XX … Unbekannt

Film-Kritik von Michael Drewniok / Titel-Motiv: © Anolis Entertainment

Atom-Blob tobt durch Schottland

Nahe Glasgow öffnet sich auf einem Übungsplatz der Armee eine tiefe Erdspalte. Radioaktiver Dampf steigt auf und verbrennt zwei Soldaten. Das Oberkommando wendet sich hilfesuchend an John Elliott, der ein nahes Atomkraftwerk leitet. Elliott schickt Dr. Adam Royston, einen fähigen aber exzentrischen Wissenschaftler, an die Unglücksstelle.

Während Roystons Untersuchungen erfolglos bleiben, beginnt in der Umgebung das Grauen umzugehen. Ein Kind stirbt an radioaktiven Verbrennungen, ein Krankenhaus wird seiner Radium-Vorräte beraubt. Royston entwickelt eine bizarre Theorie: Bewohner aus dem Inneren der Erde sind auf der Suche nach Energie, die für sie Nahrung bedeutet, an die Oberfläche vorgedrungen. Radioaktive Stoffe besitzen den größten ‚Nährwert‘.

Nur Inspektor McGill, der im Auftrag der Regierung in dem Fall ermittelt, schlägt sich auf Roystons Seite. Die Armee wirft Bomben in den Spalt und füllt ihn mit Beton auf, womit die Angelegenheit für das Militär erledigt ist. Aber die Kreatur - es ist nur eine - existiert. Sie brennt sich buchstäblich durch die Betondecke und begibt sich auf einen neuen Raubzug. Ihr Ziel ist dieses Mal Elliotts Atomkraftwerk. Kann es sich an dem dort getesteten Radium laben, muss mit einem enormen Wachstumsschub gerechnet werden. Um das Werk zu erreichen, bahnt sich das Wesen seinen Weg durch die Stadt Inverness. Die ahnungslosen Bürger ergreifen die Flucht, das Militär ist machtlos: Mit Feuer oder Schusswaffen kann man der Kreatur nichts anhaben.

Royston arbeitet in seinem Privatlabor an einem Verfahren, das radioaktiven Stoffen explosionsfrei ihre Energie entziehen soll. Zwar funktioniert es noch nicht, doch es bleibt keine Wahl: Die Apparaturen werden dort aufgebaut, wo die Kreatur unaufhaltsam ihrem Ziel entgegen wabert …

Unterhaltung im Sanft-Licht der Nostalgie

Ein Drehbuch, das den Tatbestand des Schwachsinns erfüllt, war noch nie Grund für das Scheitern eines Filmprojektes. „XX … Unbekannt“ ist kein Trash: Regisseur und Autor machen sich nicht über ihre Geschichte lustig, sondern erzählen sie völlig ernst. Die Schauspieler halten sich an dieses Konzept. Ein wenig Humor lockert die Handlung auf, aber (nur) diese Szenen sind tatsächlich heiter gemeint und angelegt.

Der Trash-Faktor schimmert dort durch, wo das knappe Budget und die im Vergleich mit den filmischen Wunderwerken der Gegenwart rudimentäre Tricktechnik der Illusion Grenzen setzt. Gelingt es dem Zuschauer, diese Sequenzen mit den Augen des zeitgenössischen Publikums zu schauen, behalten sie ihre Bedeutung für das Geschehen, wo sie die Spannung auf altmodische, aber gelungene Weise steigern.

Für eine gute Tasse Tee ist immer Zeit!

„XX … Unbekannt“ wird quasi dokumentarisch inszeniert, die Handlung sorgfältig, aus heutiger Sicht sogar schleppend entwickelt. Trotzdem ist dies kein ‚lahmer‘ Film; das Geschehen setzt abrupt und mit einem frühen Höhepunkt auf einem Truppenübungsplatz ein. Geändert haben sich seit 1956 Stil und Rezeption: Filme werden heute deutlich schneller geschnitten. Das Publikum hat sich daran gewöhnt und erwartet dieses Tempo. Seine Getragenheit darf man „XX … Unbekannt“ deshalb nicht zum Vorwurf machen.

Bei kaum mehr als 75-minütiger Laufzeit kann sich die Handlung ohnehin keine Pausen gestatten. Sie führt zügig auf ihren Höhepunkt hin. Der Weg fordert erneut die Rücksicht des heutigen Zuschauers. Spannung wurde einst anders gesteigert als heute. Die Kamera schlüpft in die Rolle des Atom-Ungeheuers. So erleben wir die ersten Auftritte des Monsters nur als Reaktion, die sich in entsetzten Gesichtern spiegelt. Es folgt ein entsetzlicher Schrei, der plötzlich abbricht: Diese Pechvögel müssen etwas Grauenvolles gesehen haben - eine Vermutung, die in einer bestimmten Erwartungshaltung gipfelt: Wir freuen uns auf den Moment, wenn auch uns das Ungetüm endlich enthüllt wird!

Als dies geschieht, sind wir Zuschauer des 21. Jahrhunderts freilich irritiert, enttäuscht, amüsiert oder wütend: Die Kreatur entpuppt sich als rhythmisch leuchtender Wackelpudding, der sehr offensichtlich über schräggelegte Miniaturkulissen gleitet. Für das Publikum des Jahres 1956 fehlte die Erfahrung digitaler Wunderwelten.

Science Fiction plus Horror plus Thriller

Mit „The Curse of Frankenstein“ (dt. „Frankensteins Fluch“) begann die britische Produktionsfirma Hammer 1957 den schier endlosen Reigen jener harten, in Farbe gedrehten Horrorfilme, für die sie bekannt und berüchtigt wurde. Doch Hammer existierte schon vor dem II. Weltkrieg. Nach 1945 begann man zunächst mit dem Genre Science Fiction zu experimentieren. 1955 gelang Hammer mit „The Quatermass Xperiment“ (dt. „Schock“) ein schwarzweißer Blockbuster, der in die Geschichte des SF-Films einging.

„XX … Unbekannt“ sollte eigentlich die Fortsetzung werden. Nigel Kneale, der die Figur des Bernard Quatermass erschaffen hatte, wollte sie jedoch für diesen Film nicht freigeben. So wurde aus Quatermass Dr. Adam Royston. Stil und Stimmung blieben indes erhalten. (1957 entstand unter Beteiligung von Kneale „Quatermass 2“/„Feinde aus dem Nichts“.)

Eigentlich sollte Joseph Losey „XX … Unbekannt“ inszenieren. Ein auch filmtechnisch interessanter Film hätte entstehen können, denn Losey zählt zu den Großmeistern der Regie. Während der McCarthy-Ära war er als „Kommunist“ denunziert worden. Losey hatte die USA verlassen und versuchte sich in Europa zu etablieren. Dort setzte er seine Karriere mit vielen bemerkenswerten Regiearbeiten fort. 1956 stand er noch am Anfang. Da „XX … Unbekannt“ nicht nur auf dem britischen Filmmarkt, sondern auch in den US-Kinos Geld einspielen wollte, wollte Hammer einen auch jenseits des Atlantiks bekannten Namen engagieren. Der patriotische Dean Jagger wollte allerdings nicht mit dem „Roten“ Losey zusammenarbeiten. Dieser musste Leslie Norman weichen.

Das Grauen kann heimelig sein

Die „gemütliche Apokalypse“ ist eine sehr britische Unterhaltungsform. Schon H. G. Wells‘ Klassiker „Krieg der Welten“ (1898) ließ die Invasion vom Mars über eine Inselwelt hereinbrechen, die dem Untergang mit der berühmten „steifen Oberlippe“ und unter Wahrung von Form und Anstand begegnete. Später setzten Autoren wie Robert C. Sherriff, John Wyndham oder John Christopher diese Tradition fort.

„XX … Unbekannt“ ist im ländlichen Schottland angesiedelt. Hier spielt die Atomkraft eine große Rolle, obwohl die Zeit außerhalb des Labors stehengeblieben zu sein scheint. Die ‚Hightech-Forschung‘ des Dr. Royston spielt sich in einem selbstgebauten Schuppen ab; seine Versuchsapparaturen hat er zum großen Teil offensichtlich aus den Bestandteilen eines Baukastens für Kinder gebastelt.

Der Umgang mit dem Thema Atomkraft und Radioaktivität ist ohnehin einem Zeitgeist geschuldet, der heute das wahre Horror-Element dieses Filmes darstellt. Drehbuchautor Jimmy Sangster und Leslie Norman verschweigen zwar nicht die Gefahren, die mit ihrer Nutzung verbunden sind. Letztlich setzt sich die ‚Vernunft‘ à la 1956 durch: Nicht Zerstörung, sondern Energiegewinnung ist demnach das Ziel der Atomforschung - wer’s glaubt ...

Es kam aus dem Inneren der Erde

Obwohl die Spezialeffekte der Handlung nicht gewachsen sind, holt Kameramann Gerald Gibbs das Beste aus den kümmerlichen Kulissen heraus. Schon als die Erdspalte aufbricht, muss die Fantasie des Zuschauers ihm zu Hilfe kommen. Solange nichts brennen, explodieren oder durch das Unterholz geistern soll, können die Kulissen überzeugen. Dass in Schwarzweiß gedreht wurde, unterstützt die Glaubwürdigkeit durch den geschickten Einsatz von Licht und Schatten.

In einigen Szenen wird es sogar rabiat, was „XX … Unbekannt“ in Deutschland die an sich lächerliche Freigabe ab 16 Jahren bescherte. Vor allem den unglücklichen Arzt im Krankenhaus erwischt es hart: Sein Körper bläht sich auf, aus den geschwollenen Fingern spritzt Blut, und schließlich fließt ihm das geschmolzene Fleisch vom Schädel. Generell wird jedoch sehr moderat gesplattert.

Das Atom-Monster wirkt wie ein britischer Bruder des „Blob“, der allerdings erst 1958 in den USA (sowie hierzulande als „Blob – Schrecken ohne Namen“) sein Unwesen trieb. Da unsere radioaktiv lustig im Geigerzähler knatternde Kreatur nur durch die Schwerkraft (bzw. durch Besenstiel-Schubser von unten) ‚bewegt‘ wird, sehen wir sie niemals aktiv nach einem Unglücksraben greifen. Besonders schnell ist sie auch nicht, was ihre Bedrohlichkeit weiter schmälert.

Mutige Männer tun ihren Job

„XX … Unbekannt“ ist ein Film ohne Stars. Sie hätten den Finanzrahmen gesprengt. Man griff auf oft und gern beschäftigte britische Darsteller zurück, die wie üblich einen guten Job leisten.

Das Drehbuch klammert jegliche Liebesgeschichte aus. Frauen treten nur als Krankenschwestern oder Mütter und am Rande auf. Das weibliche Publikum möge die folgende Zeile überspringen, aber faktisch bekommt der Story der Verzicht auf die übliche Romanze gut. Sie gehört nicht in diese Handlung und wird ihr nicht aufgezwungen.

Für eine letzte Irritation sorgt das Finale: Natürlich gelingt das riskante Experiment von Dr. Royston. Leider war wohl das Budget genau jetzt ausgeschöpft. Während der Zuschauer auf weiteres Unheil wartet, bricht der Film ab, und die Schlusstitel beginnen zu laufen; kein glücklicher Ausklang für einen Film, der ansonsten für ein altmodisches, aber dank der Neuveröffentlichung bildscharfes Vergnügen sorgt.

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Fotos: © Anolis Entertainment

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