Matrix Resurrections

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich / Titel-Motiv: © Warner Bros. Pictures

Tragödie oder Farce?

Go ask Alice…

Was passiert, wenn man einen der visuell bahnbrechendsten und wegweisendsten Filme überhaupt fortsetzt? Ich sag es Euch: Der Schuss geht nach hinten los. Unumstößliche Klassiker wie „Aliens“, „Der Pate II“ oder „Terminator 2“ sind vielleicht die großen Ausnahmen, aber in der Regel kann man den hohen Ansprüchen des Publikums nicht oder höchstens halbwegs gerecht werden. So erging es 2003 den beiden „Matrix“-Fortsetzungen „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“. Back-to-back abgedreht und in kurzen Intervallen in den Kinos gestartet, baute man eine ausufernde Mythologie um einen Grenzen sprengenden Blockbuster herum, welcher das Glück hatte, genau zur richtigen Zeit (1999) zu erscheinen. Ein cineastischer Overkill mit nie dagewesenen Action-Sequenzen und intelligent-verschachtelter Story, der gut und gerne für sich hätte stehen können.

Zu einer Zeit, in der man das Internet für die breite Masse wirklich noch als Neuland bezeichnen konnte und in der niemand hätte voraussagen können, ob der groß angekündigte Millennium-Bug uns nicht vielleicht doch die Lichter auspustet. Nun, wenig überraschend tat er das nicht, doch „Matrix“ blieb ein Film für die Ewigkeit. Cool und stylish bis zum Gehtnichtmehr. Mit NOKIAs Slide-Knochen, dem Modell 7110, elegant geschnittenen Stehkragen-Mänteln, Sonnenbrillen ohne Bügel und Lack und Leder im Überfluss. Kurz vor dem Jahrtausendwechsel stellten sich gleich mehrere Filme die Frage, ob und wie weit wir wirklich in der Realität leben, oder ob unser Dasein nur ein Konstrukt technischer Trugbilder ist. Beispielsweise „The 13th Floor“, David Cronenbergs „eXistenZ“ oder im weitesten Sinne auch „Dark City“ vom „The Crow“-Regisseur Alex Proyas. Obwohl ich glühender Fan von Letzterem bin und den bereits 1998 erschienenen „Dark City“ mit seinen Noir-Tönen für einen der besten Science-Fiction-Filme überhaupt halte, hatte keiner der genannten den Impact von „Matrix“, der das Publikum gleich auf mehrere Arten triggerte. Ob die damaligen Regisseure Larry und Andy Wachowski sich mit dem Entschluss, das Ganze zu einer Trilogie aufzublasen, einen Gefallen getan haben, darüber wird noch heute fleißig und nicht müde diskutiert. Über mangelnde Action konnte man sich auch in den Fortsetzungen nicht beklagen. Ebenso wenig über CGI-Bombast und spektakuläre Fights in toll in Szene gesetzten Kulissen. Mit der philosophischen Tiefgründigkeit schoss man allerdings immer wieder übers Ziel hinaus, was das gesamte Konstrukt zunehmend ins Wanken brachte und derart tief in den Kaninchenbau führte, dass man ohne Wegweiser kaum noch den Weg zurück an die Oberfläche fand. Gewollt-verschwurbelte Endlos-Dialoge strebten eine Quadratur des Kreises an, stießen aber schnell an Grenzen, was mit Dauerfeuer aus allen Rohren bleihaltig kaschiert wurde. Am Ende gab es zahlreiche Opfer zu beklagen, der „Auserwählte“ erfüllte seine Bestimmung und die Zuschauer fragten sich, wie es WARNER und die Wachowskis in knapp vier Jahren schafften, aus einem Hacker mit Schlafproblemen den Erlöser einer arg dezimierten Weltbevölkerung zu machen und was zur Hölle da eigentlich ganz genau abging. Ich meine… Orakel, Architekt, Schlüsselmacher, Agenten-Schutzprogramme, versklavte Menschen als Energiequelle für Maschinen, kommt schon. Nichtsdestotrotz rattern dank dieser Filme noch heute, rund neunzehn Jahre später, die grauen Zellen auf Hochtouren. Gleich mehrere Bücher befassen sich mit der Thematik und versuchen, etwas Licht in die dunkelsten Ecken der Matrix zu werfen. Unter anderem Traian Suttles „Matrix-Liebe: Zur Rückkehr eines Kino-Mythos“, in dem der Autor chronologisch die Trilogie zerpflückt und interessanten Einblicke in die Mythologie liefert. Auch „Die Matrix - entschlüsselt“ von Georg Seeßlen öffnet einige verschlossene Türen.

Trotz der offensichtlichen Schwächen der beiden Fortsetzungen bin ich ein großer Freund der gesamten „Matrix“-Reihe, da bin ich ganz ehrlich. Obwohl der unumstößliche erste Film weit über „Reloaded“ und „Revolutions“ thront und in meiner kleinen Welt ganz allein für sich funktioniert. Wie in drei Teufels Namen kommt man also nach so langer Zeit auf die wahnwitzige Idee, diesem eh schon wackeligen Trilogie-Türmchen noch ein Zentner schweres Dach auf die Spitze zu schmeißen? Auch das sag ich Euch: Klopf zuerst mal bei WARNER an, die seit 2003 grüngefärbte Fieberträume von kryptischen Symbolen und Dollarzeichen mit sich herumschleppen. Nicht nur einmal klingelte man bei den Wachowskis (nach ein paar Umbauarbeiten nun Schwestern) an, um das vielversprechende Schiff namens „Matrix“ noch mal mit gesetzten Segeln auf Kurs zu bringen. Allerdings hat es bis 2019 gedauert, bis Lana Wachowski nach tragischen Umständen bereit war, erneut in die Kunstwelt einzutauchen. Gleich mehrere persönliche Verluste im engsten Umfeld bewogen sie dazu, sich noch einmal mit zwei ihrer persönlichsten Weggefährten auseinanderzusetzen: Neo und Trinity. Ein Happy End war den Liebenden, die zwischen Realität und „Realität“ zueinander fanden, ja nicht gewährt worden. Grund genug, einen Schritt nach vorne zu wagen… im wahrsten Sinne des Wortes. Aber die Fallhöhe ist enorm hoch… ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes.

Nostalgie mit dem Holzhammer

Bevor wir kurz auf den Inhalt von „Matrix Resurrections“ eingehen, möchte ich noch ein paar Worte (gut, lass es ein paar Sätze sein…) zum boomenden Retro/Nostalgie-Trend verlieren. Was war das für ein wohliges Gefühl, als uns Thomas Gottschalk im November 2021 noch einmal auf seine Couch einlud, um die gepflegte Samstagabend-Unterhaltung vergangener Tage zu zelebrieren. Herrlich unbeschwert, locker und seicht wurden wir für etwas mehr als drei (gefühlt fünf) Stunden aus dem Pandemie-Alltag herausgehoben und sanft zwischen Bagger-Wetten, 50% von ABBA (noch so ein Retro-Comeback) und Helene Fischer platziert. „Wetten, dass..?“ war genau so, wie man es kannte. So, als wäre es nie weg gewesen. Und ebenso der ewig herbstblond-gelockte Moderator, der ähnlich wie der „Auserwählte“ endlich wieder seine Bestimmung abseits der Privaten gefunden zu haben schien.

Doch damit nicht genug. Fast zeitgleich schepperte mit Sebastian Pufpaff der Raab-im-Geiste in die Mittwoch-Primetime. „TV Total“ meldete sich ebenso zurück und entlastet seitdem des Senders Allzweckwaffen Jockel und Klaus… ich meine Joko und Klaas. Damit fing es allerdings nicht an, denn der nostalgische Knüppel ist schon viel länger wieder aus dem Sack… und sendet beste Grüße aus der Upside-Down-Welt von „Stranger Things“! Was macht DISNEY denn seit ein paar Jahren? Setzt uns die liebgewonnenen Zeichentrickfilme unserer Kindheit als Realfilm getarnte CGI-Orgien vor. Denn mal ehrlich, was, außer Mogli, war am „Dschungelbuch“ denn real? Und Will Smith war als Dschinni ebenso totgefiltert, wie der Großteil der glattgebügelten Influencer auf Instagram… und fast genauso blau. Bleiben wir doch direkt beim Mäuse-Konzern und blicken mal rüber zu „Star Wars“. Was ging ein Aufschrei durchs Netz, als der erste Trailer zu „Das Erwachen der Macht“ einen Blick auf das Dream-Team Han Solo und Chewbacca offenbarte. Diese Erschütterung der Macht hätte den ollen Yoda gleich rückwärts von seinem Stühlchen geschmissen! DAS war ein Fest… komplett tätowierte Bankdrücker heulten sich vor Freude die Augen aus dem Kopf und das ewige Nerd-Herz schlug Purzelbäume beim Blick auf die alte Garde, die sich nochmals in Schale schmiss, um den intergalaktischen Knöterichen die Helme zu zerbeulen. Und was war das Ende vom Lied? Es ging das Genöle los, dass sich „Star Wars“ im siebten Anlauf zu sehr am Saga-Start von 1977 orientierte. Moment mal… war es nicht das, wonach die „Fans“ nach der Prequel-Trilogie von George Lucas geschrien haben? Ich glaube schon… Jedenfalls nahm man sich die Kritik für den Mittelteil zu Trilogie-Nr. 3 zu Herzen und ließ mit Regisseur Rian Johnson („Looper“, „Knives Out“) jemanden auf den von J. J. Abrams angewärmten Stuhl, um neue Wege einzuschlagen. Zugegeben, es war nicht alles Gold in „Die letzten Jedi“, aber Ideenlosigkeit kann man den Machern jetzt nicht zwingend vorwerfen, nur weil nicht jedes Fan-Herz im Sturm erobert wurde. War also auch wieder falsch. Ich will jetzt nicht behaupten, dass wir eine Mecker-Kultur geworden sind, der man es auf Biegen und Brechen nicht rechtmachen kann, aber… wir sind eine Mecker-Kultur geworden, der man es auf Biegen und Brechen nicht rechtmachen kann. Während die „Ghostbusters“ im „Afterlife“ nicht nur gegen Geister, sondern auch um die Gunst der Fans der ersten Stunde kämpfen und die alten Haudegen auf liebevolle Weise den Staffelstab an eine neue Generation weiterreichen, fällt scheinbar kaum ins Gewicht, dass Kevin Feige mit seinem Marvel Cinematic Universe Recycling der gewinnbringenden Sorte betreibt und der Großteil der dort erschienenen Filme sich immer wieder an den gleichen Zutaten bedient. Ist das innovativ? Mitnichten… aber extrem profitabel, denn nicht selten kratzen die MARVEL-Schinken an der Milliarden-Grenze. So nimmt man die anklagenden Schimpftiraden, die Lambert Wilsons abgefuckte Version des Merowingers einem in „Matrix Resurrections“ regelrecht entgegenbrüllt, fast schon persönlich. Unangenehm… aber irgendwie herrlich.

Bevor das bisher geschriebene richtigen Sinn ergibt und ich im übernächsten Absatz endlich scheppernd aus der Hose springe, fassen wir mal zusammen, was Euch in „Matrix Resurrections“ überhaupt erwartet:

Der Heilige Pillendreher

Thomas Anderson (Keanu Reeves) lebt! Er befindet sich quicklebendig in einer Welt, in der es den „Auserwählten“ nur in digitaler Form gibt. Neo, Trinity, Morpheus & Co. sind die Hauptfiguren in einer äußerst erfolgreichen Videospiel-Trilogie, die passenderweise unter dem Namen „Matrix“ veröffentlicht wurde. Bahnbrechend… und außerdem designt von Thomas. Die Spiele machten ihn weltweit bekannt, allerdings zahlte er einen hohen Preis. Es fiel ihm zunehmend schwerer, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten. Das ging so weit, dass er dachte, er wäre der „Auserwählte“ und könne fliegen. Ein missglückter Suizidversuch, bei dem Tom sich beinahe von einem Hochhaus gestürzt hätte. Seitdem schaufelt er blaue Pillen in sich hinein und besucht einen Therapeuten (Neil Patrick Harris). Ein sorgenloses Bad im Erfolg sieht definitiv anders aus… dafür folgt einem weiteren Tag in der Tretmühle ein Schaumbad mit Gummi-Ente auf der Rübe. Wer den Trailer gesehen hat, wird sich an diesen etwas bizarren Anblick erinnern. Einziger Lichtblick in Mr. Andersons Leben ist eine scheinbar Fremde, die er häufiger im Café trifft, in dem er seine Mittagspausen verbringt. Tiffany (Carrie-Anne Moss) kommt ihm dabei seltsam vertraut vor… fast wie aus einem anderen Leben. Ein Leben, welches jedoch unter einem undurchdringlichen Schleier verborgen liegt. Obwohl Tiffany - Mehrfach-Mutter und liiert mit einem Mann namens Chad (Chad Stahelski; Keanu Reeves‘ Stunt-Double in „Matrix“ und außerdem Regisseur der „John Wick“-Reihe) - Thomas nicht zu kennen scheint, fühlt sie sich seltsam hingezogen zu ihm. Das Kennenlernen von Tiff wirft ihn wieder zurück und die Grenzen zwischen dem Hier und Jetzt und einer anderen Art der Realität beginnen wieder zu verschwimmen. Verstärkt werden seine Wahnvorstellungen durch seine Arbeit… denn auf Druck von „Oben“ soll er auf Biegen und Brechen eine „Matrix“-Fortsetzung entwerfen. Einen weiteren Ableger, von dem niemand wusste, dass er ihn brauchte… klingelt da was?

Als Thomas dann urplötzlich eine mysteriöse Nachricht auf sein Handy bekommt und in den Waschraum zitiert wird, während eine bewaffnete Hundertschaft die Büroräume evakuiert, werden seine wirren Gedanken schlagartig real. Aus einer Kabine tritt ein Echo einer vermeintlich fiktiven Welt und stellt sich als Morpheus (Yahya Abdul-Mateen II) vor. Als dieser Tom dann verlockend eine rote Pille vor die Nase hält, öffnet sich der Kaninchenbau… erneut… und sein „Wunderland“ kollabiert.

Wie man’s macht…

So, da kommt nun also ein Film daher, den niemand erwartet hatte und nachdem erst recht keiner geschrien hat. Er setzt eine eigentlich abgeschlossene Trilogie nach achtzehn Jahren fort und misst sich ausgerechnet mit dem wohl heiligsten Teil der ganzen Nummer, denn wir gehen zurück zu den Ursprüngen. Zurück in die „Matrix“.

Schon ab Minute Eins bombardiert uns „Resurrections“ mit Material aus dem ersten Film. So offensichtlich, dass es scheinbar nicht reichte, einige Szenen ähnlich oder sogar identisch anzulegen, nein, es wurden gleich kurze Schnipsel aus „Matrix“ hineingeschnitten. So erfindet der vierte Teil den Beginn der Saga fast schon neu und führt ihn ad absurdum. Hier wird bereits mit unserer scheinbaren Erwartungshaltung gespielt, während Lana Wachowski, die nun alleinige Regisseurin, an dieser Stelle wohl zum ersten Mal laut lachend über den Boden kugeln würde, würde sie in die höchstwahrscheinlich verdutzten Gesichter der Zuschauer blicken. Ganz offensichtlich wird sich hier über Reboots, Fortsetzungen vom Reißbrett und dem Wunsch nach Altbekanntem lustig gemacht. Tatsächlich hält nämlich der Humor Einzug in die Film-Reihe, welcher bislang keinen Platz fand und in den alten Filmen wohl auch völlig deplatziert gewesen wäre. „Resurrections“ bricht nun aber (wie auf so vielen Ebenen) mit dieser Tradition. Und es funktioniert! Wenn Thomas Anderson auf den „neuen“ Morpheus trifft, ist dies längst nicht so ikonisch, wie es das noch 1999 war. Morpheus kommt aus dem Scheißhaus und analysiert die Szenerie als das, was sie ist: eine Farce. Und wenn er Thomas die altbekannte rote Pille vor die Nase hält, hampelt Keanu Reeves derart unbeholfen und steif von einem Bein aufs andere, als würde er in den Startlöchern für einen vierten „Bill & Ted“-Film stehen. Das bloße Auge mag an dieser Stelle schon „BULLSHIT!!!“ keifen, doch „Matrix“ wäre nicht „Matrix“, wenn es hier nicht einen doppelten Boden geben würde. Dieser nennt sich Meta-Ebene. Besonders deutlich wird es, wenn Thomas sich mit seinem Geschäftspartner darüber unterhält, dass auf Wunsch von WARNER BROS. (immerhin das Produktionsstudio hinter dem „Matrix“-Franchise) ein viertes „Matrix“-Game entwickelt werden soll… koste es, was es wolle. Eine glatte Arschbombe auf den Schreibtisch der gewinnorientierten Geschäftsführung. Besonders die erste Hälfte des 148-minütigen Werkes ist voll von solchen Anspielungen und stichelnden Seitenhieben. Weitere Anrufe bei Miss Wachowski werden wohl in Zukunft ausbleiben…

Negativ-Kommentare und Verrisse im Minutentakt zeigen allerdings, dass diese Art Fortsetzung so gar nicht der Vorstellung des Publikums zu entsprechen scheint. Schade eigentlich, denn ich für meinen Teil habe mich königlich amüsiert! „Resurrections“ ist das, was ich am wenigsten erwartet hätte… und DAS muss ein Film in der heutigen Zeit, wo selbst Trailer sofort Szene für Szene seziert und möglichst im Detail aufgedröselt werden, damit auch der letzte Hauch von Vorfreude vor dem Kinobesuch schon mit einem YouTube-Like abgegeben wird, erstmal schaffen. Alles andere als die häufig vorgeworfene Demontage des eigenen Schaffens. „Resurrections“ ist eine Next-Level-Fortsetzung nach Wachowski-Art. Lana Wachowski-Art, wohlgemerkt.

Fast alles ist neu in „Matrix Resurrections“. Das fängt schon beim bereits im Trailer oft bemängelten Look an. Die altbekannten Grün-Filter im entsättigten Setting fehlen komplett und sind einer digitalen Hochglanz-Optik gewichen. Kein direkter Stilbruch, wenn man die Farben mit der finalen Szene von „Matrix Revolutions“ vergleicht. Lediglich eine konsequente Weiterführung der neuen Matrix-Version. Das Fehlen von Fight-Choreographer Yuen Woo-Ping („Tiger & Dragon“, „Hero“, „Kill Bill“, „Kung Fu Hustle“), Kameramann Bill Pope („Armee der Finsternis“, „Spider-Man 2 & 3“, „Baby Driver“, „Alita: Battle Angel“) und Komponist Don Davis („Haunted Hill“, „Jurassic Park III“) mag eventuell vermuten lassen, dass hier auf Sparflamme gekocht wird. Auch die Tatsache, dass Lilly Wachowski (ehemals Andy) dankend ablehnte, erneut in die von ihr co-kreierte Welt einzutauchen, ließ Zweifel aufkommen. Unbegründet, wie ich von meiner Warte aus behaupten würde. Tatsächlich finden sich aber weniger Fights als in den Vorgängern. Kameramann John Toll („Braveheart“, „Vanilla Sky“, „Der Plan“, „Iron Man 3“) filmte solche Parts stets nah am Geschehen. Das raubt oft die Übersicht und wird zudem mit Wackel-Effekten auf die Spitze getrieben. Ein Seitenhieb auf die Machart moderner Actionfilme? Oder doch einfach nur mittlerweile bewährtes Stilmittel? Zuzutrauen wäre „Resurrections“ in diesem Falle sogar Ersteres. Denn wo die „Bourne“-Reihe die schnell geschnittenen Shaky-Keilereien etablierte, setzten Schnitt-Desaster wie „Taken 3“ oder „Snake Eyes“ dem wirren Trauerspiel nur noch die Narrenkrone auf. Die beiden indonesischen „The Raid“-Teile bewiesen - dank der Regiearbeit von Gareth Evans -, dass mit kampferprobten und austrainierten Darstellern (sowie Prügelknaben mit Gummi-Knochen) keine fehlende Erfahrung überbezahlter Schein-Ein-Mann-Armeen wettgemacht werden muss. Einem damals 62-jährigen Liam Neeson nimmt man den Actionhelden ohnehin schon schwer ab und vom ansonsten geschätzten Mr. Stallone, der mit stolzen 73 Lenzen in „Rambo: Last Blood“ seine Kills vollkommen ohne Bewegung ausführt und gefühlt zwei Drittel des Films auf einem Gaul hockt, wollen wir gar nicht erst anfangen. Dass das Alter selbst vor einem Keanu Reeves nicht haltmacht, merkt man nun auch. Die meisten seiner Aktionen beschränken sich darauf, Kugeln in der Luft zu bremsen oder Gegner einfach durch Wände zu wemsen. Die „Matrix“-obligatorisch umherfliegenden Mauerteile und Steinbrocken dürfen dabei natürlich keineswegs fehlen. Speziell im letzten Drittel drückt die Action aber noch mal ordentlich aufs Gaspedal und es kracht an vielen Ecken und Enden. Dass diese wieder stylish in Szene gesetzt wurde, versteht sich da fast von selbst. Zeitlupen und bildgewaltige Explosionen wurden ebenfalls toll eingefangen. Musikalisch ließ man neben dem Australier Johnny Klimek („Lola rennt“, „Das Parfum“, „Cloud Atlas“) noch Tom Tykwer ran, der zusammen mit Klimek schon mehrere Filme (nicht nur seine eigenen) musikalisch unterlegte. Unter anderem auch „Cloud Atlas“, wo Tykwer gemeinsam mit den Wachowskis Regie führte, und deren TV-Serie „Sense8“. Dort wilderte Lana Wachowski fleißig und rekrutierte einen großen Crew-Teil für „Matrix Resurrections“. Der Serie ist es wohl auch zu verdanken, dass der deutsche Schauspieler Max Riemelt („Die Welle“, „Wir sind die Nacht“, „Die vierte Macht“) zum Team um Neo, Bugs, Sequoia & Co. gehört.

Wo sind meine blauen Pillen…?

Was hat sich noch geändert? Es sind keine vorsintflutlichen Telefone mehr nötig, um die Matrix auf heilem Weg zu verlassen. Dazu durchschreitet man lediglich Spiegel. Ein Sinnbild für die spiegelnden Rechtecke, auf die wir tagtäglich glotzen und uns die Finger wund wischen, um uns in Scheinwelten zwischen Social Media, animierten Bauernhöfen und diversen Flirt-Matches aus der Wirklichkeit auszuklinken. Sind wir nicht längst schon Technik-abhängig und stecken so tief im Netz, dass uns nur noch ein Stecker im Nacken zum konstanten Glück fehlt? Ein kurzzeitiger Ausfall von WhatsApp, Facebook und Instagram hat 2021 gezeigt, dass die Scheiße gefährlich schnell am Dampfen ist, wenn wir uns mal nicht pausenlos in kleinen Textfenstern von irgendwelchem Ballast befreien können. Dass ein Teil der Menschheit der Steinzeit näher ist, als einer glorreichen Zukunft, zeigen tägliche Bilder auf allen Kanälen. Bilder, die wir teilen. Bilder, die wir kommentieren. Ja, Bilder, die wir sogar schamlos an Unfallorten machen, um uns für die berühmten „5 Minuten“ vor dem Leid anderer zu profilieren und im reflektierenden Licht unserer ach so smarten Phones und den weniger smarten Lichter dahinter zu baden. LIKE!!! Rückentwicklung dank Fortschritt? Oh, du schöne neue Welt. Eine Farce? Nein… eine Tragödie.

Fazit:

Keine Zukunftsmusik mehr. 1999 sah die Wachowski-Prophezeiung reichlich düster aus, doch die Matrix hat uns längst eingeholt. Also gehen wir einen Schritt weiter: „Resurrections“ hält unserer aktuellen Gesellschaft nicht nur den Spiegel vor, er schlägt ihn ihr mit Wucht über den Schädel. Clever, beißend kritisch, noch immer actionreich und mal so ganz anders, als wir Nostalgie-Trips mittlerweile gewohnt sind. Alles neu… und doch erstaunlich vertraut. Haters gonna hate, aber die Wachowski-Scheinwelt kann noch immer faszinieren. Wer hier voreilig „Schlechtester Film des Jahres!“ schreit, hat 2021 entweder sehr wenig Filme geschaut, oder ist bereits unauffindbar verloren… in den ferngesteuerten Trugbildern der Matrix.

Wertung: 8

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