Train to Busan 2:
Peninsula

Film-Kritik von Michael Drewniok

Glücksritter-Krieg im Reich der Toten

Das geschieht: Vor vier Jahren brach in Südkorea eine Seuche aus, die ihre Opfer in Zombies verwandelte. Die menschenfleischfressenden Untoten breiteten sich in Windeseile über das gesamte Land aus. Im letzten Moment konnte man die koreanische Halbinsel abriegeln, sodass die Krankheit an deren Grenzen gestoppt wurde. Seither wird Korea militärisch bewacht; niemand darf die Halbinsel betreten oder verlassen.

Jenseits der Grenze gibt es reiche Beute. In Hongkong bietet ein Gangsterboss denen eine hohe Belohnung, die einen in der Hafenstadt Busan verschollenen Geldtransport bergen: 20 Mio. Dollar liegen irgendwo in einem Truck. Vier Flüchtlinge lassen sich auf dieses Himmelfahrtskommando ein. Unter ihnen sind die Schwager Jung-seok und Chul-min, die nichts mehr zu verlieren haben.

Die Überwindung der gesicherten Grenze gelingt, aber dann geht umgehend alles schief. Busan wird keineswegs nur von Zombies bevölkert. Es gibt dort noch Menschen, die in den Ruinen hausen. Gut eingenistet haben sich die Angehörigen der Einheit 631, die eigentlich Überlebende retten sollte, aber längst zu einer Räuberbande heruntergekommen ist. Geführt wird sie vom zynischen Captain Seo, an dessen Stuhl der brutale Sergeant Hwang eifrig sägt.

Jung-seok und seine Begleiter finden zwar den Truck, doch sie geraten in einen Hinterhalt der Ex-Soldaten. Nur Jung-seok und Chul-min überleben. Ersterer kann flüchten, während letzterer in Gefangenschaft gerät und zur Belustigung seiner Peiniger in einer Arena gegen Zombies kämpfen muss. Jung-seok wird von Min-jung, ihren beiden minderjährigen Töchtern und ihrem geistig verwirrten Vater gerettet. Man schließt sich zusammen und will den Truck mit dem Geld aus dem Lager entführen. Außerdem möchte Jung-seok den Schwager retten. Die Zeit drängt, und es wird laut im Lager, was die Zombies von Busan magisch anlockt …

Franchise-Hoffnung wird zum Fluch

2015/16 gelang Yeon Sang-ho der Durchbruch ein doppelter Durchbruch. Als Drehbuchautor und Regisseur realisierte er die Filme „Seoul Station“ und  „Train to Busan“. Der erste ist ein Animationsfilm, der zweite ein ‚richtiger‘ Spielfilm. Beide gehören sie inhaltlich zusammen; sie schildern den Ausbruch einer Zombie-Seuche in Südkorea und den darauf folgenden Zusammenbruch einer Gesellschaft, die der Krise nicht gewachsen ist.

„Train to Busan“ wurde ein Blockbuster und erregte auch außerhalb Südkoreas großes Aufsehen. Yeon Sang-ho spielte nun als Filmemacher in einer höheren Liga, was ihn jedoch keineswegs davor bewahrte, jenseits eigener Projekte für einen weiteren Zombie-Streifen anzutreten: Hier witterten Produzenten eine Kuh, die sich lukrativ melken ließ. Dass Yeon mit „Train to Busan“ seine Geschichte erzählt hatte und eine Fortsetzung keinen Sinn ergab, stellte wie in dieser Branche global üblich kein Hindernis dar. Man beinte den Plot aus und behielt nur die Grundidee bei: Zombies toben durch Korea!

Zwar spielt auch „Peninsula“ in Busan, aber Schauplatz könnte jede beliebige Stadt sein. Keine aus „Train to Busan“ bekannte Figur taucht auf, und einen „Zug“ gibt es auch nicht mehr, obwohl er im Titel genannt wird. Verlorengegangen ist auch jegliches Mitgefühl mit denen, die es aus einem von normalen Problemen geprägten Alltagsleben in die Apokalypse verschlägt. Stattdessen wird das zunehmend frustrierte Publikum mit einer Sammlung grob verknüpfter Action-Clips konfrontiert, die einem Online-Game entnommen wirken.

Aus spannend und dramatisch wird grell und dumm

Überhaupt ist „Peninsula“ ein Flickwerk aus einschlägigen B-Movie-Blockbustern, die sich nicht nur auf das Horror-Genre beschränken. So wurden die endlosen Verfolgungsjagden per Auto von der „Fast-&-Furious“-Serie ‚inspiriert‘, aber man bedient sich auch bei den „Mad-Max“-Filmen. Alles ist möglich, die Naturgesetze sind außer Kraft gesetzt. Sie werden von CGI-Tricks beschämend minderwertiger Qualität ‚ersetzt‘, was umso stärker ins Auge fällt, da die gezeigten Aktionen die Realität nicht nur aushebeln - sie zeigen ihr den Stinkefinger.

Generell steht der Effekt über der Logik, was Figurenzeichnung und Stimmung einschließt. „Peninsula“ ist absolut frei von Ideen und Originalität, obwohl lange Passagen entsprechende Bemühungen widerspiegeln sollen. Leider wird dies durch jenes asiatische Overacting zunichte gemacht, das Emotionen durch eine Melodramatik ersetzt, die schlicht zu leugnen scheint, dass Film schon sehr lange nicht mehr stumm ist. Schier endlos werden redundante Sub-Dramen sowie Szenen ausgewalzt, in denen es einen der ‚guten‘ Charaktere zu erwischen droht. „Peninsula“ meidet diese schamlose Übertreibung lange, sodass man schon meint, von dieser Plage des Asia-Kinos verschont zu bleiben. Im Finale kommt es jedoch knüppeldick. Selbst die Zombies halten sich rücksichtsvoll im Hintergrund, bis sämtliche Treue- und Racheschwüre aufgesagt und endlose Tränenströme vergossen sind.

Für dieses peinliche Drama hat man den verrückten Opa aufgespart, der sich für seine Brut opfert und erst stirbt, nachdem er blutspuckend eine ebenso wirre wie endlose Abschiedsrede gehalten hat. Grausam getoppt wird dies durch die absurde Rettung der Löwen-Mutter Min-jung, die von Zombies umzingelt schon den Abzug ihres Gewehrs drückt, dessen Lauf sie sich in den Mund geschoben hat. Jegliche Glaubwürdigkeit löst sich endgültig in heiße Luft auf; sie wurde schon vorab auf die Probe gestellt, wenn sich die abtrünnigen Soldaten der Einheit 631 als grobschlächtige Idioten entpuppen, die lautstark gewalttätige Bosheit mimen und sich an einem Zombie-gegen-Pechvögel-Arenaspiel ergötzen, das faktisch vor allem Langeweile verbreitet.

Was treiben eigentlich die Zombies?

Eigentlich könnte Yeon Sang-ho auf die Untoten verzichten. Sie spielen kaum eine Rolle - ein typisches Problem dieses Horror-Genres, das sich kostengünstig auf die Überlebenden und ihre Probleme konzentriert, aber dabei stets in dieselben Stereotypen stolpert. Folglich gibt es auch hier eine Gruppe bewaffneter Strolche, die sich einerseits neo-feudal, andererseits plump-steinzeitlich zu Herrschern in einer gesetzfreien Zone aufschwingen. Yeon Sang-ho fällt nichts ein, das die schematische Abfolge inhaltsähnlicher Konflikte der Endlos-Serie „The Walking Dead“ hinter sich ließe.

„Peninsula“ wurde mit einem recht üppigen Budget realisiert. Das macht sich durchaus bemerkbar, betrachtet man beispielsweise die Aufnahmen der verheerten Stadt Busan. Auch wenn der Bildausschnitt breit ist, bleibt die Szenerie detailstark. Sobald die Handlung einsetzt, übernehmen jedoch CGI-‚Künstler‘ das Ruder, die entweder nur bedingt fähig, unterbezahlt oder arbeitsunlustig waren. Ihre Effekte lassen sich jederzeit als solche erkennen; zudem wiederholen sie sich, wenn beispielsweise Kim ihr Gefährt wieder und wieder seitwärts ‚sliden‘ lässt, um auf diese Weise Zombies aus dem Weg zu räumen.

Die finale Verfolgungsjagd durch Busan ist ein spannungsloser Witz, da erkennbar digitale Gefährte in ‚gefährliche‘ Situationen geraten. Hier sind die Zombies endgültig zur Grusel-Deko degeneriert, sie tragen zum Geschehen bei, indem sie den rasenden CGI-Fahrzeugen vor die Kühler laufen und zu Pixel-Matsch zerschnetzelt werden. Beinahe zwei Stunden dauert es, bis die wenigen Überlebenden - wider jegliche Logik gerettet - per Hubschrauber in den Sonnenaufgang reiten: Sie haben es geschafft, während uns Zuschauern niemand die verlorene Lebenszeit ersetzen wird.

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Fotos: © WVG/SPLENDID FILM

Train to Busan 2 - Peninsula

  • Originaltitel: Hanja/Train to Busan Presents: Peninsula (Südkorea 2020)
  • Regie: Yeon Sang-ho
  • Drehbuch: Park Joo-Suk/Yeon Sang-ho
  • Kamera: Lee Hyung-deok
  • Schnitt: Yang Jin-mo
  • Musik: Mowg [= Lee Sung-hyun]
  • Darsteller: Gang Dong-won (Jung-seok), Kim Do-yoon (Chul-min), Kim Min-jae (Sergeant Hwang), Koo Kyo-hwan (Captain Seo), Kim Kyu-baek (Private Kim), Lee Jung-hyun (Min-jung), Kwon Hae-hyo (Kim), Lee Re (Jooni), Lee Ye-won (Yu-jin), Yeon-hee Hwang (Taxifahrerin), Geoffrey Giuliano (Bandenboss), Bella Rahim (Major Jane) u. a.
  • Label/Vertrieb: Splendid Film
  • Erscheinungsdatum: 19.02.2021 (Limited Deluxe Edition u. limitiertes 2-BD Mediabook)/26.02.2021 (DVD, Blu-ray, 4K Ultra HD u. BD)
  • Bildformat: 16 : 9 (2,39 : 1, anamorph)
  • Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch) [DVD]/DTS-HD High Resolution Audio 5.1) [Blu-ray]
  • Untertitel: Deutsch, Niederländisch
  • Länge: 112 min. (DVD)/116 min. (Blu-ray)
  • FSK: 16

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