TV-Serie:
Undone

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich / Titel-Motiv: © 2019 Amazon Inc.

„Komm ich heut nicht, komm ich gestern“

Crash, Boom, Bang!

Manchmal reicht ein kleiner Augenblick, um das ganze Leben auf den Kopf zu stellen. Ein unachtsamer Moment, eine kurze Ablenkung, ein Blinzeln zu viel, oder mit dem Kopf in anderen Welten versunken… und ZACK! …nichts ist mehr, wie es war.

So ergeht es auch Alma Winograd-Diaz (Rosa Salazar), einer jungen, scheinbar lebenslustigen Frau, die als Erzieherin arbeitet. Von außen betrachtet, scheint in Almas Leben alles in Ordnung zu sein: sie hat eine gute Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Becca (Angelique Cabral), die kurz vor der Hochzeit steht, lebt in einer gemütlichen Wohnung, die sie sich mit ihrem liebenden Freund Sam (Siddarth Dhananjay) teilt und hat einen Job, der sie augenscheinlich erfüllt. Doch bei genauerem Blick, ist Alma alles andere als ausgeglichen. Sie erwartet mehr vom Leben, fühlt sich vom langweiligen Alltag eingeengt. Dabei treibt sie ihre überfürsorgliche Mutter bald in den Wahnsinn. Familiär durch Schizophrenie vorbelastet, fürchtet Camila (Constance Marie), dass Alma in die geistigen Fußstapfen ihrer Großmutter folgen könnte. Eine Sorge, die sie auch bei Almas Vater Jacob (Bob Odenkirk) hatte, der sich als theoretischer Physiker immer mehr in seine Forschungen verrannte und nach einem Arbeitstag im Labor tödlich mit dem Auto verunglückte. Als dieser tragische Zwischenfall sich ereignete, waren Alma und ihre Schwester noch sehr jung und die genauen Umstände des Unfalls wurden familiär nie wirklich tiefer thematisiert.

Als die beiden Schwestern in ihrem Stamm-Lokal über die Stränge schlagen und feucht-fröhlich Beccas Verlobung mit Reed (Kevin Bigley) begießen, nehmen sie in einem Anfall von Leichtsinn den Barkeeper Thomas (Nicholas Gonzalez) mit nach Hause. Beim anschließenden Flaschendrehen ist Alma nicht ganz untätig daran, dass Becca ihren Verlobten in dieser Nacht betrügen wird. Wieder bei klarem Kopf, gibt die reumütige Becca Alma die Schuld an dem nächtlichen Fehltritt. Sie wirft ihrer älteren Schwester vor, neidisch auf sie zu sein. Richtig nachvollziehbar ist Almas verstimmtes Verhalten auch nicht, da sie kurz zuvor erst Sam urplötzlich den Laufpass gab und generell ihr scheinbar erfülltes Leben in selbstzerstörerische Bahnen zu lenken scheint.

Vom Streit mit Becca aufgewühlt, rast Alma unter Missachtung von Verkehrszeichen durch die Straßen. Erst als sie ihren verstorbenen Vater am Straßenrand stehen sieht, reagiert sie… zu spät. Es kracht. Dann wird es dunkel.

Sprunghaft

Als Alma die Augen wieder aufschlägt, befindet sie sich im Krankenhaus. Zwei Wochen sind seit dem Unfall vergangen. An die Trennung von ihrem Freund kann sie sich nicht mehr erinnern. Größere Sorge sollte ihr allerdings die Tatsache machen, dass ihr Vater Jacob in ihrem Krankenzimmer steht.

Durch ihren Unfall hat sich Almas Zeitwahrnehmung verändert und sie poltert ungebremst durch Zeitschleifen und vergangene Erlebnisse. Völlig überfordert von den surrealen Kurztrips, die mangels Chronologie schwer zu verdauen sind und Alma zusätzlich noch immer das zweiwöchige Koma verdauen muss, erklärt Jacob ihr, dass sie lernen müsse, ihre Zeitsprünge zu kontrollieren. Er will ihr zeigen, wie sie bewusst ihre neugewonnenen Fähigkeiten einsetzen und somit die Zeit manipulieren kann. Nicht ganz einfach, denn die Sprünge treffen Alma unverhofft in ihrem Alltag, was zu Erinnerungslücken und absurden Zwischenfällen führt. Doch Alma gibt nicht auf, schließlich soll ihr unausgereiftes Talent ihr dabei helfen, den mysteriösen Unfalltod ihres Vaters aufzuklären… der scheinbar nicht zufällig von der Straße abkam.

Das Leben ist seltsam

Gamer werden sich mit Sicherheit freudig an das Adventure „Life is Strange“ erinnern, welches seinen Hauptcharakter Max Caulfield ebenfalls mit der Gabe segnete, den Lauf der Zeit zu manipulieren. Das preisgekrönte Spiel des französischen Entwicklerstudios Dontnod Entertainment scheint irgendwo in den Hinterköpfen der Macher von „Undone“ umhergeschwirrt zu sein, denn hier und da sind deutliche Parallelen zu erkennen. Dies soll den kreativen Köpfen der Prime Video-Produktion des Onlinehändlers Amazon, Katy Purdy und Raphael Bob-Waksberg, aber nicht als Nachteil oder gar Ideenklau ausgelegt werden. Die Fähigkeit des Zeitbeeinflussens mal außer Acht gelassen, unterscheiden sich die Handlungen nämlich doch so weit, dass keine weiteren Zusammenhänge erkennbar sind.

Optisch jedoch erinnert „Undone“ ebenfalls wieder an die bunten CGI-Bilder, die wir aus Zwischensequenzen von PC- und Konsolen-Games kennen. Obwohl mit realen Schauspielern gefilmt, wurde das Filmmaterial nachträglich durch den Rechner gejagt und von Zeichnern aufgebübscht, um einen ganz besonderen Look zu erzeugen. Im sogenannten Rotoskopie-Verfahren werden alle Einzelbilder zweidimensional nachgezeichnet, was im Endresultat einen extrem realistischen Zeichentrick-Stil zum Vorschein bringt. Jedes Detail in Gestik und Mimik bleibt dabei erhalten. Die wunderschönen Hintergründe wurden in Ölfarben handgemalt

Das Rotoskopie-Verfahren wurde bereits 1914 vom polnisch-jüdischen Trickfilmproduzenten Max Fleischer (1883 – 1972; „Popeye“, „Betty Boop“) entwickelt und drei Jahre später patentiert. Im Walt Disney-Klassiker „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), dem ersten abendfüllenden Spielfilm des Micky Maus-Studios, wurde diese Technik in einigen Szenen ebenfalls eingesetzt. 1978 nutze sie Regisseur Ralph Bakshi („Fritz the Cat“, „Feuer und Eis“) für seine „Der Herr der Ringe“-Adaption, die die Tolkien-Saga leider nur zur Hälfte behandelt und in diesem Stil unvollendet blieb. Rotoskopie kam danach nur noch selten zum Einsatz, wurde in den letzten Jahren aber wieder vermehrt verwendet, was daran liegen kann, das moderne Produktionen computergestützt und somit einfacher zu realisieren sind. 2006 überzog Richard Linklater die Schauspieler Keanu Reeves, Robert Downey Jr., Woody Harrelson und Winona Ryder für „A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm“ mit Rostoskop-Filtern. Ebenso erging es der gefeierten, deutsch-tschechischen Graphic Novel-Adaption „Alois Nebel“ aus dem Jahr 2011.

Tick-Tack-Tick-Tack…

Bei der achtteiligen Sci-Fi-Dramedy „Undone“ vergeht die Zeit leider wortwörtlich wie im Flug. Die einzelnen Episoden laufen im Schnitt 23 Minuten, was eine Gesamtspielzeit von rund drei Stunden ausmacht. Eine beachtliche Leistung der Macher, eine derart komplexe Story in einen derart begrenzten Zeitrahmen zu pressen. Dabei wirkt die Handlung keineswegs gehetzt und die Charaktere bekommen Raum zur Entwicklung. Dank der überzeugenden Rosa Salazar kommt auch der Humor nicht zu kurz, da sie mit ihrer zynischen Art gekonnt die richtigen Knöpfe drückt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Formaten, die eine visuelle Inszenierung in den Vordergrund stellen, dabei aber die Geschichte vernachlässigen und man sich als Zuschauer bereits nach wenigen Folgen gähnend und sattgesehen dem Ende entgegenwünscht, vereint „Undone“ erzählerische Kraft und einen augenschmeichelnd-künstlerischen Stil, an dem man sich nicht sattsehen kann.

Ob es zu einer weiteren Staffel kommt, ist bisher unklar. Amazon äußerte sich diesbezüglich noch nicht. Im Grunde auch völlig unnötig, denn die Serie bleibt auch zum Ende konsequent und liefert (aus persönlicher Sicht) ein perfektes Finale. Vorgekaute Friss-oder-Stirb-Enden, bei denen der Zuschauer die Entscheidung der Drehbuchautoren notgedrungen schlucken muss, überlassen die Macher erfreulicherweise der Konkurrenz.

Fazit:

Aufwendig und optisch einzigartig inszeniert, ist „Undone“ die erste Serie, die vollständig im Rotoskopie-Verfahren entstanden ist. Ein Fest für die Augen und eine gelungene Abwechslung im überfüllten Streaming-Dschungel. Da die komplex-spannende Handlung und die Darsteller-Riege um Rosa Salazar („Alita: Battle Angel“) und Bob Odenkirk („Better Call Saul“) ebenfalls überzeugen, wird „Undone“ zum Pflichtprogramm für Sci-Fi-Freunde und Serien-Fans, welche sich auf Grund der knackigen Laufzeit auch ohne großen Zeitaufwand und unnötige inhaltliche Längen konsumieren lässt.

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