Samaritan

Film-Kritik von Michael Drewniok

Rocky SFX - Sly wird Superheld

Einst zog der Superheld Samaritan in Granite City in die letzte Schlacht gegen seinen bösen Zwillingsbruder Nemesis, der Tod und Verderben über die Stadt bringen wollte. Die finale Begegnung fand in einem Kraftwerk statt. Der Kampf löste eine Explosion aus, die beide Brüder tötete.

Ein Vierteljahrhundert später sind Samaritan und Nemesis fast vergessen. Die Gegenwart hat Granite City eingeholt und schwer gebeutelt. Arbeits- und Obdachlosigkeit, Armut und Verbrechen prägen den Alltag ganzer Stadtviertel. Auch der 13-jährige Sam und seine Mutter Tiffany müssen jederzeit den Absturz ins Elend fürchten. Um seiner mindestlohngebeutelten Mutter finanziell zu helfen, lässt sich Sam als Handlanger für Kriminelle anheuern. Da er sich geschickt anstellt, erregt er das Aufsehen des lokalen Gangsterbosses Cyrus, der sich als Nemesis-Epigone sieht und plant, die damals misslungene Vernichtung von Granite City zu vollenden.

Sam lernt außerdem seinen Nachbarn, den mürrischen Müllmann Joe Smith, kennen. Der alte Mann rettet ihn, als Schläger über Sam herfallen, und legt dabei eindeutig übermenschliche Kräfte an den Tag. Sam ist sicher: Samaritan lebt! Aber wieso tritt er nicht mehr für die Gerechtigkeit ein? Sam lässt nicht locker, und nachdem Joe zunächst abstreitet, ein Superheld zu sein, weiht er den Jungen doch ein und versucht ihm seinen ‚Rückzug‘ zu erklären.

Währenddessen verschafft sich Cyrus den magischen Hammer von Nemesis und rekrutiert eine Armee gestrauchelter Existenzen, die für Chaos in Granite City sorgen, während er seinen eigentlichen Schlag vorbereitet. Zufällig kann Sam dies beobachten und Joe vorwarnen, der jedoch nicht mehr für die Gerechtigkeit kämpfen will.

Er ändert seine Meinung, als Cyrus Sam entführt, den er als Freund des Samaritan erkannt hat. Cyrus will diesen in eine Falle locken, wo er ihn mit dem Hammer erwartet. Tatsächlich wird Joe Sam nicht im Stich lassen. Obwohl er weiß, dass unzählige Gegner ihn erwarten, taucht er in Cyrus‘ Schlupfwinkel auf. Dort kommt es zum epischen Kampf zwischen den Gegnern, der durch die Offenlegung eines bisher sorgfältig gehüteten Geheimnisses an Wucht noch gewinnt …

Alter Haudegen mit Digital-Krücken

Man muss Sylvester Stallone für seine Hartnäckigkeit bewundern. Trotz durchaus vorhandenen Schauspieler-Talents wurde er niemals den Stallgeruch des Action-Hengstes los, den er als „Rambo“ oder „Rocky“ sowie in ähnlichen Haudrauf-Rollen seit Jahrzehnten gibt. Stallone hat immer wieder den Ausbruch versucht und ist als Komödiant oder Charakterdarsteller vor die Kamera getreten. Dies wurde von der Kritik durchaus erkannt und gewürdigt, wo es gelang. Das breite Publikum wollte und will jedoch sehen, wie Stallone Lumpenpack niedermäht - und dies möglichst in Serie.

Da Stallone Realist ist, gibt er diesen Affen den gewünschten Zucker. Er versucht die Eindimensionalität des Schurkenschnitters zu überwinden, während er in der Rolle bleibt; ein Drahtseilakt, der seit Jahren immer wieder in filmischen Bruchlandungen endet. Dann rappelt sich Stallone auf und versucht es unverdrossen abermals. Weil er zwischenzeitlich erfolgreich ist, spielt er weiterhin Hauptrollen in Filmen, die es vielleicht nicht mehr ins Kino schaffen, was heutzutage aber kein Hindernis darstellt: Mehr und mehr verlagert sich das Filmgeschäft in den Streaming-Bereich. Dort ist auch „Samaritan“ trotz eines Budgets von angeblich 100 Mio. Dollar gelandet.

Der alte Stallone garantiert immer noch Unterhaltung und Umsatz. Er mag kurzatmig geworden sein und ähnelt sich nach zu vielen missratenen ‚Schönheitsoperationen‘ und Botox-Injektionen nur noch ansatzweise, doch er gibt wacker sein Bestes, auch wenn nun neben Stunt-Handwerk digitaler Zauber notwendig ist, wenn Stallone die Fäuste fliegen lässt. Immerhin geht es in „Samaritan“ brachialer zu als in den glattgebügelten Superhelden-Filmen von Marvel (hier tauchte Stallone in „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ auf) oder DC. Die meisten Schurken sterben zwar off screen, aber hin und wieder wird gezeigt, wie Joe Smith Wirbelsäulen bricht oder Drecksack-Schädel gegen Wände schmettert.

Drehbuch mit Quark-Faktor

Eines sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man sich diesen Film anschaut: Das Drehbuch entstand nach einer 2014 veröffentlichten Graphic Novel von Bragi F. Schut, Marc Olivent u. Renzo Podesta. Hier wurde also ein Comic verfilmt, dessen ‚Realität‘ anderen Gesetzen folgt. Damit ist nicht der Verzicht auf bestehende Naturgesetze gemeint, sondern eine Dramaturgie, die auf Verkürzung und Zuspitzung setzt. Wer sich also beispielsweise darüber ärgert, dass sich nach dem großmäuligen Auftritt eines zauselbärtigen Möchtegern-Superschurken die Penner und Hohlköpfe der Nachbarschaft umgehend seiner ‚Revolution‘ anschließen, sollte auf eine Sichtung verzichten, denn solche Flatline-Dramatik ist typisch für „Samaritan“.

Die Story ist geradlinig, niemals komplex und beinahe ideenfrei, was ganz im „Marvel“- und „DC“-Geist und ebenso misslungen einschließt, dass immer wieder ‚ernsthafte‘ Botschaften eingemischt werden, die freilich chinesischen Glückskeksen entnommen sein könnten. Manchmal fällt es schwer, Stallone als „Joe Smith“ von Rocky Balboa zu unterscheiden, der in den „Creed“-Streifen nicht mehr die Fäuste schwingt, sondern in klischeefleckigen Altersweisheiten schwelgt.

Das Drehbuch verfasste Bragi Schut. Er ist für den erwähnten Comic, aber auch für generisches Film- und Fernsehfutter wie „Der letzte Tempelritter“ (2008), die beiden „Escape-Room“-Streifen (2019 u. 2021) und vor allem für diverse „Ninjagu“-TV-Serien verantwortlich. „Samaritan“ passt sich problemlos ein. Originelle Einfälle vermeidet Schut tunlichst. Er bedient sich ausgiebig bei erfolgsbewährten Vorlagen, sodass es nicht wundert, dass dieser Film an „Robocop“, „Unbreakable“ u. a. (bessere) Streifen erinnert.

Wo ist bloß das Geld geblieben?

Es kommt einem jedoch auch Trash wie „Death Wish 3 - Der Rächer von New York“ in den Sinn. Dieser (in seiner Absurdität überaus amüsante) Leg-um-so-viele-du-kannst-Unfug mit Charles Bronson selig entstand 1985 kostengünstig in abrissreifen Real-Ruinen, die für den Film sichtbar notdürftig ‚bewohnbar‘ gemacht wurden. Für „Samaritan“ trieb man mehr Kulissenaufwand, der trotzdem nie überzeugt. Dies spiegelt sich im Drehbuch wider. Die modernen USA in der ökonomischen Krise und der Absturz ganzer Bevölkerungsgruppen ins Elend sollen dem Geschehen einen quasi sozialkritischen Anstrich geben. Faktisch wirken die entsprechenden Szenen theatralisch und hohl. Dafür verantwortlich sind auch die völlig überzogenen Figuren = Stereotypen. Cyrus ist als ‚Revolutionär‘ und selbst ernannter Rächer der Enterbten ein Witz, seine Gang besteht aus Idioten, die aus schrottig gepimpten Muscle-Cars springen, um in debiler Wonne Schwache und Kinder zusammenzuschlagen.

Wie kann ein Normalmensch wie Cyrus gegen den zwar alten, aber weiterhin superstarken und unverwundbaren „Joe Smith“ bestehen? Der Nemesis-Hammer soll für den Ausgleich sorgen, aber ein gut gezielter Hieb würde den nicht übermenschlich kräftigen Cyrus ausschalten. Drehbuchautor Schut musste sich deshalb immer neue Situationen aus dem Hirn wringen, in denen Joe schwächelt. Nichtsdestotrotz behält Cyrus bis zum großen Finale nur hin und wieder bzw. zufällig die Oberhand. Seine Schergen werden von Joe buchstäblich zusammengefaltet oder wirbeln nach deftigen Fausthieben propellerartig durch die Luft. (Weil Joe Sam zwischendurch mit kindgerechten Anti-Gewalt-Plattitüden füttert, wurde „Samaritan“ hierzulande trotzdem ab 12 Jahre freigegeben.) Alle sehen es, doch niemand scheint in der Lage zu begreifen, dass nicht einmal Salven aus Schnellfeuergewehren Joe stoppen können. Statt zu flüchten, stürzen sich die Strolche ins Gefecht, bis sie sämtlich niedergestreckt sind.

Zwischen Cyrus und „Joe Smith“ soll ein epischer Kampf toben, der ganz Granite City erfasst, wo zudem die „Nemesis“-Anhänger ‚rebellieren‘ (hier: Alt-Kfz abfackeln und Läden für Unterhaltungselektronik plündern). Dies beschränkt sich jedoch auf wenige Nebenstraßen und leerstehende Großgebäude, sodass man sich fragt, ob der Rest der Stadt überhaupt etwas von dieser „Krise“ bemerkt. So wie in „Overlord“ (2018) ist es Regisseur Julius Avery nicht gelungen, solche Logikbrüche durch eine einfallsreiche Inszenierung auszugleichen.

Im Kampf gegen Klischee-Windmühlen

Was soll „Samaritan“ sein? Unentschlossen schlingert der Film zwischen Moralpredigten, Haudrauf-Action, Superhelden-Mystik und Platt-Sentimentalitäten einem flachen Finale entgegen. Es wird durch einen Twist eingeleitet, der seinen Überraschungsfaktor aufgrund aufdringlicher ‚Vorbereitung‘ - Hollywood geht stets von einem IQ-Null-Publikum aus - längst eingebüßt hat. Dann wird viel geredet und matt über einem CGI-Feuer gerauft, während der in einer Ecke vom Bösewicht angekettete Sam um seinen Helden bangt, dem das überforderte Herz aus der Brust zu springen droht; ein weiterer ‚Kniff‘, um Cyrus halbwegs bedrohlich wirken zu lassen.

Offensichtlich soll „Samaritan“ sowohl erwachsene als auch jugendliche Zuschauer locken; noch ein Spagat, der beckenkrachend missglückte. Javon Walton ist zwar keines jener zu Recht gefürchteten Kids, die Hollywood normiert in einer darauf spezialisierten Retortenfabrik herstellen lässt. Gegen die ihm vom Drehbuch aufgeladen Klischees kann er aber nicht anspielen. Das gelingt höchstens dem Profi Stallone, der schlicht zu alt = erfahren und zu groß für Autoren-Zwerge ist und deshalb mit in vielen Jahren gewonnener Routine über die Runden kommt bzw. sich aus der Affäre ziehen kann.

Ursprünglich war „Samaritan“ für den Kinoeinsatz vorgesehen. Die Corona-Krise sorgte erst für einen längeren Drehstopp und dann für den Entschluss, den Streifen lieber an einen Streaming-Dienst zu verkaufen. Der Name Stallone weckt durchaus weiterhin Interesse, sodass die Rechnung aufgehen dürfte. Gleichzeitig wächst aber die Zahl derer, die kritisch auf die beachtlichen Schwächen eines Filmes hinweisen, den man in seinen gelungenen Sequenzen genießen, aber insgesamt wahrlich nicht preisen kann.

Bilder: © 2022 Amazon.com

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