweise „The Return of the First Avenger“ (OT: „Captain America: The Winter Soldier“), „Extreme Rage“ (OT: „A Man Apart“), „Shootout“ (OT: „Bullet to the Head“) oder „96 Hours“ (OT: „Taken“). Ein paar Beispiele, die wichtige Erkenntnisse einer Handlung bereits im Titel/Beinamen vorwegnehmen oder gerne mal komplett am Thema vorbeischießen, wären „Barbara’s Baby - Omen III“ (OT: „The Final Conflict“), „Carrie - Des Satans jüngste Tochter“ (OT: schlicht „Carrie“, denn Satan hat hier nicht ansatzweise die Finger im Spiel) oder das unüberlegte Titel-Wirrwarr der „Fluch der Karibik“-Reihe. Die Liste an strunzdummen Übersetzungen, Neuerfindungen und Beinamen könnte ganze Bücher füllen… LASST ES EINFACH! Um dem ganzen noch ein Krönchen (wahlweise auch ein Propeller-Hütchen) aufzusetzen, hier mein persönlicher Favorit, wenn es um recht „freie“ Übersetzungen geht: „Die Satansweiber von Tittfield“ (OT: „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“). So… wo ist mein Riechsalz???

Fazit:

Bis auf die mehr als solide Darstellung von Synnøve Macody Lund muss „Haunted Child“ ohne nennenswerte Highlights auskommen. Lediglich die Kulisse wirkt sehr atmosphärisch, was man von den grellen Sound-Spitzen und x-fach verwerteten Jump-Scares, die Genre-Fans nur ein müdes Lächeln entlocken, nicht behaupten kann. Als vorhersehbares Mystery-Drama ebenfalls höchstens im Mittelmaß und recht überraschungsarm. Den Bonus-Punkt gibt es für das ansprechende Setting und die One-Woman-Show von Synnøve Macody Lund, die wirklich nichts für das durchwachsene Drehbuch von Maja Lunde kann.

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